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Die Philosophische Fakultät der Universität Wien um 1900

The Viennese Philosophical Faculty around 1900

Mitchell G. Ash (ORCID: )
  • Grant-DOI 10.55776/P21865
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.11.2009
  • Projektende 30.09.2013
  • Bewilligungssumme 177.796 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Geschichte, Archäologie (40%); Philosophie, Ethik, Religion (60%)

Keywords

    Philosophical Faculty, Vienna 1900, Differentiation Of Sciences And Humanities, Interdisciplinary Cooperation, Field Of Knowledge

Abstract Endbericht

Die Differenzierung der Wissenschaften um 1900 ist bereits Gegenstand mehrerer Forschungsarbeiten geworden. Arbeiten, die sich auf die Innendifferenzierung von Natur- und Geisteswissenschaften konzentrieren, befassen sich aber meist mit der Geschichte einer einzelnen Disziplin und beziehen allenfalls nah benachbarte wissenschaftliche Felder mit ein. Forschungen zur Sozialgeschichte der wissenschaftlichen Differenzierung legen hingegen wenig Augenmerk auf wissenschaftliche Inhalte. Mit dem Ziel, beide Ansätze zu kombinieren und interdisziplinäre Aspekte einzubeziehen, konzentriert sich dieses Projekt auf die Aushandlungsprozesse, welche die Differenzierung von Geistes- und Naturwissenschaften mit gestalten. Fokus des Projekts ist die Philosophische Fakultät der Universität Wien, in der seinerzeit Natur- und Geisteswissenschaften vertreten waren. Die Philosophischen Fakultäten sind von der neueren Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte bislang selten thematisiert wor-den, obwohl ihre Schlüsselrolle in der Entstehung der modernen Forschungsuniversität im deutschsprachigen Raum vielfach anerkannt wird. Die Professoren der Philosophischen Fakultät in Wien verhandelten Lehrstuhlbesetzungen und die akademische Etablierung neuer Disziplinen. Ihre von Kooperation wie Konkurrenz geprägten Verhandlungen unterlagen den Einflüssen ihrer meist multidisziplinären Bildungshintergründe, ihrer verschiedenen wissenschaftlichen Ansätzen, sowie ihrer unterschiedlichen politischen Einstellungen, Konfessionszugehörigkeiten und sozialer Herkunft. Nicht alle Fakultätsmitglieder hatten ihre Wurzeln im Bildungsbürgertum, also jener Klasse, deren Kern die Universitätsprofessoren bildeten, und die Professoren stammten aus verschiedenen Ländern der Donaumonarchie sowie aus Deutschland. Durch ihre Verhandlungen, die über Ausschluss oder Zulassung von wissenschaftlichen Theorien, Ansätzen, Methoden oder Schulen entschieden, formten sie einen lokalen wissenschaftlichen Stil, charakteristisch für die Wiener Philosophische Fakultät als ein "Raum des Wissens" oder wissenschaftliches Feld. Dieser "Raum des Wissens" war ihrerseits in den spezifischen politischen, kulturellen und sozialen Kontext der späten Habsburgermonarchie eingebettet. Zunächst mussten alle Vorschläge der Fakultät im Unterrichtsministerium und durch den Kaiser bestätigt werden. In diesem Zusammenhang sind die jeweiligen wissenschaftlichen Anschauungen und Auffassungen von der Funktion der Universitäten für den Staat und deren Einfluß auf die Fakultät von Bedeutung. Weiters ist die Philosophische Fakultät durchaus ein Teil der Geschichte von "Wien 1900" und ihren Zusammenhängen mit der Entwicklung von Liberalismus, wissenschaftlichem Rationalismus, Moderne und Irrationalismus im Wiener Bürgertum. Bisher haben sich diese Forschungen auf Kunst, Literatur, Philosophie und einige wenige Vertreter der Naturwissenschaften konzentriert. Eine Analyse des Verhältnisses zwischen der von der Philosophischen Fakultät repräsentierten Wissenschaften und bereits bekannteren kulturellen und wissenschaftlichen Aspekten von "Wien 1900" wird den Blick auf beide Gebiete schärfen.

Im Rahmen des Projekts wurde untersucht, wie die Verhandlungen an der Philosophischen Fakultät über die Ernennung von Professoren und die Errichtung von Lehrstühlen sowie die darauf basierenden Entscheidungen des Unterrichtsministeriums die Entwicklung wissenschaftlicher Disziplinen beeinflussten. Als bestimmender Faktor für die Entwicklung der Wiener Philosophischen Fakultät um 1900 stellte sich jedoch die stark limitierte Zuteilung finanzieller Mittel durch die Regierung heraus. Sie beschränkte den Kreis potentieller Kandidaten für Professuren weitgehend auf in Österreich lehrende Dozenten und erschwerte die Etablierung neuer wissenschaftlicher Zweige bzw. Disziplinen besonders in den Naturwissenschaften wegen ihrer kostspieligeren Forschungseinrichtungen.Den Professoren blieb somit kaum Spielraum für eine zielgerichtete Planung der wissenschaftlichen Entwicklung der Fakultät. Die Entwicklung der Disziplinen wurde wesentlich durch die jeweils erreichbaren Kandidaten für Professuren und deren Schwerpunkte bestimmt. Dabei zogen die Professoren in ihrem Bemühen, zumindest bestehende Lehrstühle abzusichern, die Grenzen zwischen Fächern oder Disziplinen zum Teil schärfer als es der wissenschaftlichen Praxis entsprach. Trotz des engen finanziellen Rahmens kam es kaum zu Konflikten an der Fakultät. Im Sinne eines möglichst geschlossenen Auftretens gegenüber dem Unterrichtsministerium setzten die Professoren darauf, die Anträge ihrer Kollegen zu unterstützen, um im Gegenzug deren Unterstützung für die eigenen Pläne zu erhalten. Diese Art von Kooperation ließ den einzelnen Ordinarien großen Einfluss auf ihre eigene Disziplin. Die schärfsten Konkurrenzen zeigen sich zwischen eng benachbarten, bereits gut etablierten Disziplinen wie zwischen Mineralogie und Geologie. Aufgrund der weitgehenden Einigkeit über methodische Standards blieben wissenschaftlich motivierte Lagerbildungen zwischen der philologisch-historischen und der naturwissenschaftlichen Fächergruppe aus.Das Unterrichtsministerium griff kaum gestaltend in die Philosophische Fakultät ein. Freilich verfügte es über keine Mittel zur Förderung wissenschaftlicher Innovation. Es erfüllte weitgehend die Vorschläge der Fakultät, so lange keine hohen zusätzlichen Ausgaben notwendig wurden. Die Neigung, stets die finanzschonendste Lösung zu wählen, schadete speziell dem akademischen Nachwuchs und bremste die Entwicklung neuer wissenschaftlicher Zweige und Disziplinen. Große finanzielle Opfer brachte das Ministerium allein zur Abwehr von Auslandsberufungen. Bei der Förderung einzelner Disziplinen stand die Ausbildung von Gymnasiallehrern im Vordergrund des Interesses. Daneben profitierten jene Disziplinen, die sich durch ihren Forschungsgegenstand zur Heranbildung loyaler Staatsbürger eigneten. Wenn das Ministerium jedoch in die wissenschaftlichen Inhalte einzugreifen versuchte in Geschichte und Philosophie kam es zu Konflikten mit der Fakultät.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Wien - 100%

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