Das Österreichische Museum für Volkskunde in Wien, 1930-1950
The Austrian Museum of Folk Life and Folk Art, 1930-1950
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (15%); Geschichte, Archäologie (70%); Philosophie, Ethik, Religion (15%)
Keywords
-
Austrofascism,
Volkskunde,
National Socialism,
Institutional Research,
Second Austrian Republic,
Museum Studies
Die Geschichte des Österreichischen Museums für Volkskunde in Wien, das von seinen Sammlungsbeständen her größte volkskundliche Museum Österreichs, ist aus heutiger Perspektive für die Zeit des Austrofaschismus, des Nationalsozialismus und der ersten Jahre der Zweiten Republik kaum bearbeitet wie überhaupt eine konsequente, die politisch kritischen Jahre betreffende Untersuchung eines dem Bund zugeordneten (kultur-)historischen Museums mit eigener Sammlung bzw. Sammlungstätigkeit bis heute in Österreich nicht verfasst worden ist. Das geplante Forschungsvorhaben will diese Lücke schließen, zumal die im Museum vorhandenen Direktions- und Herkunftsakten erstmals in vollem Umfang für eine Untersuchung zur Verfügung stehen. Herbert Nikitsch hat für seine Arbeit über den Verein für Volkskunde (2006) als Trägerorganisation des Volkskundemuseums die Vereinsakten herangezogen, die restlichen Archivmaterialien sind bislang noch nicht systematisch bearbeitet worden. Für die Jahre 1930-1950 existieren 24 Archivboxen, im Detail handelt es sich bei den Materialien um Korrespondenzen den gesamten Bereich des Museums und des Vereins betreffend, um wissenschaftliche Anfragen, Aufzeichnungen über Finanzen, Personal, Besucherzahlen, Reisekosten, um Leihanfragen, Aktennotizen, Sitzungsprotokolle, Konzeptpapiere u.ä.. Ein wichtiger Teilbestand ist ein Karton mit der Aufschrift "Ostreisen", dieser enthält Dokumente zu den Tätigkeiten des Direktors Arthur Haberlandts im Auftrag des "Einsatzstabes Reichsleiter Rosenberg". Im Rahmen des Forschungsvorhabens sollen die für ein Museum zentralen Arbeits- und Tätigkeitsbereiche Sammlung (Sammlungskonzept, Sammlungsstrategie), Forschung und Ausstellungen (Schau-sammlung, temporäre Ausstellungen, externe Ausstellungsbeteiligungen, Popularisierungsmaßnahmen, wissenschaftliche und vermittelnde Aktivitäten), die Museumsorganisation (das Museum im Spiegel der politischen Öffentlichkeit, Humanressourcen, Finanzen, Infrastruktur) sowie nationale und internationale, wissenschaftliche wie politische Netzwerke und Verflechtungen im Detail untersucht werden. Ebenso wird auch den beteiligten Personen in historisch- biografischer Hinsicht entsprechende Aufmerksamkeit zu widmen sein. Ziel des Projektes ist, mittels Analyse dieser für ein Museum zentralen Aufgaben- und Tätigkeitsbereiche museale bzw. museologische Möglichkeiten und Strategien der Institution für die Jahre 1930 bis 1950 und vor dem Hintergrund sich ändernder politischer Systeme sichtbar zu machen. Das Forschungsprojekt fragt nach Vorstellungs- und Konstruktionsleistungen, nach Kontinuitäten und Wandlungen bzw. nach dem Vorhandensein von Traditionslinien in der Programmatik des Museums und der wissenschaftlichen Ausrichtung seiner Funktionäre sowie nach institutionellen Bedingungen, indem interne wie externe Determinanten untersucht werden. Das Vorhaben will Bewusstsein schärfen für Kontinuitäten bzw. Transformationen, für museale Strategien vor dem Hintergrund politischer Umbrüche nicht nur im Falle des Museums für Volkskunde in Wien sondern für das gesamte (kulturhistorisch-) museale Feld in Österreich.
Das Österreichische Museum für Volkskunde (ÖMV), gegründet 1895, ist seit 1917 im heutigen Standort, im barocken Palais Schönborn im 8. Wiener Gemeindebezirk unter-gebracht. Es ist Forschungsgegenstand und Forschungsstätte des FWF-Einzelprojekts, das die Geschichte des Museums aus ethnografisch-kulturanalytischer und museumswissen-schaftlicher Sicht von 19301950 erforscht. Das Projekt bietet damit erstmals eine umfassende Darstellung einer kulturhistorischen Museumsinstitution in Österreich für die von politischen Umwälzungen geprägten Jahre an und reiht sich überdies ein in die aktuellen Forschungen zu volkskundlichem Wissen, volkskundlicher Wissensproduktion und -popularisierung im 20. Jhdt. Um die Spezifika des sich entwickelnden volkskundlichen und volkskulturellen Feldes in der Stadt und national in der ersten Hälfte des 20. Jhdt. herauszuarbeiten und um die Dimensionen der Politisierung und Ideologisierung volkskundlichen Wissens und volkskundlicher Wissensproduktion auszuloten, begreift das Projekt das ÖMV als einen vielschichtigen Ort: Es ist zum einen öffentliche Zeige- und Bildungsinstitution mit einer spezifischen Rechtskonstellation (Verein für Volkskunde als Rechtsträger). Zentral für Museum und die wissenschaftlichen AkteurInnen, damit auch für seine inhaltliche und strategische Ausrichtung, sind die Objekte und Sammlungen. Aus der Perspektive der Dingbedeutungen bzw. mit dem Verständnis der Dinge als Indikatoren kulturellen Wandels werden maßgebliche Konstruktionen und Repräsentationen volkskundlichen Wissens und volkskundlicher Wissensformate analysiert, die ausschlaggebend sind für museale Strategien, Orientierungen und Handlungen. Ferner versteht das Projekt das ÖMV auch als Ort sozialer und ideologischer Praxis, vor dessen Hintergrund zeitgenössische Ausformungen, Performanzen und Prozesse der (nationalen) Volkskultur und der dieser nahestehenden Wiener Jugend- und Populärkulturen untersucht werden. Für diese multidimensionalen Funktionen des musealen Ortes ist die Beschäftigung mit unterschiedlichen AkteurInnen/Akteursgruppen (ExpertInnen wie volkskundliche Laiinnen/ Laien), die über Objekte und Handlungen Deutungen, Anleitungen und letztlich Normierungen im volkskundlichen und volkskulturellen Feld Wiens und Österreichs anboten bzw. produzierten, relevant. Von zentraler Bedeutung für das ÖMV und seine Geschichte gestalteten sich die Jahre 1930 bis 1938. In diesen entstand am Haus um die Leitbegriffe Heimat und Volkstum ein Kräftefeld aus Personen, Netzwerken, Strukturen, Objekten, wissenschaftlichen wie kulturellen Formaten, das später, in der NS-Zeit und in den ersten Nachkriegsjahren, in Variationen abgerufen und mobilisiert wurde. Museum(sakteure) wie Trägerverein gingen dank einer inhaltlich und ideologisch flexiblen, d.h. alle politische Systeme des Untersuchungszeitraumes stützenden Haltung und dies nicht nur aus Kalkül, sondern auch aus ideologischer Überzeugung unbeschädigt, ja gestärkt hervor.
- Verein für Volkskunde - 100%
Research Output
- 16 Publikationen
-
2012
Titel Museologie. Skizzen zu einer Wissenschaft und ihren Berufsfeldern. Typ Journal Article Autor Johler B Journal Österreich in Geschichte und Literatur (Europäische Ethnologie) -
2011
Titel Verdichtungen. Aspekte von Atmosphäre und Volkskunde in der österreichischen Zwischenkriegszeit. Typ Journal Article Autor Puchberger M Journal kuckuck. Notizen zur Alltagskultur -
2015
Titel Gefühl statt Geschichte. Die andere Seite der heimatlichen Krippe. Typ Book Chapter Autor Hanno Loewy -
2013
Titel "Erlebnis-Sphäre" Volkskunde. Das Museum für Volkskunde in Wien als Ort ideologischer Praxis. Typ Book Chapter Autor Puchberger M -
2013
Titel 'Reines' Vergnügen. Populäre Unterhaltung in der Wiener Heimat- und Volkskultur der 1930er Jahre. Typ Book Chapter Autor Christoph Bareither -
2013
Titel "erlebnismäßigen Zusammenhang mit dem Volke." Volkskunde in der Laudongasse zwischen Elite und Volksbewegung. Typ Book Chapter Autor Brigitta Schmidt-Lauber -
2013
Titel Behagen in der Kultur. Museologische Praktiken des Museums für Volkskunde im Wien der 1930er Jahre. Typ Book Chapter Autor Johler B -
2013
Titel Wechselwirkungen. Die vielfältigen Beziehungen des Österreichischen Museums für Volkskunde zu Niederösterreich in der Zwischenkriegszeit. Typ Journal Article Autor Johler B Journal schaufenster Kultur.Region: Nachrichten aus der Kultur.Region Niederösterreich, Juni 2013 -
2015
Titel " das schöne Museum endlich der Zukunft zu erschließen". Kontexte und Positionierungen im österreichischen volkskundlichen Feld nach 1945. Typ Book Chapter Autor Johannes Moser (Hg.): Zur Situation Der Volkskunde 1945-1970. Orientierungen Einer Wissenschaft Zur Zeit Des Kalten Krieges. -
2012
Titel Urbane Heimatkultur als ideologische und soziale Schnittstelle in der Ersten österreichischen Republik. Typ Journal Article Autor Puchberger M -
2012
Titel Die Universität im Museum. Eine Ausstellung jüdischer Dinge im Österreichischen Museum für Volkskunde. Typ Journal Article Autor Johler B Journal neues museum -
2012
Titel Sommerfrische und Bergfreiheit im Zeichen deutscher nationaler Identität. Typ Book Chapter Autor Christian Maryska -
2011
Titel Gesammelt, verräumt, vergessen. Jüdische Dinge im Österreichischen Museum für Volkskunde. Typ Book Chapter Autor Dies. (Hg.): Von Dreideln -
2011
Titel Die Bibliothek des Österreichischen Museums für Volkskunde. Ein Vorbericht. Typ Book Chapter Autor Bauer -
2008
Titel Das Österreichische Museum für Volkskunde in Zeiten politischer Umbrüche. Erste Einblicke in eine neue Wiener Museumsgeschichte. Typ Journal Article Autor Johler B -
0
Titel Von Dreideln, Mazzes und Beschneidungsmessern. Jüdische Dinge im Museum (= Objektei m Fokus, 1). Typ Other Autor Johler B