Evolution zytologisch polymorpher Populationen von Apomikten
Apomixis & the evolution of cytological complex populations
Wissenschaftsdisziplinen
Biologie (100%)
Keywords
-
Apomixis,
Vegetation Ecology,
Population Genetics,
Potentilla,
Vegetation Ecology,
Karyology
Apomiktische Pflanzenarten zeigen häufig einen ausgeprägten und ubiquitären zytologischen, d.h. karyologischen Polymorphismus, der sich regelmäßig auch auf Populationsniveau beobachten lässt. Obwohl heute eine Reihe von Studien über das Auftreten von Populationen gemischter Zytologie, d.h. vornehmlich dem gemeinsamen Vorkommen von Individuen unterschiedlicher Ploidie, vorliegen, waren diese Untersuchungen hauptsächlich deskriptiver Natur und zielten primär nicht auf die Aufklärung jener evolutionären Prozesse und Kräfte, die der Entstehung und dem Erhalt zytologischer Polymorphismen zugrunde liegen oder die evolutionäre Bedeutung der zytologischen Differenzierung der Populationen ab. Das eingereichte Projekt beleuchtet diese in diesem Zusammenhang noch unzureichend verstandenen evolutionären Prozesse und Wirkungen, welche am Beispiel einer taxonomisch klar charakterisierten, zytologisch jedoch hoch differenzierten apomiktischen Art, Potentilla pusilla Host (Rosaceae), untersucht werden sollen. Konkret sollen dazu, die (i) (AFLP-)phenotypische sowie die zytologische Strukturierung der Populationen von P. pusilla erhoben werden, (ii) die Ursachen für das gemeinsame Auftreten unterschiedlicher Zytotypen in den einzelnen Populationen, nämlich laufende Neuentstehung, Vermischung durch Einwanderung, ökologische Einnischung sowie Selbstinkompatibilität der Zytotypen aufgeklärt werden, und (iii) experimentell auf die theoretisch erwartete Selektion neugebildeter Zytotypen getestet werden. Analytisch wird zwischen Effekten, die auf Unterschiede in der zytologischen Konstitution der Individuen zurückzuführen sind, und jenen Effekten die auf genotypischer Variation beruhen, differenziert werden. Da die in einer Population tatsächlich realisierten unterschiedlichen Modi der Fortpflanzung, die für die Beantwortung dieser Fragen von zentraler Bedeutung sind, nicht nur von der genetischen und zytologischen Konstitution der Individuen abhängig sind, sondern auch eine Funktion der am Standort herrschenden Umweltbedingungen sowie abiotischer Faktoren, insbesondere vom beteiligten Pollen, sind, sollen die Untersuchung in situ anhand einer für die ökologische sowie genotypische und zytologische Variation der gewählten Art repräsentativen Stichprobe durchgeführt werden. Dazu werden molekulare, karyologische, soziologische und experimentell ökologische Analysen miteinander kombiniert werden, und die Daten an etablierten Populationen unter natürlichen, d.h. nicht künstlichen Bedingungen erhoben. Das Projekt ist interdisziplinär ausgerichtet und wird die Kompetenzen von Wissenschaftlern aus der organismischen Evolutionsforschung, der Vegetationskunde und Biostatistik, der Populationsbiologie sowie der molekularen und zytologischen Apomixisforschung vereinigen.
Das Projekt untersuchte die Bedeutung evolutionärer Faktoren, die der geographischen und ökologischen Verbreitung von Individuen mit unterschiedlicher Anzahl von Chromosomensätzen zu Grunde liegen. In unserem System, sind die Individuen polyploid, d.h. sie besitzen mehr als zwei Chromosomensätze je Zellkern. Als Hauptergebnis zeigte sich, dass reproduktive Interaktionen zwischen den Individuen auf die geographische Verteilung der Zytotypen den größten Einfluss haben.Variation in der Ploidie von Individuen innerhalb einer Art, ist insbesondere in Samenpflanzen ein häufiges Phänomen. Das Auftreten von mehr als einem Ploidieniveau (eine konkrete Anzahl von Chromosomensätzen) innerhalb einer Art erscheint jedoch paradox, da ein Unterschied in der Ploidie als starke Kreuzungsbarriere wirkt, welche die Artbildung fördert, und weil ein Phänomen, das man genetische Drift nennt, über einen längeren Zeitraum betrachtet zum Verlust unterschiedlicher Ploidieniveaus führt. Es sind daher Prozesse notwendig, welche die Ploidie-Variation in Populationen erhalten oder erneuern. Eine Änderung der Ploidie der Nachkommen gegenüber den Eltern ist ein solcher Mechanismus. Er wirkt der genetischen Drift entgegen, so ferne diese Änderung mit ausreichend hohen Raten auftreten. Zusätzlich gibt es drei grundsätzliche Prozesse, die Ploidie-Variation stabilisieren können: erstens, eine Differenzierung der Zytotypen (d.h. Individuen einer bestimmten Ploidie) in ihren ökologischen Standortsansprüchen, zweitens, gegenseitige reproduktive Abhängigkeiten der Zytotypen untereinander, und, drittens, Austausch von Samen (d.h. Migration) zwischen Populationen (die Gemeinschaft von Individuen an einem bestimmten Ort). Im Falle, ökologischer Differenzierung, kann Ploidie-Variation aufgrund von Fitness-Vorteilen der Zytotypen an ihren bevorzugten Standorten über Selektion erhalten werden. Unter gegenseitiger reproduktiver Abhängigkeit versteht man die Abhängigkeit eines Zytotypen vom Pollen (der Befruchtung) durch einen anderen Zytotypen mit einer ihm gegenüber geringeren Fitness. Obwohl fitter, kann der mit sich selbst nicht kompatible Zytotyp seinen Pollenspender aus der Population aufgrund der Abhängigkeit nicht verdrängen und es stellt sich ein Gleichgewicht in den Häufigkeiten der beiden Zytotypen ein. Migration, schließlich, ist ein weiterer Gegenspieler der genetischen Drift. Wir testenden diese vier einander nicht ausschließenden Hypothesen für Potentilla puberula (Rosengewächse), die eine Differenzierung in fünf Ploidieniveaus (vier, fünf, sechs, sieben und acht Chromosomensätze) aufweist. Die Studie wurde anhand von zirka 2000 Individuen aus 50 Populationen im österreichischen Osttirol durchgeführt. Zwei der Hypothesen, laufende Neuentstehung der Zytotypen und ökologische Differenzierung, wurden durch unsere Ergebnisse gestützt. Die Hypothese Gegenseitige reproduktive Abhängigkeiten wurde hingegen verworfen. Migration verblieb als eine weitere Möglichkeit, ihre Bedeutung konnte zum Zeitpunkt dieses Projektberichts noch nicht abschließend beurteilt werden.
- Universität Wien - 100%
- Tim Sharbel, Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung - Deutschland
Research Output
- 100 Zitationen
- 11 Publikationen
-
2012
Titel Reproductive modes in Potentilla sensu lato (Potentilleae, Rosaceae) - prospects and limits of flow cytometric seed screen. Typ Journal Article Autor Dobes C Journal 15. Treffen der Österreichischen Botanikerinen und Botaniker, Innsbruck, 27.9.2012 - 29.9.2012. Berichte des naturwissenschaftlich-medizinischen Vereins in Innsbruck Supplementum -
2015
Titel Arctic-alpine and serpentine differentiation in polyploid Potentilla crantzii. Typ Journal Article Autor Dobeš C Et Al -
2015
Titel Parallel origins of apomixis in two diverged evolutionary lineages in tribe Potentilleae (Rosaceae) DOI 10.1111/boj.12239 Typ Journal Article Autor Dobeš C Journal Botanical Journal of the Linnean Society Seiten 214-229 -
2012
Titel Isolation and characterization of microsatellite loci for the Potentilla core group (Rosaceae) using 454 sequencing DOI 10.1111/j.1755-0998.2012.03134.x Typ Journal Article Autor Dobeš C Journal Molecular Ecology Resources Seiten 726-739 -
2010
Titel IAPT/IOPB chromosome data 13. Typ Journal Article Autor Dobes C Journal Taxon -
2013
Titel Reproductive modes in Potentilla sensu lato (Potentilleae, Rosaceae) - prospects and limits of flow cytometric seed screen. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Lückl A Et Al Konferenz Anonymus. 21st International Symposium "Biodiversity and Evolutionary Biology" of the German Botanical Society (DBG). September 16th-19th 2012, Mainz, Germany -
2013
Titel Reproductive differentiation into sexual and apomictic polyploid races in Potentilla puberula (Potentilleae, Rosaceae). Typ Conference Proceeding Abstract Autor Prohaska D Et Al Konferenz BioSyst.EU 2013. Global systematics! 2nd BioSyst.EU joint meeting. 14th Annual Meeting of the Society for Biological Systematics (Gesellschaft für Biologische Systematik, GfBS). 18.-22. February 2013, Vienna, Austria -
2013
Titel Prospects and limits of the flow cytometric seed screen – insights from Potentilla sensu lato (Potentilleae, Rosaceae) DOI 10.1111/nph.12149 Typ Journal Article Autor Dobeš C Journal New Phytologist Seiten 605-616 Link Publikation -
2013
Titel Partitioning the factors explaining the eco-geography in the amphi-apomictic species Potentilla puberula (Rosaceae). Typ Conference Proceeding Abstract Autor Dobes C Et Al Konferenz Global systematics! 2nd BioSyst.EU joint meeting. 14th Annual Meeting of the Society for Biological Systematics (Gesellschaft für Biologische Systematik, GfBS). 18.-22. February 2013, Vienna, Austria -
2013
Titel The eco-geography of polyploidy in the amphi-apomictic species Potentilla pusilla (Rosaceae) in the Central Alps. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Moser D Et Al Konferenz 15. Treffen der Österreichischen Botanikerinen und Botaniker, Innsbruck, 27.9.2012 - 29.9.2012. Berichte des naturwissenschaftlich-medizinischen Vereins in Innsbruck Supplementum -
2013
Titel Reproductive differentiation into sexual and apomictic polyploid cytotypes in Potentilla puberula (Potentilleae, Rosaceae) DOI 10.1093/aob/mct167 Typ Journal Article Autor Dobeš C Journal Annals of Botany Seiten 1159-1168 Link Publikation