Die Anatomie von Blo bzang Chos grags
Blo bzang Chos grags´ Anatomy
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Naturwissenschaften (10%); Medizinisch-theoretische Wissenschaften, Pharmazie (35%); Sprach- und Literaturwissenschaften (55%)
Keywords
-
Blo bzang Chos grags,
Tibetan medicine,
Anatomy,
Jesuits,
Transfer Of Medical Knowledge
In meinem vorangegangen Projekt über die Wandbilder in der Medizinischen Fakultät des Klosters Labrang (FWF P 22965-G21) konnte nachgewiesen werden dass der Text von BLO BZANG CHOS GRAGS über "Sich ausbreitende Bäume des Tantras der Erklärung" (2005) ihre schriftliche Grundlage bildet. Sein im Kapitel über Anatomie aufgelisteter Beitrag ist bemerkenswert und geht weit über die Beschreibungen im Bshad rgyud oder dessen Kommentare Vaidurya sngon po und Mes po`i zhal lung hinaus. Das Ziel dieses als Folgeprojekt geplanten Antrages ist die Überprüfung der anatomischen Errungenschaften in BLO BZANG CHOS GRAGS Text und die Analyse der Unterschiede zu den Kommentaren. Die Begleitumstände für die Entwicklung der tibetischen makroskopischen Anatomie im siebzehnten Jahrhundert werden untersucht und ein besonderer Schwerpunkt gilt der Frage weshalb der Leibarzt des fünften Dalai Lamas die in den klassischen Texten genannten Knochen und Ligamente mit Hilfe von Humansektion auffinden und zählen wollte? BLO BZANG CHOS GRAGS Untersuchung zum Bewegungsapparat wird mit anderen zu dieser Zeit in Asien zirkulierenden anatomischen Systemen verglichen, wie die Anatomie von Andreas VESALIUS, die im siebzehnten Jahrhundert von den Jesuiten während ihrer Mission in das Chinesische übersetzt wurde. Deren medizinisches Wirken in China und Tibet muss in diesem Zusammenhang untersucht werden. Anatomische Beschreibungen in BLO BZANG CHOS GRAGS` Text, die wie neue Errungenschaften anmuten aber auf ältere Kommentare zurückverfolgt werden können sollen untersucht werden. Welche dieser Ergebnisse basieren auf Erkundungen mittels Humansektion in Tibet und welche auf ältere Einflüsse aus Indien, dem Orient oder Ostmediterranem Raum? Im Rahmen dieser Fragen wird ein Symposium abgehalten werden um historische Quellen verschiedener Medizin-Systeme mit Experten in den relevanten wissenschaftlichen Feldern zu diskutieren. Ein weiteres Ziel des beantragten Projekts ist die Untersuchung des anatomischen Vokabulars. Alle Termini werden in eine Datenbank eingetragen und im Internet zugänglich gemacht. Um die Entwicklung der diesen Begriffen innewohnenden Bedeutung aufzuzeigen werden sie geprüft, kontextualisiert und mit Darstellungen zur medizinischen Terminologie verglichen, wie sie in modernen tibetischen Anatomie-Atlanten wie auch in den klassischen Thangkas gezeigt werden. Dieser Vergleich ist äußerst wichtig, nicht nur für das Verständnis von Geschichte und Kontext dieses Fachwissens sondern auch in Sinne der Anwendungssicherheit der Tibetischen Medizin. Als Ergebnis dieser interdisziplinären Forschung ergeben sich nicht nur Einblicke in die Tibetische anatomische Terminologie im siebzehnten Jahrhundert sondern auch der gesamten asiatischen Anatomie- Geschichte.
In diesem mit einer halben Stelle ausgestatteten Forschungsprojekt wurden die anatomischen Errungenschaften eines Leibarztes des Fünften Dalai Lamas analysiert. Der Arzt und Augenchirurg Blo bzang Chos grags (Lobsang Chödrag) verfasste Ende des siebzehnten Jahrhunderts einen Text, der den damaligen Medizinstudierenden das Erlernen von Lehrinhalten erleichtern sollte. Die in diesem Text enthaltenen Inhalte sind insofern bemerkenswert, als sie in klassischen Texten beschriebene traditionelle Kenntnisse kritisch hinterfragen. Lobsang Chödrag hat für die damalige Zeit in Tibet durchaus ungewöhnlich Leichensektionen durchgeführt, um die tradierten Angaben mit eigenen Augen zu überprüfen. Vor allem im Bereich des Bewegungsapparates weichen seine Erkenntnisse von früheren Angaben ab. In meinem Projekt wurde das Kapitel zur Anatomie tabellarisch aufgeschlüsselt und die relevanten Daten mit den Angaben früherer und späterer Kommentare verglichen, die sich typischerweise auf die sogenannten "Vier Tantras" beziehen. So heißt der zentrale Lehrtext der tibetischen Medizin, dessen Entstehungszeit bisher nicht genau geklärt ist, der aber deutlich älter sein dürfte als diese Kommentare. Diese wiederum gehen oft weit über den Grundtext hinaus und beleuchten diesen aus unterschiedlichen Perspektiven. Im Gegensatz zu den meisten anderen ostasiatischen Medizintraditionen, etwa der chinesischen Medizin, weist die tibetische Heilkunde ein erstaunlich hohes Maß an anatomischen Fachbegriffen für Strukturen im Inneren des Körpers auf.Um die Bedeutung der durch das Projekt ermittelten anatomischen Inhalte im Kontext der allgemeinen Medizingeschichte aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu beleuchten, wurden im Rahmen des Forschungsprojektes Experten aus Deutschland, England, Korea, Österreich, Russland und den Vereinigten Staaten zu einem Symposium eingeladen, das im Juni 2014 in Wien stattfand. Mehrere Beiträge wurden in einem Themenheft der medizinethnologischen Zeitschrift Curare veröffentlicht. Die Thematik scheint in der Fachcommunity auf Resonanz gestoßen zu sein. Jedenfalls erhielt ich daraufhin Einladungen zu verschiedenen internationalen Konferenzen und konnte zahlreiche Gastvorlesungen in China (Beijing und Lhasa) sowie verschiedenen europäischen Universitäten halten. Ein wichtiger Teil dieses Projekts war die Etablierung einer Datenbank für tibetische Medizintermini. Dabei wurden nicht nur anatomische, sondern auch pharmakologische Begriffe berücksichtigt und anhand von dreißig verschiedenen Quellen identifiziert. Damit wurde die Vielfalt an medizinischen Fachbegriffen mit deren bisher in der Literatur erfassten Bedeutungen dokumentiert. Für die tibetischen Termini wurden wissenschaftliche Namen, Trivialnamen sowie allgemeine Erklärungen aufgelistet und spezifisch codiert. Diese Informationen sind bereits jetzt über das Internet vollständig verfügbar und stehen gegebenenfalls für eine gedruckte Version bereit. Die sich kontinuierlich erweiternde Datenbank wurde in Kooperation mit der Staatsbibliothek zu Berlin erstellt und wird über die virtuelle Fachbibliothek "CrossAsia" für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht (Webadresse: https://crossasia.org/service/crossasia-lab/tibetische-medizin-termini).
- Stadt Wien - 100%
Research Output
- 8 Publikationen
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2014
Titel Medical Murals at Labrang Monastery. Typ Book Chapter Autor Bodies In Balance -The Art Of Tibetan Medicine. Herausgegeben Von Theresia Hofer. -
2014
Titel Tibetan Materia Medica in Dispute. Pharmacological Achievements of Dar-mo sman-rams-pa Blo-bzang Chos-grags. Typ Journal Article Autor Sabernig K Journal Curare -
2016
Titel Description and depiction of inner organs in classical and modern works. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Sabernig K Konferenz Lha ldan sman rtsis khang dbu brnyes nas lo ngo brgya 'khor ba'i rgyal spyi'i rig gzhung gros tshogs 'dzam gling krung gso mthun tshogs bod kyi gso rig ched las lhan tshogs kyi skabs gnyis pa'i lo tshogs dpyad rtsom phyogs bsgrigs. [100th Anniversary Celebrations of the Men-Tsee-Khang & the Second Annual Conference of the Tibetan Medicine Committee of the World Federation of Chinese Medicine Societies" held in Lhasa 2016]. Lha sa -
2015
Titel Transforming Tibetan Anatomy, Vienna, June 12-13, 2014. A Report. Typ Journal Article Autor Sabernig K Journal Curare -
2015
Titel Comparative perspectives on body materiality and structure in the history of Sinitic and East Asian medicines, Ann Arbor, October 2-4, 2015. A Report. Typ Journal Article Autor Sabernig K Journal Curare -
2017
Titel Tibetan Medical Terms. Typ Other Autor Sabernig K -
2016
Titel Anatomical Structures and the Structure of Anatomy in Tibetan Medicine. The Fourth Chapter of the Explanatory Tantra in its Commentaries. Typ Journal Article Autor Sabernig K Journal Curare -
2015
Titel On a New Database of Tibetan Pharmacological and Anatomical Terms. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Sabering K Konferenz The Proceedings of the Establishing Meeting for Speciality Committee of Tibetan Medicine of the World Federation of Chinese Medicine Societies and First Annual Conference, ('Dzam gling krung mthun bod gso mthun tshogs gsar 'dzugs), Xining, August, 7-10