Synaptische Langzeitpotenzierung nach Opioidentzug
Synaptic long-term potentiation after opioid withdrawal
Wissenschaftsdisziplinen
Klinische Medizin (50%); Medizinisch-theoretische Wissenschaften, Pharmazie (50%)
Keywords
-
Opioid,
Withdrawal,
Synaptic Long-Term Potentiation (Ltp),
Spinal Cord,
Hyperalgesia,
Pain
Opioide sind aufgrund ihrer hohen Wirksamkeit nach wie vor der Goldstandard für die Therapie starker und mittlerer Schmerzen. Opioide können jedoch paradoxerweise auch die Empfindlichkeit für Schmerzreize erhöhen. So kann es beim Absetzen von Opioiden zu einer Opioid-induzierten Hyperalgesie (OIH) kommen. Die OIH ist dann Ausdruck einer körperlichen Opioidabhängigkeit Die Mechanismen die zu einer OIH führen sind nicht vollständig aufgeklärt. In dem Vorläuferprojekt haben wir eine neuartige Wirkung von Opioiden entdeckt [1]; die durch Opioidentzug ausgelöste Langzeitpotenzierung (kurz Entzugs-LTP) der synaptischen Übertragungsstärke in Schmerzbahnen, genauer gesagt zwischen nozizeptiven C-Fasern und Neuronen in der oberflächlichsten Schicht (Lamina I) des Rückenmarks. An dieser synaptischen Umschaltstelle können auch starke oder anhaltende Schmerzreize zur LTP führen, wie unser Arbeiten aus früheren FWF-Projekten gezeigt hatten [2;3]. Die aktivitätsabhängige LTP gilt heute als ein zelluläres Modell des Schmerzgedächtnisses [4]. In dem aktuellen Projektantrag wollen wird die Eigenschaften der Entzugs-LTP untersuchen. Insbesondere wollen wir feststellen, welche Randbedingungen deren Entstehung fördern, welche Opioidrezeptoren verantwortlich sind und an welchen Untergruppen von Lamina I Neuronen diese LTP besonders leicht ausgelöst werden kann. Wir wollen ferner verstehen, welche Signaltransduktionswege an der Entzugs-LTP wesentlich beteiligt sind. So wollen wir die Hypothese prüfen, ob Opioidrezeptoren auf nicht neuronalen Zellen (Gliazellen) des Rückenmarks, insbesondere auf Astrozyten, eine Rolle spielen und zur Freisetzung von glialen Botenstoffen z.B. von Zytokinen oder neurotrophen Substanzen führen. Unsere Vorarbeit hat bereits gezeigt, dass die Aktivierung von G-Protein gekoppelten Rezeptoren und Ca2 +-abhängige Signaltransduktionswege in den postsynaptischen Zellen für die Induktion der Entzugs-LTP erforderlich sind [1]. Nun wollen wir untersuchen, um welche Rezeptoren es sich handelt und welche Ca2 +-abhängigen postsynaptischen Prozesse eine Rolle spielen. Schließlich wollen wir die Relevanz dieser zellulären Vorgänge für das Verhalten untersuchen. Dazu wollen wir gezielt in die Signaltransduktionskaskaden eingreifen und prüfen, ob so die Entstehung oder die Expression der OIH verhindert bzw. umgekehrt werden kann. Wir erwarten uns von dem Projektvorhaben neuartige Erkenntnisse über die zellulären Mechanismen der OIH, einer relevanten Nebenwirkung von Opioiden. Langfristig erhoffen wir uns von unseren Arbeiten eine Verbesserung der Schmerztherapie mit Opioiden durch Reduzierung der körperlichen Abhängigkeit.
Opioide sind morphinähnliche Schmerzmittel, die wegen ihrer hohen Wirksamkeit und guten Verträglichkeit weltweit bei Millionen von PatientInnen mit starken Schmerzen eingesetzt werden. Wenn Opioide über einen längeren Zeitraum gegen oder abrupt abgesetzt werden, können sie paradoxerweise Schmerzen verstärken und manche PatientInnen leiden dann unter einer verstärkten Schmerzempfindlichkeit am ganzen Körper. Wir haben nun diverse Mechanismen entdeckt, die zu dieser Schmerzüberempfindlichkeit während der Gabe oder nach Absetzen von Opioiden führen können. Die Ergebnisse wurden in international renommierten Fachblättern wie Science, The Journal of Neuroscience und Pain veröffentlicht. In unseren Arbeiten konnten wir u.a. zeigen, dass das abrupte Absetzen von Opioiden, der sogenannte kalte Entzug, die Übertragung von Schmerzinformationen von einer Nervenzelle auf die nächste anhaltend verstärkt. Die Folge davon: normalerweise harmlose Schmerzreize werden nun als ungewöhnlich stark und als ausgesprochen unangenehm empfunden. Das ist besonders drastisch bei PatientInnen nach chirurgischen Eingriffen, wo die Operationswunden ohnehin schon beträchtliche Schmerzen verursachen. Die Wundschmerzen könnten durch den nun entdeckten Mechanismus zusätzlich verstärkt werden. Wir fanden heraus, dass eine Langzeitpotenzierung der synaptischen Übertragung (engl. long-term potentiation, LTP) durch Entzug verschiedener Opioide in vivo als auch in vitro (in der Petrischale) ausgelöst werden kann. Mit einem modernen bildgebenden Verfahren, der 2-Photonen-Laserscanning Mikroskopie, konnten wir zeigen, dass die Ursache hierfür offenbar ein Anstieg der Konzentration von freien Kalziumionen in Nervenzellen des Rückenmarks ist. Kalziumionen sind ein universeller zweiter Botenstoff in Nervenzellen, der eine Reihe von Enzymen aktiviert. Wenn das Opioid nicht schlagartig abgeschaltet, sondern über einen längeren Zeitraum behutsam reduziert wurde, war auch keine Verstärkung der Schmerzsignale mehr messbar. Ferner konnten wir zeigen, dass die Signalverstärkung durch die gleichzeitige Gabe eines Medikamentes verhindert wird, das die NMDA-Rezeptorkanäle blockiert. Dieser Rezeptortyp spielt auch eine Rolle bei dem sogenannten Schmerzgedächtnis, wo es nach Schmerzreizen ebenfalls zu einer andauernden Schmerzverstärkung kommt. Beide Maßnahmen, das langsame Ausschleichen der Opioidgabe und die Blockade der NMDA-Rezeptoren verhindern die Signalverstärkung vollständig, ohne dabei die erwünschte Hemmwirkung der Opioide zu beeinträchtigen. Wir haben ferner entdeckt, dass sich die verschiedenen Opioide beträchtlich in ihren Eigenschaften unterscheiden, auch was die paradoxe Schmerzüberempfindlichkeit angeht. Das häufig in der Klinik eingesetzte Buprenorphin hatte in normalen Dosierungen gute hemmende Wirkungen. In extrem niedrigen Dosierungen jedoch einen verstärkenden Effekt im Rückenmark. Dieser war auf die Aktivierung körpereigener schmerzmodulierender Systeme zurückzuführen, die vom Hirnstamm zum Rückenmark projizieren. Schmerzhemmung und Schmerzverstärkung durch werden nach unseren Erkenntnissen durch Vorgänge ausgelöst, die an unterschiedlichen Orten der Nervenzellen und an unterschiedlichen Orten des Nervensystems ablaufen. Das lässt die Vermutung zu, dass in Zukunft Schmerzmittel entwickelt werden könnten, die nur die erwünschten, nicht jedoch die unerwünschten Eigenschaften aufweisen.
Research Output
- 1599 Zitationen
- 19 Publikationen
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2021
Titel Lamina-specific properties of spinal astrocytes DOI 10.1002/glia.23990 Typ Journal Article Autor Kronschläger M Journal Glia Seiten 1749-1766 Link Publikation -
2021
Titel Spontaneous, Voluntary, and Affective Behaviours in Rat Models of Pathological Pain DOI 10.3389/fpain.2021.672711 Typ Journal Article Autor Draxler P Journal Frontiers in Pain Research Seiten 672711 Link Publikation -
2015
Titel Selective Activation of Microglia Facilitates Synaptic Strength DOI 10.1523/jneurosci.2061-14.2015 Typ Journal Article Autor Clark A Journal The Journal of Neuroscience Seiten 4552-4570 Link Publikation -
2020
Titel Fundamental sex differences in morphine withdrawal-induced neuronal plasticity. DOI 10.1097/j.pain.0000000000001901 Typ Journal Article Autor Hadschieff V Journal Pain Seiten 2022-2034 -
2020
Titel Interferon-? facilitates the synaptic transmission between primary afferent C-fibres and lamina I neurons in the rat spinal dorsal horn via microglia activation DOI 10.1177/1744806920917249 Typ Journal Article Autor Reischer G Journal Molecular Pain Seiten 1744806920917249 Link Publikation -
2019
Titel Withdrawal from an opioid induces a transferable memory trace in the cerebrospinal fluid. DOI 10.1097/j.pain.0000000000001688 Typ Journal Article Autor Drdla-Schutting R Journal Pain Seiten 2819-2828 Link Publikation -
2012
Titel Effects of Peripheral Inflammation on the Blood-Spinal Cord Barrier DOI 10.1186/1744-8069-8-44 Typ Journal Article Autor Xanthos D Journal Molecular Pain Seiten 1744-8069-8-44 Link Publikation -
2014
Titel Pain in neuromyelitis optica—prevalence, pathogenesis and therapy DOI 10.1038/nrneurol.2014.129 Typ Journal Article Autor Bradl M Journal Nature Reviews Neurology Seiten 529-536 -
2011
Titel Multiple Targets of µ-Opioid Receptor-Mediated Presynaptic Inhibition at Primary Afferent Ad- and C-Fibers DOI 10.1523/jneurosci.4060-10.2011 Typ Journal Article Autor Heinke B Journal The Journal of Neuroscience Seiten 1313-1322 Link Publikation -
2011
Titel Long-Term Potentiation in Spinal Nociceptive Pathways as a Novel Target for Pain Therapy DOI 10.1186/1744-8069-7-20 Typ Journal Article Autor Ruscheweyh R Journal Molecular Pain Seiten 1744-8069-7-20 Link Publikation -
2011
Titel Central Nervous System Mast Cells in Peripheral Inflammatory Nociception DOI 10.1186/1744-8069-7-42 Typ Journal Article Autor Xanthos D Journal Molecular Pain Seiten 1744-8069-7-42 Link Publikation -
2011
Titel Hyperalgesia by synaptic long-term potentiation (LTP): an update DOI 10.1016/j.coph.2011.10.018 Typ Journal Article Autor Sandkühler J Journal Current Opinion in Pharmacology Seiten 18-27 Link Publikation -
2016
Titel Gliogenic LTP spreads widely in nociceptive pathways DOI 10.1126/science.aah5715 Typ Journal Article Autor Kronschläger M Journal Science Seiten 1144-1148 Link Publikation -
2015
Titel Pronociceptive and Antinociceptive Effects of Buprenorphine in the Spinal Cord Dorsal Horn Cover a Dose Range of Four Orders of Magnitude DOI 10.1523/jneurosci.0731-14.2015 Typ Journal Article Autor Gerhold K Journal The Journal of Neuroscience Seiten 9580-9594 Link Publikation -
2013
Titel Induction of Thermal Hyperalgesia and Synaptic Long-Term Potentiation in the Spinal Cord Lamina I by TNF-a and IL-1ß is Mediated by Glial Cells DOI 10.1523/jneurosci.5087-12.2013 Typ Journal Article Autor Gruber-Schoffnegger D Journal The Journal of Neuroscience Seiten 6540-6551 Link Publikation -
2013
Titel Non-Hebbian plasticity at C-fiber synapses in rat spinal cord lamina I neurons DOI 10.1016/j.pain.2013.04.011 Typ Journal Article Autor Naka A Journal Pain Seiten 1333-1342 Link Publikation -
2009
Titel Induction of Synaptic Long-Term Potentiation After Opioid Withdrawal DOI 10.1126/science.1171759 Typ Journal Article Autor Drdla R Journal Science Seiten 207-210 -
2011
Titel Distinct Mechanisms Underlying Pronociceptive Effects of Opioids DOI 10.1523/jneurosci.3491-11.2011 Typ Journal Article Autor Heinl C Journal The Journal of Neuroscience Seiten 16748-16756 Link Publikation -
2011
Titel Heterosynaptic Long-Term Potentiation at GABAergic Synapses of Spinal Lamina I Neurons DOI 10.1523/jneurosci.3076-11.2011 Typ Journal Article Autor Fenselau H Journal The Journal of Neuroscience Seiten 17383-17391 Link Publikation