Demographischer Wandel und Auswirkungen auf die autochthonen Minderheiten (Alpen)
Current demographic changes in the Alps - effects on autochthonous minorities
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Sozialwissenschaften (30%); Humangeographie, Regionale Geographie, Raumplanung (70%)
Keywords
-
Amenity Migration,
Alps,
Newcomers,
Ethno-Linguistic Minorities,
Demographic Changes
Seit den 1990er Jahren erfahren immer mehr Gemeinden in den italienischen Alpen, welche über viele Jahrzehnte hinweg mit ausgeprägter Abwanderung und dementsprechenden Einwohnerverlusten konfrontiert waren, eine neue Zuwanderung. In anderen Teilen der Alpen lassen sich Hinweise auf ähnliche Transformationen beobachten. Diese aktuelle demographische Trendwende sowie die Auswirkungen der "Newcomers" auf ethno-linguistische Sprachgruppen wurden in den alpinen Gemeinden bis dato nicht untersucht. Projektziel ist daher, diese neuen Prozesse erstmals alpenübergreifend zu analysieren, zu evaluieren und darzustellen. Die grundlegend neue Art der Zuwanderung weist entscheidende Parallelen zum Konzept der Amenity Migration auf, welches demzufolge die konzeptionelle Grundlage des Forschungsvorhabens bildet. Die beantragte Forschungsarbeit kann auf eine Reihe von Vorstudien des Antragstellers, u.a. im Rahmen dreier FWF-Projekte, aufbauen. Das Untersuchungsgebiet umfasst die zahlreichen demographischen Problemgebiete wie auch Siedlungsgebiete autochthoner ethno- linguistischer Minderheiten im gesamten Alpenraum. Auf Grundlage des aktuellen Forschungsstandes sowie eigener Voruntersuchungen ergeben sich folgende zwei Leitthesen: In vielen Alpengemeinden führen Neuzuwanderer nicht nur zu nennenswerten Bevölkerungsgewinnen, sie leiten auch eine beachtliche Revitalisierung der Bausubstanz und der lokalen bzw. regionalen Wirtschaft ein (These 1). In der Folge soll der Fokus auf Auswirkungen der Neuzuwanderer auf den Erhalt und Verschwinden von autochthonen ethno-linguistischen Minderheiten gelegt werden. Einerseits verändern jene die ethnische Struktur, andererseits leisten gerade die Newcomers erhebliche Beiträge zur Förderung des kulturellen Lebens (These 2). Viele der Neuzuwanderer haben mehrere Wohnsitze, weshalb es nicht mehr ausreicht, allein über Aufenthaltsdauer und Meldestatus auf ihre Auswirkungen auf lokale Strukturen sowie ihre Partizipation am Gemeinschaftsleben zu schließen. Ein adäquater Forschungsansatz muss seinen Fokus dahingehend erweitern. In Abhängigkeit von Lage und Struktur der Gemeinden sind die Auswirkungen der Zuwanderer differenziert zu bewerten, es lassen sich aber räumliche Muster ableiten und verschiedene Phasen der Zuwanderung bestimmen. Neben akademischem Interesse ist es von großer Bedeutung für die Gemeinden, Regionen und Staaten, diese neuen Prozesse zu kennen. Hiermit wird die Erarbeitung wertvoller Ergebnisse für das Verständnis der ablaufenden Prozesse und ihrer Folgen angeboten. Die systematische Auswertung des Forschungsstandes, die Interpretation der offiziellen Statistiken, mehrmonatige Forschungsaufenthalte mit der Anwendung vielfältiger Datenerhebungstechniken, wobei auch neuere Technologien, wie die Analyse sozialer Netzwerke, zum Einsatz kommen, ferner die Diskussion von Zwischenergebnissen sowie das kritische Zusammenführen der Teilergebnisse sollen zum Projektziel führen.
Vorliegendes Projekt baut auf unser vorhergehendes FWF-Projekt (P 20954-G03) auf, in dem deutlich gezeigt wurde, dass die meisten Gemeinden in den italienischen Alpen seit den 1990er Jahren mit beträchtlichen Zuzügen konfrontiert sind und in der Folge immer mehr Orte Bevölkerungsgewinne aufweisen. Es ist daher naheliegend, einen Blick auf die neue Zuwanderung im gesamten Alpenraum zu legen zunächst unter besonderer Berücksichtigung der bislang unbedeutenden Amenity Migration östlich der Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino. Ausgehend von den französischen Westalpen Ende der 1960er Jahre erfasst diese nach den italienischen Westalpen mittlerweile auch den östlichen Teil der italienischen Alpen (Montagna friulana) sowie mit zeitlicher Verzögerung zudem den angrenzenden Abschnitt der Julischen Alpen in Slowenien. Dabei ergibt sich in den ostitalienischen und slowenischen Untersuchungsgebieten aufgrund von berufs- und qualifikationsbedingten Abwanderungen zeitgleich ein Nebeneinander von Weg- und Zuzügen bei einem gegenwärtig noch leicht dominierenden negativen Migrationssaldo und rückläufigen Einwohnerzahlen. Für unsere Studien war es notwendig, die neuen Zuwanderer in verschiedene Kategorien zu gliedern, wie Remigranten, die zurückgewandert sind (z.B. Pensionisten), Besitzer von Zweitwohnsitzen mit ihrem Lebensmittelpunkt im alpinen Peripherraum oder counterurbane (permanente) Neuzuwanderer.Fallstudien legten den kulturellen Einfluss des neuen demographischen Trends in den Alpen offen: Beispielsweise lassen sich in der deutschen Sprachinsel Sauris/Zahre in Friaul die Auswirkungen der italienischen Newcomer besonders gut aufzeigen: Zweifellos verändert die neue Zuwanderung die ethnische Struktur, andererseits setzen sich gerade die neuen Gebirgsbewohner für den Erhalt des kulturellen Erbes und damit für die ethnolinguistischen Minderheiten ein.Darüber hinaus befassten wir uns mit der immer stärker werdenden Neubesiedelung und Revitalisierung von verlassenen und wüstgefallenen Siedlungen dies vor allem im friulanischen Gebirge. Mit weiteren Fallstudien konnten wir belegen, dass heute auch ostalpine Peripherräume selbst wenn sie noch Bevölkerungsrückgänge aufweisen zu den Newcomer-Gebieten der Alpen zu zählen sind.Eine Ausnahme bilden die alpinen Peripherräume Ostösterreichs. Die bis dato kaum vorhandene Amenity Migration, gepaart mit den weiterhin anhaltenden Bevölkerungsverlusten, machen diese Region zum mittlerweile größten demographischen Problemgebiet der Alpen. Eine Analyse der Ursachen dafür ergibt im östlichen Teil der österreichischen Alpen mehrere, unterschiedlich stark miteinander verknüpfte Faktoren (geringe landschaftliche Attraktivität, Erschließungsdefizite, Forstwirtschaft, Großgrundbesitz, Negativimage), die dafür verantwortlich sind, dass dem alpinen Osten Österreichs weitgehend das Potential für Amenity Migration in größerem Umfang fehlt.Auf der anderen Seite zeigen unsere Untersuchungen im Innovationsraum Französische Alpen, dass die Zuwanderung dort immer noch anhält und sich inzwischen auch in der biodemographischen Bevölkerungsentwicklung vieler Gemeinden niederschlägt. Im Unterschied zu den meisten anderen Alpenstaaten wurden überdies auch bereits von politischer Seite Maßnahmen eingeleitet, die eine Ansiedlung von neuen Bergbewohnern unterstützen. In der Projekt-Endphase entwickelte das Forschungsteam Modelle, die sich aus den zahlreichen in den Periphergebieten der Alpen vorgenommen Fallstudien ableiten ließen. Mit diesen Modellen sind Motive und Auswirkungen von Amenity Migration auch auf andere Bergregionen übertragbar.
- Universität Innsbruck - 100%
Research Output
- 97 Zitationen
- 21 Publikationen
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2016
Titel Current Demographic Trends in the Alps. Nothing Quiet on the Western Front - Quiet in the East. Typ Book Chapter Autor Löffler R -
2016
Titel Die Wiederbelebung der Alpendörfer - Ein Blick in den Westen. Typ Journal Article Autor Steinicke E Et Al Journal Die Welt verstehen - eine geographische Herausforderung. Eine Festschrift der Geographie Innsbruck für Axel Borsdorf. Innsbrucker Geographische Gesellschaft -
2016
Titel Neue Zuwanderung in die Alpen - Der Osten ist anders DOI 10.1553/moegg156s249 Typ Journal Article Autor Cede P Journal Mitteilungen der Österreichischen Geographischen Gesellschaft Seiten 249-272 Link Publikation -
2016
Titel Slovenes in Italy: A Fragmented Minority DOI 10.1515/euco-2016-0004 Typ Journal Article Autor Steinicke E Journal European Countryside Seiten 49-66 Link Publikation -
2015
Titel Aktuelle demographische Prozesse in den Alpen. Ostösterreich entwickelt sich anders. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Cede P Et Al Konferenz Ministerium f. Bildung u. Wissenschaft d. R.F., Staatliche Kuban-Universität(Hrsg.): Kaukaus und Alpen im Vergleich. Sammelband wissenschaftlicher Arbeiten nach Materialien einer gemeinsamen Sommerschule, Krasnodar -
2018
Titel Tra conservazione e rischio di estinzione: la minoranza etno-linguistisca slovena in Italia DOI 10.13128/bsgi.v1i1.92 Typ Journal Article Autor Jelen I Journal Bollettino della Società Geografica Italiana Seiten 91-107 Link Publikation -
2012
Titel In-migration as a new process in demographic problem areas of the Alps. Ghost towns vs. amenity settlements in the alpine border area between Italy and Slovenia DOI 10.3112/erdkunde.2012.04.04 Typ Journal Article Autor Steinicke E Journal Erdkunde Seiten 329-344 -
2014
Titel Neue Zuwanderung in die Alpen - der Osten ist anders. Typ Journal Article Autor Cede P -
2014
Titel The Effects of Amenity Migration on Ethnic Minorities in the Alps: Case Study of the Italian Alps. Typ Book Chapter Autor Moss L.A.G. & Glorioso R.S. (Eds.): Global Amenity Migration - Transforming Rural Culture -
2014
Titel From out-migration to in-migration. Impacts on autochthonous Linguistic Minorities in the Italian Alps. Typ Book Chapter Autor Dai Prà E. (A Cura Di): Approcci Geo-Storici E Governo Del Territorio. 2. Scenari Nazionali E Internazionali. -
2014
Titel "Newcomers" nelle regioni periferiche delle alpi. Il caso dell'area di confine tra Italia e Slovenia nelle Alpe Giulie. Typ Journal Article Autor Jelen I Et Al -
2014
Titel Second Residences in Oukaimeden: Early Amenity Migration in the High Atlas, Morocco. Typ Book Chapter Autor Fricken D -
2014
Titel "Rifugi etno-linguistici" e tendenze demografiche attuali nelle Alpi italiane. Il caso di Sauris (Zahre). Typ Book Chapter Autor Porcellana V. & Diémoz F. (Eds.): Minoranze In Mutamento. Etnicità -
2014
Titel New Highlanders in Traditional Out-migration Areas in the Alps. The Example of the Friulian Alps DOI 10.4000/rga.2546 Typ Journal Article Autor Löffler R Journal Journal of Alpine Research | Revue de géographie alpine Link Publikation -
2016
Titel Amenity Migration in the Alps: Applying Models of Motivations and Effects to 2 Case Studies in Italy DOI 10.1659/mrd-journal-d-16-00042.1 Typ Journal Article Autor Lffler R Journal Mountain Research and Development Seiten 484-493 Link Publikation -
2016
Titel Amenity Migration in den Europäischen Westalpen. Neuzuwanderer im französisch-italienischen Grenzgebiet der Westalpen. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Löffler R Konferenz Scharr K. & Steinicke E. (Hg): Alpen - Kaukasus. Natur- und Kulturraum im Vergleich. Ergebnisse der internationalen Sommerschule Innsbruck 2015 -
2015
Titel Wo Bäume in Häusern wohnen. Typ Journal Article Autor Beismann M Journal Quart -
2015
Titel Il nuovo problema demografico delle Alpi. Typ Book Chapter Autor Löffler R -
2013
Titel Newcomers in the Italian Alps - Effects on Autochthonous Linguistic Minorities. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Löffler R Konferenz Migration: Global Development, New Frontiers. Interdisciplinary conference on migration jointly organised by the NORFACE Research Programme on Migration and the Centre for Research and Analysis of Migration (CReAM) at UCL. 10-13 April, 2013. University College London. -
2015
Titel Newcomers in the Alps: Benefits of having "second homers". A case study in the Eastern Italian Alps. Typ Journal Article Autor Löffler R Journal Mountain Dossier, Housing Policies in Mountain Areas II, [Scientific Review of Dislivelli.eu/Rivista Scientifica di Dislivelli.eu] -
2015
Titel Traditionell strukturierte Gebiete der Alpen und ihre Zukunft als Dauersiedlungsraum. Geleistete und zukünftige Forschung der Innsbrucker Geographie zum Schwerpunkt "Demographic Change in the Alps". Typ Journal Article Autor Beismann M Journal Innsbrucker Geographische Gesellschaft, Innsbrucker Jahresbericht 2014-2015, 20. Ausgabe. Innsbruck