Perspektiven für bäuerliche Familien in Österreich
Perspectives for farming families in Austria
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Agrarwissenschaften (10%); Soziologie (80%); Wirtschaftswissenschaften (10%)
Keywords
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Family Farming,
Sociology Of The Family,
Farming
Bäuerliche Familienbetriebe stehen heute vor zwei großen Herausforderungen: Da die Agrarpreise aufgrund der technischen Entwicklung und der Globalisierung der Märkte sehr niedrig sind, können viele Bauern ihre materielle Existenz nur dann sichern, wenn sie neue Produktions- und Marketing-konzepte entwickeln. Zugleich ist es nötig, dass Bauern neue Modelle des Familienlebens finden, welche die Erfordernisse der bäuerlichen Familienwirtschaft mit den modernen Vorstellungen und Idealen von Partnerschaft, Familie und Freizeitleben miteinander in Einklang bringen. In diesem Forschungsprojekt soll daher untersucht werden, wie Bauern ihre betriebliche und familiäre Situation wahrnehmen und bewerten und welche Ideen und Strategien sie entwickeln, um sowohl in wirtschaftlicher als auch in privater Hinsicht eine gute Lebensqualität zu haben. Da die Gestaltung und Organisation der bäuerlichen Produktion und die Herstellung befriedigender Partner- und Familienbeziehungen vielfach miteinander in Verbindung stehen, soll auf die Interaktion zwischen diesen beiden Ebenen besonderes Augenmerk gelegt werden. Der Fokus dieses Projekts richtet sich jedoch eher auf soziale als auf ökonomische und technische Aspekte, d.h. auf die soziale Identität der Bauern, die Arbeitsteilung zwischen den Mitgliedern der bäuerlichen Haushalts und die sozialen Beziehungen zwischen Bauer und Bäuerin, ihren Kindern und den am Hof lebenden Altbauern. Diese Thematiken sollen mit einem Mix aus quantitativen und qualitativen Methoden untersucht werden. Um die Qualität des Projekts zu verbessern, werden bei der Konzeptualisierung und Durchführung des Projekts ein wissenschaflicher Experte des Wiener Bundesinstituts für Bergbauernfragen, Mitarbeiter und Studierende einer Agrar-Fachhochschule sowie Mitarbeiter eines Beratungsprojekts für bäuerliche Familien mit einbezogen. In der ersten Phase wird der Fragebogen des International Social Survey Programme 2012 zum Thema "Familie und Geschlechterrollen" an einer Repräsentativstichprobe österreichischer Erwachsener sowie an einem Oversample von ca. 250 Bauern erhoben. Diese Vorgangsweise ermöglicht es, die Einstellungen von Bauern zu Partnerschaft und Familie mit den entsprechenden Einstellungen anderer Bevölkerungsgruppen zu vergleichen; zudem werden die ISSP-Daten auch für international vergleichende Längsschnittanalysen verwendet. In der zweiten Phase werden mit Bauern bzw. Bäuerinnen teilstrukturierte Interviews geführt. Um ein differenziertes Bild vom Familienleben und den intergenerationalen Konflikten und Spannungen am Hof zu gewinnen, möchten wir bei einem Teil der ausgewählten Familien auch Altbauern und Kinder der Hofbesitzer interviewen. In der Schlussphase des Projekts werden die Ergebnisse der empirischen Erhebungen in einem Expertenworkshop (mit Mitarbeitern politischer Interessenvertretungen, Bildung- und Beratungseinrichtungen für Bauern, u.dgl.) diskutiert und analysiert.
In diesem Projekt wurde anhand von Fragebogen-Erhebungen und von Interviews mit Bauern und Bäuerinnen untersucht, wie diese ihre betriebliche und familiäre Situation wahrnehmen und welche Strategien sie entwickeln, um sowohl in wirtschaftlicher als auch in familiär-privater Hinsicht eine gute Lebensqualität zu erreichen. Als zentrale Ergebnisse lassen sich festhalten:Landwirtschaftliche Betriebe können heute nur dann überleben, wenn sie entweder große Mengen an Rohprodukten an Großabnehmer verkaufen oder durch innovative Produktions- und Verkaufskonzepte (Diversifizierung, Weiterverarbeitung von Rohprodukten, Direktverkauf, bäuerliche Nebentätigkeiten) zusätzliche Einkünfte erzielen. Ein großer und vermutlich steigender Teil der Landwirte entscheidet sich für den zweiten Weg, da diese Art der bäuerlichen Tätigkeit mehr persönliche Befriedigung verschafft. Die meisten der befragten Bauern und Bäuerinnen identifizieren sich sehr stark mit ihrem Beruf und mit der bäuerlichen Lebensform; sie leiden jedoch unter der Unter der Abhängigkeit vom internationalen Agrarmarkt und den geringen Marktpreisen für agrarische Produkte. Die Arbeiten am Bauernhof werden nach wie vor im Sinne der traditionellen Geschlechterrollen aufgeteilt; diese Form der Arbeitsteilung wird von den Beteiligten positiv beurteilt. In den letzten Jahrzehnten hat sich jedoch sowohl im Bereich der Arbeitsorganisation als auch in den privaten Beziehungen zwischen Mann und Frau sowie zwischen den Generationen ein starker Wandel von patriarchal-hierarchischen hin zu partnerschaftlich-egalitären Orientierungen vollzogen. Durch diese Entwicklung kommt es zu einer deutlichen Verbesserung des sozialen Klimas am Bauernhof. Die Mehrheit der Befragten betont, dass durch die Zusammenarbeit am Hof und durch die wechselseitige Unterstützung bei der Kinderbetreuung und Haushaltsführung die Lebenssituation aller Beteiligten erleichtert und verbessert wird. In der älteren Generation war das enge Zusammenleben am Hof jedoch mit starken sozialen Zwängen und daraus resultierenden Konflikten verbunden. In der jüngeren Generation wird durch eine klare Abgrenzung der Wohnbereiche von Jung- und Altbauern mehr Privatsphäre und ein besseres soziales Klima am Hof ermöglicht. Die Weiterführung des Hofs in der nächsten Generation wird nach wie vor angestrebt; die soziale Verpflichtung, diese Erwartung zu erfüllen, ist jedoch geringer geworden. Ob der Hof übernommen wird, hängt von den beruflichen Präferenzen der Kinder und von einer rationalen Beurteilung der ökonomischen Perspektiven des Hofs ab.
- Universität Graz - 100%
Research Output
- 1 Publikationen
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2015
Titel Studie zu bäuerlichen Familien in Österreich. Erste Ergebnisse. Typ Journal Article Autor Griesbacher Em Journal Zugänge. Forschungsberichte der Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik