Populärkultur in Translokalen Räumen: Prozesse von Diasporisierung
Popular Culture in Translocal Spaces: Processes of Diasporisation
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Sozialwissenschaften (30%); Soziologie (30%); Sprach- und Literaturwissenschaften (40%)
Keywords
-
Popular Culture,
Identity Constructions,
Translocalisation,
Comorian Diaspora,
Diasporisation,
Cape Verdean diaspora
In diesem Projekt geht es darum zu analysieren, wie verschiedene Praktiken aus dem Bereich populärer Kultur (Musik, virtueller Raum, Körpermodifikationen) Diaspora als imaginären Raum mitgestalten. Wir gehen dabei von populärer Kultur als einem Raum aus, in dem Prozesse von Translokalisierung und Diasporisierung sichtbar werden, wo Identitäten verhandelt und durch performative Praktiken rekonstruiert werden. Unser Forschungsfokus liegt auf der kapverdischen Diaspora in Lissabon (Portugal) und der komorischen Diaspora in Marseille (Frankreich). Das erlaubt eine selten angestellten vergleichende Perspektive auf Diaspora-Gemeinschaften von zwei Ländern, die in geographischer und struktureller Hinsicht viele Gemeinsamkeiten haben, jedoch von zwei verschiedenen Mächten kolonisiert worden waren. Mit Bezug auf intersektionelle Forschungsansätze und Konzepte von Performativität (Butler) und Hybridität (Bhabha) gehen wir folgenden Forschungsfragen nach: Wie wird Diaspora durch populär-kulturelle Praktiken konstruiert? Wer hält welche Praktiken für bedeutend und warum? Welche Unterschiede gibt es in Hinblick auf strukturelle Kategorien wie Gender, Generation, Klasse, "Rasse"/Ethnizität und Lokalität? wird Zugehörigkeit durch diese Praktiken verhandelt? Wie manifestiert sich Translokalität in diesen Praktiken? In welcher Beziehung stehen Prozesse von Translokalisierung, Transnationalisierung und Diasporisierung zueinander? Mehrere Bereiche könnten sich für die Analyse der Prozesse von Translokalisierung und Diasporisierung als relevant erweisen. Wir sind jedoch der Überzeugung, dass die gewählten Felder - Musik, virtueller Raum und Körpermodifiaktionen - insofern besonders relevant sind, als sie, in einem gewissen Sinn "Grenzräume" darstellen. Räume in denen Grenzen einerseits besonders stark sichtbar werden, andererseits aber potentiell auch besonders durchlässig sein können. Intersektionellen Ansätzen folgend, sehen wir die Grenzen zwischen Diaspora- Gemeinschaften und der Mehrheitsbevölkerung vor allem durch strukturelle Kategorien wie "Rasse", Klasse, Gender und Generation geprägt. Die Wahrnehmung von Hauptfarben stellt dabei sicherlich eine Domäne dar, innerhalb derer Prozesse von Rassialisierung besonders offensichtlich werden. Ein Fokus in diesem Projekt wird daher auf Hautbleichen als eine Form von (rassialisierter) Körpermodifkation gelegt. Der virtuelle Raum hat das wohl offensichtlichste Potential um (neue) diasporische Gemeinschaften zu erschaffen und neue Medien verändern die Art und Weise auf die Menschen translokal agieren. Weiters ist das sich rasch verbreitende Medium Musik, das seit langem eine wichtige Rolle im Ausdruck diasporischer Identitäten spielt, eine weitere Domäne in der Grenzen überschritten werden und wo neue Formen hervorgebracht wurden, in denen sich speziell Generationenverhältnisse und der Umgang mit translokalen Einflüssen widerspiegeln. Zusätzlich zu üblichen methodischen Zugängen wie qualitativen Interviews, Beobachtung sowie Diskursanalyse, zielt dieses Projekt auf die Arbeit mit audio-visuellen Mitteln ab. Sie werden nicht nur im Prozess der Datensammlung eingesetzt werden sondern auch als ein wichtiger Teil der Verbreitung unserer Forschungsergebnisse. Das interdisziplinäre Forschungsteam, das die Disziplinen Afrikawissenschaften, Entwicklungsforschung, Politikwissenschaft und Visuelle Anthropologie umfasst, verfügt über die optimalen Voraussetzungen, um das Forschungsziel zu erreichen: ein neues und differenziertes Verständnis von der Art und Weise in der populäre Kultur diasporische Gemeinschaften (mit)formt.
Ziel dieses Projektes war es, der Frage nachzugehen, wie verschiedene populärkulturelle Praktiken dazu beitragen, Diaspora als imaginierten gemeinsamen Raum zu schaffen. Dabei haben uns konkret Prozesse von Diasporisierung interessiert, die mit KapverdianerInnen in Lissabon und KomorianerInnen in Marseille in Verbindung stehen. Auf qualitativen Methoden basierende Feldforschungen wurden insbesondere zu zwei populärkulturellen Musik- und Tanzpraktiken durchgeführt, die in Community-Kontexten ausgeführt werden: Twarab in Marseille und Batuku in Lissabon. Weiters beinhaltete die Fallstudie zu Marseille auch Forschungen zur Musikrichtung Afrofolk und HipHop. Bisher hatten diese Praktiken, mit Ausnahme von HipHop, relative wenig Aufmerksamkeit von Forschenden bekommen. Ein spezifischer Fokus auf die Analyse von Veranstaltungen in diesen Kontexten wurde insbesondere von Katharina Fritsch mit Bezug auf Twarab entwickelt und auch von Hanna Stepanik in ihrer Fallstudie zu Batuku aufgegriffen. Dieser Fokus führte zu neuen Perspektiven auf das Verständnis davon welche Rolle populärkulturelle Praktiken in der Entstehung und Aufrechterhaltung von diasporischen Gemeinschaften spielen. In unsereren Forschungen haben wir uns insbesondere damit auseinandergesetzt, welche Wirkungen strukturelle Kategorien wie Gender, Generation, Klasse, "Race"/"Ethnicity" und Lokalität auf die untersuchten Praktiken haben. Das Projekt kombinierte einen starken theoretischen Rahmen mit einer soliden empirischen Basis die in mehreren Monaten intensive Feldfoschung an den beiden Orten geschaffen wurde. Die Ergebnisse der Forschungen, die in diesem äußerst transdisziplinär angelegten Projekt durchgeführt wurden, tragen einerseits zur Weiterentwicklung der Themenfelder Diaspora und Populärkultur bei und wirken andererseits aber auch in die Disziplinen hinein, in denen die beteiligten Forscherinnen ihren Hintergrund haben: nämlich in den Afrikawissenschaften, Politikwissenschaften und der Entwicklungsforschung. Weiters war das Projekt eng an die Forschungsplattform "Mobile Kulturen und Gesellschaften" an der Universität Wien angebunden und nahm Einfluss auf die Debatten in transdisziplinären Mobilitätsstudien. Reflektionen über Forschungsansätze und -methoden nahmen viel Raum im Projekt ein. Das Arbeiten in einem transdisziplinären Team und darüber hinaus mit audiovisuellen Methoden generierte intensive Diskussionen über Positionierungen der Forschenden im Feld und ethische Fragen. Zum Output des Projekts gehören neben zahlreichen wissenschaftlichen Texten zwei Forschungsfilme, die beide in Kooperation mit dem Filmemacher Andres Carvajal entstanden sind. Der erste Film "Creating Comoria" fokussierte auf die Franko-komorische Afrofolkgruppe Afropa. Der zweite Film "Twarab Stories from Marseille", der zusammen mit dem Künstler Mounir Hamada Hamza entwickelt wurde, hat die schwierige Situation von (Franko)-komorischen Künstlern, die Twarab spielen, zum Inhalt. Die Filme wurden bei zahlreichen Veranstaltungen in Österreich und Frankreich gezeigt und im Fall von "Twarab Stories from Marseille" auch auf den Komoren. Eine weiterer Beitrag zu Forschungsmethoden, der aus dem Projekt hervorgegangen ist, bezieht sich auf die Nutzung von sozialen Medien als Archive, die für Forschungen zu populärkulturellen Phänomenen herangezogen werden können und die Aspekte, die dabei bedacht werden sollten.
- Universität Wien - 100%
- Hauke Dorsch, Johannes Gutenberg Universität Mainz - Deutschland
- Nadine Siegert, Universität Bayreuth - Deutschland
- Susan Arndt, Universität Bayreuth - Deutschland
- Ulf Vierke, Universität Bayreuth - Deutschland
- Oliver Bakewell, Manchester University - Vereinigtes Königreich
- Shirley Ann Tate, University of Leeds - Vereinigtes Königreich
- Ian Walker, University of Oxford - Vereinigtes Königreich
Research Output
- 13 Zitationen
- 12 Publikationen
- 2 Künstlerischer Output
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2017
Titel Popular and Mobile: Reflections on Using YouTube as an Archive from an African Studies Perspective (Reprint); In: Afrika - Zugänge und Einordnungen. Afrikaforschung in Österreich. Typ Book Chapter Autor Englert Verlag Johannes Kepler University Linz Link Publikation -
2015
Titel Reinventing and multiplying ‘Comorian diaspora’ within popular culture: Marseilles as ‘diaspora space’ DOI 10.1386/cjmc.6.2.247_1 Typ Journal Article Autor Englert B Journal Crossings: Journal of Migration & Culture Seiten 247-265 -
2019
Titel Translocal Popular Culture. Foreword. Typ Journal Article Autor Englert Journal Stichproben.Vienna Journal of African Studies Seiten 1-4 Link Publikation -
2019
Titel Kulturelle Mobilisierungen 'franko-komorischer Diaspora' in Marseille - Intersektionelle Verhandlungen Typ Journal Article Autor Fritsch Journal Stichproben.Vienna Journal of African Studies Seiten 101-132 Link Publikation -
2019
Titel On Notions of (In)Visibilityand Diaspora Space: The Case of Batukuas a Popular Cultural Practice in Lisbon Typ Journal Article Autor Stepanik Journal Stichproben.Vienna Journal of African Studies Seiten 75-100 Link Publikation -
2019
Titel HipHop and beyond: Mobilities in the work of Franco-Comorian artists Soprano and Ahamada Smis; In: Mobile Cultures and Societies Typ Book Chapter Autor Englert Verlag Vienna University Press -
2019
Titel Translocal popular culture Typ Book Autor Englert editors Englert, B. Verlag Stichproben Link Publikation -
2018
Titel The Dispositive of Communitarisation: An Intersectional Analysis of Political and Cultural Mobilisations as Biopolitics. With a Focus on 'Franco-Comorian Diaspora' in Marseille Typ Other Autor Fritsch -
2018
Titel Looking through two lenses: reflections on transnational and translocal dimensions in Marseille-based popular music relating to the Comoros DOI 10.1080/1070289x.2018.1507959 Typ Journal Article Autor Englert B Journal Identities Seiten 542-557 Link Publikation -
2016
Titel For more feelings of unease within white research practice - A critical whiteness perspective on postcolonial research encounters Typ Conference Proceeding Abstract Autor Fritsch Konferenz 'Beyond the Master's Tools: Post- and Decolonial approaches to research methodology and methods in the social sciences' Link Publikation -
2016
Titel Popular and Mobile: Reflections on using YouTube as an archive from an African Studies perspective Typ Journal Article Autor Englert Journal Stichproben.Vienna Journal of African Studies Seiten 27-56 Link Publikation -
2016
Titel Reflections on the Role and Production of Research Films in African Studies; In: Africa Research in Austria: Approaches and Perspectives Typ Book Chapter Autor Englert Verlag Innsbruck University Press Seiten 21
-
2016
Link
Titel Histoires de Twarab à Marseille / Twarab Stories from Marseille. Typ Film/Video/Animation Link Link -
2014
Link
Titel 'Créer Comoria' - un documentaire sur le groupe de musique Franco-Comorien Afropa à Marseille / 'Creating Comoria' - a documentary on the Franco-Comorian music group Afropa in Marseilles Typ Film/Video/Animation Link Link