Mitteleuropäische Schulen IX (ca. 1450 - 1500). Böhmen - Mähren - Schlesien - Ungarn.
Central European Schools IX (ca. 1450 - 1500). Bohemia - Moravia - Silesia - Hungary
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (40%); Kunstwissenschaften (50%); Philosophie, Ethik, Religion (10%)
Keywords
-
Manuscript Catalogue,
Austrian National Library,
Book Illumination,
Eastern Central Europe,
Art History,
15th century
Ziel des Projektes ist es, alle illuminierten Handschriften aus Böhmen, Mähren, Schlesien und Ungarn, die im Zeitraum von ca. 1450 bis1500 entstanden sind und die sich heute im Besitz der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien befinden, zu katalogisieren. Der Katalog wird die Codices aufgrund ihres Buchschmuckes vor allem aus kunsthistorischer Perspektive aufarbeiten. Dies bedeutet, dass die Beschreibung der stilistischen Elemente und ihre wissenschaftliche Bewertung dem Schaffen der einzelnen Illuminatoren und Meistern der Fleuronnée-Kunst sowie den Werkstattzusammenhängen gewidmet sein wird, ebenso sollen regionaltypische ikonographische und technische Aspekte analysiert werden. Darüber hinaus wird der Katalog weitere Aspekte des Buches, wie Kodikologie (Studie der Buchumschläge, Wasserzeichen), Paläographie, Provenienzforschung sowie Text-Analysen berücksichtigen. Zwar stand die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts bereits im Zeichen des Kupferstichs und der Erfindung des Buchdrucks, doch halfen die neuen Medien dabei, das stilistische Repertoire der Illuminatoren zu bereichern. Nur langsam mussten sie das angestammte Feld der Bibel- und Missalienausstattung aufgeben dieser Verlust wurde jedoch durch die Anfertigung kostbarer Gebet- und Gesangsbücher ausgeglichen. Besondere Highlights dieser Ausgabe stellen das prächtig illuminierte Gebetbuch Georgs I. de Münsterberg (Enkel des Hussitenkönigs Georg von Podiebrad), die Gesangsbücher der utraquistischen Bruderschaften (Kutn Hora-Graduale und Smšek-Graduale aus der Musiksammlung) und die Handschriften für König Matthias Corvinus dar. Aber auch weniger bekannte und viele unbekannte Manuskripte aus anonymen Privatbibliotheken und aus Pfarrbibliotheken werden in diesem Band dem Fachpublikum erstmals vorgestellt, wie z.B. illuminierte Bücher aus der Kartause bei Brünn, Bücher über die Geschichte Böhmens, theologische Kommentare und antike Literatur. Der gedruckte Katalog soll in der Reihe Veröffentlichungen zum Schrift- und Buchwesen des Mittelalters. Reihe 1. Die illuminierten Handschriften und Inkunabeln der Österreichischen Nationalbibliothek erscheinen. Außerdem wird er nach den open access-Richtlinien auch online als eBook angeboten werden sowie über die Manuscripta Mediaevalia Website (www.manuscripta-mediaevalia.de), die von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gehostete Website für Mittelalterliche Handschriften in österreichischen Bibliotheken (http://www.manuscripta.at/_scripts/php/manuscripts.php) und auch die Online-Datenbank HANNA der Österreichischen Nationalbibliothek abrufbar sein und auf diese Weise für die Forschung auf internationaler Ebene mit weiteren wissenschaftlichen Institutionen vernetzt werden.
Handschriften und Inkunabeln des Mittelalters sind Grundpfeiler unseres kulturellen Erbes. Gerade im Zusammenspiel mit dem Text erweisen sich Dekoration und Bild als wichtige historische Quellen, die jedoch weitgehend unerforscht blieben. Das Projekt untersucht daher die illuminierten Handschriften und Inkunabeln aus Österreichs größter Handschriftensammlung, der Nationalbibliothek, aus kunsthistorischer Perspektive. "Mitteleuropäische Schulen IX (um 1450-1500). Böhmen, Mähren, Schlesien und Ungarn" ist Teil einer Reihe von Katalogen, die von Otto Pächt gegründet wurden, und widmet sich der stilistischen Klassifizierung und Gruppierung von Handschriften sowie der Identifizierung und Lokalisierung von Illuminatoren und Werkstätten Ostmitteleuropas. Auf Basis von Textkatalogen, Depotdurchsichten und weiteren gründlichen Recherchen identifizierten wir letztlich 84 illuminierte Handschriften und Inkunabeln dieser Region aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Hierfür wurden sowohl die Manuskripte aus der Handschriften- und Inkunabelsammlung als auch jene der Musiksammlung der Nationalbibliothek aufgenommen. Aufgrund der kunsthistorischen Forschung, die zugleich Geschichte, Text und Kodikologie (inkl. Wasserzeichen- und Einbandanalyse) miteinbezieht, können die mittelalterlichen Bücher nun datiert und lokalisiert bzw. frühere Zuschreibungen korrigiert werden. Das betrifft auch vieldiskutierte Höhepunkte der böhmischen Buchmalerei, wie die Kuttenberger Gradualien. Die nun für die weitere Forschung erfassten Handschriften und Inkunabeln geben somit Einblick in künstlerische Entwicklungen, die schließlich schulbildende Künstler wie Valentin Noh oder Jan Zmlely z Psku hervorbrachten. Meist handelte es sich jedoch um anonyme Buchmaler, die nach spätmittelalterlicher Werkstattpraxis in Künstlerkollektiven arbeiteten. Es lag darüber hinaus in der Natur des mobilen Mediums, dass Schreiber oder Buchdrucker und Buchmaler nicht notwendigerweise aus der gleichen Region stammen oder im selben Zeitraum arbeiten mussten. Letztendlich enthält also jede Illumination wertvolle, über den Text hinausgehende Informationen, beispielsweise über Wege von Büchern und Menschen, ihre Netzwerke und spezifischen Interessen. Damit listet dieser Katalog nicht nur die osteuropäischen illuminierten Handschriften und Inkunabeln der Österreichischen Nationalbibliothek auf: Er erweitert und korrigiert unseren Blick auf eine Zeit, in der sich mit dem Buchdruck entscheidende Veränderungen in der Buchproduktion und medialen Kommunikation ankündigten - bekannt als "Gutenbergs Zeitalter". Eine Zeit, die in Ostmitteleuropa zudem durch tiefgreifende religiöse Umwälzungen, Türkengefahr sowie territoriale und dynastische Machtverschiebungen gekennzeichnet war.
- Milada Studnickova, Czech Academy of Sciences - Tschechien
- Edina Zsupan, National Szechenyi Library - Ungarn