Konzepte der pharmazeutischen Wirksamkeit in der exiltibetischen Medizin
Re-defining Pharmaceutical Efficacy and Safety in Contemporary Exile-Tibetan Medicine
Wissenschaftsdisziplinen
Soziologie (90%); Sprach- und Literaturwissenschaften (10%)
Keywords
-
Tibetan medicine,
Tibetan diaspora,
Medical Anthropology,
Pharmaceuticals,
India,
Nepal
Das beantragte Projekt wird mittels ethnographischer Feldforschung die erste umfassende anthropologische Studie über die pharmazeutische Produktion tibetischer Arzneimittel im tibetischen Exil erstellen. Neben der Erhebung von bisher non-existenten qualitativen und quantitativen Daten hierzu (welche Mengen werden unter welchen Bedingungen wo hergestellt, etc.), liegt der analytische Fokus besonders auf kontemporären exil-tibetischen Konzepten der pharmazeutischen Wirksamkeit, Sicherheit und Qualität. Wie werden diese Konzepte definiert bzw. umdefiniert, und in welchem Zusammenhand stehen diese Definitionen mit der pharmazeutischen Praxis, dem Markt für "traditionelle Arzneimittel" und der exil-tibetischen Kultur und Gesellschaft? Diese Studie baut auf den Einsichten eines FWF-Vorprojekts des Antragstellers auf, die zeigen, dass die pharmazeutische Wirksamkeit tibetischer Arzneimittel heute ein zentraler Bereich ist, in dem Exil-Tibeter ihre kulturelle und politische Identität formen und definieren. Indem diese Forschung die Produktion tibetischer Arzneimittel und die Konstruktion ihrer Wirksamkeit in einem breiteren Kontext untersucht, wird sie wichtige neue Einsichten liefern, wie sich der kapitalistische Markt, globale Gesundheits-Strategien, transnationale pharmazeutische Regulierungsmechanismen, oder intellektuelle Eigentumsrechte in lokalen Gesundheitsszenarien, ethnischer Identität, Nationalismus, und unserem Wissen über pharmazeutische Wirksamkeit niederschlagen. Die 36-monatige multi-lokale Forschung wird sich auf exil-tibetische Medizinhersteller in Indien und Nepal konzentrieren, und am Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften durchgeführt werden.
Dieses FWF Projekt wurde bereits nach 8 Monaten beendet, um angesichts eines beginnenden ERC Starting Grant Projekts zu einem ähnlichen Thema eine Doppelförderung zu vermeiden. Trotzdem lieferten die Hintergrund-Recherchen sowie ein kurzer Feldforschungsaufenthalt in Indien einige signifikante vorläufige Ergebnisse. So wurde zum ersten Mal eine Liste tibetischer pharmazeutischer Produzenten in Indien kompiliert, die nicht nur die großen Medizininstitute, sondern auch kleinere private Hersteller beinhaltet. Kloos besuchte etwa die Hälfte all dieser Hersteller, um grundlegende Informationen zu deren Produktionsvolumen, Produktionsweisen, und Umsätzen zu sammeln. Obwohl weitere Forschungsaufenthalte nötig sind, stellen diese Daten und Kontakte eine essentielle Voraussetzung für jegliche Forschungen zur tibetischen Medizinindustrie in Indien dar. Bereits in diesem frühen Forschungsstadium ist klar, dass es eine große Nachfrage nach tibetischen Arzneimitteln in Indien gibt, die noch teilweise unbefriedigt ist. So entsteht gerade eine sehr lukrative tibetische pharmazeutische Industrie, die bis jetzt noch nicht durch Qualitätsnormen geregelt ist. Allerdings hat bis jetzt die Komplexität der Herstellung dieser Arzneien, sowie eine starke soziale Kontrolle unter den Herstellern und Ärzten weitgehend hohe Qualitätsstandards aber auch relativ niedrige Wachstumsraten bewirkt. Dennoch gibt es eine ganze Reihe an Veränderungen, die durch Massenproduktion und den internationalen Markt nötig geworden sind, wie etwa Substituierungen von Rohmaterialien, moderne Verarbeitungsmethoden oder Formelanpassungen. Die Hypothese des Projekts dass der Eintritt der tibetischen Medizin in den pharmazeutischen Markt sowohl deren pharmazeutische Produktion als auch damit zusammenhängende Vorstellungen von Sicherheit und Wirksamkeit verändert erscheint also korrekt, obwohl natürlich noch mehr Forschungsarbeit nötig ist.Kloos ging mehrere formelle und informelle Kollaborationen ein, um an dem internationalen Forschungsnetzwerk zur traditionellen pharmazeutischen Industrie Asiens anzudocken. So wurde er in den Rat der International Association for the Study of Traditional Asian Medicines (IASTAM) gewählt, und trat den Netzwerken PharmAsia (CNRS, Frankreich) und South Asian Medical Heritages (Universität Leiden, Niederlande) bei. Trotz der kurzen Projektdauer reichte er ein Kapitel zu einem wissenschaftlichen Sammelband ein, welcher 2014 erscheinen wird, und gab mehrere Gastvorträge in Österreich und auf internationalen Konferenzen. Insgesamt waren die 8 Monate dieses Projekts sehr produktiv, und lieferten wichtige vorläufige Ergebnisse auf denen das Nachfolgeprojekt Kloos ERC Grant aufbauen können.