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Kriegswahrnehmungen österreichischer Wehrmachtsangehöriger

Perceptions of war by Austrian members of the Wehrmacht

Gerhard Botz (ORCID: 0000-0002-2468-9872)
  • Grant-DOI 10.55776/P22065
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 15.11.2009
  • Projektende 14.01.2014
  • Bewilligungssumme 199.833 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Geschichte, Archäologie (80%); Soziologie (20%)

Keywords

    Second World War, Prisoners of war, National Socialism, Austrian contemporary history (1938 - 1945), Wehrmacht, Austrian identities

Abstract Endbericht

Mit diesem Projekt soll erschlossen werden, wie "österreichische" Angehörige der deutschen Wehrmacht während des Zweiten Weltkrieges die Politik, Ereignisse und Situation an der Front und im Hinterland wahrgenommen und nahezu zeitgleich gedeutet haben, indem es einen von der zeitgeschichtlichen Forschung bisher noch nicht genutzten Quellenkorpus hermeneutisch und historisch-sozialwissenschaftlich auswertet; es sind dies die Abhörprotokolle des britischen und amerikanischen Nachrichtendienstes von Gesprächen "österreichischer" Kriegsgefangener aus der Zeit 1940/42 bis 1945. Dieser facettenreiche und umfangreiche Bestand lagert in den Londoner und Washingtoner National Archives und umfasst über 20.000 Aktenvorgänge mit insgesamt etwa 120.000 Seiten. Das Quellenmaterial soll mit der interdisziplinären Methode der Referenzrahmenanalyse untersucht werden, die für die Erforschung orientierender Einstellungen und Haltungen von Personen in einer gegebenen historischen Situation entwickelt worden ist. Der interdisziplinäre Ansatz des Projektes gewährleistet, dass die Ebenen der historischen Faktizität und der psycho-sozialen Aneignungs- und Deutungsprozesse präzise aufeinander bezogen werden können. Das amerikanische Abhörmaterial bietet überdies die einmalige Möglichkeit, lückenlos die Wahrnehmungsmuster der abgehörten Kriegsgefangenen mit ihrem soziographischen Profil in Verbindung zu bringen, da der Quellenbestand zu jedem der abgehörten Soldaten ein Formblatt mit personenbezogenen Daten bereithält. In nahezu idealer Weise bietet der gesamte Quellenbestand Ansatzpunkte, um auf breiter Grundlage der zentralen Frage nachzugehen, inwiefern und ob überhaupt soziale und generationelle Muster die Wahrnehmungen und Deutungen der Wehrmachtangehörigen in der Extremsituation des Zweiten Weltkriegs bedingt haben. Das beantragte Projekt kann somit eine neue Perspektive auf das Denken und Handeln der einfachen "österreichischen" Mannschaftssoldaten und Unteroffiziere der deutschen Wehrmacht eröffnen. Das Forschungsvorhaben wird methodologisch und hinsichtlich der Quellenerschließung an bereits laufende Projekten der drei internationalen Kooperationspartner - Prof. Sönke Neitzel (Universität Mainz), Prof. Harald Welzer (Kulturwissenschaftliches Institut Essen) und Prof. Michael Matheus (Deutsches Historisches Institut Rom) - anschließen; damit wird durch parallele Untersuchungen über deutsche und italienische Kriegsgefangene ein systematischer Vergleich mit "österreichischen" kriegsgefangenen Wehrmachtsangehörigen möglich.

Westalliierte Nachrichtendienste hörten während des Zweiten Weltkrieges die Stubengespräche von tausenden kriegsgefangenen deutschen Soldaten ohne deren Wissen ab und verschriftlichten diese in Abhörprotokollen. Unter ihnen befanden sich hunderte österreichische Angehörige der Wehrmacht und Waffen-SS beinahe aller militärischer Ränge und sozialer Schichten. Ziel dieses Projektes war es, anhand dieser Abhörprotokolle die Wahrnehmung und Deutung des Zweiten Weltkrieges durch österreichische Soldaten zu erforschen.Wesentliches Projektergebnis ist, dass Österreicher vielfach von der Wehrmacht als ihrer Armee sprachen und Österreich sieht man von den unmittelbaren Anschlussereignissen im März 1938 ab ihnen kaum eine Reminiszenz wert war. Abgehörte Österreicher nahmen sich als gleichwertige Soldaten der deutschen Streitkräfte wahr, und dies wurde vice versa auch von ihren reichsdeutschen Kameraden so gesehen. Der Alltag der Soldaten vor ihrer Gefangennahme war der Krieg, und dieser bildet den dominanten Rahmen ihrer Gespräche. Das Kriegsführen also auch das Töten von Menschen wurde als gestellte Aufgabe betrachtet, welche man mit großer Professionalität zu lösen versuchte. Über den eigenen Tod und eigene Ängste zu sprechen war aber tabu. Die Allgegenwart des Todes im Krieg spiegelte sich weitestgehend in Erzählungen vom Sterben anderer wieder.In der Kriegsgefangenschaft waren die österreichischen Wehrmachtsangehörigen der drakonischen deutschen Militärgerichtsbarkeit entzogen, und so gestalteten sich die Gespräche unter den Kriegsgefangenen sehr offen. So nahmen Gespräche über NS-Eliten einen größeren Raum ein, wobei die Beurteilungen überwiegend kritisch und negativ waren. Die NSDAP wurde wiederholt als korrupt wahrgenommen, während die SS für Gewaltexzesse verantwortlich gemacht wurde. Ein überraschend deutliches Ergebnis der Untersuchung ist, dass sich die kriegsgefangenen Österreicher mitunter sehr offen über deutsche Massenverbrechen in den eroberten Gebieten und im Deutschen Reich unterhielten. Man hatte Kenntnis von Massenerschießungen, der Existenz von Konzentrationslagern, konnte sie beim Namen benennen und wusste, dass darin Menschen ermordet wurden. Dies war kein Nischenwissen, sondern einer breiteren Masse der abgehörten Österreicher bekannt. Die Verbrechen wurden hinsichtlich ihrer unmenschlichen Umsetzung von einer bedeutenden Mehrheit verbal scharf abgelehnt. Nicht zuletzt auch deshalb, weil die deutschen Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung der eroberten Gebiete von den Soldaten dahingehend gedeutet wurden, dass bei einem alliierten Vormarsch ihre eigenen Familien gleiches zu erwarten hätten.

Forschungsstätte(n)
  • Ludwig Boltzmann Gesellschaft - 100%
Internationale Projektbeteiligte
  • Michael Matheus, Johannes Gutenberg-Universität Mainz - Deutschland
  • Sönke Neitzel, Universität Potsdam - Deutschland

Research Output

  • 5 Publikationen
Publikationen
  • 2011
    Titel 'Österreichische' Soldaten im deutschen Gleichschritt? ('Austrian' Soldiers in Step with Germans?).
    Typ Book Chapter
    Autor Germann R
  • 2011
    Titel Angezapftes Wissen
    DOI 10.7767/boehlau.9783205791782.169
    Typ Book Chapter
    Autor Germann R
    Verlag Brill Osterreich
    Seiten 169-180
  • 2012
    Titel Einleitung. Zu einer Erfahrungsgeschichte des Zweiten Weltkrieges (Introduction. On a History of Experience in the Second World War).
    Typ Book Chapter
    Autor Botz G
  • 2012
    Titel Simon Wiesenthals Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte des österreichischen Nationalsozialismus. Sein (fast) vergessenes 'Memorandum' zur 'Beteiligung von Österreichern an Nazi-Verbrechen' und die 'österreichische Täter-These'.
    Typ Book Chapter
    Autor Botz G
  • 2011
    Titel Neue Wege in der Militärgeschichte. Regionale Zusammensetzung 'ostmärkischer' Einheiten am Beispiel dreier Kompanien (New Directions in Military History. Regional Composition of 'ostmärkischer' Units using the Example of Three Companies).
    Typ Book Chapter
    Autor Berger

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