Nadel und Faden. Transformationen des sowjetischen Kostüms
Needle and thread. Transformations in Soviet dress
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (40%); Geschichte, Archäologie (30%); Sprach- und Literaturwissenschaften (30%)
Keywords
-
Soviet dress code,
Soviet everyday life,
Individual clothing,
Gender and fashion,
Cultural transformation,
Soviet consumption policy
Ziel der Untersuchung ist es, die Alltags- und Gesellschaftsgeschichte der Sowjetunion aus einer neuen Perspektive zu betrachten: der materiellen Kultur und deren Auswirkungen auf das soziale und kulturelle Leben. Im Zentrum des Forschungsansatzes steht die Frage, wie sich Form, Sinn und Gebrauch von Alltagsdingen unter besonderen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen transformiert. Der Fokus wird dabei auf ein bestimmtes Konsumgut gelegt, die individuell (zu Hause oder bei einer Schneiderin) hergestellte Kleidung. Methodisch erlaubt dieser Zugriff verschiedene Untersuchungsbereiche und mehrere Forschungskontexte zusammen zu führen - Kleidungsforschung, Frauen- und Geschlechterforschung sowie Forschung zur Konsumgeschichte. Als roter Faden dient die Gesellschafts- und Alltagsgeschichte der Sowjetunion in den Jahren 1953-1985. Ausgangspunkt ist die Frage, ob die individuelle Herstellung der Kleidung eine Veränderung im alltäglichen Bekleidungsverhalten der sowjetischen Frau ermöglichte, dementsprechend zur Herausbildung einer neuen Konsumentin beitrug und schließlich zur Transformierung gesellschaftlicher Normen führte. Wie kam es zum Individualisierungsprozess im Bekleidungsverhalten? Welche politischen, ökonomischen, ideologischen und kulturellen Gegebenheiten und Normvorstellungen trugen zu dieser Entwicklung bei? Das geplante Projekt knüpft an die Erkenntnisse der neueren Stalinismus-Forschung an, setzt die Entwicklung der Sowjetunion nach Stalins Tod (1953) als zeitlichen Ausgangspunkt und endet mit 1985, dem Ende der Brešnev-Ära. Mitte der 1950er Jahre kann ein Wendepunkt in der sowjetischen Konsumpolitik festgestellt werden, der mit politischen und sozialen Transformationen verbunden war. Ausgehend von der Rolle der materiellen Kultur im Spannungsfeld zwischen sowjetischem Dresscode und individuell hergestellter Kleidung und ihrer sozialen und kulturellen Bedeutung wird nach dem Zusammenhang zwischen dem Konsum und seiner Legitimation einerseits und dem Staat und den gesellschaftlichen Machtbeziehungen andererseits gefragt. Dieser Zugang eröffnet nicht nur neue Perspektiven für die Analyse der gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Entwicklungen und Umbrüche der späten Sowjetunion, sondern ermöglicht zudem, die Bedeutungen dieser Prozesse für die (De)Stabilisierung der Herrschaftsstrukturen zu verstehen und womöglich neue Facetten des alltäglichen Lebens zu entdecken, die Verhaltensmuster eines Sowjetbürgers (individuelle Aneignungs- und Abgrenzungsprozesse) veranschaulichen und seine Sehnsüchte und Bedürfnisse sichtbar werden lassen.
Das Projekt untersucht die Alltags- und Gesellschaftsgeschichte der Sowjetunion zwischen 1953 (Tod Stalins) und 1985 (Beginn der Perestrojka) aus der Perspektive der materiellen Kultur. Im Fokus steht dabei die Entwicklung der an der Schnittstelle von Individuum und Gesellschaft verorteten Kleidermode und ihre Wechselwirkung zu Fragen des Konsums, der Geschlechterverhältnisse und der Annäherung an bzw. Abgrenzung von westlichen Konsumgesellschaften dieser Zeit. Diese Prozesse werden als kulturelle Indikatoren verstanden, die eine wesentlich dynamischere Entwicklung der sowjetischen Gesellschaft anzeigen, als dies bislang in der Forschung zur sog. Stagnationszeit sichtbar geworden ist. Letztlich beschreiben die Untersuchungsergebnisse des Projekts einen Wertewandel, der auf der Herausbildung von in Bezug auf die geltenden sowjetischen Normen alternativ gestalteten Modellen von (Bekleidungs-)Verhalten, Konsum und Identität basiert und die dramatischen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen der Perestrojka-Zeit vorbereitet hat.Die Forschungsarbeiten im Rahmen des Projektes wurden in zwei Teilprojekten durchgeführt, die jeweils unterschiedliche methodische Zugänge und Forschungsmaterialien umfassen. Während sich das Teilprojekt Kleidersprache im künstlerischen Text mit literarischen Texten und Filmen auseinandersetzte, untersuchte das Teilprojekt Maßgeschneiderte Modellierung des Selbst Mode- und Frauenzeitschriften, Ratgeberliteratur und theoretische Arbeiten zum Thema sowjetische Mode und Konsum. Beide Teilstudien zu den Kleiderdiskursen im historischen Verlauf und dazu gehören neben der Modeentwicklung und den Stil- bzw. Geschmacksdebatten auch Fragen der Geschlechterkonstruktion und des Konsumverhaltens visualisieren kulturelle Alltagspraktiken und veranschaulichen den Wertewandel in der sowjetischen Gesellschaft in dieser Periode. Zwei zentrale Untersuchungsfelder, individuelle Herstellung und Kulturtransfer, zeigen dies stellvertretend: Die individuelle Herstellung bzw. das Selbernähen von Kleidung wurde bislang nur aus der Perspektive des Warenmangels erklärt; die Projektanalysen verdeutlichen aber, dass sich der Stellenwert dieser Praxis von den 1960er zu den 1980er Jahren wesentlich verändert hat und zunehmend unter dem Aspekt der individuellen Kreativität gesehen wurde. Die Untersuchung von Kleidermode als Medium des Kulturtransfers macht sichtbar, dass die sowjetische Mode nicht wie häufig behauptet lediglich westliche Modeströmungen nachgeahmt hat, sondern komplexe Transfer- und Adaptionsstrategien stattfanden, sodass eine eigenständige und einzigartige Entwicklung der sowjetischen Mode offenkundig wird, die gleichzeitig viele Parallelen zur westlichen Modeentwicklung aufweist. Insgesamt sind die Untersuchungsergebnisse des Projekts wichtige Bausteine eines neuen Gesamtbildes der gesellschaftlichen Entwicklungen und Veränderungen in der UdSSR und bieten breite Anschlussmöglichkeiten zu weiteren vertiefenden soziohistorischen und politik- und wirtschaftswissenschaftlichen Forschungen.
- Universität Salzburg - 100%
- Monica Rüthers, Universität Hamburg - Deutschland
- Olga Gurova, University of Helsinki - Finnland
- Larissa Zakharova, Centre National de la Recherche Scientifique - Frankreich
- Olga Vainshtein, Russian State University for the Humanities - Russland
- Susan Reid, Durham University - Vereinigtes Königreich
- Djurdja Bartlett, University of the Arts London - Vereinigtes Königreich
Research Output
- 9 Publikationen
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2016
Titel Vestimentäre Kommunikation in der sowjetischen Prosa zwischen 1954 und 1985 am Beispiel von Elena Cižovas Roman Vremja Ženšcin. Typ Book Chapter Autor Hargaßner J -
2016
Titel Kleidersprache im künstlerischen Text. Sowjetische Kleider-codes zwischen 1954 und 1985. Typ Book Autor Hargaßner J -
2015
Titel Kul'turnyj transfer diskursa o mode i "samokonstruirovanie" cerez individual'nyj pošiv. Diletanty i mastera sovetskoj epochi. Typ Journal Article Autor Huber E Journal Teorija mody: odežda, telo, kultura -
2015
Titel Stiljagi - eine westliche Modein-vasion? Kulturtransfer und Kleidermode in der Sowjetunion. Typ Book Chapter Autor Christa Gürtler -
2016
Titel Ästhetik - Stil - Geschmack. Sowjetische Modediskurse in der Tauwetter-Zeit. Typ Journal Article Autor Hargaßner J Journal LiTheS: Zeitschrift für Literatur- und Theatersoziologie. Mode - Geschmack - Distinktion 1. Kulturgeschichtliche und kultursoziologische Perspektiven. -
2014
Titel Der Nylonkrieg im sowjetischen literarischen Diskurs der 1960er Jahre. Typ Book Chapter Autor Eva Hausbacher -
2014
Titel Fashion, Con-sumption and Everyday Culture in the Soviet Union between 1945 and 1985. Typ Book Chapter Autor Hausbacher E -
2014
Titel Was braucht man zum Glücklichsein? Ästhetische Inszenierung des weiblichen Alltags in den sowjetischen Frauenzeitschriften und Benimmbüchern der 1950-1960er Jahre. Typ Book Chapter Autor Eva Hausbacher -
0
Titel Mode - Konsum - All-tagskultur. Auswahlbibliographie zur sowjetischen Kulturgeschichte (1953-1985). Typ Other Autor Hausbacher E Et Al