Worin besteht und was bedingt musikalische Expressivität
What and How Does Music Express?
Wissenschaftsdisziplinen
Philosophie, Ethik, Religion (100%)
Keywords
-
Expression,
Music,
Emotion,
Experience,
Body,
Philosophical Aesthetics
Dass Musik psychologische Erfahrung vermittelt ist eine weitläufig bemerkte Tatsache. Jedoch scheint es selbst mithilfe von Partituren und Aufnahmen und trotz einer Flut an Theorien und Ansätzen nahezu unmöglich, ein tiefes Verständnis dessen, worin musikalische Expressivität (betreffend Emotionen, Stimmungen, Gefühlen, Ideen, Haltungen, Charakteren, Begierden, Anschauungen, usw.) besteht, und was sie bedingt, zu erlangen, das zugleich die Verortung jener Expressivität in der klingenden musikalischen Faktur erreicht. Ein derartiges philosophisch avanciertes Verständnis musikalischen Ausdrucks würde nicht nur die sozialen, kulturellen und individuellen Rollen und Werte von Musik unterstreichen und helfen, das Schaffen und Rezipieren neuer Musik und neuer Aufführungen zu orientieren es könnte auch einen entscheidenden Beitrag dazu leisten, Konzepte zu schärfen, welche die in ausdrucksbezogenen Forschungsfeldern (etwa der kognitiven Musikwissenschaft, des Music Information Retrieval und der Musikpsychologie) empirisch untersuchten Phänomene betreffen. Zusätzlich kämen historischen und hermeneutischen Ansätzen Einsichten zur Motivation spezieller Ausdrucksqualitäten, ihrer historischen Herausbildung und Variation, und ihren konkreten musikalischen Beschaffenheiten zugute. Das Projekt vereint vier bisher getrennte Diskursstränge und strebt an, Theorien zum "Embodied Knowledge", Geisteszuständen, sozialer Reziprozität und ökologischem Vollzug zu integrieren, um ein nuanciertes, kultur- und geschichtsbewusstes und ontologisch holistisches Konzept von Ausdruck als nicht nur verstanden, sondern erlebt zu entwickeln. Ziel ist ein innovativer philosophischer Beitrag zum Verstehen musikalischer Expressivität, ihrer Arten, Bedingungen und Umstände und ihrer verteilten Ontologie, mit Anbindung von Aussagen an konreten musikalischen Klang und seine Organisation. Ergebnisse werden in Form einer Monographie, Artikeln in Fachzeitschriften und eines internationalen und interdisziplinären Symposions veröffentlicht. Kollaborationspartner sind das AHRC Research Centre for Musical Performance as Creative Practice (CMPCP) in Cambridge und ein wissenschaftlicher Beirat mit WissenschaftlerInnen an Universitäten von Berkeley, Philadelphia, Berlin, Chicago und Oxford.
Musikalische Expressivität, so das Projektergebnis, geht weit über das klischeehafte Vermitteln bestehender Emotionen zwischen Komponistinnen und Hörerinnen hinaus, indem darin Psychologisches nicht bloß transportiert wird sondern entdeckt. Wer war noch nicht von Musik ergriffen und berührt? Dass Musik ausdrucksvoll ist scheint sicher. Wie sie es ist und was sie genau ausdrückt, in wessen Ohren sie dies mehr oder weniger vermag, wie wir uns das Phänomen der sogenannten musikalischen Expressivität genau denken und an welchem konkreten musikalischen Detail oder an welchen Beschaffenheiten der Komposition, der Aufführung und des Zuhörens wir dies festmachen, war Gegenstand dieses philosophisch-musikanalytischen Forschungsprojekts. Ergebnis ist ein durchargumentierter Vorschlag, musikalischen Ausdruck neu zu verstehen. Laut bisheriger gängiger wie auch facheinschlägiger Überzeugung ist Ausdruck im Grunde ein Kommunikationsphänomen: ein komponierter musikalischer Inhalt (gedacht als psychologische Narrative bestehend aus Gefühlen, Stimmungen, Emotionen, Haltungen, Charakteren, Ideen usw.) wird durch die klangliche und visuelle Gestalt der Aufführung wie eine Botschaft übermittelt. Dieser Vorstellung wird gemäß den Forschungen Andreas Dorschels und Deniz Peters, welche Analysen nahe der klanglichen, textlichen, performativen Gegebenheiten und historischen Hintergründe mit Analysen philosophischer Schlüsselkonzepte (also wie wir uns Emotionen, Gesten, Rhythmus, die Hörerfahrung etc. denken) verbinden hiermit eine Alternative gegenübergestellt. Ausdruck ist, nach Dorschel und Peters, nicht immer vorbestimmt und dinghaft, sondern Folge einer imaginativen wie körperlich durchlebten Befragung mit musikalischen Mitteln. Die Frage, musikalisch gestellt, richtet sich an alle beteiligten Menschen, Instrumente, Orte und Situationen, und Zuhörerinnen und Zuhörer, sowie zentral die Komponierenden und Spielenden selbst. Es ist eine dialogische Befragung, deren Gang durch Musik als körperlich-geistige Handlung und kollektives Medium im Ausgang als unerwartete, unvermutete menschliche oder weltliche Äußerung als Äußerung des Lebens erfahren wird. So wird Ausdruck nicht durch Musik vermittelt, sondern fortwährend an ihr entdeckt.
- Helga De La Motte, Technische Universität Berlin - Deutschland
- Philip Alperson, Temple University at Philadelphia - Vereinigte Staaten von Amerika
- Alva Noë, University of California Berkeley - Vereinigte Staaten von Amerika
- Lawrence Zbikowski, University of Chicago - Vereinigte Staaten von Amerika
- Georgina Born, University of Cambridge - Vereinigtes Königreich
- John Rink, University of Cambridge - Vereinigtes Königreich
Research Output
- 29 Zitationen
- 2 Publikationen
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2015
Titel Musical Empathy, Emotional Co-Constitution, and the “Musical Other” DOI 10.18061/emr.v10i1-2.4611 Typ Journal Article Autor Peters D Journal Empirical Musicology Review Seiten 2-15 Link Publikation -
2013
Titel Haptic Illusions and Imagined Agency: Felt Resistances in Sonic Experience DOI 10.1080/07494467.2013.775815 Typ Journal Article Autor Peters D Journal Contemporary Music Review Seiten 151-164