Erdmagnetischen Feldvariationen: Dynamik und Auswirkungen
Variations of the Earth´s magnetic field: dynamics and implications
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Naturwissenschaften (30%); Geowissenschaften (70%)
Keywords
-
Geomagnetic field,
Historical magnetic observations,
Spherical harmonic modeling,
Dating,
Archaeomagnetism,
Climate
Das Erdmagnetfeld durchläuft kontinuierliche Schwankungen in seiner Morphologie und Stärke. Diese ereignen sich auf unterschiedlichsten Zeitskalen von Sekunden bis hin zu Jahrmillionen. Dieses Forschungsprojekt befasst sich mit der Säkularvariation, die Veränderungen des Erdmagnetfeldes im Zeitraum von Jahren bis Jahrtausenden beschreibt. Ziel ist es die zugrunde liegenden physikalischen Vorgänge, die ihren Ursprung im Geodynamo des Erdkerns haben, sowie deren Auswirkungen besser zu verstehen. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts werden Magnetfeldvariationen durch weltweit verteilte erdmagnetische Observatorien bestimmt. Auffallend ist ein signifikanter Abfall der Magnetfeldstärke über den gesamten Beobachtungszeitraum von etwa 150 Jahren. Das Dipolmoment des Erdmagnetfeldes nahm in diesem Zeitraum um mehr als 10% ab. Auch die Richtung des Magnetfeldes änderte sich deutlich, die Deklination in Österreich um etwa 20. Um die zeitlichen Abhängigkeiten dieser Beobachtungen zu untersuchen und damit die Ursachen dieser Säkluarvariation zu hinterfragen, ist es notwenig, den Beobachtungszeitraum deutlich in die Vergangenheit hinein auszudehnen. Im Rahmen dieses Projekts werden geomagnetischen Daten gesammelt und analysiert, sowie für die Erstellung eines globalen magnetischen Feldmodells herangezogen. Magnetfeldkomponenten wurden seit dem frühen Mittelalter aus vielen Gründen bestimmt, unter anderem zur Richtungsbestimmung im Bergbau und bei der Marine, für historische Karten, zur Orientierung von Sonnenuhren und Kirchen, aber auch aus wissenschaftlichem Interesse, zum Beispiel an Klöstern, an Sternwarten und auf Expeditionen. Im Rahmen dieses Projekts werden diese direkten Beobachtungen des Magnetfeldes aus historischen Quellen gewonnen. Zudem werden die Ergebnisse mit indirekten Messungen aus archäomagnetischen und paläomagnetischen Daten erweitert. Indirekte Daten sind aus zwei Gründen unerlässlich: Zum einen ermöglichen diese Daten eine bedeutende Erweiterung der Zeitreihe in die Vergangenheit und zum anderen können nur diese Daten Information über die Feldstärke vor den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts liefern. Die Zuverlässigkeit dieser indirekten Daten ist jedoch kontrovers debatiert und u.a. abhängig von Material und Messmethodik. Ein Vergleich von zeitgleichen direkten und indirekten Daten, vorzugsweise aus gleicher Region, ist angestrebt. Dies ermöglicht einen unabhängigen Test der Zuverlässigkeit und eine Abschätzung möglicher systematischer Fehler. Direkten und indirekten Daten werden in einer öffentlich zugänglichen Datenbank archiviert. Mithilfe einer Bayes`schen Inversionsroutine wird eine sphärisch-harmonische Beschreibung des Erdmagnetfeldes erstellt und somit ein Zusammenhang zwischen Oberflächenbeobachtungen und dem Dynamoprozess im Erdkern hergestellt. Eine zuverlässige Rekonstruktion von Feldvariationen der Vergangenheit stellt zudem eine zusätzliche Datierungsmöglichkeit für die Archäologie zur Verfügung. Des Weiteren kann der Zusammenhang zwischen Klima und Magnetfeld konstruktiv hinterfragt werden.
Die Rekonstruktion des Erdmagnetfeldes beruht auf unterschiedlichen Daten, die einerseits eine sehr variable Mess- und Altersunsicherheiten und andererseits eine sehr heterogene raumzeitliche Verteilung aufweisen. Der Hauptfokus des Projekts lag in der Aufnahme der verschiedenen Datentypen in eine gemeinsame Datenbank und einer sorgfältigen Studie der zugehörigen Unsicherheiten, welche im finalen Modellierungsansatzdementsprechend berücksichtigt wurden.Die Anfangsphase des Projektes war von der Erschließung neuer geomagnetischer Daten gekennzeichnet. Es wurden historische (direkte) geomagnetische Beobachtungen u.a. in Archiven, Klöstern und auf historischen Landkarten geortet und aufgenommen. Eine Studie zu mittelalterlichen Kirchen in Niederösterreich und Norddeutschland ergab, dass deren Achsen nicht mit Hilfe des Kompasses gegen Osten ausgerichtet wurden.Weitere geomagnetische Messwerte, die weit über den Zeitbereich der historischen Beobachtungen hinausgehen, können aus archäo- und paläomagnetischen (indirekten) Untersuchungen gewonnen werden. Es wurden archäomagnetische Messkampagnen durchgeführt, die einerseits zur Erweiterung der Datensammlung und andererseits zur archäomagnetischen Datierung genutzt wurden. Die neu akquirierten direkten und indirekten Daten sowie bereits bestehende Sammlungen wurden in der Online-Datenbank HISTMAG (http://www.conrad-observatory.at/zamg/index.php/data-en/histmag-database) zusammengefasst., welche die Grundlage für detaillierte Untersuchungen der verschiedenen Datengruppen bildete. Hier wurden vor allem systematische Abweichungen von indirekten im Bezug auf direkte Messwerte analysiert, wobei neue Methoden zur Berücksichtigung der sehr inhomogenen Datensätze entwickelt wurden. Zusätzlich zu der in der HISTMAG Datenbank eingebundenen Metainformation, erlaubt eine User-Kommentar-Funktion eine wissenschaftliche Diskussion über einzelne Datensätze die zur Qualitätsbewertung herangezogen werden kann.Aufbauend auf der Datenbank und den Qualitätsstudien der Datensätze wurde der bestehende Modellierungsansatz adaptiert. Dazu wurden unzuverlässige Daten gefiltert und die heterogene Datenverteilung, die vor allem durch einen starken Datenzuwachs in der historische Epoche gekennzeichnet ist, homogenisiert.Das fertige Modell erlaubt die Berechnungen des geomagnetischen Feldes und dazugehöriger Unsicherheit für jeden Ort auf der Erdoberfläche über die letzten 3000 Jahre. Zusätzlich können damit Studien zum Feldverhalten an der Kern-Mantel-Grenze sowie spezielle Feldmerkmale (e.g., so genannte Jerks) durchgeführt werden.Neben generellen Aussagen über die zeitliche und räumliche Entwicklung des Erdmagnetfeldes, kann das Modell wie bereits bei einer archäologischen Studie angewandt zur archäomagnetischen Datierung herangezogen werden. Ein weiteres Anwendungsbeispiel stellt die mögliche Verbindung von starken Feldschwankungen und klimatischen Variationen dar.
- Ludwig Boltzmann Gesellschaft - 3%
- Montanuniversität Leoben - 3%
- GeoSphere Austria (GSA) - 94%
- Immo Trinks, Ludwig Boltzmann Gesellschaft , assoziierte:r Forschungspartner:in
- Elisabeth Schnepp, Montanuniversität Leoben , assoziierte:r Forschungspartner:in
- Peter Kovacs, Universität Linz , nationale:r Kooperationspartner:in
- Jörg Fassbinder, Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege - Deutschland
- Karl Fabian, Norwegian University of Science and Technology - Norwegen
- Fridrich Valach, Slovak Academy of Science - Slowakei
- Pavel Hejda, Czech Academy of Sciences - Tschechien
Research Output
- 152 Zitationen
- 13 Publikationen
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2019
Titel New archaeomagnetic secular variation data from Central Europe. I: directions DOI 10.1093/gji/ggz492 Typ Journal Article Autor Schnepp E Journal Geophysical Journal International Seiten 1023-1044 Link Publikation -
2019
Titel A Bayesian iterative geomagnetic model with universal data input: Self-consistent spherical harmonic evolution for the geomagnetic field over the last 4000?years DOI 10.1016/j.pepi.2019.03.008 Typ Journal Article Autor Arneitz P Journal Physics of the Earth and Planetary Interiors Seiten 57-75 -
2016
Titel Validity of archaeomagnetic field recording: an experimental pottery kiln at Coppengrave, Germany DOI 10.1093/gji/ggw043 Typ Journal Article Autor Schnepp E Journal Geophysical Supplements to the Monthly Notices of the Royal Astronomical Society Seiten 622-635 Link Publikation -
2015
Titel Paleointensity variation in Central Europe during the past 3400 years. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Lanos P Et Al Konferenz Posters IUGG 2015; 26th IUGG General Assembly 2015, Prag. -
2015
Titel A global geomagnetic model based on historical and paleomagnetic data. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Arneitz P Konferenz Poster AGU 2015; AGU Fall Meeting 2015, San Francisco. -
2017
Titel Unbiased analysis of geomagnetic data sets and comparison of historical data with paleomagnetic and archeomagnetic records DOI 10.1002/2016rg000527 Typ Journal Article Autor Arneitz P Journal Reviews of Geophysics Seiten 5-39 Link Publikation -
2017
Titel The HISTMAG database: combining historical, archaeomagnetic and volcanic data DOI 10.1093/gji/ggx245 Typ Journal Article Autor Arneitz P Journal Geophysical Journal International Seiten 1347-1359 Link Publikation -
2016
Titel A new global geomagnetic model based on archeomagnetic, volcanic and historical records. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Arneitz P Konferenz Poster EGU 2016; EGU General Assembly 2016, Vienna. -
2020
Titel New archeomagnetic secular variation data from Central Europe, II: Intensities DOI 10.1016/j.pepi.2020.106605 Typ Journal Article Autor Schnepp E Journal Physics of the Earth and Planetary Interiors Seiten 106605 -
2014
Titel A fast iterative Bayesian inversion scheme for paleomagnetic, archeomagnetic and historical data. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Arneitz P Et Al Konferenz Poster EGU 2014; EGU General Assembly 2014, Vienna, Austria. -
2013
Titel Historical sources of the geomagnetic field. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Arneitz P Konferenz Poster IAGA 2013; Austria. XXI Scientific IAGA Meeting, 1.7-10p, Merida, Mexico -
2014
Titel Orientation of churches by magnetic compasses? DOI 10.1093/gji/ggu107 Typ Journal Article Autor Arneitz P Journal Geophysical Journal International Seiten 1-7 -
2014
Titel Comparison of direct and indirect geomagnetic records. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Arneitz P Konferenz Poster Castle Meeting 2014; 14th Castle Meeting, 2014, Evora, Portugal