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Wolfgang von Weisl (1896-1974) und seine Familiengeschichte

Wolfgang von Weisl (1896-1974) and his family history

Dietmar Goltschnigg (ORCID: )
  • Grant-DOI 10.55776/P26721
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.07.2014
  • Projektende 30.06.2019
  • Bewilligungssumme 313.792 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Andere Geisteswissenschaften (20%); Geschichte, Archäologie (20%); Sprach- und Literaturwissenschaften (60%)

Keywords

    Habsburg Monarchy, First Republic Austria, Palestine/Israel, Jewish Identities, German-Jewish (Travel) Literature, (Revisionist) Zionism

Abstract Endbericht

Das Projekt ist zum einen dem aus Wien stammenden revisionistischen Zionisten Wolfgang von Weisl (W.v.W.) gewidmet, dessen Leben, Werk und Wirkung bislang unerforscht sind; zum andern behandelt es die Geschichte seiner mit Theodor Herzl und anderen Zionisten befreundeten Familie, deren Angehörige vom späten 19. Jahrhundert bis zum Ende der Ersten Republik Österreich auf politischem und gesellschaftlichem, kulturellem und wissenschaftlichem Gebiet vielseitig hervortraten. Die 1932 von W.v.W.s Mutter Charlotte verfasste, bis ins 17. Jahrhundert zurückreichende Familienchronik soll in Form einer Edition samt ausführlicher kontextualisierender Einleitung, detailliertem Stellenkommentar, genealogischen Stemmata, Zeittafeln und topographischen Karten erarbeitet werden, während eine Auswahledition der Schriften W.v.W.s als Grundlage für eine Monographie über seine Rolle als Politiker, Offizier, Militärhistoriker, Journalist, Schriftsteller und Orientkenner, Mediziner und Religionspsychologe dienen wird. Das Quellenmaterial W.v.W.s besteht aus hunderten von Zeitungsartikeln, mehreren Sachbüchern sowie einer Reihe erzählender, dramatischer und lyrischer Texte; sein ebenso umfangreicher unpublizierter Nachlass enthält weitere monographische Schriften (über politische, medizinische und religiöse Themen), ferner autobiographische Skizzen, Tagebücher, Briefe, historische Photographien und Tonbandaufnahmen. Das Projekt verspricht am Beispiel einer sich über mehrere Jahrhunderte erstreckenden Familiengeschichte neue, konkrete Erkenntnisse über die wechselvolle Emanzipations- und Assimilationsgeschichte der jüdischen Bevölkerung in der Habsburgermonarchie, insbesondere auch über die Rolle und den Alltag jüdischer Frauen in den Familienverbänden, ferner über die sich stetig wandelnden Identitätskonzepte von Jüdinnen und Juden und ihre dadurch bedingten politischen, sozialen, kulturellen und religiösen Neuorientierungen: sowohl in Bezug auf den Umbruch der Staatsformen von der Monarchie zur Republik wie auch gegenüber dem immer virulenteren Antisemitismus, der neue, wirksamere Gegenstrategien erforderte. Am Beispiel W.v.W.s sind neue Einsichten in den (revisionistischen) Zionismus zu erwarten, über seine unterschiedlichen, auch rivalisierenden Gruppenbildungen und Aktivitäten im Kontext der Zionistischen Weltorganisation bis hin zur Gründung des Staates Israel. Methodisch verbindet das Forschungsprojekt zwei dominante Diskurse der letzten beiden Jahrzehnte: den Alteritätsdiskurs (bei W.v.W. insbesondere in Form der Reiseliteratur), also die Begegnung mit dem Fremden, die Ausformung von Selbst- und Fremdbildern sowie den postkolonialen Diskurs in der Orientalismus-Debatte. Das Projekt, das in ständigem Kontakt vor allem auch mit israelischen und amerikanischen Forschungsinstitutionen durchgeführt werden soll, ist nicht nur von historischem Interesse, sondern auch für das heutige politische, kulturelle und wissenschaftliche Verhältnis zwischen Österreich und Israel von nicht geringer Bedeutung, wie die neu belebten Aktivitäten bilateraler Vereine etwa der Österreichisch-Israelischen Gesellschaft oder der Österreichischen Gesellschaft der Freunde der Hebräischen Universität Jerusalem eindrucksvoll veranschaulichen.

Das Projekt konnte mit drei, im international renommierten, auf jüdische Themen spezialisierten Böhlau Verlag (Wien, Köln, Weimar) erscheinenden Buchpublikationen erfolgreich abgeschlossen werden. Die Bände bestehen jeweils aus kommentierten Werkeditionen mit präzisen Stellenkommentaren, ausführlichen monographischen Einleitungen, Kurzbiographien der wichtigsten historischen Persönlichkeiten, Zeittafeln zum sozialhistorischen, politischen Kontext, Bibliographien, hebräisch-arabisch-deutschen Glossarien, Personen- und Sachregistern. Der erste, exzellent begutachtete Band enthält Wolfgang von Weisls zwischen 1971 und 1974 niedergeschriebenes autobiographisches Fragment, dessen erzählte Zeit sich von seiner Geburt bis zum Jahre 1928 erstreckt, sowie das 1947 niedergeschriebene Journal seiner dreimonatigen Internierung im britischen Militärlager Latrun von Ende Juni bis Ende September 1946. Der zweite Band enthält die von Weisls Mutter Charlotte von Weisl, geb. Popper-Michlup, 1931/32 verfasste Familiengeschichte einer Wanderschaft böhmischer Juden über Prag nach Wien, die über sieben Generationen bis zum Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) zurückverfolgt wird und sich aufs Enge mit der Geschichte des Habsburgerreiches verschränkt. Der dritte Band ediert zwei literarische Werke Wolfgang von Weisls: das messianische, expressionistische Drama Erlöser Ein ernstes Spiel von letzten Dingen (1919), das den niedergeschlagenen jüdischen Aufstand unter Simon Bar-Kochba (132 bis 135 n. Chr.) gegen das Römische Imperium darstellt, und den Roman Er macht sich Sorgen um die Juden (1932), der die jüdisch-arabischen Kämpfe im britisch besetzten Palästina der Jahre 1920/21 schildert. Die drei Bände schließen sich zu einer realhistorischen, autobiographischen, familiär genealogischen und literarisch-fiktionalen 'Trilogie' zusammen, die auf einzigartige, lebendige und anschauliche Weise authentische Einblicke in eine jahrhundertelange Emanzipationsgeschichte habsburgischer Juden, in die zionistische Wende durch die Begegnung mit Theodor Herzl, den Weg zum israelischen, als ererbtes "alt-neues" "Vaterland" (unter konkreter Anspielung auf Theodor Herzls utopischen Staatsroman Altneuland, 1902) empfundenen Staat vermittelt und diesen als Resultat eines jahrtausendelangen jüdischen Freiheitskampfes literarisch zu rechtfertigen sucht.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Graz - 100%

Research Output

  • 4 Publikationen
Publikationen
  • 2019
    Titel Wolfgang von Weisl. Der Weg eines österreichischen Zionisten aus der untergegangenen Habsburgermonarchie zur Gründung des Staates Israel
    Typ Book
    Autor Goltschnigg D
    editors Goltschnigg D
    Verlag Böhlau Verlag
    Link Publikation
  • 2019
    Titel "Langweilig war er nie, dieser mein Weg nach Zion". Der Wiener revisionistische Zionist Wolfgang von Weisl; In: Literarische Freiräume. Festschrift für Niva Šlibar
    Typ Book Chapter
    Autor Goltschnigg D
    Verlag Univerza V Ljubljani Filozofska Fakulteta
    Seiten 119-134
    Link Publikation
  • 2018
    Titel Die Internierung des Wiener revisionistischen Zionisten Wolfgang von Weisl im britischen Militärlager Latrun; In: Wegweiser und Grenzgänger - Studien zur deutsch-jüdischen Kultur- und Literaturgeschichte
    DOI 10.7767/9783205201045.313
    Typ Book Chapter
    Verlag Böhlau Verlag
  • 2014
    Titel Territorium, Bevölkerung und Identität
    DOI 10.14361/transcript.9783839424209.21
    Typ Book Chapter
    Autor Gruber P
    Verlag Transcript Verlag
    Seiten 21-44

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