Leben auf Achse - Vakhtoviki in Nordwest-Sibirien
Lives on the Move: Vakhtoviki in north-western Siberia
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (5%); Humangeographie, Regionale Geographie, Raumplanung (50%); Soziologie (45%)
Keywords
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Long-Distance Commuting,
Migration Studies,
Russian oil and gas industries,
Circumpolar Studies,
North-Western Siberi,
Post-Socialist Studies
Wer sind eigentlich die Menschen die unser Erdöl und Erdgas fördern? Diese Frage wird nur selten gestellt, obwohl über 90 Prozent des russischen Erdgases in die EU exportiert werden und fast 90% der Importe aus der Russländischen Föderation (RF) alleinig die fossile Energie ausmacht. In Österreich werden die Strukturen der russischen Erdöl- und Erdgasindustrie hauptsächlich aus einer Makroperspektive in den ökonomischen und Politikwissenschaften untersucht. Dieses Projekt ist von besonderer wissenschaftlicher Relevanz, da hier die komplexen Verschränkungen von natürlichen Ressourcen, Machtstrukturen und sozialräumlichen Besonderheiten in der Region Nordwestsibirien, wo sich die wichtigsten Lagerstätten der RF befinden, aus der Perspektive der Mikroebene untersucht werden. Mit der stetigen Verlagerung von Fördergebieten in Richtung Norden, jenseits des Polarkreises und sich immer weiter von städtischen Siedlungen entfernen, wurde das Fernpendeln (LDC) eine zunehmend wichtige Form der Arbeitskräftebereitstellung. FernpendlerInnen (LDC), in der RF, Vakhtoviki genannt, führen ein Leben in ständiger Bewegung. Dieses Leben auf Achse ist durch zyklische An- und Abwesenheit von zu Hause, durch lange Reisen vom und zum Arbeitsplatz sowie durch strikte Zeit- und Verhaltensvorschriften in den geschlossenen ArbeiterInnencamps der Unternehmen charakterisiert. Sogenannte inter-regionale LDC pendeln mitunter mehrere Tausende Kilometer aus südlichen und zentralen Landesteilen in die Basisstädte nahe der Fördergebiete, von wo aus sie wie die dort permanent ansässigen intra-regionalen LDC mit Spezialfahrzeugen oder Helikopter auf die Arbeitsplätze in der Tundra oder Taiga gebracht werden. Auch die intra-regionalen LDC legen immerhin noch oft einige Hunderte Kilometer zum Arbeitsplatz zurück. Beide Gruppen pendeln im Zyklus von beispielsweise 30 Tagen auf Schicht und 30 Tagen Freizeit; andere Rhythmen sind bei kürzeren Distanzen 7/7, 14/14 oder bei weiter entfernten Förderstätten 45/30 oder 60/30. Ihr Leben orientiert sich an drei bedeutungsvollen Räumen: zu Hause die Reise die Schicht, welche im Zentrum dieser Studie stehen. Die genaue Kenntnis von Bewältigungsstrategien, die Bereitschaft oder die Ablehnung von LDC ist die zentrale Basis, um profunde Einsichten über das Zukunftspotential des Arbeitskräfteangebots zu gewinnen. Dieser Sektor ist mit einem zunehmenden Bedarf an hochqualifizierten MitarbeiterInnen konfrontiert. Das Hauptziel dieses interdisziplinären Projekts aus Sozialgeographie und Sozialanthropologie ist die Untersuchung eines durch stetige Bewegung gekennzeichneten Lebensstils. Aus der Mikroperspektive gehen wir mit einer qualitativ-empirischen Methode an die Frage der sozialräumlichen Wirkungen der LCD-Methode heran und versuchen ihre Verschränkungen mit sozialen Strukturen von Ungleichheit zu klären. Ein relationaler sozialräumlicher Ansatz erlaubt uns die materiellen, physischen und sozio-ökonomisch geprägten räumlichen Strukturen mit dem Handeln und den Reaktionen der untersuchten Gruppe verbinden. Wissenschaftliche Arbeiten über das LDC-System und die involvierten Vakhtoviki in der RF liegen international kaum vor. Einen völlig neuen Beitrag liefern wir durch die mobile Langzeitfeldforschung, welche Arbeits- und Herkunftsregionen umfasst sowie die Begleitung der PendlerInnen auf ihren mehrtätigen Reisen zwischen Zentralrussland und dem Norden. Durch den Stil einer dichten Beschreibung erwarten wir uns weitreichende Exemplifizierungen von theoretischen Erkenntnissen und damit einen Beitrag zum tieferen Verständnis der Vielzahl von Facetten und Wirkungsweisen, die das Leben der Vakhtoviki ausmachen. Somit streben wir eine innovative Ergänzung von LDC-, Migrations-, Postsozialismus- und Zirkumpolarforschung
Wer sind jene Menschen, die Erdöl und Erdgas in Russlands Arktis und Subarktis fördern? Diese Frage wird selten gestellt, obgleich über 70 Prozent des russischen Erdgases in die EU exportiert werden und beinahe 90 Prozent aller Importe von Russland nach Österreich fossile Energieträger umfassen. Die Strukturen dieses Energiesektors in Russland werden hauptsächlich von Politik und Wirtschaftswissenschaften beleuchtet. Sozialwissenschaftliche Untersuchungen zu den Dynamiken auf der Mikroebene in den reichen Rohstoffregionen fehlen jedoch weitgehend. Bereits seit der sowjetischen Ära steht die Bereitstellung von Arbeitskräften in klimatisch harschen und entlegenen Gebieten für die erfolgreiche Entwicklung des fossilen Energiesektors im Zentrum politischer und industrieller Überlegungen. Heutzutage verlagert sich der Abbau von Erdöl und Erdgas zunehmend in den Norden, was durch die Exploration von Lagerstätten in den polaren Meeren sichtbar wird. Obwohl die Anzahl der urbanen Siedlungen (z.B. Vorkuta oder Novy Urengoy) im Russländischen Norden jene in anderen (sub-)arktischen Gebieten weit übersteigt, kann der Arbeitskräftebedarf nur durch mobile Beschäftigte gedeckt werden; i.e. SaisonarbeiterInnen oder FernpendlerInnen (genannt auch Vakhtoviki, FIFO, LDC oder MontagearbeiterInnen). Sie leben ein Leben auf Achse, ein Leben in ständiger Bewegung, das durch die zirkuläre Präsenz und Absenz von zuhause, durch Unterordnung in vom Unternehmen strikt kontrollierten ArbeiterInnencamps und durch lange (oft tagelange) Reisen von und zur Arbeit gekennzeichnet ist. Interregionale FernpendlerInnen von südlichen und zentralrussischen Landesteilen (z.B. aus der Republik Baschkortostan oder Tschuwaschien) legen Reisen von mehreren Tausend Kilometern mit dem Zug oder mit dem Flugzeug zurück. Jedoch auch intraregionale FernpendlerInnen, die in den Städten des Nordens leben, reisen Hunderte von Kilometern, um an die abgelegenen Arbeitsplätze und in die Camps zu gelangen. Beide Gruppen fernpendeln und verbringen somit 30, 45 oder 60 Tage auf Schicht und gehen für einen ähnlichen Zeitraum zur Erholung (Zwischenschicht) nach Hause zurück. Wissenschaftliche Einsichten über die Strategien zur Bewerkstelligung von Mobilität und Multilokalität sowie über Motivationen für oder die Ablehnung des Fernpendelns sind von zentraler Bedeutung hinsichtlich der Entwicklung des Arbeitskräftepotentials in einem Sektor, der von einer enorm hohen Nachfrage an qualifizierten MitarbeiterInnen geprägt ist; ebenso wie er geprägt ist von höchst unterschiedlichen Arbeitsbedingungen in den operierenden Unternehmen. Als interdisziplinäres Unterfangen umfasst dieses Forschungsprojekt die Geographie sowie die Anthropologie und bindet Ansätze aus der Geschichte mit ein. Die besondere wissenschaftliche Relevanz zeigt sich durch eine Sichtweise von unten auf den Komplex der Verschränkungen von Rohstoffen, Machtstrukturen und sozial-räumlichen sowie sozial-zeitlichen Besonderheiten. Mit qualitativen und quantitativen Methoden verbindet diese Forschung nicht nur Herkunfts- und Zielregionen der FernpendlerInnen sondern auch den Raum des Reisens. Diese mobile und multi-lokale Methode ist bislang neu in der internationalen Forschung zum Thema. Eine solche Zugangsweise macht die sozialräumlichen und zeitlichen Verbindungen, die politischen Prozesse der Regionalentwicklung im Norden sowie die Effekte des Fernpendelns auf soziale Konfigurationen und sozioökonomische Entwicklungen in den ländlichen Herkunftsregionen der Beschäftigten sichtbar. Die aus dem Projekt heraus entstandenen Publikationen in russischer, deutscher und englischer Sprache tragen nicht nur zu wissenschaftlichen Diskursen in der Postsozialismus-, Arktis-, Mobilitäts-, Multilokalitäts-, Stadt-, Regional- und Arbeitsforschung etc bei, sondern können für die Industrie, Gewerkschaften und politische Entscheidungsträger etc. wichtiges Grundlagenwissen liefern. Im internationalen wissenschaftlichen Dialog konnte Lives on the Move wertvolle Erkenntnisse zu Differenzen und Ähnlichkeiten des Fernpendelns liefern: in Ländern neoliberaler Ausprägung (wie z.B. Kanada oder Australien) und Russland, das sich durch eine re-sozialistisch-neoliberale (und nicht zwangsläufig post-sozialistische) Haltung gegenüber der Petroleumindustrie auszeichnet.
- Heinz Fassmann, Österreichische Akademie der Wissenschaften , assoziierte:r Forschungspartner:in
Research Output
- 81 Zitationen
- 26 Publikationen
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2012
Titel Novoe pokolenie vakhtovikov na Kraynem Severe Rossii: Studenty Ufimskogo Gosudarstvennogo Neftyanogo Universiteta. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Yakovlev M Et Al Konferenz KGUTiI Nauchnyy zhurnal, Kaspiyskiy gosudartsnvennyy universitet tekhnologiy i inzhiniringa im. Sh. Esenova (Conference proceedings Aktau/Kazakhstan) -
2016
Titel Ready to go! The next generation of mobile highly skilled workforce in the Russian petroleum industry DOI 10.1016/j.exis.2016.06.005 Typ Journal Article Autor Saxinger G Journal The Extractive Industries and Society Seiten 627-639 -
2016
Titel Buchbesprechungen DOI 10.1553/moegg155s393 Typ Journal Article Journal Mitteilungen der Österreichischen Geographischen Gesellschaft Seiten 393-420 Link Publikation -
2014
Titel Ich bin bereit - Die nächste Generation mobiler Fachkräfte in der russischen Erdgas- und Erdölindustrie. Eine Untersuchung zur Bereitschaft für berufsbedingtes Fernpendeln bei Studierenden an der Staatlichen Technischen Erdöluniversität in Ufa. Typ Journal Article Autor Eilmsteiner-Saxinger G -
2014
Titel Vakhtovy metod v neftegazovoy otrasli rossiyskogo kraynego severa. [LDC management in the northern Russian petroleum sector]. Typ Book Chapter Autor Saxinger G -
2014
Titel Frozen assets. British mining, exploration, and geopolitics on Spitsbergen, 1904–53 DOI 10.1080/2154896x.2014.960676 Typ Journal Article Autor Gartler S Journal The Polar Journal Seiten 409-411 -
2014
Titel Ya gotov!: Novoe pokolenie mobil'nykh kadrov v rossiyskoy neftegazovoy promishlennosti. [I am ready! The next generaton of mobile specialists in the Russian petroleum industry]. Typ Journal Article Autor Gareev Es Et Al Journal Sibirskie istoricheskie issledovaniya -
2011
Titel Russia and the North DOI 10.1080/1088937x.2011.585786 Typ Journal Article Autor Eilmsteiner-Saxinger G Journal Polar Geography Seiten 211-212 -
2011
Titel PR-Strategies at the University of Vienna, Austria: The Research Project "Lives on the Move - Vakhtoviki in North-Western Siberia" as an example. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Öfner E Konferenz Gareev Eduard, Ivanovna Maria, Yakovleev Maksim (ed.) Sovremennyy PR: teoriya, praktika, obrazovanie - materialy VII Mezhdunarodnoy nauchno-prakticheskoy konferentsii 26. April. 2011g. Ufa. Izdatel'stvo UGNTU -
2013
Titel Vliyanie vakhtovogo metoda organizatsii proizvodsv na bazovie goroda Rossiyskogo severa: na primere goroda Vorkuty. [The impact of long-distance commuting on base towns of the Russian North: case study of Vorkuta]. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Nuykina E -
2013
Titel Sotsial'naya mobil'nost' spetsialistov recpubliki bashkortostan, rabotayushchich vakhtovym metodom. [Social mobility among young specialists from the Republic of Bashkortostan] Typ Journal Article Autor Öfner E Journal R. M. Valiachmetov (Hg.) Molodezh' na rynke truda: problemy i puti resheniya: materialy mezhregional'noy shkoly-seminara molodykh uchenykh. Ufa: izdatel'stvo "Vostochnaya pechat'" -
2013
Titel Review: Gender, Migration and the Dual Career Household by Hardill, Irene. Typ Journal Article Autor Eilmsteiner-Saxinger G -
2013
Titel Bodenschätze und Menschenschätze. Zur sozialen und materialen Dimension der fossilen Rohstoffe in Nordwest-Sibirien im Kontext des Fernpendelns. Typ Book Chapter Autor Eilmsteiner-Saxinger G -
2010
Titel Realisacija politicheskich rezhenij osvoenija Krajnego Severa k istorii razvitija vakhtogo metoda. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Aleshkevich Es Konferenz Dzida et al. (eds) Krajnij Sever: Osobennosti truda i socializacii chelovaka. -
2010
Titel Introduction: The Northern Industrial City as a Place of Life and of Research. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Gertrude Eilmsteiner-Saxinger G Konferenz Stammler, F. and G. Eilmsteiner-Saxinger (eds.): Biography, Shift-labour and Socialisation in a Northern Industrial City. Proceedings of the International Conference in Novy Urengoi 4th - 6th Dec 2008. -
2010
Titel Commuting to the Siberian Far North - when Extreme becomes Normality. Typ Journal Article Autor Eilmsteiner-Saxinger G Journal TRANS - Internetzeitschrift für Kulturwissenschaften -
2010
Titel Implementation of Policy Decisions to Develop the Far North: History of Long-distance Commute Work. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Aleshkevich Es Konferenz Stammler, F. and G. Eilmsteiner-Saxinger (eds.): Biography, Shift-labour and Socialisation in a Northern Industrial City. Proceedings of the International Conference in Novy Urengoi 4th - 6th Dec 2008. -
2010
Titel Severnyj industrialnyj gorod kak mesto prozhivanija i isledovanija. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Eilmsteiner-Saxinger G Konferenz Dzida et al. (eds) Krajnij Sever: Osobennosti truda I socializacii chelovaka. -
2010
Titel Mnozhestvennye lokal`nosti i social`nye prostranstva mezhrelional`nych vakhtovikov: DOM-DOROGA-VAKHTA. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Eilmsteiner-Saxinger G Konferenz Dzida et al. (eds) Krajnij Sever: Osobennosti truda I socializacii chelovaka. -
2021
Titel Rootedness along the way: meaningful sociality in petroleum and mining mobile worker camps DOI 10.1080/17450101.2021.1885844 Typ Journal Article Autor Saxinger G Journal Mobilities Seiten 194-211 Link Publikation -
2014
Titel Russia's long-distance commuters in the oil and gas industry: social mobility and current developments - an anthropological perspective from the Republic of Bashkortostan. Typ Journal Article Autor Öfner E -
2016
Titel Lured by oil and gas: Labour mobility, multi-locality and negotiating normality & extreme in the Russian Far North DOI 10.1016/j.exis.2015.12.002 Typ Journal Article Autor Saxinger G Journal The Extractive Industries and Society Seiten 50-59 -
2015
Titel “To you, to us, to oil and gas” – The symbolic and socio-economic attachment of the workforce to oil, gas and its spaces of extraction in the Yamal-Nenets and Khanty-Mansi Autonomous Districts in Russia DOI 10.11143/45209 Typ Journal Article Journal Fennia – International Journal of Geography Link Publikation -
0
Titel Biography, Shift-labour and Socialisation in a Northern Industrial City. Typ Other Autor Eilmsteiner-Saxinger G -
2011
Titel We Feed the Nation: Benefits and Challenges of Simultaneous Use of Resident and Long-distance Commuting Labour in Russia's Northern Hydrocarbon Industry. Typ Journal Article Autor Eilmsteiner-Saxinger G Journal Journal of Contemporary Issues in Business & Government -
2011
Titel Resettlement from the Russian North: an analysis of state-induced relocation policy. Edited and with a preface by Florian Stammler. Typ Book Chapter Autor Arctic Centre Report