Die Kirchengeschichte des Nikephoros Xanthopulos: Chrysostomos bis Phokas
The Church History of Nicephorus Xanthopulus: From Chrysostomos until Phokas
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (30%); Philosophie, Ethik, Religion (20%); Sprach- und Literaturwissenschaften (50%)
Keywords
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Byzantinistik,
Kirchengeschichte (Osten),
Griechische Philologie,
Textedition (grieichisch),
Griechische Paläographie
Der Kleriker und Gelehrte Nikephoros Xanthopulos verfasste Anfang des 14. Jahrhunderts eine Kirchengeschichte, die Kaiser Andronikos II. Palaiologos gewidmet ist. Damit wurde das längst überholte Genus der Historia ecclesiastica wieder belebt - zu einem Zeitpunkt, als in Byzanz das orthodoxe Bewusstsein nach der Absage an die Kirchenunion von Lyon auch von kaiserlicher Seite stark betont wurde. Vor diesem historischen Hintergrund einer Wiederherstellung der "alten Ordnung" unter dem neuen Konstantinos Kaiser Andronikos II. verfasste Xanthopulos ein Werk, das die Erfolgsgeschichte des Christentums gegenüber allen Verfolgung und schismatischen sowie häretischen Tendenzen nachzeichnet. Endpunkt seiner Darstellung ist das Jahr 610 mit Kaiser Phokas. Dieses Werk nimmt in der Kirchengeschichte eine besondere Stellung ein, die bislang nicht gewürdigt wurde: Einerseits gibt sie die offizielle Sichtweise der Geschichte des frühen Christentums von einem führenden Kleriker des Patriarchats von Konstantinopel wieder (damit waren Differenzen und unausgeglichene Darstellungen in früheren Kirchengeschichten korrigiert), andererseits bietet das Werk ein indirektes Panorama vorhandener Literatur in der Patriarchatsbibliothek, die Xanthopulos herangezogen hat. In diesem Zusammenhang sind diejenigen Quellen von großem Interesse, die heute nur mehr in Epitome oder partiell erhalten sind. Hierzu gibt die mit der kritischen Edition einhergehende Quellenanalyse einen wichtigen Einblick in den sonst kaum fassbaren Buchbestand im Patriarchat von Konstantinopel. Hinzu kommt, dass Xanthopulos auch etliche, heute nicht mehr erhaltene Quellen verwendet hat. Das Editionsprojekt zu Buch XIII-XVIII ist in einen Forschungsschwerpunkt des Institutes für Byzanzforschung zu Xanthopulos und sein Werk eingebettet und erfolgt kooperativ mit der Universität München (Buch I-VI unter der Leitung von Albrecht Berger). Die bisherige Arbeit an der Edition verfolgte auch texteditorisch einen innovativen Aspekt: nämlich die Berücksichtigung der byzantinischen Stixis (Interpunktion) im Sinne einer Autor/Leser- orientierten Kolongliederung (entgegen der Tendenz einer modernen nationalen Interpunktionsvereinheitlichung). Diese Berücksichtigung (auf der Basis der Handschrift, in dem Fall des Codex unicus Vindob. Hist. gr. 8) ermöglichte in vielen Fällen ein besseres und klareres Textverständnis, da die logischen Satzeinheiten (entgegen den rein syntaktischen Einheiten) eingehalten werden. Dazu wurden bereits Aufbaustudien im Rahmen des Forschungsschwerpunktes gemacht, die mit dem gegenwärtigen Projekt vertieft werden, ebenso wie die Frage der prosopographischen Paläographie, um den Schreiber und das kulturelle Ambiente dieser und weiterer Handschrift für Xantopulos oder mit seinen Werken zu bestimmen.
Das Projekt der Edition der Bücher XIII bis XVIII der historia ecclesiastica des Nikephoros Xanthopulos schließt an einen Forschungsschwerpunkt der Abteilung Byzanzforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften an, der sich einerseits der kritischen Edition byzantinischer Texte widmet, andererseits auch innovative Zugänge zu klassischen Editionsprojekten erarbeitet. Dieses Editionsprojekt wurde als Kooperation mit der Universität München (Albrecht Berger) durchgeführt, wobei die Frühzeit, und zwar die ersten sechs Bände der Edition, vom Kooperationspartner in ständiger Zusammenarbeit erstellt werden. Die Edition ist in die Reihe des Corpus Fontium Historiae Byzantinae aufgenommen worden und garantiert damit beste internationale Rezeption und Zugänglichkeit. Die Aufteilung in Arbeits- und Bucheinheitsabschnitte bewirkte freilich auch ein gegenseitiges Abstimmen der Publikation, d. h. einer ausführlichen Einführung in die Probleme der Textkonstitution und der Darstellungsweise besonderer handschriftlicher Besonderheiten beider Teams. Dieses gegenseitige Abstimmen und Abwarten hat dazu geführt, dass die Bände bzw. Bandeinheiten nicht sofort nach Abschluss, sondern als abgestimmte Einheit in Druck gehen werden. Die Abstimmung war deshalb notwendig, da die Edition als work in progress neue Methoden der Editionstechnik im Druck umsetzen wird (u. a. eine adäquate Adaption der byzantinischen Interpunktion und diakritischer Lesehilfen, für die teils erst ein einheitliches System erarbeitet werden musste; dazu wurde im Rahmen des Projektes eine eigene internationale Plattform geschaffen: Vienna Editorial Initiative). Inhaltlich erschließt sich mit der kritischen Edition des Werkes ein Einblick in die religiöse Erneuerung in Byzanz nach dem Ende der Exilregierung über fast 60 Jahre in Kleinasien (Nikaia). Mit dem zweiten Palaiologenkaiser, Andronikos II., wurde eine Kurskorrektur gegenüber der religiösen Annäherung an den Westen vorgenommen; der Klerus sah dies als den richtigeren Weg als eine Union mit dem Papst. In dieser Aufbruchsstimmung verfasste Xanthopulos seine Geschichte des Christentums, als Kompilation, aber auch als Kritik an den früheren Quellen. Das Werk gewinnt aus dieser Perspektive der interpretatorischen Textrezeption an ein Publikum der erstarkten griechischen Kirche eine besondere Note, die bislang kaum beachtet wurde; in der Forschung galt Xanthopulos nur als Exzerptor, und sein Wert wurde nur in der Überlieferung anderer Quellen gesehen.Das Projekt widmete sich auch dem Überlieferungsträger, einem Codex unicus, in Kalligraphie auf Pergament geschrieben. Im Rahmen des Projektes konnte das Ambiente des Entstehungsumfeldes dieses Codex etwa zu Lebzeiten des Autors detailreich herausgearbeitet werden.
- Erich Lamberz, Bayerische Akademie der Wissenschaften - Deutschland
- Albrecht Berger, Ludwig Maximilians-Universität München - Deutschland
- Mischa Meier, Universität Tübingen - Deutschland
- Sofia Kotzabassi, Aristotle University of Thessaloniki - Griechenland
- Eleni Kaltsogianni, University of Ioannina - Griechenland
- Chiara Faraggiana, Università di Salerno, sede di Ravenna - Italien
Research Output
- 7 Publikationen
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2015
Titel Nikephoros Xanthopoulos und der Codex unicus seiner Historia ecclesiastica (ÖNB, Cod. historicus graecus 8). Typ Book Chapter Autor Ch. Gastgeber - S. Panteghini (Hrsg.) -
2015
Titel Nikephoros Kallistou Xanthopoulos und seine Quellen in den Büchern I bis VI. Typ Book Chapter Autor Berger A -
2016
Titel Nikephoros Kallistu Xanthopulos und die jüdische Geschichte DOI 10.1515/9783110469851-003 Typ Book Chapter Autor Berger A Verlag De Gruyter Seiten 1-16 -
0
Titel Ecclesiastical History and Nikephoros Kallistou Xanthopoulos. Proceedings of the In-ternational Symposium. Typ Other Autor Gastgeber C -
2014
Titel Kapitel VI.3: Codex historicus graecus 8. Typ Book Chapter Autor Christian Gastgeber -
2016
Titel Konnte Nikephoros Kallistou Xanthopoulos lateinisch? (Zum Gebrauch der lateinischen Lehnwörter in der Kirchengeschichte). Typ Book Chapter Autor E. Juhász (Hrsg.) -
2015
Titel Apokryphen zum Neuen Testament bei Nikephoros Kallistou Xanthopoulos DOI 10.1515/9781501501562.55 Typ Book Chapter Autor Berger A Verlag De Gruyter Seiten 55-70