Jüdische Sportfunktionäre im Wien der Zwischenkriegszeit
Jewish Sports Officials in Interwar Vienna
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (50%); Geschichte, Archäologie (25%); Politikwissenschaften (25%)
Keywords
-
Sports Official,
Popular Culture,
Jewishness,
Anti-Semitism,
Interwar Vienna,
Performative Identities
Im vorgeschlagenen Projekt soll am Beispiel jüdischer Sportfunktionäre das soziale Feld des Sports als Ort von Identitätspolitik im Wien der Zwischenkriegszeit rekonstruiert werden. Verglichen werden Möglichkeiten und Grenzen jüdischer Partizipation in unterschiedlichen sozialen Feldern, sowie Wechselwirkungen und Netzwerke, die diese Felder möglicherweise verbanden. Zum einen wird versucht mit Hilfe von quantitativen Vereinsdaten und statistischen Daten zur jüdischen Bevölkerung Wiens eine Demografie jüdischer Sportfunktionäre zu erstellen. Zweitens werden deren mögliche Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Form einer Gruppen- bzw. Kollektivbiografie analysiert. Neben den Aktivitäten im und für den Sport soll besonderes Augenmerk auf die Tätigkeit der untersuchten Personen im Beruf bzw. in den Medien und in der Politik gelegt werden. Des Weiteren werden einzelne Biografien als Fallbeispiele nachgezeichnet. Auf diese Weise versucht das Projekt auch die Aufgabe einer Sichtbarmachung verschütteter Traditionen des Wiener Sports und popularer Kulturen Wiens in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vorzunehmen. Die Kollektivbiografien des untersuchten Personenkreises werfen Fragen jüdischer Identität auf, die insbesondere vor 1938 vom Spannungsfeld von Religion, Zionismus und "Assimilierung" beherrscht waren. So ist zu beschreiben, wie Bilder und Zuschreibungen des Jüdischen wirkten, Ergebnis welcher Diskursstränge und Auseinandersetzungen sie waren und wann sie sich veränderten. Damit verbunden ist die Frage ob für einen bestimmten Zeitraum eine konkrete Auseinandersetzung mit Jewishness genuiner Teil spezifisch mitteleuropäischer Sportkulturen war. Die Zugehörigkeit zu popularkulturellen Praxen bildet das entscheidende Kriterium für die Auswahl einer bestimmten Sportart für unsere Untersuchung. Wo die Öffentlichkeitsfunktion eines Sports oder die Medienberichterstattung eine populäre (Massen-)Kultur indizieren, kann paradigmatisch eine gesellschaftliche Selbst- und Fremdverortung analysiert werden, gerade dort können öffentliche Diskussionsprozesse über Jewishness stattfinden. Im Mittelpunkt steht dabei der Fußball, aber auch der Schwimmsport, der Eiskunstlauf und der Boxsport, der Schisport und der Arbeitersport bilden wichtige Bestandteile unserer Untersuchung. Die den verschiedenen Sichtweisen auf den Sport, auf Jewishness, aber vor allem auf die Zusammenschau beider Ebenen ist neben individuellen Selbst- und Fremdeinschätzungen, Selbst- und Fremdzuschreibungen nicht zuletzt Medien zu entnehmen. In diesen wurden im Kampf um die Produktion hegemonialer oder minoritärer Diskurse sowie Argumente aufgerichtet, verfestigt oder hinterfragt und Bedeutungen konstruiert. Die Symbole der Sportivität wurden in die "Gemeinschaft" übertragen, es wurden Chiffren des Jüdischen entworfen und auf ihre Brauchbarkeit bzw. Durchsetzbarkeit hin geprüft. Medien werden daher nicht nur als eine Quelle der Untersuchung verwendet, sondern ebenso als Ausgangspunkt zeitgenössischer Diskurse verstanden.
Juden waren in Wien im modernen, urbanen Sport in großer Anzahl aktiv das ist ein zentrales Ergebnis des Forschungsprojekts Jüdische Sportfunktionäre im Wien der Zwischenkriegszeit. Das Projekt konnte die Namen von etwa 630 Sportfunktionären und knapp über 20 Funktionärinnen erschließen, die zwischen 1918 und 1938 in Wien tätig waren.Obwohl die meisten dieser FunktionärInnen bei jüdischen oder zumindest jüdisch konnotierten Vereinen aktiv waren, lässt sich zeigen, dass auch bei als nichtjüdisch bzw. antisemitisch beschriebenen Klubs präsent waren. So hatten alle wichtigen Wiener Fußballvereine (mit einer Ausnahme) jüdische Funktionäre. Das heißt aber nicht, dass die Funktionärstätigkeit ein offenes soziales Feld war. Die Tätigkeit als SportfunktionärIn war mit wenigen Ausnahmen nur für einen kleinen Ausschnitt der Gesellschaft zugänglich, verknüpft mit den Attributen männlich, Mittelklasse und mittelalt. Die persönlichen Kontakte innerhalb dieser Gruppe waren wichtig bei der Bildung von Netzwerken, die sich in manchen Fällen mit alten familiären und beruflichen Netzwerken vermischten, in anderen Fällen ersetzten sie diese.SportfunktionärInnen (zumindest jene bei den größeren Vereinen der populären Sportarten) waren im Wien der Zwischenkriegszeit öffentliche Figuren, sie waren Gegenstand von Berichterstattung in Tages- und Sportzeitungen. Die FunktionärInnen repräsentierten ein neues Feld der Populärkultur, das in der Zwischenkriegszeit für breite Teile der Gesellschaft wichtig wurde. Deshalb haben ihre Selbstdarstellung und die Zuschreibungen an sie eine Signifikanz, die weit über den Bereich des Sports hinausgehen. Das gilt auch für politische Diskurse: Die strikten Regulative des Sports brachten Grenzen und Widersprüche zeitgenössischer Konzepte von Nation und Staatsbürgerschaft zum Vorschein. Das zeigte sich besonders deutlich an der Frage einer jüdischen Nation, eines Konzeptes, das im Sportbereich weitgehend akzeptiert wurde. Die Kombination von unterschiedlichen Wissenschaftsbereichen, vor allem Sport- und Kulturgeschichte mit Jüdischen Studien brachte spezifische neue Erkenntnisse, vor allem in Hinblick auf die Mechanismen der Konstruktion des Juden als den Anderen. Dieser genaue Blick auf die Konstruktion des Anderen und die wichtige Rolle von Populärkultur in diesem Zusammenhang, haben Erkenntnisse gebracht, die auch für die Analyse aktueller Diskurse etwa zu Migration hilfreich sein können.
- Dieter Segert, Universität Wien , assoziierte:r Forschungspartner:in
- Simon Hermann, Centrum Judaicum Foundation - Deutschland
- Daniela Schaaf, Deutsche Sporthochschule Köln - Deutschland
- Jörg-Uwe Nieland, Deutsche Sporthochschule Köln - Deutschland
- Christiane Eisenberg, Humboldt-Universität zu Berlin - Deutschland
- Lorenz Pfeiffer, Leibniz Universität Hannover - Deutschland
- Stefan Zwicker, Universität Bonn - Deutschland
- Moshe Zimmermann, The Hebrew University of Jerusalem - Israel
- Miklos Hadas, Corvinus University of Budapest - Ungarn
- William D. Bowman, Gettysburg College - Vereinigte Staaten von Amerika
- Lisa Silverman, University of Wisconsin-Milwaukee - Vereinigte Staaten von Amerika
Research Output
- 18 Publikationen
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2014
Titel "Judenfreier" Fußballsport in der "Ostmark". Die Verfolgung und Ermordung jüdischer Spieler und Funktionäre. Typ Book Chapter Autor David Forster/Georg Spitaler/Jakob Rosenberg (Eds.): Fußball Unterm Hakenkreuz In Der "Ostmark". -
2016
Titel Chronist der Sexualität: Leo Schidrowitz (1894-1956): Im Niemandsland zwischen Erotik, Pornografie und Kulturanalyse. Typ Other Autor Marschik M -
2016
Titel Jewish Difference in the Context of Class, Profession and Urban Topography. Studies of Jewish Sports Officials in Interwar Vienna DOI 10.5699/austrianstudies.24.2016.0140 Typ Journal Article Autor Sema Colpan Journal Austrian Studies Seiten 140 -
2016
Titel Sportliche Avancen - Frauensport in Wien 1934-1938 (with Johanna Dorer). Typ Journal Article Autor Dorer J Journal Schwerpunktheft: Perspektivenwechsel: Geschlechterverhältnisse in Austrofaschismus -
2016
Titel "Der Herr Kommerzialrat". Theodor Schmidt und Rudolf Klein. Sporträume als Orte jüdischer Selbstvergewisserung in der Ersten Republik. Typ Journal Article Autor Marschik M Journal Wiener Geschichtsblätter -
2017
Titel »Judenxandl und Stadtpelz.« Die vergessenen jüdischen Funktionäre des First Vienna Football Club 1894 DOI 10.1515/asch-2017-0004 Typ Journal Article Autor Juraske A Journal Aschkenas Seiten 39-56 -
2017
Titel Vorstadt, Sport und jüdische Identitäten DOI 10.1515/asch-2017-0003 Typ Journal Article Autor Colpan S Journal Aschkenas Seiten 23-37 -
2017
Titel Jüdische Sportfunktionäre im Wien der Zwischenkriegszeit und Jewish Difference. Zur Methodik eines Forschungsprojekts DOI 10.1515/asch-2017-0002 Typ Journal Article Autor Hachleitner B Journal Aschkenas Seiten 9-21 -
2017
Titel Jüdischer Sport in Metropolen: Einleitende Bemerkungen DOI 10.1515/asch-2017-0001 Typ Journal Article Autor Betz S Journal Aschkenas Seiten 1-8 -
2017
Titel "Blau-Gelb ist mein Herz". Die Geschichte des First Vienna Football Club 1894. Typ Book Autor Juraske A -
2016
Titel Der First Vienna FC und seine jüdischen Funktionäre - eine Bestandsaufnahme. Typ Book Chapter Autor Juraske A -
2017
Titel The Lost Honor of Julius Deutsch: Jewish Difference, “Socialist Betrayal”, and Imperial Loyalty in the 1923 Deutsch-Reinl Trial DOI 10.3390/rel8010013 Typ Journal Article Autor Spitaler G Journal Religions Seiten 13 Link Publikation -
2017
Titel A Life of Jewish Difference. The Story of Rudolf Klein. Typ Journal Article Autor Kolb E Journal Australian Jewish Historical Society Journal -
2014
Titel Der First Vienna Football Club 1894 in den Jahren 1938 bis 1945. Typ Book Chapter Autor David Forster/ Jakob Rosenberg/ Georg Spitaler (Eds.): Fußball Unterm Hakenkreuz In Der "Ostmark" -
2014
Titel Opfer Österreich, Opfer Austria? Der FK Austria und die NS-Zeit. Typ Book Chapter Autor David Forster/Georg Spitaler/Jakob Rosenberg (Eds.): Fußball Unterm Hakenkreuz In Der "Ostmark". -
2014
Titel "vor Neid platzend !" Der Sportklub Hakoah Wien und seine Sportanlage im Wiener Prater. Typ Book Chapter Autor Betz Sh -
2015
Titel Leo Schidrowitz. Autor und Verleger, Sexualforscher und Sportfunktionär. Typ Book Autor Marschik M -
2014
Titel "Bodenständig" und angepasst - der Sportklub Rapid im Nationalsozialismus. Typ Book Chapter Autor David Forster/Georg Spitaler/Jakob Rosenberg (Eds.): Fußball Unterm Hakenkreuz In Der "Ostmark".