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Jüdische Sportfunktionäre im Wien der Zwischenkriegszeit

Jewish Sports Officials in Interwar Vienna

Roman Horak (ORCID: 0000-0003-1559-8108)
  • Grant-DOI 10.55776/P26102
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.10.2013
  • Projektende 31.03.2017
  • Bewilligungssumme 340.689 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Andere Geisteswissenschaften (50%); Geschichte, Archäologie (25%); Politikwissenschaften (25%)

Keywords

    Sports Official, Popular Culture, Jewishness, Anti-Semitism, Interwar Vienna, Performative Identities

Abstract Endbericht

Im vorgeschlagenen Projekt soll am Beispiel jüdischer Sportfunktionäre das soziale Feld des Sports als Ort von Identitätspolitik im Wien der Zwischenkriegszeit rekonstruiert werden. Verglichen werden Möglichkeiten und Grenzen jüdischer Partizipation in unterschiedlichen sozialen Feldern, sowie Wechselwirkungen und Netzwerke, die diese Felder möglicherweise verbanden. Zum einen wird versucht mit Hilfe von quantitativen Vereinsdaten und statistischen Daten zur jüdischen Bevölkerung Wiens eine Demografie jüdischer Sportfunktionäre zu erstellen. Zweitens werden deren mögliche Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Form einer Gruppen- bzw. Kollektivbiografie analysiert. Neben den Aktivitäten im und für den Sport soll besonderes Augenmerk auf die Tätigkeit der untersuchten Personen im Beruf bzw. in den Medien und in der Politik gelegt werden. Des Weiteren werden einzelne Biografien als Fallbeispiele nachgezeichnet. Auf diese Weise versucht das Projekt auch die Aufgabe einer Sichtbarmachung verschütteter Traditionen des Wiener Sports und popularer Kulturen Wiens in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vorzunehmen. Die Kollektivbiografien des untersuchten Personenkreises werfen Fragen jüdischer Identität auf, die insbesondere vor 1938 vom Spannungsfeld von Religion, Zionismus und "Assimilierung" beherrscht waren. So ist zu beschreiben, wie Bilder und Zuschreibungen des Jüdischen wirkten, Ergebnis welcher Diskursstränge und Auseinandersetzungen sie waren und wann sie sich veränderten. Damit verbunden ist die Frage ob für einen bestimmten Zeitraum eine konkrete Auseinandersetzung mit Jewishness genuiner Teil spezifisch mitteleuropäischer Sportkulturen war. Die Zugehörigkeit zu popularkulturellen Praxen bildet das entscheidende Kriterium für die Auswahl einer bestimmten Sportart für unsere Untersuchung. Wo die Öffentlichkeitsfunktion eines Sports oder die Medienberichterstattung eine populäre (Massen-)Kultur indizieren, kann paradigmatisch eine gesellschaftliche Selbst- und Fremdverortung analysiert werden, gerade dort können öffentliche Diskussionsprozesse über Jewishness stattfinden. Im Mittelpunkt steht dabei der Fußball, aber auch der Schwimmsport, der Eiskunstlauf und der Boxsport, der Schisport und der Arbeitersport bilden wichtige Bestandteile unserer Untersuchung. Die den verschiedenen Sichtweisen auf den Sport, auf Jewishness, aber vor allem auf die Zusammenschau beider Ebenen ist neben individuellen Selbst- und Fremdeinschätzungen, Selbst- und Fremdzuschreibungen nicht zuletzt Medien zu entnehmen. In diesen wurden im Kampf um die Produktion hegemonialer oder minoritärer Diskurse sowie Argumente aufgerichtet, verfestigt oder hinterfragt und Bedeutungen konstruiert. Die Symbole der Sportivität wurden in die "Gemeinschaft" übertragen, es wurden Chiffren des Jüdischen entworfen und auf ihre Brauchbarkeit bzw. Durchsetzbarkeit hin geprüft. Medien werden daher nicht nur als eine Quelle der Untersuchung verwendet, sondern ebenso als Ausgangspunkt zeitgenössischer Diskurse verstanden.

Juden waren in Wien im modernen, urbanen Sport in großer Anzahl aktiv das ist ein zentrales Ergebnis des Forschungsprojekts Jüdische Sportfunktionäre im Wien der Zwischenkriegszeit. Das Projekt konnte die Namen von etwa 630 Sportfunktionären und knapp über 20 Funktionärinnen erschließen, die zwischen 1918 und 1938 in Wien tätig waren.Obwohl die meisten dieser FunktionärInnen bei jüdischen oder zumindest jüdisch konnotierten Vereinen aktiv waren, lässt sich zeigen, dass auch bei als nichtjüdisch bzw. antisemitisch beschriebenen Klubs präsent waren. So hatten alle wichtigen Wiener Fußballvereine (mit einer Ausnahme) jüdische Funktionäre. Das heißt aber nicht, dass die Funktionärstätigkeit ein offenes soziales Feld war. Die Tätigkeit als SportfunktionärIn war mit wenigen Ausnahmen nur für einen kleinen Ausschnitt der Gesellschaft zugänglich, verknüpft mit den Attributen männlich, Mittelklasse und mittelalt. Die persönlichen Kontakte innerhalb dieser Gruppe waren wichtig bei der Bildung von Netzwerken, die sich in manchen Fällen mit alten familiären und beruflichen Netzwerken vermischten, in anderen Fällen ersetzten sie diese.SportfunktionärInnen (zumindest jene bei den größeren Vereinen der populären Sportarten) waren im Wien der Zwischenkriegszeit öffentliche Figuren, sie waren Gegenstand von Berichterstattung in Tages- und Sportzeitungen. Die FunktionärInnen repräsentierten ein neues Feld der Populärkultur, das in der Zwischenkriegszeit für breite Teile der Gesellschaft wichtig wurde. Deshalb haben ihre Selbstdarstellung und die Zuschreibungen an sie eine Signifikanz, die weit über den Bereich des Sports hinausgehen. Das gilt auch für politische Diskurse: Die strikten Regulative des Sports brachten Grenzen und Widersprüche zeitgenössischer Konzepte von Nation und Staatsbürgerschaft zum Vorschein. Das zeigte sich besonders deutlich an der Frage einer jüdischen Nation, eines Konzeptes, das im Sportbereich weitgehend akzeptiert wurde. Die Kombination von unterschiedlichen Wissenschaftsbereichen, vor allem Sport- und Kulturgeschichte mit Jüdischen Studien brachte spezifische neue Erkenntnisse, vor allem in Hinblick auf die Mechanismen der Konstruktion des Juden als den Anderen. Dieser genaue Blick auf die Konstruktion des Anderen und die wichtige Rolle von Populärkultur in diesem Zusammenhang, haben Erkenntnisse gebracht, die auch für die Analyse aktueller Diskurse etwa zu Migration hilfreich sein können.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Wien - 10%
  • Universität für angewandte Kunst Wien - 90%
Nationale Projektbeteiligte
  • Dieter Segert, Universität Wien , assoziierte:r Forschungspartner:in
Internationale Projektbeteiligte
  • Simon Hermann, Centrum Judaicum Foundation - Deutschland
  • Daniela Schaaf, Deutsche Sporthochschule Köln - Deutschland
  • Jörg-Uwe Nieland, Deutsche Sporthochschule Köln - Deutschland
  • Christiane Eisenberg, Humboldt-Universität zu Berlin - Deutschland
  • Lorenz Pfeiffer, Leibniz Universität Hannover - Deutschland
  • Stefan Zwicker, Universität Bonn - Deutschland
  • Moshe Zimmermann, The Hebrew University of Jerusalem - Israel
  • Miklos Hadas, Corvinus University of Budapest - Ungarn
  • William D. Bowman, Gettysburg College - Vereinigte Staaten von Amerika
  • Lisa Silverman, University of Wisconsin-Milwaukee - Vereinigte Staaten von Amerika

Research Output

  • 18 Publikationen
Publikationen
  • 2014
    Titel "Judenfreier" Fußballsport in der "Ostmark". Die Verfolgung und Ermordung jüdischer Spieler und Funktionäre.
    Typ Book Chapter
    Autor David Forster/Georg Spitaler/Jakob Rosenberg (Eds.): Fußball Unterm Hakenkreuz In Der "Ostmark".
  • 2016
    Titel Chronist der Sexualität: Leo Schidrowitz (1894-1956): Im Niemandsland zwischen Erotik, Pornografie und Kulturanalyse.
    Typ Other
    Autor Marschik M
  • 2016
    Titel Jewish Difference in the Context of Class, Profession and Urban Topography. Studies of Jewish Sports Officials in Interwar Vienna
    DOI 10.5699/austrianstudies.24.2016.0140
    Typ Journal Article
    Autor Sema Colpan
    Journal Austrian Studies
    Seiten 140
  • 2016
    Titel Sportliche Avancen - Frauensport in Wien 1934-1938 (with Johanna Dorer).
    Typ Journal Article
    Autor Dorer J
    Journal Schwerpunktheft: Perspektivenwechsel: Geschlechterverhältnisse in Austrofaschismus
  • 2016
    Titel "Der Herr Kommerzialrat". Theodor Schmidt und Rudolf Klein. Sporträume als Orte jüdischer Selbstvergewisserung in der Ersten Republik.
    Typ Journal Article
    Autor Marschik M
    Journal Wiener Geschichtsblätter
  • 2017
    Titel »Judenxandl und Stadtpelz.« Die vergessenen jüdischen Funktionäre des First Vienna Football Club 1894
    DOI 10.1515/asch-2017-0004
    Typ Journal Article
    Autor Juraske A
    Journal Aschkenas
    Seiten 39-56
  • 2017
    Titel Vorstadt, Sport und jüdische Identitäten
    DOI 10.1515/asch-2017-0003
    Typ Journal Article
    Autor Colpan S
    Journal Aschkenas
    Seiten 23-37
  • 2017
    Titel Jüdische Sportfunktionäre im Wien der Zwischenkriegszeit und Jewish Difference. Zur Methodik eines Forschungsprojekts
    DOI 10.1515/asch-2017-0002
    Typ Journal Article
    Autor Hachleitner B
    Journal Aschkenas
    Seiten 9-21
  • 2017
    Titel Jüdischer Sport in Metropolen: Einleitende Bemerkungen
    DOI 10.1515/asch-2017-0001
    Typ Journal Article
    Autor Betz S
    Journal Aschkenas
    Seiten 1-8
  • 2017
    Titel "Blau-Gelb ist mein Herz". Die Geschichte des First Vienna Football Club 1894.
    Typ Book
    Autor Juraske A
  • 2016
    Titel Der First Vienna FC und seine jüdischen Funktionäre - eine Bestandsaufnahme.
    Typ Book Chapter
    Autor Juraske A
  • 2017
    Titel The Lost Honor of Julius Deutsch: Jewish Difference, “Socialist Betrayal”, and Imperial Loyalty in the 1923 Deutsch-Reinl Trial
    DOI 10.3390/rel8010013
    Typ Journal Article
    Autor Spitaler G
    Journal Religions
    Seiten 13
    Link Publikation
  • 2017
    Titel A Life of Jewish Difference. The Story of Rudolf Klein.
    Typ Journal Article
    Autor Kolb E
    Journal Australian Jewish Historical Society Journal
  • 2014
    Titel Der First Vienna Football Club 1894 in den Jahren 1938 bis 1945.
    Typ Book Chapter
    Autor David Forster/ Jakob Rosenberg/ Georg Spitaler (Eds.): Fußball Unterm Hakenkreuz In Der "Ostmark"
  • 2014
    Titel Opfer Österreich, Opfer Austria? Der FK Austria und die NS-Zeit.
    Typ Book Chapter
    Autor David Forster/Georg Spitaler/Jakob Rosenberg (Eds.): Fußball Unterm Hakenkreuz In Der "Ostmark".
  • 2014
    Titel "vor Neid platzend !" Der Sportklub Hakoah Wien und seine Sportanlage im Wiener Prater.
    Typ Book Chapter
    Autor Betz Sh
  • 2015
    Titel Leo Schidrowitz. Autor und Verleger, Sexualforscher und Sportfunktionär.
    Typ Book
    Autor Marschik M
  • 2014
    Titel "Bodenständig" und angepasst - der Sportklub Rapid im Nationalsozialismus.
    Typ Book Chapter
    Autor David Forster/Georg Spitaler/Jakob Rosenberg (Eds.): Fußball Unterm Hakenkreuz In Der "Ostmark".

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