Der Ostalpenraum revisited: Kontinuität und Wandel von Spätantike zum Mittelalter
The Eastern Alps revisited
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (10%); Geschichte, Archäologie (90%)
Keywords
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Late Antiquity,
Archaeology,
Late Antiquity,
Regional History,
Early Middle Ages,
Eastern Alps
Der Ostalpenraum verzeichnet in der Zeit des Übergangs von Spätantike zu frühem Mittelalter eine wechselhafte Geschichte. Die größtenteils in den Alpen gelegene Provinz Noricum Mediterraneum hatte noch im endenden 5. und beginnenden 6. Jh. starke Verbindungen zum italisch-römischen Kulturraum, wie sowohl historische als auch archäologische Quellen zeigen. Nach den gotischen Kriegen sowie der langobardischen Eroberung großer Teile der italischen Halbinsel verschwindet der Raum aus den Quellen. Für das 7. Jh. gibt es nur mehr vage Hinweise auf den Ostalpenraum, die darauf deuten, dass die Region von slawischen Gruppen kontrolliert wurde. Diese befanden sich in einer schwer definierbaren Abhängigkeit zum awarischen Khaganat. Die archäologischen Quellen verschwinden ebenso und werden undeutlich. Im 8. und 9. Jh. erscheint der Raum wieder in den schriftlichen Quellen: als slawisches, heidnisches Herrschaftsgebiet. Gleichzeitig gibt es wieder mehr und eindeutigere archäologische Funde. Für diesen kulturellen und politischen Wechsel von römischer Kultur zu "Barbarentum" - in der Forschung oft als kompletter Bevölkerungswechsel dargestellt - wurde die Eroberung des Raumes durch Awaren und Slawen um das Jahr 600 verantwortlich gemacht. Einst wurde dafür die Bezeichnung "Landnahme" verwendet, heute jedoch tendiert man zu einem multi-ethnischen Konzept. Nach wie vor sind die genauen Mechanismen dieser Transformation jedoch kaum erforscht. So mehren sich beispielsweise die Hinweise, dass es schon ab Mitte des 6. Jh. einschneidende Veränderungen gegeben hatte - einer Zeit, in der Awaren und Slawen noch weit entfernt waren. Was hatte dann diese Veränderungen verursacht? Was für eine Auswirkung hatten sie und die folgenden Entwicklungen auf die Bevölkerung des 6. Jh.? Wurden die Eliten zerstört und neue geformt oder gab es Verbindungen und Kontinuitäten zwischen diesen Eliten? Was für einen Einfluss hatte das auf die Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung der ostalpinen Bevölkerung - sowohl der einheimischen als auch der zugezogenen? Wie kann man die Identitäten dieser Bevölkerung beschreiben? Die schriftlichen Quellen der Zeit nutzten Bezeichnungen, die stets mehr als nur einen Sinn und Zweck hatten. In den Ostalpen war es vor allem die Mission Salzburgs, die die erhaltenen schriftlichen Quellen produzierte - wie vertrauenswürdig sind diese Nachrichten? Und schließlich: was war die ökonomische Basis der Bevölkerung und warum waren, nach archäologischen und historischen Quellen, die Eliten sowohl im 6. als auch im 8. Jh. relativ wohlhabend - im 7. Jh. gibt es jedoch keine Spur von Reichtum? Aufgrund der Quellenarmut in diesen Jahrhunderten kann nur eine gemeinsame Forschungsstrategie und Synthese von Geschichte und Archäologie diese Transformationen erklären und damit zu einem besseren Verständnis zur Bildung der mittelalterlichen Gesellschaft in den Ostalpen führen. Von einer engen Zusammenarbeit beider Fächer sowie der Entwicklung und Erprobung interdisziplinärer Methoden ist mit Sicherheit ein großer Erkenntnisgewinn zu erwarten. Aus diesem Grund wird das Projekt von archäologischer und historischer Seite gemeinsam unter der Leitung von C. Theune-Vogt und M. Diesenberger beleuchtet. Die Projektmitarbeiter haben bereits ausführliche Forschungen zu dem Thema gemacht und in Folge gemeinsame Fragestellungen entworfen, welche als Ausgangspunkt für die geplanten Forschungen dienen. K. Winckler schrieb eine Monographie über die Alpen in den Jahren 500 bis 800 sowie zwei Artikel zum Thema (Veröffentlichung 2011), S. Eichert veröffentlichte eine Monographie zu den frühmittelalterlichen Funden Kärntens (2010) sowie zahlreiche einschlägige Artikel.
Das Projekt Ostalpenraum revisited war eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Archäologie und Geschichtswissenschaften um grundlegende Fragestellungen zur Geschichte des Ostalpenraumes vom 6. bis zum 9. Jh. zu untersuchen. HISTORISCH: Die Vita Severini aus dem beginnenden 6. Jh. wurde oft als Endpunkt der römischen Geschichte der Ostalpen gesehen. Doch kann der im Text geschilderte Auszug der Römer nicht als Hinweis auf eine größere Bevölkerungsbewegung verstanden werden. Denn die bairischen Quellen des 8. Jh. zeigen, dass im Herzogtum noch gewisse römische Traditionen gepflegt wurde etwa in der Namensgebung, Sprache oder in manchen Rechtsauffassungen. Daneben wurde in den Texten kaum ein Unterschied zwischen den Bevölkerungsgruppen gemacht - ein Zeichen, dass diese Romanitas als Teil des bairischen Herzogtums wahrgenommen wurde. Doch es gab auch Brüche, etwa finden sich für das ostalpine Christentum des 7. Jh. nur vage Spuren. Die Entstehung der bairischen Bistümer im 8. Jh. war daher der ideale Ausgangspunkt, um zu erforschen, wie sich in dieser Zeit neue in diesem Fall geistliche Eliten bildeten und wie die Bistümer Salzburg und Freising versuchten, sich Macht und Raum in den Ostalpen anzueignen. Im Karantanien genannten Teil der Alpen finden sich jedoch für das 8. Jh. kaum Hinweise in den schriftlichen Quellen, wobei die ausführlichsten aus dem Süden stammen. Dies nährt die These, dass erst mit dem beginnenden 9. Jh. die Zugehörigkeit des Raumes zu Baiern eindeutig feststand, als der Raum in den bairischen Quellen deutlich sichtbar wird.ARCHÄOLOGISCH: Die Transformation der römischen Provinz zum frühmittelalterlichen Fürstentum und weiter zu einer karolingischen Grafschaft ließ sich auf zahlreichen Ebenen beobachten. Für den Bereich der Bestattungen konnte gezeigt werden, dass nach einer anfangs einfachen sozialen Strukturierung ab etwa 700 eine einheimische Elite entsteht, die ihre Verstorbenen nach bestimmten Mustern bestattet. Mit der Christianisierung werden Elitebestattungen im heidnischen Hügelgrab durch Stiftergräber in Eigenkirchen abgelöst. Diese slawische Elite behält auch nach der Inkorporation Karantaniens in das Karolingerreich hochrangige Positionen. Damals etabliert sich auch eine die materielle Kultur prägende Buntmetallindustrie im Ostalpenraum, die sich durch ihre einheitlichen Messinglegierungen von allem bisher da gewesenen unterscheidet. Es konnte auch gezeigt werden, dass die ethnischen und nationalen Kategorien, die für die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen der Zeit verwendet werden, im Zeitalter der Aufklärung entwickelt und rückprojiziert worden sind und dass eine differenzierte Sichtweise notwendig ist.GEMEINSAM: Eine Datenbank mit archäologischen Objekten und historischen Daten sowie der Entwurf einer möglichen online-Visualisierung diente als erster Schritt zu dem erfolgreich finanzierten, interdisziplinären Nachfolgeprojekt DPP- Digitising Patterns of Power.
- Claudia Theune, Universität Wien , assoziierte:r Forschungspartner:in
Research Output
- 29 Publikationen
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2025
Titel Governance and social structures in the early medieval eastern Alpine region DOI 10.4324/9781003582144-3 Typ Book Chapter Autor Eichert S Verlag Taylor & Francis Seiten 16-59 -
2016
Titel Frühmittelalterliche Kirchen in Karantanien. Typ Book Chapter Autor Eichert S -
2016
Titel Möglichkeiten der digitalen Dokumentation und Präsentation am Beispiel frühmittelalterlicher Buntmetallfunde aus der March-Thaya Grenzregion. Typ Journal Article Autor Eichert S -
2016
Titel Grabelsdorf/Grabalja vas im Frühmittelalter. Typ Book Chapter Autor Eichert S -
2013
Titel Oberkärnten im Frühmittelalter. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Eichert S Konferenz Franz Nikolasch (Hrsg.), Symposium zur Geschichte von Millstatt und Kärnten 2012 -
2013
Titel Archäologische und historische Evidenzen für soziale Strukturen im frühmittelalterlichen Ostalpenraum. Typ Journal Article Autor Eichert S Journal Felix Biermann, Thomas Kersting und Anne Klammt (Hrsg.), Soziale Gruppen und Gesellschaftsstrukturen im westslawischen Raum, Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas 70, Langenweissbach -
2013
Titel Die ersten Christen in den Alpen. Typ Journal Article Autor Winckler K Journal Geschichte der Alpen /Histoire des Alpes / Storia delle Alpi -
2012
Titel Early Medieval fortifications in Carinthia/Austria and their historical and political background. Typ Journal Article Autor Eichert S Journal Atti della Accademia Roveretana degli Agiati ser. -
2012
Titel Between Symbol of Power and Customs Station: Early Medieval Fortifications in the Eastern Alps according to written sources. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Winckler K Konferenz Atti della Accademia Roveretana degli Agiato. ser. IX, vol. II, A, fasc. II, Prima dei Castelli Medievalli, Tavola rotonda Rovereto 18.11.2011., Rovereto -
2012
Titel Eine karolingerzeitliche Lanzenspitze aus dem Längsee. Typ Journal Article Autor Eichert S Journal Geschichtsverein für Kärnten Bulletin -
2014
Titel Merowinger und Karolinger - Imperien zwischen Antike und Mittelalter. Typ Book Chapter Autor M. Gehler -
2014
Titel OpenATLAS - a database application for the work with archeological, historical and spatial data. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Eichert S Konferenz Proceedings of the 18th CHNT conference Vienna 2013 -
2014
Titel Die Edlinger und das karantanische Frühmittelalter. Eine archäologisch-historische Spurensuche. Typ Book Chapter Autor Barbara Felsner -
2014
Titel Neue Analysen an alten Waffen. Zur Archäologie und Archäometallurgie frühmittelalterlicher Waffen aus dem Museum der Stadt Villach. Typ Journal Article Autor Eichert S Journal Neues aus Alt-Villach -
2014
Titel Zentralisierungsprozesse bei den frühmittelalterlichen Karantanen. Typ Book Chapter Autor Eichert S -
2014
Titel Gemeine Plätze: Die Wahrnehmung der Alpen in (Spät)antike und (Früh)mittelalter. Typ Book Chapter Autor Ulrich Leitner (Hg.) -
2014
Titel Zur Absolutchronologie des Ostalpenraums im Frühmittelalter unter besonderer Berücksichtigung 14C-datierter Grabinventare. Typ Journal Article Autor Eichert S Journal Bericht der Bayerischen Bodendenkmalpflege -
2014
Titel Archäologie und ethnische Identitäten - Das Fallbeispiel Kärnten. Typ Journal Article Autor Eichert S -
2014
Titel Great Men, Big Men und Chiefs in Karantanien? Ein etwas anderer Blickwinkel auf frühmittelalterliche Herrschafts- und Organisationsstrukturen. Typ Journal Article Autor Eichert S Journal Carinthia I -
2013
Titel Zu Christentum und Heidentum im slawischen Karantanien. Typ Book Chapter Autor Eichert S -
2013
Titel Recyclete Römer oder slawische Metallurgen? Interdisziplinäre Studien zur frühmittelalterlichen Buntmetallindustrie im Ostalpenraum. Typ Journal Article Autor Eichert S -
2012
Titel Die Alpen im frühen Mittelalter - Die Geschichte eines Raumes in den Jahren 500 bis 800. Typ Book Autor Winckler K -
2012
Titel Von der metropolis Norici zum comitatus Lurniensis. Teurnia und sein Umfeld zwischen Spätantike und Hochmittelalter. Typ Journal Article Autor Eichert S -
2013
Titel Interdisziplinäre Untersuchungen an einer Buntmetallscheibe aus einer Wüstung in Großau. Typ Journal Article Autor Eichert S -
2012
Titel Frühmittelalterliche Strukturen im Ostalpenraum. Studien zu Geschichte und Archäologie des Ostalpenraums. Typ Journal Article Autor Eichert S Journal Geschichtsverein für Kärnten Bulletin -
2012
Titel KG St. Peter bei Moosburg. Typ Journal Article Autor Bellitti F Journal Fundberichte aus Österreich -
2012
Titel Die christliche Topografie der Ostalpen: Brücken und Brüche. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Winckler K Konferenz N. Krohn, S. Ristow (Hrsg.): Wechsel der Religionen - Religion des Wechsels. Tagungsbeiträge der Arbeitsgemeinschaft Spätantike und frühes Mittelalter -
2012
Titel Die Alpen als Grenze und Grenzen in den Alpen. Typ Journal Article Autor Winckler K -
2012
Titel Frühmittelalterliche Strukturen im Ostalpenraum. Studien zu Geschichte und Archäologie Karantaniens. Typ Book Autor Eichert S