"Leerheit von Anderem" (Gzhan stong) in den tibetischen Mahamudra-Traditionen
"Emptiness of Other" (Gzhan stong) in the Tibetan Mahamudra Traditions
Wissenschaftsdisziplinen
Philosophie, Ethik, Religion (40%); Sprach- und Literaturwissenschaften (60%)
Keywords
-
Tibetan Buddhist philosophy,
Great Seal (Mahamudra),
Emptiness of Other (Gzhan stong),
History of Ideas,
Scholastic Debate,
Contemplative Traditions
Die Yoga- und Meditationstechniken der mahamudra, die seit einiger Zeit weltweit auf großes Interesse stoßen, nahmen in der intellektuellen Geschichte Tibets, vor allem in den Bka` brgyud-Schulen eine wesentliche Rolle ein. Die Methoden, mit direkter gültiger Erkenntnis einen unmittelbaren Zugang zur lichthaften Natur des Geistes zu gewinnen, schufen die Grundlage für philosophische Systeme, die das Absolute positiv beschreiben. Hintergrund dafür boten die Lehren der dritten Raddrehung des dharma (dharmacakra), das nicht nur auf den Lehren über Leerheit beruht, sondern auch zwischen dem Zugeschriebenen und dem Wirklichen (d. h. Gegebenheiten und ihrer wahren Natur bzw. den akzidentellen Verunreinigungen und der Buddha-Natur) unterscheidet. Manche haben dieses dritte dharmacakra als eine Lehre der definitiven Bedeutung verstanden und sogar die Notwendigkeit, betont, die Unterscheidung zwischen Zugeschriebenem und Wirklichem in Bezug auf die zwei Arten von Leerheit, die "Leerheit von einem Selbst" (rang stong) und die "Leerheit von Anderem" (gzhan stong) zu definieren. Diese auf mahamudra beruhende gzhan stong-Philosophie wurde vom 15. und 16. Jh. an systematisch präsentiert, in einer Zeit, in der die Bka` brgyud pas über wirtschaftliche und politische Macht verfügten (in Zentraltibet stellten sie sogar die Herrscher) und somit frei waren, ihre mahamudra-Philosophie zu formulieren sowie gegen die früheren Kritiken von Sa skya Pandita (1182-1251) und seinen Schülern, die während der Yuan-Dynastie (1271-1368) die Macht in Tibet innehatten, zu verteidigen. Im 17. Jh. wurden die Bka` brgyud pas von der Regierung des 5. Dalai Lama (1617-1682) verfolgt. Die mahamudra-Tradition überlebte jedoch und hat sich mittlerweile weltweit ausgebreitet, dies allerdings mit einem geringen Maß an Belegen für ihren reichen scholastischen und intellektuellen Hintergrund. Der aktuelle Forschungsstand belegt, dass es eine auf mahamudra-beruhende gzhan stong-Philosophie gibt, die auf Maitripa und andere indische Meister zurückgeht (wenn auch nicht als gzhan stong bezeichnet). Es ist daher von großer Wichtigkeit und Interesse, die Entwicklung dieses Zugangs im 15. und 16. Jh. systematisch zu untersuchen, jene Zeit, als ihre wichtigsten Vertreter frei waren, ihre Standpunkte zu vertreten. Die beantragte Analyse beruht auf einer sorgfältigen Auswahl von Passagen von Gser mdog pan chen Shakya mchog ldan (1428-1507), Karma Phrin las pa (1456-1539) und Kun mkhyen Padma dkar po (1527-1596). Zitate aus kanonischen Werken werden identifiziert, kritisch ediert und (soweit vorhanden) mit dem indischen Original verglichen. Erst mit diesen grundlegenden Daten wird es möglich, festzustellen, ob im genannten Zeitrahmen die Bka` brgyud pas eine gzhan stong-Sichtweise vertraten, die auf der direkten mahamudra-Erfahrung der Wirklichkeit beruhte. Das Projekt wird mithilfe von Mag. Martina Draszczyk und Mag. David Higgins durchgeführt (zwei vielversprechenden Dr. phil. Anwärtern, die ihre Promotion mit Anfang des Projekts abgeschlossen haben) sowie in Kooperation mit den tibetischen Gelehrten Mkhan po Blo bzang (Namo Buddha, Nepal) und Acarya Tshul khrims rgya mtsho (Delhi, Indien).
Zu Beginn konzentrierten wir uns auf bislang nicht übersetzte Schriften von drei der einflussreichsten Meister des tibetischen Buddhismus der post-klassischen Ära, Karma phrin las pa (1456-1539), Sh?kya mchog ldan (1423-1507) und Padma dkar po (1527-92). Als zweiten Schritt bezogen wir auch Werke von Karma pa Mi bskyod rje (1507-1554) mit ein, da seine Behandlung der Themen Buddha- Natur und Gzhan stong eine bislang kaum beachtete und äußerst fruchtbare Grundlage für ein besseres Verständnis der philosophischen Hermeneutik und der Debatten der post-klassischen Epoche Tibets darstellen. Alle diese Autoren betonten, dass es für einen Zugang zur lichthaften Natur des Geistes wichtig ist, direkte gültige Erkenntnis anzuwenden. Sie alle stützten sich auf indo-tibetische exegetische Traditionen, die sich für eine positive Bewertung des Letztendlichen aussprachen. Gleichzeitig betrachteten sie jedoch die Annäherung zwischen Mah?mudr? und jenen Strängen des indischen Madhyamaka, speziell der *Pr?sa?gika and Aprati??h?nav?da Systeme, die davon sprechen, dass Phänomene keine Grundlage haben, als entscheidend für ihre philosophischen Ziele. Jeder von ihnen formulierte diese Synthese auf seine Weise und zwar als Ausgleich zwischen eines bestätigenden (kataphatischen) und negativen (apophatischen) Denkstils. Im Allgemeinen können wir daher die Philosophie dieser Exegeten als eine Mah?mudr? des Mittleren Weges beschreiben.Das Projekt wurde im Institut für Südasien-, Tibet- und Buddhismuskunde der Universität Wien durchgeführt. Dr. Martina Draszczyk (drei Wochen im Jahr 2012) und Dr. David Higgins (drei Monate im Jahr 2013) haben zwei Forschungsreisen nach Indien und Nepal unternommen, was ihnen die Gelegenheit geboten hat, seltene Texte, die für die Forschungsarbeit wesentlich waren, aufzufinden und eng mit tibetischen Gelehrten zusammenzuarbeiten. Die Hauptforschungsarbeit erfolgte jedoch in Wien, wo wir eng sowohl mit Indologen und Buddhologen als auch mit drei tibetischen Gelehrten zusammenarbeiten konnten, die während der Projektjahre an der Universität Wien unterrichtet haben. Im Verlauf des Projekts hatten meine Assistenten und ich die Gelegenheit, die Resultate unserer Recherchen auf zwei internationalen Konferenzen vorzustellen, bei denen wir jeweils ein Panel organisiert haben: Das 13. Seminar der International Association of Tibetan Studies (IATS) in Ulaanbaatar, Juli 2013, und der 17. Kongress der International Association of Buddhist Studies (IABS) in Wien, August 2014; die diesbzüglichen Artikel erscheinen in Kürze.Ein Buch mit dem Titel Mah?mudr? and the Middle Way: Post-classical Bka brgyud Discourses on the Nature of Mind, Emptiness, and Tath?gatagarbha wird die Ergebnisse dieses FWF Projekts zusammenfassen. Da bislang weder eine systematische Analyse der post-klassischen Bka brgyud Mah?mudr? Philosophien erschienen ist, noch der Versuch unternommen wurde, ihre Entwicklung und die komplexe Beziehung zu früheren Strömungen im indischen Buddhismus zu untersuchen, ist diese Studie von wesentlichem Interesse im Rahmen von buddhistischen und tibetischen Studien. Die Publikation wird in der Reihe der Wiener Studien zur Tibetologie und Buddhismuskunde (WSTB), Universität Wien erscheinen.
- Universität Wien - 100%
- Jim Rheingans, Universität Bonn - Deutschland
- Harunaga Isaacson, Universität Hamburg - Deutschland
Research Output
- 5 Zitationen
- 14 Publikationen
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2015
Titel Die Anwendung der Tathagatagarbha-Lehre in Kong spruls Anleitung zur Gzhan stong-Sichtweise. Typ Journal Article Autor Draszczyk M Journal Wien: Arbeitskreis für Tibetische und Buddhistische Studien Universität Wien -
2013
Titel Reality in Buddhism DOI 10.1007/978-1-4020-8265-8_1596 Typ Book Chapter Autor Mathes K Verlag Springer Nature Seiten 1958-1965 -
2012
Titel An Introduction to the Tibetan Dzogchen (Great Perfection) Philosophy of Mind DOI 10.1111/rec3.12004 Typ Journal Article Autor Higgins D Journal Religion Compass Seiten 441-450 -
2012
Titel The gzhan stong model of reality: Some more material on its origin, transmission and interpretation. Typ Journal Article Autor Mathes Kd -
2014
Titel A Summary and Topical Outline of the Sekanirdesapanjika by `Bum la `bar. Typ Journal Article Autor Mathes Kd Journal The Sekanirdeaa of Maitreyanatha (Advayavajra) with the Sekanirdeaapanjika of Ramapala. Ed. by Harunaga Isaacson and Francesco Sferra with Contributions by Klaus-Dieter Mathes and Marco Passavanti. (Manuscripta Buddhica 2). Naples: Universita degli St -
2020
Titel Mahamudra in India and Tibet DOI 10.1163/9789004410893 Typ Book Autor Jackson R Verlag Brill Academic Publishers -
2011
Titel The Collection of 'Indian Mahamudra Works' (phyag chen rgya gzhung) Compiled by the Seventh Karma pa Chos grags rgya mtsho. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Maathes Kd Konferenz Roger Jackson und Matthew Kapstein (eds.), Mahamudra and the Bka'-brgyud Tradition. PIATS 2006: Proceedings of theEleventh Seminar of the International Association for Tibetan Studies, Königswinter 2006, Andiast: International Institute for Tibetan a -
2012
Titel A Reply to Questions Concerning Mind and Primordial Knowing: An Annotated Translation and Critical Edition of Klong chen pa's Sems dang ye shes kyi dris lan. Typ Journal Article Autor Higgins D -
2010
Titel Maitripas Amanasikaradhara ("A Justification of Becoming Mentally Disengaged"). Typ Journal Article Autor Mathes Kd Journal Journal of the Nepal Research Centre -
2013
Titel The Philosophical Foundations of Classical Rdzogs Chen in Tibet, Investigating the Distinction Between Dualistic Mind (sems) and Primordial Knowing (ye shes). Typ Journal Article Autor Higgins D Journal Wien: Arbeitskreis für Tibetische und Buddhistische Studien Universität Wien -
2013
Titel Reality in Buddhism. Typ Book Chapter Autor Anne Runehov Und Lluis Oviedo (Eds.) -
2013
Titel bKa' brgyud Mahamudra: Chinese rDzogs chen" or the Teachings of the Siddhas? Typ Conference Proceeding Abstract Autor Mathes Kd Konferenz Tibet after Empire. Culture, Society and Religion between 850-1000. Proceedings of the Seminar Held in Lumbini, Nepal, March 2011. Edited by Christoph Cüppers, Robert Meyer and Michael Walter. Lumbini: Lumbini International Research Institute, 2013b -
2008
Titel On the Development of the Non-Mentation (Amanasikara) Doctrine in Indo-Tibetan Buddhism. Typ Journal Article Autor Higgins D -
2010
Titel The Principle of True Nature (dharmatayukti) as a Justification for Positive Descriptions of Reality in Mahayana Buddhism. Typ Journal Article Autor Mathes Kd Journal Logic and Belief in Indian Philosophy. Ed. by Piotr Balcerowicz (Warsaw Indological Studies). Delhi: Motilal Banarsidass