Raum und Sachkultur in der mittelalterlichen Stadt: Archäologische Forschungen in Tulln
Space and Material Culture of a Medieval Town: Archaeological Research in Tulln
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (80%); Humangeographie, Regionale Geographie, Raumplanung (10%); Soziologie (10%)
Keywords
-
Urban Archaeology in Tulln and Lower Austria,
Spatial Concept of a Medieval Town,
Urban Developement,
Spatial Turn in Archaeology,
Exchange and Production,
Medieval Market
In der archäologischen Forschung wurden in den letzten Jahren Forschungsansätzen entwickelt, die methodische Erweiterungen bei der Beschäftigung mit Raumstrukturen und Fundmaterial angeregt haben. Die Architektursoziologie beschäftigt sich mit der gebauten Umwelt und Gebäudeensembles, die Raumsoziologie definiert den Raum als relationales Gebilde auch in übergeordnetem Sinne. Fragen der Stadtentwicklung lassen sich anhand dieser Kategorien neu interpretieren. Die über die Kulturanthropologie angeregte Auseinandersetzung mit der materiellen Kultur untersucht Artefakte hinsichtlich einer Objektbiographie, der Bedeutung der Objekte für Produzenten und Nutzer, im Fokus stehen ferner die soziale und kulturelle Konnotation der Sachkultur. Die niederösterreichische Stadt Tulln gehört aufgrund zahlreicher Grabungen seit den 1970er Jahren zu den am besten archäologisch dokumentierten Städten Österreichs, dabei wurden große Teile der römischen und mittelalterlichen Besiedlung erfasst. Die Grabungen ab 2005 lieferten zusätzliches Datenmaterial, das sich ausgezeichnet als Ausgangspunkt für Fragestellungen zu Raum und Sachkultur eignet. Dabei angewendete modernste Grabungsmethoden erleichtern den Zugang zum Material. Durch die Auseinandersetzung mit den Kategorien "Raum" und "Material" in der mittelalterlichen Stadt können einzelne Bereiche der Stadt punktuell beleuchtet werden, größere Zusammenhänge aufgedeckt und die Stadtentwicklung systematisch untersucht werden. Als repräsentative Ausschnitte der großflächigen Stadtkerngrabungen wurden der mittelalterliche Marktplatz der Stadt und ein Töpfereistandort in der mittelalterlichen Vorstadt gewählt. Beide lassen in hervorragender Weise die Bearbeitung unter den erwähnten methodischen Voraussetzungen zu, wobei die Bearbeitung des Marktplatzes mit Hilfe raumsoziologischer Aspekte die Relationen zum Stadtraum, zum Handelsraum und Produktionsraum in all seinen stadthistorischen und archäologisch auswertbaren Quellen und Forschungsansätzen aufzeigen kann. Fragen zur Bauweise auf dem Markt, zu funktionalen, herrschaftlich-ökonomischen und sozialen Gesichtspunkte sowie zu städtebaulichen Konzepten sollen im Zentrum der Forschungen stehen. Bei der Untersuchung des Töpfereistandorteswird mit den Methoden der "material culture studies" die Öfen und die Keramik hinsichtlich qualitativer und quantitativer Aspekte, der technischen Entwicklungen im Mittelalter und zu sozialen Perspektiven der Produzenten wie der Konsumenten untersucht. So kann das Ziel des beantragten Forschungsprojektes, planmäßig von der mittelalterlichen Gesellschaft in Tulln durchgeführte Stadtentwicklungen, wie Stadterweiterungen, die Organisation und das Betreiben eines Marktes und anderer Produktionszentren zu untersuchen, erreicht werden. Mit dem eingereichten Forschungsprojekt kann das in Tulln gewonnene Datenmaterial basierend auf neuen Forschungsansätzen in der Archäologie systematisiert und bearbeitet werden.
Mit dem FWF Projekt Raum und Sachkultur in der mittelalterlichen Stadt: Archäologische Forschungen in Tulln wurden erstmals zwei Themenkomplexe aus den umfassenden Ausgrabungen in Tulln an der Donau bearbeitet. Im Fokus standen die Töpfereiproduktion und der mittelalterliche Marktplatz der Stadt. Die Aufarbeitung dieser beiden Themen sollten mit neuen theoriebasierten Methoden bewerkstelligt werden. In der mittelalterlichen Westvorstadt wurden enormen Fundmengen an mittelalterlichem Keramikmaterial geborgen, die neue Erkenntnisse über die Organisation der Keramikproduktion anhand sozio-kultureller und wirtschaftlicher Strukturen ermöglichten. Als Basis der Untersuchung dienten neun Keramikbrennöfen sowie umliegende Abfallgruben verfüllt mit spätmittelalterlichem Keramikmaterial. Schriftliche Quellen erwähnen die Schleifung der Vorstadt 1465, wodurch eine Datierung des Keramikmaterials ins späte 14. und frühe 15. Jahrhundert auch von historischer Seite her untermauert wird.Um Erkenntnisse über sozio-kulturelle und wirtschaftliche Strukturen aus den Fundmassen zu erlangen, wurde das Material unter dem Aspekt der Material Culture Studies, welche auf der Wechselbeziehung zwischen Ding und Mensch basieren, analysiert. Dazu wurde das Fundmaterial im Hinblick auf die verwendete Herstellungstechnik untersucht. Durch die Beschreibung einzelne Produktionsschritte konnte der gesamte Produktionsablauf (chane opératoire) nachvollzogen werden. Anhand des Produktionsprozesses wurden Handlungsoptionen (technical choices) aufgedeckt, strategische Momente, in denen der Hersteller unabhängig von Rohmaterial und Produktionsablauf individuell über den nächsten Schritt entscheidet und sich somit im Objekt verdeutlicht. Diese Handlungsoptionen sind im Tullner Material anhand der Angarnierung der Handhaben sowie der Verzierung erkennbar. Durch das Herausfiltern dieser technical choices wurden verschiedenen Handwerkergruppen in der spätmittelalterlichen Vorstadt definiert.Trotz geringer Abweichungen im Herstellungsprozess, die auf individuelle Einflüsse unterschiedlicher Handwerker(gruppen) zurückzuführen sind, zeigt der Großteil des Keramikmaterials geringe Abweichungen vom allgemein vorherrschenden Produktionsprozess. Das Rohmaterial für die Keramik wurde während des 14. und 15. Jahrhunderts aus ein und derselben Tonquelle gewonnen. Zählt man zu diesen Fakten noch die Tatsache, dass der Produktionsbereich konzentriert in der Form möglicherweise unter dem Dach einer Zunft organisiert war.Die Befunde des Marktplatzes wurden mit Hilfe von Methoden aus der Raum- und Architektursoziologie ausgewertet. Die Raumsoziologie betrifft räumliche Prozesse der Inbesitznahme des Marktraumes, die Nutzung des Marktes vom 11. 20. Jahrhundert und seine Gestaltung im Zusammenhang mit der Stadtentwicklung. Mit architektursoziologischen Methoden wurden die Gestalt, Organisation, Funktion, Ökonomie, sozialen Zusammenhänge und die Symbolkraft der Bauten am Markt untersucht. Dabei wurden mittelalterliche und neuzeitliche Bild- und Schriftquellen für einen Abgleich mit archäologischen Quellen aus dem mitteleuropäischen Raum herangezogen. Mit der Raumsoziologie wurden auch die Themen Marktort (Platz oder Gasse) und Marktfunktion (täglicher, wöchentlicher, Jahrmarkt) problematisiert. Die Marktpraxis wurde durch Auswertung des Fundmaterials mit Hilfe von Theorien der Konsumforschung erarbeitet. Dabei zeigte sich, dass bestimmte Waren jeweils an festgelegten Orten verkauft wurden. So ist für das Spätmittelalter wohl eine Fleischbank vorhanden, sowie Tische und Bänke für den Verkauf von Leinwand, Brot oder Kramwaren.Die bis in die Neuzeit hauptsächlich aus Holzbauten errichtete Marktarchitektur unterlag einem steten Wandel. Während bis in das Hochmittelalter eher mobile Bauten wie Tische, Schrangen und Zelte vorherrschten, wurde ab dem Spätmittelalter ein organsierterer Markt aus örtlich fixierten Marktbauten wie Bänken und massiven Tischen benutzt. Wesentlich war auch eine über die Jahrhunderte frei bleibende zentrale Fläche, die als Ort für bewegliche Waren und dem Verkauf von Wagen herab genutzt wurde. Die aus Schrift- und Bildquellen bekannte Verwendung des Aufschlagstandes (Kram) hinterließ dagegen keine archäologisch nachweisbaren Spuren, ist jedoch bis in die Gegenwart eine häufig genutzte Marktarchitektur. Repräsentative Funktionen von Bauten waren archäologisch erst für die Frühe Neuzeit zu erfassen. Weiter gab es zeitweise Zonen mit Arbeitsbereichen (Öfen) oder für die Müllentsorgung am Markt. Wichtig waren auch die im Fundmaterial und den Befund dokumentierte kulturelle, religiöse, politische und soziale Nutzung des Marktraums für Feste, Umzüge, Versammlungen und Spiele.So zeigte sich über die Jahrhundert in den archäologischen Quellen ein räumlich geordneter, jedoch veränderlicher Markt, der seine mobilen und fixierten Marktarchitekturen nach unterschiedlichen Bedürfnissen des Marktes und der Stadt veränderte. Die raumsoziologische Deutung förderte das Verständnis des Marktes als multifunktionaler Raum auch in den archäologischen Quellen.
- Universität Wien - 100%
Research Output
- 8 Publikationen
-
2016
Titel Perspektiven auf Entsorgungspraktiken im Mittelalter. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Theune C Konferenz Beiträge zur Mittelalterarchäologie in Österreich. -
2015
Titel Archäologische Fundmassen und Massenfunde aus ehemaligen Konzentrationslagern, Typ Conference Proceeding Abstract Autor Theune C Konferenz Hofer (Hrsg), Fachgespräch Massenfunde - Fundmassen: Strategien und Perspektiven im Umgang mit Massenfundkomplexen (Fundberichte aus Österreich Tagungsband). -
2016
Titel Konsumort Markt - Forschungen zu Objekt und Raum am Beispiel des Tullner Breiten Marktes. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Scholz U Konferenz Beiträge zur Mittelalterarchäologie in Österreich. -
2014
Titel Tulln Hauptplatz: Archäologische Forschungen zum Markt in der mittelalterlichen Stadt. Typ Book Chapter Autor Lauermann -
2012
Titel Konsum und Archäologie: Zur Anwendung von Theorien der Konsumforschung in der Historischen Archäologie. Typ Journal Article Autor Scholz U -
2013
Titel Die Großgrabungen in Tulln an der Donau als Quellen für die Wirtschafts- und Sozialgeschichte der mittelalterlichen Stadt. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Scholz U Konferenz Hofer (Hrsg) Mittelalterarchäologie in Österreich - eine Bilanz (Beiträge zur Mittelalterarchäologie in Österreich). -
2013
Titel Jahrmarkt und Johannisfeier: Kulturelle Perspektiven und Archäologie der spätmittelalterlichen Öfen am Breiten Markt von Tulln; ein Werkstattbericht. Typ Book Chapter Autor Eder Et Al (Hrsg) -
2013
Titel Raum und Sachkultur in der mittelalterlichen Stadt: Archäologische Forschungen in Tulln. Typ Journal Article Autor Sabeditsch S