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Ethnizität in Sikkim

Ethnicity in Sikkim

Guntram Hazod (ORCID: 0000-0003-1265-3925)
  • Grant-DOI 10.55776/P21886
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.02.2010
  • Projektende 30.06.2015
  • Bewilligungssumme 192.496 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Soziologie (80%); Sprach- und Literaturwissenschaften (20%)

Keywords

    Himalayas, Ethnicity, Social Anthropology, Sikkim, History

Abstract Endbericht

Der indische Staat Sikkim weist eine breite ethnische Vielfalt auf: in Kasten organisierte indo-nepalesische Gruppen und "Stammesgruppen" (die autochthonen Lepcha und Limbus, die Rai, Gurung u.a., und Gruppen mit tibetischer Kultur und Sprache, die Bhotia). Wie überall in Indien, sind diese Volksgruppen in administrative Kategorien eingeteilt ("Scheduled tribes", "Scheduled Casts" u.a.), die als "diskriminierungs-ausgleichend" gedacht sind. Dieses System sucht paradoxerweise ökonomische Probleme durch eine Charakterisierung der Gruppen nach kulturellen Kriterien zu lösen. Damit werden soziale Trennungen und Unausgewogenheiten in Bezug auf ethnische Zugehörigkeit und Unterscheidungen (d. h. Ethnizität) sowie alte ethnische Spannungen aufrechterhalten. Und es löst einen "Prozess von Tribalisierung" aus, in dem ethnische Gruppen dazu neigen, sich als "Stämme" (wie es in Indien verstanden wird) zu identifizieren, um in die vorteilhafteren Verwaltungskategorien aufgenommen zu werden. Diese Situation wirft einige Fragen bezüglich der Beziehungen zwischen Staat und den ethnischen Gruppen in Sikkim auf. Unter anderen gilt es zu klären: wirken die ethnischen Zusammengehörigkeiten in Sikkim der Bildung eines zentralistischen Staates entgegen oder sind sie Begleiterscheinung des Staates, was sind die Modalitäten bei der Herausbildung von ethnischen Zusammengehörigkeiten und welche Rolle spielt der Staat in diesem Prozess? Diese Fragen sollen durch Analysen der staatlichen Politik gegenüber den ethnischen Gruppen (in Vergangenheit und Gegenwart) und Analysen der Konstruktion von sozialen Identitäten in Sikkim überprüft werden, und zwar basierend auf Untersuchungen der verschiedenen Dimensionen von Zugehörigkeit (Haushalt, Clan, Kaste, usw.) einschließlich der Lokalgeschichte dieser sozialen Einheiten, Untersuchungen der Kategorien des Andersseins, der zwischenethnischen Beziehungen in verschiedenen Gebieten Sikkims, und der ethnischen Bewegungen von Identitätsanerkennung. Die Hypothese ist, dass die täglichen Beziehungen zwischen ethnischen Gruppen soziale Grenzen ziehen, die über die administrativen Kategorien wie "Stamm" und "Kaste" hinausgehen, während diese Kategorien in der administrativen und politischen Organisation und in den ethnischen Bewegungen von Identitätsanerkennung vorherrschend sind. Solch eine Studie, die "staatlich gemachte Ethnizität" mit den lokalen historischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten vergleicht und hier eine Verbindung zwischen "instrumentalistischen" und "konstruktionistischen" theoretischen Ansätzen verbindet wird nach unseren Erwartungen zu einem neuen Verständnis von Ethnizität und interethnischen Beziehungen in Sikkim führen. Das auf drei Jahre geplante sozialanthropologische Projekt soll im September 2009 beginnen. Das Arbeitsprogramm inkludiert 11 Monate Feldforschung in Sikkim, die Sammlung von Daten in verschiedenen Archiven, die Ausarbeitung von ethnographischen Daten und schriftlichen Quellen, Dokumentationsarbeiten (Anfertigung von Karten, genealogischen Tabellen u.a.) und Publikations-arbeit. Den institutionellen Rahmen bildet die Forschungsstelle Sozialanthropologie (Leitung: Prof. Andre Gingrich) am Zentrum Asienwissenschaften und Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

Das anthropologische Projekt, durchgeführt am Institut für Sozialanthropologie (ISA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften), beinhaltete die Untersuchung von Ethnizität und ethnischer Identität in Sikkim (östlicher Himalaya, Indien). Eine erste Erkenntnis bildete die gestaltende Rolle des Staates in der Konstruktion von Ethnizität, sprich in der Wahrnehmung von gesellschaftlichen Gruppen in Hinblick auf ethnische Zugehörigkeit. Allerdings sehen wir hier keine einseitig verlaufende Einflussnahme des Staates; vielmehr verwies das Projekt auf die Komplexität dieses Prozesses, der sich als das Ergebnis eines vielfältigen Beziehungsfeldes von sozialen Akteuren erwies (behördliche Vertreter, ethnische Aktivisten, die gewöhnliche Bevölkerung), was unterschiedliche Ausprägungen von Ethnizität zur Folge hatte, beeinflusst auch von kulturellen Verschiedenheiten der Gruppen.Im Zentrum der Untersuchung standen die Gurungs in Zusammenhang mit der Forderung dieser transnationalen Himalaya Bevölkerungsgruppe nach dem so genannten Scheduled tribe status. Die Forderung wurde vom Staat unterstützt als Teil seiner Politik einer kulturellen Patrimonialisierung. Den Nutzen des Scheduled tribe Status sahen die Gurungs nicht nur in der positiven (ethnischen) Aner-kennung innerhalb des indischen Systems der Bevölkerungsunterscheidung (reservation policy), sondern auch als ein Mittel, um frühere Beeinträchtigungen aufzuheben und um volle Staatsbürgerschaft zu erlangen, einschließlich den Zugang zu repräsentativen politischen Gremien.Die Forschung unterstrich die Geschichtlichkeit von ethnischen Kategorien und die politischen Rahmenbedingungen hinter der Einrichtung der reservation policy in Sikkim; sie verwies auf die Strategien der Regierung, Sikkim von seiner Grenzlage innerhalb des indischen Staates wegzubringen. Die Politik veränderte ethnische Gruppen, indem sie diese historisch und sozial unterschiedlichen Entitäten in Richtung eines politischen Zentralismus neu gestaltete. Die Konstruktion von Ethnizität beinhaltete aber individuelle Gestaltungsmöglichkeiten. Interpretierbare Gesetze, die Praxis administrativer Vorgangsweisen und die direkten Beziehungen mit staatlichen Agenten lieferten den ethnischen Aktivisten Freiräume für die Anpassungen der Kulturproduktion an die staatliche Klassifizierung. Die ethnographischen Begegnungen von Seiten der ethnischen Politik waren auch Stätten der Authentifizierung der neuen kulturellen Produktion. Während in der Literatur eine Zweiteilung in der praktischen Auswirkung von ethnischer Politik betont wird (authentic versus copied), konzentrierte sich das vorliegende Projekt auf die Bereiche zwischen diesen zwei Formen von ethnischer Praxis und die instrumentelle Rolle, welche staatliche Agenten als Anthropologen in diesem Statuswechsel spielten. Das Projekt verwies in diesem Zusammenhang auf die Grenzen eines radikalen Konstruktivisten-Standpunktes wie er in bestimmten neueren Ansätzen betont wird. Ethnische Identitätsbildung war kein glatter Prozess, und die Operationen des staatlichen Apparates fügten sich nicht gänzlich in die Wahrnehmung von Eigen-identität; affektive und existenzielle Dimensionen der Zugehörigkeit waren entscheidend im Prozess von ethnischer Identitätsbildung. Die vorliegenden Forschungsergebnisse sehen wir nicht bloß als akademisch von Interesse, sondern auch für politische Akteure und Verwalter von Nutzen, die mit den Interaktionen zwischen Politik und Kultur und mit ethnischen Konflikten befasst sind.

Forschungsstätte(n)
  • Österreichische Akademie der Wissenschaften - 100%

Research Output

  • 6 Publikationen
Publikationen
  • 2012
    Titel Review: Suresh Kumar Gurung. 2011. Sikkim. Ethnicity and Political Dynamics. A Triadic Perspective (Delhi, Kunal Books).
    Typ Journal Article
    Autor Vandenhelsken M
    Journal Bulletin of Tibetology, Gangtok, Sikkim, Namgyal Institute of Tibetology
  • 2012
    Titel Review: Toni Huber and Stuart Blackburn (eds). 2012. Origins and Migrations in the Extended Eastern Himalayas (Leiden and Boston: Brill).
    Typ Journal Article
    Autor Vandenhelsken M
    Journal Himalaya (Association for Nepal and Himalayan Studies)
  • 2013
    Titel Conference report, "International Conference Negotiating Ethnicity: Politics and Display of Cultural Identities in Northeast India" (co-authored with).
    Typ Journal Article
    Autor Leblhuber S Et Al
    Journal Himalaya, the Journal of the Association for Nepal and Himalayan Studies
  • 2013
    Titel Review: Alex McKay and Anna Balikci-Denjongpa (eds). 2011. Buddhist Himalaya: Studies in Religion, History and Culture.
    Typ Journal Article
    Autor Hazod G
    Journal Proceedings of the Golden Jubilee Conference of the Namgyal Institute of Tibetology, Gangtok, 2008 (Gangtok: Namgyal Institute of Tibetology). Volume I: Tibet and the Himalaya (Hazod), and volume II: The Sikkim Papers (Vandenhelsken), European Bulleti
  • 2014
    Titel Parcours migratoires et construction d'une "autochtonie" au Sikkim (Himalaya Oriental, Inde).
    Typ Book Chapter
    Autor Fournier
  • 2011
    Titel The Enactment of Tribal Unity at the Periphery of India. The Political Role of a new Form of the Panglhabsol Buddhist Ritual in Sikkim.
    Typ Journal Article
    Autor Vandenhelsken M
    Journal European Bulletin of Himalayan Studies

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