Sprirituelle Kompetenz: Analyse eines Schlüsselbegriffs der Ausbildung zum Pfarrberuf
Spiritual Competence: Analysis of a Key Term in the Training for Ministry
Wissenschaftsdisziplinen
Erziehungswissenschaften (25%); Philosophie, Ethik, Religion (75%)
Keywords
-
Spirituality,
Ministry,
Competence,
Education,
Formation,
Pastoral Theology
Im Zuge der durch den Bolognaprozess angestoßenen Reformen der Ausbildung zum evangelischen Pfarrberuf hat sich in der Schweiz, Deutschland und Österreich "spirituelle Kompetenz" als ein neuer Schlüsselbegriff durchgesetzt. Spirituelle Kompetenz wird seither als wichtiges Erfordernis für Pfarrerinnen und Pfarrern gewertet, durch Personalentwicklungskonzepte gefördert und in Evaluationen beurteilt. Diese Ausbildungsneuerung beinhaltet pastoraltheologische, bildungstheoretische und spiritualitätstheoretische Implikationen, die die wissenschaftliche Bearbeitung herausfordern. Diese leistet das Projekt in drei Arbeitsschritte: 1. Empirische Analyse der aktuellen Ansätze spiritueller Kompetenz in Deutschland, der Schweiz und Österreich Das Projekt analysiert mit der Methode der Grounded Theory den Begriff "spirituelle Kompetenz" in den Ausbildungsplänen der Kirchen des deutschen Sprachraums (I. und II. Phase). Es untersucht anhand von Analysefragen, welche Inhalte und Ziele mit dem Begriff "spirituelle Kompetenz" intendiert sind. 2. Historisch-hermeneutische Analyse: Fallstudien zu spiritueller Bildung in der Geschichte der Ausbildung zum Pfarrberuf In einem zweiten Arbeitsschritt fragt das Projekt historisch-hermeneutisch, welche Traditionslinien spiritueller Bildung in den neuen Impulsen erkennbar sind. Dazu werden Fallstudien erarbeitet anhand von Texten aus fünf Epochen, denen grundlegende Bedeutung für reformatorisches Theologieverständnis und Pfarrerbild zukommt oder von denen wesentliche neue Impulse für spirituelle Bildung ausgingen (Zwingli, Luther, Spener, Schleiermacher, Bonhoeffer, Lindbeck). 3. Reflexion der Chancen und Grenzen einer Ausbildungspraxis, die auf spirituelle Kompetenz zielt Schließlich werden die Chancen und Grenzen einer Ausbildungspraxis reflektiert, die spirituelle Kompetenz als Kriterium formuliert, fördert und evaluiert. Dabei werden drei Diskurse berücksichtigt und in Spannung zueinander gehalten: (a.) der pastoraltheologische Diskurs: die funktionale Bestimmung des Pfarrberufs, (b.) der religionspädagogische Diskurs: Kompetenz - Bildung und (c.) der spiritualitätstheoretische Diskurs: die Zweckfreiheit von Spiritualität.
Spiritualität wird in der evangelischen Ausbildung zum Pfarrberuf im deutschen Sprachraum funktional verstanden. Es geht um die Frage: Welche Fähigkeiten und Kompetenzen im Bereich der Spiritualität braucht eine Pfarrerin, ein Pfarrer, um ihre Berufsaufgabe gelingend erfüllen zu können? Zu diesem Ergebnis kommt die Analyse kirchlichen Ausbildungsstandards des deutschen Sprachraums, die sich mit der Untersuchung von Spiritualität einem Phänomen widmete, das in der evangelischen Ausbildung ebenso aktuell wie konfliktträchtig ist.Das Projekt wertete die Richtlinien sämtlicher 44 lutherischen, reformierten und unierten Kirchen der Deutschschweiz, Deutschlands und Österreichs aus. Es untersucht, ob und wie die Texte Spiritualität thematisieren und welche Konzepte von Spiritualität sich erkennen lassen. Die Analyse ergab: Die Texte thematisieren Spiritualität fast durchgängig im Zusammenhang mit Kompetenzen oder Fähigkeiten. Dies entspricht dem Kontext Ausbildung und wird in der Studie unter dem Theoriebegriff spirituelle Kompetenz zusammengefasst. Im Vergleich mit Ausbildungsstandards aus der Ökumene (der römisch-katholischen Priesterbildung sowie der Ausbildung von Pfarrerinnen und Pfarrern der anglikanischen Church of England und der Evangelical Lutheran Church in America) zeigte sich jedoch, dass eine vergleichbare funktionale Perspektive auf Spiritualität in den Texten der Ökumene nicht vorkommt. Statt als Können versteht die Ökumene Spiritualität als ein Sein.Die Verbindung von Spiritualität und Funktionalität, die die aktuellen evangelischen Ausbildungsstandards des deutschen Sprachraums durchzieht, entspricht der funktionalen Bestimmung des evangelischen Pfarrberufs. Da Spiritualität jedoch geradezu als Gegenbegriff zu Funktionalität geltend gemacht werden kann, birgt diese Verbindung einiges Konfliktpotential. Die Diskussion der Ergebnisse leuchtete dieses Konfliktpotential aus. Sie ging dabei auch den Fragen nach, ob und auf welchen Ebenen ein Zusammenspiel beider Pole als möglich erscheint, wie leistungsfähig das Konzept spirituelle Kompetenz ist und wo seine Grenzen liegen.
- Universität Wien - 100%
Research Output
- 6 Zitationen
- 6 Publikationen
-
0
Titel Theologische Ausbildung und Spiritualität. Typ Other Autor Hermisson S -
2012
Titel Modelle zur Förderung von Spiritualität in Vikariat und kirchlicher Studienbegleitung. Eine qualitativ-empirische Analyse. Typ Book Chapter Autor Hermisson S -
2012
Titel 'Spiritual Competence'. Research Project on a New Key Term in Protestant Training for Ministry. Typ Book Chapter Autor Hermisson S -
2016
Titel Spirituelle Kompetenz DOI 10.14220/9783737004510 Typ Book Autor Hermisson S Verlag Brill Deutschland Link Publikation -
2016
Titel Spirituelle Kompetenz: Eine qualitativ-empirische Studie zu Spiritualität in der Ausbildung zum Pfarrberuf. Typ Book Autor Hermisson S -
2016
Titel Menschsein und Religion DOI 10.14220/9783737005494 Typ Book Verlag Brill Deutschland Link Publikation