Prädationsrisiko, Stress und Life-History-Taktiken des Siebenschläfers
Predation risk, stress, and life history tactics in the edible dormouse
Wissenschaftsdisziplinen
Biologie (100%)
Keywords
-
Glis Glis,
Predation Risk,
Stress,
Life History Tactics,
Reproduction,
Hibernation/ Estivation
Die Wahl des richtigen Zeitpunkts für die Fortpflanzung ist ein entscheidender Faktor für den Lebenszeitfortpflanzungserfolg eines Tieres. In saisonalen Umwelten ist die Fortpflanzung meist an Frühjahr und Sommer gebunden, wenn die Nahrungsverfügbarkeit hoch ist. Nicht alle Nahrungsressourcen sind aber so leicht vorhersehbar. Manche terrestrische Ökosysteme sind durch "pulsierende Ressourcen", d.h. gelegentliche, kurze Perioden übermäßigen Futterangebots gekennzeichnet. Der Siebenschläfer (Glis glis), ein kleiner, arborealer Winterschläfer, zeigt mehrere erstaunliche Anpassungen an die fluktuierende Samenproduktion von Bäumen und einen Lebenszyklus der an pulsierende Ressourcen angepasst ist. Siebenschläfer werfen nur einmal pro Jahr im Juli/August, also sehr spät in der aktiven Saison verglichen mit anderen Winterschläfern. Diese Fortpflanzung zu einem Zeitpunkt an dem reife, energiereiche Samen in den Bäumen zu Verfügung stehen optimiert die Überlebensraten und das Anlegen von Fettvorräten bei den Jungtieren. Der Nachteil dieser hochspezialisierten Anpassung ist, dass in Jahren ohne Bucheckern und Eicheln die Überlebensraten der Jungtiere sehr gering wären. Darum setzen Siebenschläfer die Fortpflanzung in Jahren ohne Samenproduktion aus. Es scheint das die Verfügbarkeit energiereicher Nahrung (Samenknospen) im Frühjahr ein Umweltsignal darstellt nach dem Siebenschläfer ihre Fortpflanzung richten. Gegenwärtig ist es aber völlig unklar auf welchem Wirkungspfad dieses Signal zu Fortpflanzungserfolg oder Aussetzen der Reproduktion führt. Wir wollen die Hypothese testen, dass Effekte der Futterqualität auf die Fortpflanzung bei Siebenschläfern durch einen Faktor vermittelt werden, der in diesem Zusammenhang noch nie in Erwägung gezogen wurde, ihrer Bedrohung durch Beutegreifer. Wir vermuten, dass der Zugang zu energiereichem Futter (in Mastjahren) es den Tieren erlaubt die Dauer der Futtersuche zu minimieren und damit auch ihre Exposition gegenüber Raubfeinden, die einen erheblichen Stressfaktor darstellen kann. Wir glauben, dass Siebenschläfer ein ausgezeichnetes Modell zu Untersuchung der "Chronischen Stress Hypothese" darstellen, die besagt, dass das Stressprofil eines Tieres - und seine physiologischen Konsequenzen - von gleichzeitigen Effekten des Nahrungsbedarfs und des Beutegreiferdrucks herrührt, verursacht durch den Zwang einerseits Nahrung zu suchen andererseits aber Raubfeinde zu vermeiden. Wir planen daher die Dauer der Futtersuche (mit einem Transpondersystem) und die Konzentration faekaler Cortisolmetaboliten in einer Siebenschläferpopulation im Wienerwald zu untersuchen. Die Hauptfeinde von Siebenschläfern, die in Baumkronen Futter suchen, sind nachtaktive Greifvögel, vor allem Eulen. Ein Weg sich diesen Beutegreifern - zumindest in Jahren ohne Reproduktion - ganz zu entziehen ist der Rückzug in unterirdische Baue. Mit dieser Kombination von Sommer- und Winterschlaf können Siebenschläfer > 10 Monate des Jahres im "Schlafzustand" überdauern. Damit verbringen sie weit mehr Zeit im hypometabolen Zustand, als es klimatische Bedingungen oder Futterangebot erfordern würden. Diese Ergebnisse lassen uns vermuten, dass der primäre Grund für Sommerschlaf nicht die Verringerung von Energieausgaben sondern Raubfeindvermeidung ist. Wir planen daher Körpertemperaturen bei freilebenden Siebenschläfern unter veränderlichen Umweltbedingungen aufzuzeichnen. Mit einem Zufütterungsexperiment im Freiland wollen wir den Effekt von Samenverfügbarkeit auf das Auftreten von Sommerschlaf, die tägliche Dauer der Futtersuche, die Konzentration von Cortisolmetaboliten und die Reproduktion untersuchen. Weiters werden wir die Konsequenzen der Kombination von Sommerschlaf, Winterschlaf und Reproduktionsausfällen auf Lebenszyklen von Siebenschäfern, insbesondere auf Alterungsprozesse, untersuchen. Wir glauben, dass der Hauptgrund für langsames Altern und hohe Lebensdauer beim Siebenschläfer der lange Winterschlaf (durchschnittlich 9 Monate pro Jahr) und gelegentlicher Sommerschlaf sind. Diese Faktoren könnten mit Reproduktionsausfällen additiv oder sogar nicht additiv interagieren. Um sowohl die Effekte von Winter/Sommerschlaf und Fortpflanzung auf Alterungsprozesse zu bestimmen, planen wir die Messung der saisonalen Änderung der Länge von Telomeren, jener DNA Sequenzen, die die Enden eukaryoter Chromosomen schützen.
Unser wichtigstes Forschungsziel war es, den Einfluss von Winterschlaf auf Lebens- zyklusstrategien (LZS) besser zu verstehen. Unsere Untersuchungsart, der Siebenschläfer (Glis glis, Gliridae, Rodentia) ist ein Kleinsäuger (~ 80 - 120 g) der pro Jahr einen Wurf mit etwa 5 Jungen aufzieht. Während er in der Aktivitätssaison ein Baumbewohner ist, verbringt er den Winter im Durchschnitt 8 Monate im tiefen Winterschaf unter der Erde. Die Lebenserwartung des Siebenschläfers kann 13 Jahre erreichen, was sehr außergewöhnlich ist für ein Säugetier dieser Größe. Im Vergleich zum LZS anderer Säuger, kann der Siebenschläfer in einer Reihe mit kleinen Huftieren, bzw. sogar dem Wildschwein, welches eine vergleichbare Lebenserwartung und Wurfgröße hat, genannt werden. Aus diesem Grund stellten wir die Hypothese auf, dass der Winterschlaf ein bedeutender Schlüsselprozess für Interaktionen zwischen Alterung, Stress und Fortpflanzung sein könnte. Siebenschläfer sind streng an eine gepulste Nahrungsverfügbarkeit angepasst und reproduzieren nur in sogenannten Buchenmastjahren, d.h. in Jahren mit hoher Verfügbarkeit von Bucheckern. In unserer Studie konnten wir die Körpertemperatur von Siebenschläfern in Mastjahren und Mastausfalljahren messen. Aufgrund dieser Untersuchung war es uns möglich zu beweisen, dass frei lebende Siebenschläfer ihren Winterschlaf auf eine Dauer von bis zu 11,4 Monaten ausdehnen können. Genauer, schwere Siebenschläfer können bereits im Frühsommer, unmittelbar nach dem gerade beendeten Winterschlaf wieder in den Winterschlaf (Sommerschlaf) gehen. Diese außergewöhnlich lange Winterschlafdauer wurde vorher noch nie in einem frei lebenden Säugetier beobachtet. Tiere in weniger optimaler Kondition blieben in Ausfalljahren aktiv, zeigten jedoch häufige Phasen von Torpor (Energiesparmechanismus) während der Aktivitätsperiode. Weiters wechselten aktive Tiere zu Gebieten mit konstanteren Habitaten und Nahrungsquellen (z.B. Kieferzapfen). Interessanterweise konnten wir keinen Effekt von Stress auf Reproduktion oder Zeitablauf des Winterschlafs entdecken. Wir schlussfolgern, dass die Minimierung des Prädationsrisikos, während die Tiere sicher in Bauen tief unter der Erde Winterschlaf halten, für eine höhere Überlebensrate bei dieser Tierart verantwortlich ist. Die hohen Überlebensraten könnten den Tieren erlauben vermehrt in Mechanismen der Zellreparatur investieren. Um dies zu überprüfen untersuchten wir die Länge von Telomeren (Chromosomenendkappen) die bei einigen Tierarten mit der zukünftigen Überlebensrate korreliert. Tatsächlich fanden wir, dass Siebenschläfer ihre Telomere mit zunehmendem Alter verlängern. Dies widerspricht dem derzeitigen Verständnis von Altersmechanismen und wir denken daher, dass Siebenschläfer oder auch andere Winterschläfer ein interessantes, neues Modell für die Altersforschung sein könnten.
- Steve Smith, University of South Australia - Australien
- Christopher Turbill, University of Western Sydney - Australien
Research Output
- 1244 Zitationen
- 18 Publikationen
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2016
Titel Kobolde im Ausnahmezustand. Typ Journal Article Autor Bieber C Journal Jagd in Tirol (NOV 2016) -
2016
Titel Telomeres are elongated in older individuals in a hibernating rodent, the edible dormouse (Glis glis) DOI 10.1038/srep36856 Typ Journal Article Autor Hoelzl F Journal Scientific Reports Seiten 36856 Link Publikation -
2015
Titel How to spend the summer? Free-living dormice (Glis glis) can hibernate for 11 months in non-reproductive years DOI 10.1007/s00360-015-0929-1 Typ Journal Article Autor Hoelzl F Journal Journal of Comparative Physiology B Seiten 931-939 Link Publikation -
2017
Titel Wozu ein Winterschlaf? Teil 1. Typ Journal Article Autor Bieber C Journal Österreichs Weidwerk -
2017
Titel Edible dormice (Glis glis) avoid areas with a high density of their preferred food plant - the European beech DOI 10.1186/s12983-017-0206-0 Typ Journal Article Autor Cornils J Journal Frontiers in Zoology Seiten 23 Link Publikation -
2017
Titel Siebenschläfer: Wozu ein Winterschlaf? Teil 2. Typ Journal Article Autor Bieber C Journal Österreichs Weidwerk -
2017
Titel The costs of locomotor activity? Maximum body temperatures and the use of torpor during the active season in edible dormice DOI 10.1007/s00360-017-1080-y Typ Journal Article Autor Bieber C Journal Journal of Comparative Physiology B Seiten 803-814 Link Publikation -
2022
Titel Hypothesis and Theory: A Two-Process Model of Torpor-Arousal Regulation in Hibernators DOI 10.3389/fphys.2022.901270 Typ Journal Article Autor Ruf T Journal Frontiers in Physiology Seiten 901270 Link Publikation -
2020
Titel Use of social thermoregulation fluctuates with mast seeding and reproduction in a pulsed resource consumer DOI 10.1007/s00442-020-04627-7 Typ Journal Article Autor Ruf T Journal Oecologia Seiten 919-928 Link Publikation -
2019
Titel Homogenization of the generalized Poisson–Nernst–Planck problem in a two-phase medium: correctors and estimates DOI 10.1080/00036811.2019.1600676 Typ Journal Article Autor Kovtunenko V Journal Applicable Analysis Seiten 253-274 Link Publikation -
2022
Titel Why hibernate? Predator avoidance in the edible dormouse DOI 10.1007/s13364-022-00652-4 Typ Journal Article Autor Ruf T Journal Mammal Research Seiten 1-11 Link Publikation -
2019
Titel Always a price to pay: hibernation at low temperatures comes with a trade-off between energy savings and telomere damage DOI 10.1098/rsbl.2019.0466 Typ Journal Article Autor Nowack J Journal Biology Letters Seiten 20190466 Link Publikation -
2019
Titel The educational and labor market returns to preschool attendance in Austria DOI 10.1080/00036846.2019.1584368 Typ Journal Article Autor Fessler P Journal Applied Economics Seiten 3531-3550 Link Publikation -
2014
Titel Daily torpor and hibernation in birds and mammals DOI 10.1111/brv.12137 Typ Journal Article Autor Ruf T Journal Biological Reviews Seiten 891-926 Link Publikation -
2016
Titel Telomere dynamics in free-living edible dormice (Glis glis): the impact of hibernation and food supply DOI 10.1242/jeb.140871 Typ Journal Article Autor Hoelzl F Journal Journal of Experimental Biology Seiten 2469-2474 Link Publikation -
2013
Titel Body mass dependent use of hibernation: why not prolong the active season, if they can? DOI 10.1111/1365-2435.12173 Typ Journal Article Autor Bieber C Journal Functional Ecology Seiten 167-177 Link Publikation -
2018
Titel The insensitive dormouse: reproduction skipping is not caused by chronic stress in Glis glis DOI 10.1242/jeb.183558 Typ Journal Article Autor Cornils J Journal Journal of Experimental Biology Link Publikation -
2018
Titel Multiple paternity in a population of free-living edible dormice (Glis glis) DOI 10.1016/j.mambio.2018.08.002 Typ Journal Article Autor Weber K Journal Mammalian Biology Seiten 45-50 Link Publikation