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Das columbanische Netzwerk: Identitäten der Eliten und christliche Gemeinschaften

The Columbanian Network: Elite Identities and Christian Communities

Maximilian Diesenberger (ORCID: 0000-0002-3408-1289)
  • Grant-DOI 10.55776/P25175
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.03.2013
  • Projektende 31.08.2016
  • Bewilligungssumme 194.072 €

Wissenschaftsdisziplinen

Andere Geisteswissenschaften (20%); Geschichte, Archäologie (70%); Philosophie, Ethik, Religion (10%)

Keywords

    Medieval History, Monasticism, Christian Communities, Elites, Cultural History, Columbanus

Abstract Endbericht

Zwischen 550 und 750 wurde klösterliche Kultur stärker in Europa verankert. Die Rolle der Klöster selbst veränderte sich ebenso wie ihre Beziehungen zu ihrer sozialen Umwelt, weil monastische Einrichtungen stärker in den sozialen und politischen Machtnetzwerken der Zeit integriert wurden. Im Zentrum des vorliegenden Projekts steht einer der wichtigsten Akteure, die diesen Prozess beeinflussten, der Ire Columban (ca. 550-615), der auf den Kontinent ausgewandert war, um Askese zu betreiben und zu einem bedeutenden Klostergründer wurde. Gemeinsam mit seinen fränkischen Schülern schuf er ein Klosternetzwerk im merowingischen Gallien und langobardischen Italien. Columban verließ Irland im Jahr 590 mit dem Ziel, den Rest seines Lebens in religiösem Exil zu verbringen. Dieses Ideal der Abschottung prägte alle Aspekte des Aufenthalts Columbans auf dem Kontinent, auch die Organisation seiner Gemeinschaften und seine Beziehungen mit der fränkischen Oberschicht. Die Sprache des Exils war eine Sprache der Trennung, weil Columban versuchte, seine Gemeinschaften als von der Gesellschaft getrennten heiligen Raum zu definieren, der über klare Grenzen und strikte Zugangsregeln verfügte. Aus bislang nicht genügend erforschten Gründen sprach diese Art des Diskurses die fränkische Oberschicht an, deren Angehörige immer stärker versuchten, in die Kirche zu investieren, um dadurch spirituellen Nutzen zu lukrieren und ihr Prestige und ihren Status zu erhöhen. Die Grenzen, die Columban errichtet hatte um seine Gemeinschaften abzugrenzen, leiteten sich aus der Rhetorik des asketischen Exils ab. Sie bereiteten aber den Weg zu neuen, auf christlichem Diskurs basierenden Formen des Community-Building. Klösterliche Ideale beeinflussten nun die höfische Kultur Chlotars II. und Dagoberts I und Angehörige des Hofes begannen Klöster zu gründen und griffen bestimmte Begriffe auf, die aus dem columbanischen monastischen Diskurs entlehnt waren. Dieses Projekt soll die Dynamiken dieser lebhaften Interaktion zwischen monastischen Netzwerken und jenen der Eliten während dieser Entstehungszeit genauer untersuchen und Forschungsfragen stellen, die bislang nur unzureichend geklärt werden konnten, so zum Beispiel: Wie fügte sich der asketische Diskurs Columbans in die aristokratische Selbstdarstellung und die Entstehung der neustrisch-fränkischen Identität im Zuge der Konsolidierung der fränkischen Königreiche unter Chlotar II. ein? Auf welche Weise versuchte diese neue Oberschicht sich von der alten gallo-romanischen Elite zu unterscheiden und zugleich ihre Vorherrschaft über andere fränkische Gruppen zu beanspruchen? Wie kam es, dass der christliche Diskurs immer stärker die sozialen und politischen Rahmenbedingungen der nachrömischen Welt beeinflusste und was war die Rolle von Außenseiter wie Columban in dieser Entwicklung?

Das Zusammenspiel von christlicher Ideologie und der Ausübung von weltlicher Macht im frühmittelalterlichen Europe war die Folge der fundamentalen Neudefinition einer Heilsökonomie im siebten Jahrhundert. Ein erhöhtes eschatologisches Bewusstsein verbunden mit der Gewissheit, durch Gebete die Sünden in dieser Welt zu tilgen und die Seele für das Jenseits zu retten, führte dazu, dass christliche Laien im siebten Jahrhundert neue monastische Fürsprecher suchten und fanden. Als im 4. Jahrhundert das Christentum als offizielle Religion im Römischen Reich angenommen wurde, war das monastische Ideal jenes der Wüstenväter wie Antonius von Ägypten, Martin von Tours, Johannes Kassian und Benedikt von Nursia. Das änderte sich fundamental im lateinischen Westen des 7. Jahrhunderts. Im Gefolge des irischen Asketen Kolumban, der fünf Klöster im heutigen Frankreich, Österreich und Italien gründete, ereignete sich eine monastische Revolution: die Klöster traten in den gesellschaftlichen Mittelpunkt und fortan sollten fränkische Könige und Adelige bei der Gründung und Ausstattung von Klöstern konkurrieren. Innerhalb eines Jahrhunderts nach dem Tod des Heiligen wurden mehr als 100 Klöster gegründet, die vom Modell des Kolumbanklosters Luxeuil im Burgund beeinflusst waren. Als Außenseiter und Immigrant musste der Heilige in traditionellen Machtnetzwerken operieren und Unterstützung, Schutz und Hilfe für seine monastischen Projekte sicherstellen. Er arbeitete im Austausch und Dialog mit den Königen, die für die Bewahrung und Durchsetzung des christlichen Glaubens in ihren Herrschaftsbereichen zuständig waren. Nur so waren Klostergründungen in ländlichen Gegenden möglich, wo der christliche Glaube und christliche Glaubenspraktiken noch nicht so gefestigt waren wie in den Städten. Zudem wurden an Kultorten und heidnischen Quellheiligtümern vorchristliche Rituale praktiziert. Die Wahl der Orte für seine Klostergründungen folgte einer bestimmten Strategie und war keinesfalls beliebig oder zufällig. Kolumbans Charisma als heiliger Mann zog Anhänger mit verschiedenem ethnischen Hintergrund an, was oft nicht ohne Konflikte blieb. Zusätzlich kämpfte der Heilige darum, seine irischen Traditionen mit denen seines Wirkungsraums in Einklang zu bringen. Daraus entstand etwas Neues. Kolumbans Zusammenarbeit mit den fränkischen Eliten involvierte diese in den Prozess der Klostergründungen und setzte damit ein Gründungsmodell durch, das der bischöfliche Kontrolle entging und somit unabhängiger war. Auf dieser Grundlage spielten sowohl monastische Ideologie als auch Normen eine immer größer werdende Rolle für die Identität der fränkischen Eliten und auch für das Herrschafts- und Gesellschaftsverständnis der fränkischen Könige. Klöster rückten ins Zentrum der Gesellschaft, indem sie dynamische Mittelpunkte für Liturgie und Gebet, handwerkliche Produktion, für die Lehre und für das Lernen, für Kunst und für den ökonomischen Ausbau des ländlichen Raumes wurden. All das sollte einen maßgeblichen Einfluss auf die Formierung und Entwicklung europäischer Lebensformen und Glaubensformen in den folgenden Jahrhunderten haben.

Forschungsstätte(n)
  • Österreichische Akademie der Wissenschaften - 100%

Research Output

  • 3 Zitationen
  • 6 Publikationen
Publikationen
  • 2011
    Titel Columbanus and Jonas of Bobbio: New Textual Witnesses
    DOI 10.1484/j.perit.1.103286
    Typ Journal Article
    Autor O’Hara A
    Journal Peritia
    Seiten 188-190
  • 2015
    Titel Saint Columbanus: Selected Writings.
    Typ Book
    Autor O'Hara A
  • 2013
    Titel Patria , peregrinatio , and paenitentia : Identities of Alienation in the Seventh Century
    DOI 10.1484/m.celama-eb.1.101663
    Typ Book Chapter
    Autor O’Hara A
    Verlag Brepols Publishers NV
    Seiten 89-124
  • 2013
    Titel Aristocratic and Monastic Conflict in Tenth-Century Italy: the Case of Bobbio and the Miracula Sancti Columbani
    DOI 10.1484/j.viator.1.103478
    Typ Journal Article
    Autor O’Hara A
    Journal Viator
    Seiten 43-61
    Link Publikation
  • 2015
    Titel The Babenbergs and the Cult of St. Coloman: Saint Formation and Political Cohesion in Eleventh-Century Austria
    DOI 10.1484/j.jml.5.109443
    Typ Journal Article
    Autor O’Hara A
    Journal The Journal of Medieval Latin
    Seiten 131-172
  • 2015
    Titel Columbanus ad Locum : The Establishment of the Monastic Foundations
    DOI 10.1484/j.perit.5.108318
    Typ Journal Article
    Autor O’Hara A
    Journal Peritia
    Seiten 143-170

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