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Kelsens Leben in Amerika (1940-73) und die Verbreitung seiner Rechtslehre auf der Welt

Kelsens´s Life in America (1940-73) & the diffusion of his Legal Theory across the Globe

Thomas Olechowski (ORCID: 0000-0003-3291-6876)
  • Grant-DOI 10.55776/P23747
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.07.2011
  • Projektende 28.02.2015
  • Bewilligungssumme 157.218 €

Wissenschaftsdisziplinen

Andere Sozialwissenschaften (20%); Geschichte, Archäologie (10%); Rechtswissenschaften (70%)

Keywords

    Kelsen, Hans, History of the United Nations, Legal Theory, Emigré Scholars, Pure Theory of Law, American History of Sciences

Abstract Endbericht

Das Projekt stellt eine Fortsetzung des Projekts "Biographische Untersuchungen zu Hans Kelsen in den Jahren 1881-1940" (P 19287) dar, das vom FWF finanziert wurde und 2010 zum Abschluss kam. Beide Projekte gemeinsam sind die Grundlage für die erste wissenschaftliche Biographie zu Hans Kelsen, dem wahrscheinlich weltweit bedeutendsten Rechtswissenschafter des 20. Jahrhunderts. Das Jahr 1940 war ein wichtiger Wendepunkt in Kelsens Leben: Infolge des 2. WK musste er aus Europa flüchten und in die USA immigrieren. Die Quellen für Kelsens Leben vor und nach 1940 differieren erheblich voneinander. Für das neue Projekt müssen vorwiegend Quellen gesucht und analysiert werden, die sich in den USA (Harvard, Berkeley, National Archives in Washington D.C. u.v.a.) oder in Lateinamerika (Mexico City, Buenos Aires, Montevideo u.v.a.) befinden. Das Projekt ist bestrebt, Kelsens wissenschaftliches Werk in eine Beziehung zu seiner Biographie zu setzen und zu untersuchen, welche historischen Faktoren für beide bedeutsam waren. Die voraussichtlich wichtigsten Themen werden sein: Die schwierige persönliche Situation Kelsens, der mit fast 60 Jahren mittellos emigrieren musste; die Situation der Universitäten und der scientific community in den USA zur Zeit der 1940er und 1950er Jahre; die Gründung der Vereinten Nationen (und Kelsens Anteil daran) sowie der bemerkenswerte Kontrast zwischen der mangelnden Rezeption von Kelsens "Reiner Rechtslehre" in den USA und dem großen Erfolg, den sie in Lateinamerika hatte. Zur Evaluation der Forschungsergebnisse, wird Anfang 2014 eine internationale Konferenz in Wien organisiert werden, wo die Resultate präsentiert und mit Fachleuten diskutiert werden sollen. So wie das Vorgängerprojekt, ist auch dieses Projekt aus enger Zusammenarbeit mit dem Wiener Hans Kelsen- Institut (Geschäftsführer: C. JABLONER) entstanden, das seine volle Unterstützung zugesichert hat. Der Dekan der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien, H. MAYER, zugleich stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Hans Kelsen-Instituts, wird als nationaler Forschungspartner auftreten. Internationale Kooperationen wurden vereinbart mit dem DFG-Projekt Nr. JE 265/3-1 (M. JESTAEDT, Erlangen), das eine komplette Werkedition Hans Kelsens zum Gegenstand hat; ferner mit der Europäischen Akademie für Rechtstheorie in Brüssel (M. VAN HOECKE) sowie mit Professoren in Berkeley (R. BUXBAUM), St. Louis (St. PAULSON), Iowa (A. SOMEK) und Montevideo (O. SARLO).

Das Projekt war die Fortsetzung des FWF-Projekts Biographische Untersuchungen zu Hans Kelsen in den Jahren 18811940 (P 19287) und bildet gemeinsam mit diesem die Grundlage für die erste wissenschaftliche Biographie des wohl weltweit bedeutendsten Rechtswissenschafters des 20. Jahrhunderts. Das Jahr 1940 war eine tiefe Zäsur in Kelsens Leben, da er in diesem Jahr von Europa in die USA emigrierte. Aufgrund seines hohen Alters, vor allem aber, weil die von ihm entwickelte Reine Rechtslehre in den USA als nicht praxisrelevant eingestuft wurde, gelang es ihm nur schwer, in Amerika Fuß zu fassen. Bis 1945 konnte er nur befristete Lehraufträge (in Harvard und Berkeley) wahrnehmen; zentrale Bedeutung kam hier der Rockefeller-Foundation zu, die ihm die materielle Existenz sicherte.Kelsens wissenschaftliche Arbeiten dieser Zeit sind deutlich vom Bemühen geprägt, die Nützlichkeit seiner Lehren unter Beweis zu stellen; er publizierte zahlreiche Schriften zum Pazifismus, zur Ahndung der Verbrechen des Zweiten Weltkrieges und zu einer neuen Weltorganisation, die an die Stelle des Völkerbundes treten sollte. Aus diesem Grund wurde er 1944 von der Foreign Economic Administration, einer im Jahr zuvor gegründeten, direkt dem US-Präsidenten unterstehenden Behörde, als Berater engagiert. Als solcher entwickelte Kelsen Pläne zur Behandlung Österreichs und Deutschlands nach Kriegsende. Die Berliner Erklärung der Alliierten Mächte vom 5. 6. 1945, die die Grundlage für die gesamte staatliche Entwicklung Deutschlands seit 1945 darstellt, kann als vollständige Entsprechung von Kelsens Vorschlägen gedeutet werden. 1945 war Kelsen als Gutachter für das War Crimes Office beim Judge Advocate General der US-Army tätig und verfasste für dieses acht Gutachten, von denen besonders jene über die Rückwirkung von Strafgesetzen und über die Definition des Angriffskrieges große praktische Bedeutung für die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse hatten. Diese Gutachten führten schließlich auch dazu, dass Kelsen von der University of California als useful erkannt und 1945 zum full professor ernannt wurde. Das hohe Alter der Ernennung führte nochmals zu Problemen, als Kelsen schon wenige Jahre später pensioniert wurde; nach vielen Diskussionen mussten schließlich die allgemeinen Pensionsbestimmungen der Universität abgeändert werden, damit Kelsen Ruhebezüge erhalten konnte.Im Gegensatz zu Angloamerika wurde die Reine Rechtslehre in Lateinamerika mit großer Begeisterung rezipiert. 1941, 1949 und 1960 unternahm Kelsen drei große Vortragsreisen, die ihn nach Kuba, Brasilien, Argentinien, Uruguay und Mexiko führten. Von zentraler Bedeutung war hier sein 1949 erfolgtes Zusammentreffen mit Carlos Cossio, der, aufbauend auf Kelsen, eine eigene, sog. egologische Rechtslehre begründet hatte.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Wien - 100%
Nationale Projektbeteiligte
  • Alexander Somek, Universität Wien , nationale:r Kooperationspartner:in
Internationale Projektbeteiligte
  • Mark Van Hoecke, European Academy of Legal Theory - Belgien
  • Matthias Jestaedt, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg - Deutschland
  • Ulises Schmill, Instituto Tecnológico Autónomo de México - Mexiko
  • Oscar Sarlo, Universidad de la Republica Uruguay - Uruquay
  • Richard M. Buxbaum, University of California Berkeley - Vereinigte Staaten von Amerika
  • Stanley L. Paulson, Washington and Lee University - Vereinigte Staaten von Amerika

Research Output

  • 9 Zitationen
  • 20 Publikationen
Publikationen
  • 2016
    Titel Hans Kelsen, The Second World War and the U.S. Government
    DOI 10.1007/978-3-319-33130-0_6
    Typ Book Chapter
    Autor Olechowski T
    Verlag Springer Nature
    Seiten 101-112
  • 2015
    Titel Hans Kelsen und die Berufungen nach Graz, Czernowitz und Wien 1916–1919
    DOI 10.1553/brgoe2014-2s254
    Typ Journal Article
    Autor Olechowski T
    Journal Beiträge zur Rechtsgeschichte Österreichs
    Seiten 254-265
    Link Publikation
  • 2015
    Titel Der Kreis um Hans Kelsen in Lateinamerika Wie die Reine Rechtslehre Lateinamerika eroberte
    DOI 10.1553/brgoe2014-1s64
    Typ Journal Article
    Autor Gassner M
    Journal Beiträge zur Rechtsgeschichte Österreichs
    Seiten 64-83
    Link Publikation
  • 2013
    Titel Felix Frankfurter, Hans Kelsen, and the Practice of Judicial Review.
    Typ Journal Article
    Autor Ehs T
    Journal Zeitschrift für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht, ZaöRV
  • 2013
    Titel Egologische Rechtslehre versus Reine Rechtslehre. Cossio versus Kelsen
    DOI 10.3790/rth.44.2.139
    Typ Journal Article
    Autor Gassner M
    Journal Rechtstheorie
    Seiten 139-156
  • 2013
    Titel Hans Kelsen als Mitglied der Deutschen Staatsrechtslehrervereinigung.
    Typ Book Chapter
    Autor Matthias Jestaedt (Hrsg)
  • 2011
    Titel Biographische Untersuchungen zu Hans Kelsen.
    Typ Journal Article
    Autor Olechowski T
    Journal Rechtsgeschichtliche Vorträge
  • 2014
    Titel Bernatzik Edmund (1854-1919).
    Typ Book Chapter
    Autor Olechowski T
  • 2014
    Titel Recht und Frieden: Friedenssicherung mittels Militärintervention? Von der Entwicklung des Interventionsrechts im 19. und 20. Jahrhundert aus rechtsphilosophischer und völkerrechtsgeschichtlicher Sicht.
    Typ Conference Proceeding Abstract
    Autor Gassner M
    Konferenz BERNHARD JAKL et al (Hrsg), Recht und Frieden - Wozu Recht? Tagungen des Jungen Forums Rechtsphilosophie (JFR) in der Internationalen Vereinigung für Rechts- und Sozialphilosopohie (IVR) im September 2012 in Münster und im April 2013 in Berlin (= Arch
  • 2014
    Titel Kelsen als Pazifist.
    Typ Book Chapter
    Autor Nikitas Aliprantis / Thomas Olechowski (Hrsg)
  • 2014
    Titel Tezner Friedrich (1856-1925).
    Typ Book Chapter
    Autor Olechowski T
  • 2014
    Titel Teora Egolgica del Derecho Versus Teora Pura del Derecho - Cossio Versus Kelsen.
    Typ Journal Article
    Autor Gassner M
    Journal Revista Anales de la Facultad de Ciencias Juridicas y Sociales U.N.L.P.
  • 2014
    Titel Hans Kelsen: Die Aktualität eines großen Rechtswissenschafters und Soziologen des 20. Jahrhunderts.
    Typ Book
    Autor Aliprantis N
  • 2011
    Titel Merkl Adolf (1890-1970).
    Typ Book Chapter
    Autor Olechowski T
  • 2011
    Titel Kelsen Hans (1881-1973).
    Typ Book Chapter
    Autor Olechowski T
  • 2013
    Titel Kelsens Debellatio-These. Rechtshistorische und rechtstheoretische Überlegungen zur Kontinuität von Staaten.
    Typ Book Chapter
    Autor Clemens Jabloner Ua (Hrsg)
  • 2013
    Titel Biographical Researches on Hans Kelsen in the Years 1881-1920.
    Typ Journal Article
    Autor Olechowsi T
    Journal Právnehistorické studie
  • 2012
    Titel Hans Kelsen. Legal Scholar between Europe and the Americas.
    Typ Journal Article
    Autor Ehs T
    Journal online at Transatlantic Perspectives since November 2012
  • 2014
    Titel Welt ohne Gericht. Die stets vertagte Völkerrechtsrevolution.
    Typ Journal Article
    Autor Ehs T
    Journal Blätter für deutsche und internationale Politik
  • 2014
    Titel The beginnings of constitutional justice in Europe
    DOI 10.1017/cbo9781107358393.005
    Typ Book Chapter
    Autor Olechowski T
    Verlag Cambridge University Press (CUP)
    Seiten 77-95

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