Wissenschaftsdisziplinen
Philosophie, Ethik, Religion (100%)
Keywords
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Consciousness,
Self,
Materialism,
Personal identity,
Intentionality,
Meditation
In diesem Projekt soll ein am Begriff der Präsenz - statt an dem der Qualia - orientiertes Bewusstseinsverständnis ausgearbeitet werden. Die Debatte über den ontologischen Status des Bewusstseins wird heute meist als eine über die Frage geführt, ob unsere Erlebnisse mit ihren spezifischen phänomenalen Eigenschaften (den sogenannten "Qualia") identisch mit physischen, öffentlich beobachtbaren Ereignissen sein können oder vielmehr rein "innere" Phänomene sind, die jeder äußeren (drittpersonalen) Beobachtung unzugänglich sind und folglich rein mentale Wirklichkeit besitzen. Diese Herangehensweise geht allerdings m. E. am eigentlichen Problem vorbei: Bewusstsein ist nicht so sehr etwas, das aus irgendwelchen bloß subjektiv gegebenen Inhalten "besteht", im Gegensatz zu den öffentlich zugänglichen Phänomenen, mit denen es die Physik zu tun hat; vielmehr ist es eher als das Sich- Ereignen der Gegebenheit selbst zu denken - ob nun "subjektiver" oder "objektiver" Phänomene. Dementsprechend besteht das Problem des Bewusstseins nicht primär in der angeblichen Existenz von Gehalten, die ausschließlich privat gegeben sind, sondern darin, dass überhaupt irgendetwas gegeben ist. Bewusstsein ist nichts anderes als eben dieses Geschehen der Gegebenheit (Präsenz-von). Das Vorhaben dieses Projekts ist es, diesem Präsenzbegriff näher nachzugehen und in seiner Relevanz hinsichtlich einiger zentraler Problemgebiete der Philosophie des Geistes zu diskutieren. Dies soll in drei Abschnitten geschehen: Im ersten Abschnitt soll die Idee des Bewusstseins als Präsenz (Gegenwart) allgemein erörtert sowie seine Implikationen für die Materialismus/Dualismus-Debatte und für das Verständnis der Intentionalität diskutiert werden. Die Hauptthese in diesem Zusammenhang ist, dass die üblichen materialistischen Strategien (nämlich entweder die Existenz von Qualia i. S. irreduzibel subjektiver Erlebnisqualitäten zu leugnen oder aber ihre spezifische "erstpersonale" Gegebenheitsweise zu einer rein epistemologischen Angelegenheit ohne jede ontologische Relevanz zu erklären) am Kern der Sache vorbeigehen, da sie unter der Hand das Stattfinden von Gegebenheit - was nichts anderes als eben das Bewusstsein im hier vorgeschlagenen Sinn ist - voraussetzen. Aus dieser Sicht ist es auch inadäquat, wenn antimaterialistische Ansätze auf der Existenz des Bewusstsein i. S. von physikalistisch irreduziblen "epiphänomenalen Qualia" bestehen, welche die kognitiv-intentionalen Prozesse unseres Geistes begleiten, da vielmehr Bewusstsein (als Bewusstsein/Anwesen-von) als Intentionalität existiert und folglich nicht etwas ist, das intentionale Zustände bloß begleitet, so wie auch umgekehrt eigentliche, nicht- abgeleitete Intentionalität nur als Bewusstsein gedacht werden kann. Intentionalität in diesem ursprünglichen Sinne muss aber eher als "Da-heit" (Präsenz) denn als "Überheit" (Repräsentation) verstanden werden. Im zweiten Abschnitt soll gezeigt werden, dass diese Präsenz als Dimension gedacht werden muss, insoweit sie die Ko-Präsenz mannigfaltiger Inhalte ist, welche Zusammenheit nicht durch irgendwelche Relationen zwischen diesen Inhalten konstituiert ist (da sie vielmehr die Voraussetzung jeglicher solcher Relationen ist). Eine zentrale Frage in diesem Zusammenhang ist dann die nach dem Wesen des zeitlichen Verharrens dieser Präsenzdimension durch den ständigen Wechsel der Erlebnisinhalte hindurch. Diese Überlegungen sollen für ein Verständnis der diachronen Identität des "Selbst" fruchtbar gemacht werden. Der dritte Abschnitt wird die Bedeutung des hier entfalteten Bewusstseinskonzepts für die Interpretation bestimmter spiritueller Praktiken der "Selbstrealisation" als einer Weise, der Präsenzdimension als solcher innezuwerden, diskutieren. In diesem Zusammenhang will ich in einen Dialog mit dem Bewusstseinsverständnis östlicher, v. a. indischer, Denktraditionen treten.
Ziel des Projekts war die Ausarbeitung eines am Begriff der Präsenz orientierten Bewusstseinsverständnisses. Während es heute in der Philosophie des Geistes weitgehend üblich ist, das Bewusstsein als aus bloß subjektiv zugänglichen Inhalten (z. B. "Qualia") bestehend zu verstehen, ist die Leitidee des Projekts, dass es tatsächlich in nichts als der Präsenz von Inhalten besteht; es ist also keineswegs ein Bereich "innerer" (subjektiver) i. U. zu "äußeren" (objektiven) Phänomenen, sondern das Sich-Ereignen des Gegebenseins von Phänomenen, egal ob nun "innerer" oder "äußerer". Dieser Perspektivenwechsel hat Konsequenzen für eine Reihe zentraler Gebiete der Philosophie des Geistes: Erstens unterwandert er sehr beliebte materialistische Repliken auf antimaterialistische Argumentationen nämlich entweder dass es sich bei der Differenz zwischen Erlebnissen und physischen Hirnvorgängen bloß um eine der Gegebenheitsweisen ein und desselben handelt und damit um eine rein epistemische Angelegenheit ohne ontologische Konsequenzen; oder dass im Erleben überhaupt keine intrinsischen und wesenhaft subjektiven Qualitäten des Erlebens (eben "Qualia") selbst gegeben sind, sondern ausschließlich objektive Eigenschaften repräsentierter Gegenstände. Beide Antworten übersehen, dass das eigentliche Problem des Bewusstseins nicht so sehr in der Natur der Inhalte, die uns im Erleben präsent sind, liegt, sondern in der Natur ihres Überhaupt-präsent- Seins, welche sich als auf alle objektiv präsenten Inhalte sowie auf naturalistisch verstandene "Repräsentation" irreduzibel erweist. Zweitens denkt die Konzeption des Bewusstseins als Präsenz-von von vornherein Bewusstsein und Intentionalität (die "Vonheit" mentaler Zustände) zusammen, die in der heutigen Philosophie des Geistes im Gegensatz zur phänomenologischen Tradition weitgehend als getrennte Aspekte des Mentalen behandelt werden. In dieser Perspektive erweist sich, im Gegensatz zu den Behauptung naturalistischer Intentionalitätstheorien, die Intentionalität des Bewusstseins als ebenso unnaturalisierbar wie ihr "phänomenal-qualitativer" Charakter. Drittens ändert sich die Perspektive auf die Frage der Identität des "Selbst": Wird das Bewusstsein als aus phänomenalen Inhalten bestehend verstanden, muss (weist man die Existenz eines zusätzlich existierenden cartesianischen Ego zurück) die synchrone und diachrone Einheit des Bewusstseins offensichtlich in Relationen zwischen diesen Inhalten bestehen, was auf ein reduktionistisches Verständnis der personalen Identität hinausläuft. Dagegen wird argumentiert, dass keinerlei Relationen zwischen im Bewusstsein präsenten Inhalten je deren In- einem-Bewusstein-präsent-Sein erklären können, da Letzteres für alle Relationen, in die sie zueinander treten können, vorausgesetzt ist. Die Einheit des Bewusstseins ist folglich nicht durch Interrelationen zwischen seinen Inhalten konstituiert, sondern bildet vielmehr die Dimension die Dimension erlebnismäßiger Präsenz , in der diese Inhalte, zusammen mit all ihren Relationen, allererst ihr Erlebtsein und damit ihr Sein haben. Die synchrone und diachrone Einheit der Subjektivität erweist sich von daher als irreduzibel.
- Universität Wien - 100%
- Dan Zahavi, University of Copenhagen - Dänemark
Research Output
- 9 Zitationen
- 1 Publikationen
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2012
Titel Intentionality and Presence: On the Intrinsic Of-ness of Consciousness from a Transcendental-Phenomenological Perspective DOI 10.1007/s10743-012-9106-5 Typ Journal Article Autor Fasching W Journal Husserl Studies Seiten 121-141 Link Publikation