Die buddhistische Lehre von der Sonderung im Sivaismus
A Saiva interpretation of the Buddhist theory of exclusion
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (5%); Philosophie, Ethik, Religion (25%); Sprach- und Literaturwissenschaften (70%)
Keywords
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Buddhism,
Indology,
Saivism,
Epistemology,
Hinduism,
Language theory
Das geplante Projekt soll einen Beitrag zur Geschichte der indischen Philosophie leisten, genauer zum Verständnis der fruchtbaren Wechselbeziehungen zwischen sivaitischen und buddhistischen philosophischen Systemen des indischen Mittelalters. Der Fokus liegt dabei auf der Aneignung und Umformung einer von Dignaga und Dharmakirti (5.-6. Jh.?) entwickelten und für die buddhistische erkenntnistheoretische Tradition wesentlichen Lehre, nämlich der von der "Sonderung" (apoha), durch den sivaitischen Nondualisten Utpaladeva (10. Jh.) und seinen Kommentator Abhinavagupta (11. Jh.). Die Basis der Untersuchung wird die kritische Edition einer Reihe von Kommentaren zu einem wichtigen Kapitel (1.6) der Isvarapratyabhijnakarika-s von Utpaladeva bilden. Die Untersuchung wird zeigen, wie sich die Vertreter der sivaitischen Pratyabhijna-Schule diese buddhistische Lehre angeeignet und ihr sogar eine zentrale Rolle in ihrem philosophischen System zugewiesen haben, jedoch nicht ohne ihre Bedeutung stark zu verfälschen, um sie ihren eigenen metaphysischen Grundsätzen anzupassen. Die apoha- Lehre wurde von den buddhistischen Philosophen ursprünglich entwickelt, um zwei Lehren zu verteidigen, nämlich die nominalistische Vorstellung, daß sich Begriffe nicht auf reale Universalien (sondern nur auf mentale Konstrukte) beziehen, und, damit einhergehend, die Lehre, daß es keine bleibenden Substanzen wie ein Selbst (atman) oder Gott (isvara) gibt, sondern nur augenblickliche Ereignisse. Paradoxerweise wurde die apoha-Lehre von den Sivaiten verwendet, um die Existenz von Siva zu beweisen, den sie als allumfassendes Bewußtsein sahen, das sowohl universales Selbst als auch Schöpfer der Welt ist. Als sie sich diese buddhistische Lehre der Sonderung die wohl eine der einflußreichsten philosophischen Lehren ist, die jemals in Indien entwickelt wurden auf diese Weise aneigneten und umformten, beschränkten sich Utpaladeva und Abhinavagupta nicht nur auf die erkenntnistheoretischen Probleme des apoha, die in den meisten buddhistischen und brahmanischen Quellen behandelt wurden, sondern untersuchten auch seine ontologischen, soteriologischen und sogar ästhetischen Aspekte. Das Hauptziel des Projektes ist es, durch die Untersuchung der (sowohl buddhistischen als auch brahmanischen) Quellen Utpaladevas zur indischen Kontroverse über das Wesen der Begriffsbildung und durch das Erstellen von kritischen Editionen und kommentierten englischen Übersetzungen einiger Schlüsseltexte zu diesem Thema ein besseres Verständnis der Pratyabhijna-Philosophie (welche unter den sivaitischen philosophischen Systemen jene ist, die am gründlichsten ausgearbeitet ist) zu ermöglichen, indem gezeigt wird, wie Utpaladeva sich diese wichtige Lehre seiner buddhistischen Gegner angeeignet und umgearbeitet hat. Darüber hinaus soll durch die Untersuchung von verschiedenen späteren buddhistischen Interpretationen von Dharmakirtis Lehre von der Sonderung (vor allem der Interpretation Sankaranandanas), die in den sivaitischen Werken erwähnt und kritisiert werden, auch die Geschichte der apoha-Lehre innerhalb der buddhistischen Traditionen erhellt werden.
Gegenstand des Projektes war die philosophische Debatte, die im mittelalterlichen Kaschmir (10.11. Jh. n. Chr.) zwischen der brahmanischen non-dualistischen Tradition der Pratyabhijna (oder Schule des Wiedererkennens) und ihren buddhistischen Gegnern geführt wurde. Dabei ging es für die sivaitischen Vertreter der Pratyabhijna vor allem darum, die Existenz eines realen Selbsts zu beweisen, was von den Buddhisten vehement zurückgewiesen wurde. Für die stark non-dualistische Perspektive der Pratyabhijna ist die Existenz eines Selbsts bzw. Bewußtseins wesentlich, da nach den Vertretern dieser Schule alles, was existiert, letzten Endes eine Manifestation des Bewußtseins ist, welches wiederum mit dem höchsten Gott der Tradition, nämlich Siva, identisch ist. Der Versuch der Pratyabhijna-Autoren, die Existenz eines realen Selbsts rational zu beweisen, war mit der Diskussion von einer Reihe von erkenntnistheoretischen und ontologischen Ideen verknüpft, die für die historische Entwicklung der südasiatischen Philosophie insgesamt wichtig sind. In den ersten Monaten konzentrierte sich das Projekt auf die Frage, ob Gemeinsamkeiten von Dingen durch die Annahme von real existierenden Universalien erklärt werden können oder, wie die Buddhisten argumentieren, durch eine besondere Form des Nominalismus, der sogenannten Lehre von der Sonderung (apoha), nach der eine Universalie nur ein Name ist, der alles, was sich von dem unterscheidet, das durch diesen Namen bezeichnet wird, ausschließt. In einer zweiten Phase richteten sich die Untersuchungen auf die Einflüsse eines früheren Denkers, nämlich des Grammatikers Bhartrhari (5. Jh. n. Chr.), auf die Lehren, die die sivaitischen Autoren in ihren Debatten mit den Buddhisten entwickelten. Bhartharis Einfluß ist zwar schon lange bekannt, seine Bedeutung wurde aber durch die im Rahmen dieses Projektes unternommenen Forschungen erstmals wissenschaftlich bewertet und kontextualisiert. In den Untersuchungen wurden in Bezug auf relevante erkenntnistheoretische und ontologische Fragestellungen vier thematische Schwerpunkte gesetzt. Erstens wurde die Diskussion der Frage untersucht, ob eine Erkenntnis neben dem Erkenntnisgegenstand sich auch selbst erfaßt, und die Konsequenzen, die sich aus solch einer Position für die Debatte über die Existenz eines Selbsts ergeben. Im zweiten Schwerpunkt wurden die Erörterungen über die Beziehung von Sprache, Erkenntnis und Bewußtsein analysiert. Der dritte Schwerpunkt widmete sich der Debatte über das Wesen von Beziehungen, was für die Schule der Pratyabhijna letztlich auf die Frage hinausläuft, ob eine Reihe von gesonderten Ereignissen als Einheit gedacht werden kann. Im besonderen werden hier Problemstellungen wie die Rolle von Handlungen oder der Zeit behandelt. Der vierte Schwerpunkt schließlich widmete sich der Diskussion der Frage, welche Rolle der freie Wille und die Handlungsfähigkeit eines Subjektes beim Erkennen und Strukturieren der Realität haben. In allen vier Themenkreisen hat sich das gleiche Muster bei der Argumentationsweise der Pratyabhijna-Autoren gezeigt: Bhartrharis Texte werden als autoritative Quellen vorgelegt, um buddhistische Thesen zu widerlegen. Insgesamt führen die Forschungsergebnisse des Projektes aber über die historische Entwicklung der Pratyabhijna-Schule hinaus. Mit der Untersuchung der wechselseitigen Beziehungen zwischen brahmanischen und buddhistischen Denkschulen stellen sie einen wertvollen Beitrag zum Verständnis der inneren Dynamik der südasiatischen Philosophie insgesamt dar, in der diese Traditionen die treibenden Kräfte waren. Die Forschungsresultate zeigen aber auch, daß eine Reihe von Fragestellungen und Argumenten, die die damaligen Denker beschäftigt haben, auch für die heutige philosophische Debatte noch relevant sind.
- Raffaele Torella, Sapienza University of Rome - Italien
- Kei Kataoka, Kyushu University - Japan
- John Taber, University of New Mexico - Vereinigte Staaten von Amerika
- Vincenzo Vergiani, University of Cambridge - Vereinigtes Königreich
Research Output
- 6 Zitationen
- 1 Publikationen
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2017
Titel Studies on Bhart?hari and the Pratyabhijña: The Case of svasa?vedana DOI 10.3390/rel8080145 Typ Journal Article Autor Ferrante M Journal Religions Seiten 145 Link Publikation