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Synaptische Langzeitpotenzierung nach Opioidentzug

Synaptic long-term potentiation after opioid withdrawal

Jürgen Sandkühler (ORCID: 0000-0002-5209-485X)
  • Grant-DOI 10.55776/P22306
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.10.2010
  • Projektende 31.12.2014
  • Bewilligungssumme 300.321 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Klinische Medizin (50%); Medizinisch-theoretische Wissenschaften, Pharmazie (50%)

Keywords

    Opioid, Withdrawal, Synaptic Long-Term Potentiation (Ltp), Spinal Cord, Hyperalgesia, Pain

Abstract Endbericht

Opioide sind aufgrund ihrer hohen Wirksamkeit nach wie vor der Goldstandard für die Therapie starker und mittlerer Schmerzen. Opioide können jedoch paradoxerweise auch die Empfindlichkeit für Schmerzreize erhöhen. So kann es beim Absetzen von Opioiden zu einer Opioid-induzierten Hyperalgesie (OIH) kommen. Die OIH ist dann Ausdruck einer körperlichen Opioidabhängigkeit Die Mechanismen die zu einer OIH führen sind nicht vollständig aufgeklärt. In dem Vorläuferprojekt haben wir eine neuartige Wirkung von Opioiden entdeckt [1]; die durch Opioidentzug ausgelöste Langzeitpotenzierung (kurz Entzugs-LTP) der synaptischen Übertragungsstärke in Schmerzbahnen, genauer gesagt zwischen nozizeptiven C-Fasern und Neuronen in der oberflächlichsten Schicht (Lamina I) des Rückenmarks. An dieser synaptischen Umschaltstelle können auch starke oder anhaltende Schmerzreize zur LTP führen, wie unser Arbeiten aus früheren FWF-Projekten gezeigt hatten [2;3]. Die aktivitätsabhängige LTP gilt heute als ein zelluläres Modell des Schmerzgedächtnisses [4]. In dem aktuellen Projektantrag wollen wird die Eigenschaften der Entzugs-LTP untersuchen. Insbesondere wollen wir feststellen, welche Randbedingungen deren Entstehung fördern, welche Opioidrezeptoren verantwortlich sind und an welchen Untergruppen von Lamina I Neuronen diese LTP besonders leicht ausgelöst werden kann. Wir wollen ferner verstehen, welche Signaltransduktionswege an der Entzugs-LTP wesentlich beteiligt sind. So wollen wir die Hypothese prüfen, ob Opioidrezeptoren auf nicht neuronalen Zellen (Gliazellen) des Rückenmarks, insbesondere auf Astrozyten, eine Rolle spielen und zur Freisetzung von glialen Botenstoffen z.B. von Zytokinen oder neurotrophen Substanzen führen. Unsere Vorarbeit hat bereits gezeigt, dass die Aktivierung von G-Protein gekoppelten Rezeptoren und Ca2 +-abhängige Signaltransduktionswege in den postsynaptischen Zellen für die Induktion der Entzugs-LTP erforderlich sind [1]. Nun wollen wir untersuchen, um welche Rezeptoren es sich handelt und welche Ca2 +-abhängigen postsynaptischen Prozesse eine Rolle spielen. Schließlich wollen wir die Relevanz dieser zellulären Vorgänge für das Verhalten untersuchen. Dazu wollen wir gezielt in die Signaltransduktionskaskaden eingreifen und prüfen, ob so die Entstehung oder die Expression der OIH verhindert bzw. umgekehrt werden kann. Wir erwarten uns von dem Projektvorhaben neuartige Erkenntnisse über die zellulären Mechanismen der OIH, einer relevanten Nebenwirkung von Opioiden. Langfristig erhoffen wir uns von unseren Arbeiten eine Verbesserung der Schmerztherapie mit Opioiden durch Reduzierung der körperlichen Abhängigkeit.

Opioide sind morphinähnliche Schmerzmittel, die wegen ihrer hohen Wirksamkeit und guten Verträglichkeit weltweit bei Millionen von PatientInnen mit starken Schmerzen eingesetzt werden. Wenn Opioide über einen längeren Zeitraum gegen oder abrupt abgesetzt werden, können sie paradoxerweise Schmerzen verstärken und manche PatientInnen leiden dann unter einer verstärkten Schmerzempfindlichkeit am ganzen Körper. Wir haben nun diverse Mechanismen entdeckt, die zu dieser Schmerzüberempfindlichkeit während der Gabe oder nach Absetzen von Opioiden führen können. Die Ergebnisse wurden in international renommierten Fachblättern wie Science, The Journal of Neuroscience und Pain veröffentlicht. In unseren Arbeiten konnten wir u.a. zeigen, dass das abrupte Absetzen von Opioiden, der sogenannte kalte Entzug, die Übertragung von Schmerzinformationen von einer Nervenzelle auf die nächste anhaltend verstärkt. Die Folge davon: normalerweise harmlose Schmerzreize werden nun als ungewöhnlich stark und als ausgesprochen unangenehm empfunden. Das ist besonders drastisch bei PatientInnen nach chirurgischen Eingriffen, wo die Operationswunden ohnehin schon beträchtliche Schmerzen verursachen. Die Wundschmerzen könnten durch den nun entdeckten Mechanismus zusätzlich verstärkt werden. Wir fanden heraus, dass eine Langzeitpotenzierung der synaptischen Übertragung (engl. long-term potentiation, LTP) durch Entzug verschiedener Opioide in vivo als auch in vitro (in der Petrischale) ausgelöst werden kann. Mit einem modernen bildgebenden Verfahren, der 2-Photonen-Laserscanning Mikroskopie, konnten wir zeigen, dass die Ursache hierfür offenbar ein Anstieg der Konzentration von freien Kalziumionen in Nervenzellen des Rückenmarks ist. Kalziumionen sind ein universeller zweiter Botenstoff in Nervenzellen, der eine Reihe von Enzymen aktiviert. Wenn das Opioid nicht schlagartig abgeschaltet, sondern über einen längeren Zeitraum behutsam reduziert wurde, war auch keine Verstärkung der Schmerzsignale mehr messbar. Ferner konnten wir zeigen, dass die Signalverstärkung durch die gleichzeitige Gabe eines Medikamentes verhindert wird, das die NMDA-Rezeptorkanäle blockiert. Dieser Rezeptortyp spielt auch eine Rolle bei dem sogenannten Schmerzgedächtnis, wo es nach Schmerzreizen ebenfalls zu einer andauernden Schmerzverstärkung kommt. Beide Maßnahmen, das langsame Ausschleichen der Opioidgabe und die Blockade der NMDA-Rezeptoren verhindern die Signalverstärkung vollständig, ohne dabei die erwünschte Hemmwirkung der Opioide zu beeinträchtigen. Wir haben ferner entdeckt, dass sich die verschiedenen Opioide beträchtlich in ihren Eigenschaften unterscheiden, auch was die paradoxe Schmerzüberempfindlichkeit angeht. Das häufig in der Klinik eingesetzte Buprenorphin hatte in normalen Dosierungen gute hemmende Wirkungen. In extrem niedrigen Dosierungen jedoch einen verstärkenden Effekt im Rückenmark. Dieser war auf die Aktivierung körpereigener schmerzmodulierender Systeme zurückzuführen, die vom Hirnstamm zum Rückenmark projizieren. Schmerzhemmung und Schmerzverstärkung durch werden nach unseren Erkenntnissen durch Vorgänge ausgelöst, die an unterschiedlichen Orten der Nervenzellen und an unterschiedlichen Orten des Nervensystems ablaufen. Das lässt die Vermutung zu, dass in Zukunft Schmerzmittel entwickelt werden könnten, die nur die erwünschten, nicht jedoch die unerwünschten Eigenschaften aufweisen.

Forschungsstätte(n)
  • Medizinische Universität Wien - 100%

Research Output

  • 1599 Zitationen
  • 19 Publikationen
Publikationen
  • 2021
    Titel Lamina-specific properties of spinal astrocytes
    DOI 10.1002/glia.23990
    Typ Journal Article
    Autor Kronschläger M
    Journal Glia
    Seiten 1749-1766
    Link Publikation
  • 2021
    Titel Spontaneous, Voluntary, and Affective Behaviours in Rat Models of Pathological Pain
    DOI 10.3389/fpain.2021.672711
    Typ Journal Article
    Autor Draxler P
    Journal Frontiers in Pain Research
    Seiten 672711
    Link Publikation
  • 2015
    Titel Selective Activation of Microglia Facilitates Synaptic Strength
    DOI 10.1523/jneurosci.2061-14.2015
    Typ Journal Article
    Autor Clark A
    Journal The Journal of Neuroscience
    Seiten 4552-4570
    Link Publikation
  • 2020
    Titel Fundamental sex differences in morphine withdrawal-induced neuronal plasticity.
    DOI 10.1097/j.pain.0000000000001901
    Typ Journal Article
    Autor Hadschieff V
    Journal Pain
    Seiten 2022-2034
  • 2020
    Titel Interferon-? facilitates the synaptic transmission between primary afferent C-fibres and lamina I neurons in the rat spinal dorsal horn via microglia activation
    DOI 10.1177/1744806920917249
    Typ Journal Article
    Autor Reischer G
    Journal Molecular Pain
    Seiten 1744806920917249
    Link Publikation
  • 2019
    Titel Withdrawal from an opioid induces a transferable memory trace in the cerebrospinal fluid.
    DOI 10.1097/j.pain.0000000000001688
    Typ Journal Article
    Autor Drdla-Schutting R
    Journal Pain
    Seiten 2819-2828
    Link Publikation
  • 2012
    Titel Effects of Peripheral Inflammation on the Blood-Spinal Cord Barrier
    DOI 10.1186/1744-8069-8-44
    Typ Journal Article
    Autor Xanthos D
    Journal Molecular Pain
    Seiten 1744-8069-8-44
    Link Publikation
  • 2014
    Titel Pain in neuromyelitis optica—prevalence, pathogenesis and therapy
    DOI 10.1038/nrneurol.2014.129
    Typ Journal Article
    Autor Bradl M
    Journal Nature Reviews Neurology
    Seiten 529-536
  • 2011
    Titel Multiple Targets of µ-Opioid Receptor-Mediated Presynaptic Inhibition at Primary Afferent Ad- and C-Fibers
    DOI 10.1523/jneurosci.4060-10.2011
    Typ Journal Article
    Autor Heinke B
    Journal The Journal of Neuroscience
    Seiten 1313-1322
    Link Publikation
  • 2011
    Titel Long-Term Potentiation in Spinal Nociceptive Pathways as a Novel Target for Pain Therapy
    DOI 10.1186/1744-8069-7-20
    Typ Journal Article
    Autor Ruscheweyh R
    Journal Molecular Pain
    Seiten 1744-8069-7-20
    Link Publikation
  • 2011
    Titel Central Nervous System Mast Cells in Peripheral Inflammatory Nociception
    DOI 10.1186/1744-8069-7-42
    Typ Journal Article
    Autor Xanthos D
    Journal Molecular Pain
    Seiten 1744-8069-7-42
    Link Publikation
  • 2011
    Titel Hyperalgesia by synaptic long-term potentiation (LTP): an update
    DOI 10.1016/j.coph.2011.10.018
    Typ Journal Article
    Autor Sandkühler J
    Journal Current Opinion in Pharmacology
    Seiten 18-27
    Link Publikation
  • 2016
    Titel Gliogenic LTP spreads widely in nociceptive pathways
    DOI 10.1126/science.aah5715
    Typ Journal Article
    Autor Kronschläger M
    Journal Science
    Seiten 1144-1148
    Link Publikation
  • 2015
    Titel Pronociceptive and Antinociceptive Effects of Buprenorphine in the Spinal Cord Dorsal Horn Cover a Dose Range of Four Orders of Magnitude
    DOI 10.1523/jneurosci.0731-14.2015
    Typ Journal Article
    Autor Gerhold K
    Journal The Journal of Neuroscience
    Seiten 9580-9594
    Link Publikation
  • 2013
    Titel Induction of Thermal Hyperalgesia and Synaptic Long-Term Potentiation in the Spinal Cord Lamina I by TNF-a and IL-1ß is Mediated by Glial Cells
    DOI 10.1523/jneurosci.5087-12.2013
    Typ Journal Article
    Autor Gruber-Schoffnegger D
    Journal The Journal of Neuroscience
    Seiten 6540-6551
    Link Publikation
  • 2013
    Titel Non-Hebbian plasticity at C-fiber synapses in rat spinal cord lamina I neurons
    DOI 10.1016/j.pain.2013.04.011
    Typ Journal Article
    Autor Naka A
    Journal Pain
    Seiten 1333-1342
    Link Publikation
  • 2009
    Titel Induction of Synaptic Long-Term Potentiation After Opioid Withdrawal
    DOI 10.1126/science.1171759
    Typ Journal Article
    Autor Drdla R
    Journal Science
    Seiten 207-210
  • 2011
    Titel Distinct Mechanisms Underlying Pronociceptive Effects of Opioids
    DOI 10.1523/jneurosci.3491-11.2011
    Typ Journal Article
    Autor Heinl C
    Journal The Journal of Neuroscience
    Seiten 16748-16756
    Link Publikation
  • 2011
    Titel Heterosynaptic Long-Term Potentiation at GABAergic Synapses of Spinal Lamina I Neurons
    DOI 10.1523/jneurosci.3076-11.2011
    Typ Journal Article
    Autor Fenselau H
    Journal The Journal of Neuroscience
    Seiten 17383-17391
    Link Publikation

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