Sauerstoffmangel in der Adria
Low dissolved oxygen events in the Adriatic
Wissenschaftsdisziplinen
Biologie (85%); Geowissenschaften (15%)
Keywords
-
Marine,
Biodiversity,
Benthos,
Anoxia,
Behaviour,
Indicator
Keine andere Umweltvariable hat sich während der letzten Dekaden dramatischer verändert als gelöster Sauerstoff im Meerwasser. Aktuell wurden weltweit mehr als 415 Küstenlebensräume (Gesamtfläche > 245 000 km) als sauerstoffarm (hypoxisch) und eutroph eingestuft. Auch in der Nordadria treten seit Mitte der 70iger Jahre wiederholt Sauerstoffkrisen mit ernsthaften Konsequenzen für das Ökosystem auf. Und dennoch, obwohl solche Vorkommnisse hier als auch anderenorts zunehmen, bleiben deren Beginn und Ausmaß weiterhin nicht vorhersehbar, folglich schwer untersuchbar. Zudem erschwert auch das rasche Sterben der Meeresbodenbewohner eine umfassende Dokumentation. Im Rahmen des derzeitig auslaufenden FWF-Projektes (AP17655-B03) wurde eine Unterwasserkammer (EAGU; Experimental Anoxia Generating Unit), ausgestattet mit Zeitrafferkamera, Blitzen sowie Messsensoren entwickelt, welche autonom und kleinstflächig Sauerstoffkrisen erzeugt und benthische Reaktionen quantifiziert. Dieses Projekt baut auf diesem Unterwassergerät auf, wobei bisher die Makroepifauna im Fokus stand. Nun werden Schlüsselrepräsentanten der Makroinfauna und Meiofauna sowie die Sedimentgeochemie miteinbezogen. Des Weiteren wird das EAGU Konzept noch einen Schritt weitergeführt und postanoxische Entwicklungen der Makro- sowie Meiofauna untersucht. Diese einzigartige Versuchsreihe wird detaillierte Reaktionen auf allen relevanten Ebenen - Individuen, Arten, funktionellen Gruppen, Lebensgemeinschaft - im Lebensraum dokumentieren. Die Studie ist eine Kooperation zwischen dem Dept. für Meeresbiologie und dem Dept. für Paläontologie, beide Universität Wien. Zudem konnt ein hochkarätiges Team von internationalen Kooperationspartnern (Marine Biology Station Piran, Slowenien; University of Gent, Belgien; University of Angers, Frankreich; University of Plymouth, UK) gewonnen werden, das uns beim Aufarbeiten und Interpretieren der Proben und Photos/Filme unterstützen wird. Dieses Projekt liefert einen signifikanten Beitrag zum Verständnis der Anoxien als zunehmend wachsende Bedrohung seichter Küstenökosysteme. Es setzt einen ökologischen Rahmen für Hypoxie-Toleranzexperimente und liefert einen Beitrag zur anhaltenden Debatte um gültige Grenzwerte und Indikatororganismen. Außerdem trägt es zur aktuellen Diskussion im Themenkomplex Klimawandel, Eutrophierung und Biodiversitätsverlust bei. Die multidisziplinären Resultate sind für Meeres- und Umweltwissenschaftler sowie politische Entscheidungsträger in den von sogenannten "Todeszonen" betroffenen Gebieten von Interesse. Küstenmanager könnten fundiertere Entscheidungen bezüglich Status des betroffenen Gebietes treffen, Strategien formulieren um Sauerstoffkatastrophen zu verhindern oder Wiederbesiedelungen zu fördern, sowie Kriterien für Standort und Grenzen von Schutzgebieten festlegen. Letztlich können auch Marikulturen in Slowenien, Kroatien und Italien direkt profitieren, da sie lokalen Auswirkungen von Sauerstoffkrisen auf das Ökosystem und seine Organismen als auch auf ihren Lebensunterhalt besser beurteilen können.
Die Weltmeere sind vielfachen Bedrohungen ausgesetzt. Nur eine Form von Verschmutzung die Eutrophierung oder Überdüngung ist jedoch in der Lage ganze Meeresökosysteme zu zerstören. Das eindeutigste Symptom der Eutrophierung ist Sauerstoffmangel. Dieser Mangel kann am Meeresboden großflächig zum Absterben der Organismen führen. Heute sind weltweit ca. 500 solcher sogenannter Todeszonen beschrieben, darunter die Nordadria. Unser Projekt setzte ein speziell dafür an der Universität Wien entwickeltes Instrument ein, um die Auswirkung solcher Sauerstoffkrisen in der Nordadria zu untersuchen. Der experimentelle Ansatz war wegen der schlechten Voraussagbarkeit solcher Ereignisse notwendig: die Ökosystemzusammenbrüche wurden daher selten und dann oft nur bruchstückhaft dokumentiert. Unser Projekt hat erfolgreich Sauerstoffkrisen auf kleinen Flächen am Meeresboden (50 x 50 cm) in 24 m Tiefe erzeugt. Dokumentiert wurden die Auswirkungen auf die Sedimentchemie, auf zwei Gruppen von mikroskopischen Organismen (Ruderfußkrebse und Foraminiferen) und auf einer Vielzahl größerer Organismen, die die Lebensgemeinschaften hier prägen (z.B. Schwämme, Krebse, Schlangensterne, Seescheiden). Weiters verfolgten wir die Wiederbesiedlungsprozesse über einen Zeitraum von Tagen bis Jahren. Wir wendeten eine breite Palette an Arbeitsmethoden an, darunter Sedimentproben und Sedimentchemie-Analysen bis hin zu Zeitrafferaufnahmen. Die Resultate zeigen, dass die Änderungen im Sediment auch von den absterbenden Organismen an der Sedimentoberfläche bestimmt wurden, dass die Ruderfußkrebse sehr empfindlich gegenüber Sauerstoffmangel waren (wobei eine Untergruppe bis zu zwei Wochen überleben konnte), und dass die Foraminiferen wesentlich toleranter waren (manche haben bis zu zehn Monate Sauerstofflosigkeit und den parallel dazu auftretenden toxischen Schwefelwasserstoff überlebt). Wir konnten die zahlreichen Verhaltensänderungen sowie die Reihenfolge des Absterbens der Fauna dokumentieren. Auch die Reihenfolge der angelockten Räuber und Aasfresser Fische, Einsiedlerkrebse und Schnecken konnte erstmals dokumentiert werden. Unser Ansatz zeichnet sich dadurch aus, dass die Experimente im Freiland und innerhalb der Lebensgemeinschaft durchgeführt wurden. Wir konnten keine Wiederbesiedlung der Bodenfauna in unseren Versuchsquadraten feststellen, auch nicht nach zwei Jahren. Dies verdeutlicht, dass die Lebensgemeinschaften am Meeresboden durch Sauerstoffmangel sehr schnell (innerhalb von Tagen) zusammenbrechen, die Wiederbesiedlung jedoch ein Langzeitprozess ist (von Jahren bis Dekaden). Die Resultate untermauern, dass solche seichten Küstengebiete als empfindlich einzustufen sind: größere Anstrengungen müssen unternommen werden um sicherzustellen, dass weitere Störungen darunter schädliche Fischereimethoden nicht die Schäden erhöhen und die Erholungsphasen verlängern.Die Resultate des Projektes wurden in einigen hochrangigen wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht. Ein Sonderband der Zeitschrift Biogeosciences wurde dem Projekt gewidmet (mit Beiträgen von ProjektteilnehmerInnen aus sechs Ländern). Die Ergebnisse dieses internationalen multi-disziplinären Unterfangens flossen auch in zwei Buchkapiteln ein. Weitere Informationen finden sich auf unserer Webseite: www.marine-hypoxia.com.
- Universität Wien - 100%
- Marleen De Troch, Ghent University - Belgien
- Emmanuelle Geslin, Université d`Angers - Frankreich
- Frans Jorissen, Université d`Angers - Frankreich
- Jadran Faganeli, National Institute of Biology - Slowenien
- Mateja Grego, National Institute of Biology - Slowenien
- Richard J. Twitchett, Natural History Museum - Vereinigtes Königreich
Research Output
- 361 Zitationen
- 13 Publikationen
-
2012
Titel Tolerance of benthic macrofauna to hypoxia and anoxia in shallow coastal seas: a realistic scenario DOI 10.3354/meps09724 Typ Journal Article Autor Riedel B Journal Marine Ecology Progress Series Seiten 39-52 Link Publikation -
2012
Titel Hermit crabs and their symbionts: Reactions to artificially induced anoxia on a sublittoral sediment bottom DOI 10.1016/j.jembe.2011.10.027 Typ Journal Article Autor Pretterebner K Journal Journal of Experimental Marine Biology and Ecology Seiten 23-33 Link Publikation -
2010
Titel Behaviour and mortality of benthic crustaceans in response to experimentally induced hypoxia and anoxia in situ DOI 10.3354/meps08657 Typ Journal Article Autor Haselmair A Journal Marine Ecology Progress Series Seiten 195-208 Link Publikation -
2011
Titel The Return of Shallow Shelf Seas as Extreme Environments: Anoxia and Macrofauna Reactions in the Northern Adriatic Sea DOI 10.1007/978-94-007-1896-8_19 Typ Book Chapter Autor Stachowitsch M Verlag Springer Nature Seiten 353-368 -
2013
Titel CellTracker Green labelling vs. rose bengal staining: CTG wins by points in distinguishing living from dead anoxia-impacted copepods and nematodes DOI 10.5194/bg-10-4565-2013 Typ Journal Article Autor Grego M Journal Biogeosciences Seiten 4565-4575 Link Publikation -
2013
Titel Structural and functional responses of harpacticoid copepods to anoxia in the Northern Adriatic: an experimental approach DOI 10.5194/bg-10-4259-2013 Typ Journal Article Autor De Troch M Journal Biogeosciences Seiten 4259-4272 Link Publikation -
2013
Titel Effect of hypoxia and anoxia on invertebrate behaviour: ecological perspectives from species to community level DOI 10.5194/bgd-10-14333-2013 Typ Preprint Autor Riedel B Seiten 14333-14438 Link Publikation -
2013
Titel Foraminiferal survival after long-term in situ experimentally induced anoxia DOI 10.5194/bg-10-7463-2013 Typ Journal Article Autor Langlet D Journal Biogeosciences Seiten 7463-7480 Link Publikation -
2013
Titel Foraminiferal species responses to in situ experimentally induced anoxia in the Adriatic Sea DOI 10.5194/bgd-10-12065-2013 Typ Preprint Autor Langlet D Seiten 12065-12114 Link Publikation -
2013
Titel Short-term post-mortality scavenging and longer term recovery after anoxia in the northern Adriatic Sea DOI 10.5194/bg-10-7647-2013 Typ Journal Article Autor Blasnig M Journal Biogeosciences Seiten 7647-7659 Link Publikation -
2013
Titel Artificially induced migration of redox layers in a coastal sediment from the Northern Adriatic DOI 10.5194/bgd-10-12029-2013 Typ Preprint Autor Metzger E Seiten 12029-12063 Link Publikation -
2015
Titel The impact of induced redox transitions on nutrient diagenesis in coastal marine sediments (Gulf of Trieste, northern Adriatic Sea) DOI 10.1007/s11368-015-1215-2 Typ Journal Article Autor Koron N Journal Journal of Soils and Sediments Seiten 2443-2452 -
2015
Titel Patterns in nematode community during and after experimentally induced anoxia in the northern Adriatic Sea DOI 10.1016/j.marenvres.2015.08.004 Typ Journal Article Autor Taheri M Journal Marine Environmental Research Seiten 110-123