Zur Funktion auktorialer Paratexte für die Inszenierung von Autorschaft
The function of authorial paratexts for the production of authorship
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (5%); Medien- und Kommunikationswissenschaften (10%); Sprach- und Literaturwissenschaften (85%)
Keywords
-
Authorship,
Paratextuality,
Canonical Literature
Mit Paratexten ist generell jenes Beiwerk gemeint, durch das ein Text zum Buch wird. Dazu gehören bspw. Titel und Autorname, Verlagsangaben, Motto, Vor- und Nachwort (Peritexte), aber auch Anzei- gen, Interviews oder Vorabdrucke (Epitexte). In der Forschung werden Paratexte häufig als sekundä- re oder gar parasitäre Elemente literarischer Kommunikation tituliert, gleichzeitig aber in den gro- ßen Ausgaben dem Werk eines Autors zugerechnet und als solche kanonisiert, sofern sie ihm zuzu- schreiben sind. Das avisierte Forschungsprojekt unternimmt es erstmals, die ambivalente Funktion auktorialer Paratexte im deutschsprachigen Raum vor allem für jene Zeiträume exemplarisch zu unter- suchen, in denen literarische Diskurse [] nur noch rezipiert werden [können], wenn sie mit der Funktion Autor versehen sind (Michel Foucault). Dabei ist von der Hypothese auszugehen, dass Pa- ratexte erstens eine wichtige Rolle für die Positionierung des Autors im literarischen Feld spielen, dass dies zweitens sowohl für ein vom Autor ausgewähltes Motto als auch für öffentlichkeitswirksame Antworten von Autoren auf Zeitschriftenrundfragen gilt, um nur zwei Beispiele zu nennen, und dass Paratexte sich drittens innerhalb eines langen Modernisierungsprozesses zunehmend vom Korpus des Buches entfernen. Während etwa die diversen Widmungsstrategien der Autoren in der Frühen Neuzeit in Vorworten platziert wurden, lässt sich bereits um 1800 eine Ausdifferenzierung beobachten: Auf der einen Seite bilden Vor- und Nachworte weiterhin ein wichtiges Instrument literarischer Kommuni- kation und Imagebildung, auf der anderen Seite werden Paratexte in die proliferierenden Zeitschriften und Zeitungen ausgelagert und dabei mit den Popularisierungs- und Personalisierungsstrategien perio- discher Publizistik verknüpft. Ihren Höhepunkt, so die Vermutung, erreicht diese Entwicklung mit einer medial diversifizierten Moderne seit Beginn des 20. Jahrhunderts, in der die immer zahlreicher und vielgestaltiger werdenden Paratexte in medien- wie rezeptionsästhetischer Hinsicht zunehmend an Eigenleben gewinnen und damit wichtige Voraussetzungen schaffen für spätere Romanprojekte wie Wolf Haas Das Wetter vor 15 Jahren (2006), in dem ein Paratext, genauer: ein Schriftstellerinter- view, zu einem Roman transformiert. Zeitlich wie konzeptionell fällt dieser Text indes aus einem Pro- jekt, das Grundlagenforschung zur Entwicklung und Funktion von auktorialer Paratextualität für die Inszenierung von Autorschaft zwischen der Frühen Neuzeit und der Klassischen Moderne betreiben möchte, ohne dabei den Anspruch auf historische Lückenlosigkeit zu stellen, wohl aber den auf eine literarhistorisch begründete exemplarische Vorgehensweise sowie auf eine literaturtheoretisch fundier- te Auseinandersetzung mit Kategorien wie Werk oder Autor und damit auf Taxonomie und Analy- se intertextueller Beziehungen im literarischen Feld.
Im Rahmen des Projekts Zur Funktion auktorialer Paratexte für die Inszenierung von Autorschaft wurden die Zusammenhänge von schriftstellerischem Werk sowie der ihm angeschlossenen auktorialen Kommunikation in Form von Paratexten und ihre Funktion hinsichtlich der Wahrnehmung von Autorschaft untersucht. Analysiert wurden im Rahmen des Projekts zwei exemplarische Epochen der deutschsprachigen Literatur, in denen sich, so die These, paradigmatische Konzeptionen von Autorschaft etablierten. Ergänzt wurden diese umfangreichen Studien, die monographisch angelegt sind, durch Einzelstudien zu spezifischen Zeiträumen. In den Arbeiten wurde das von Gérard Genette 1987 in den literaturwissenschaftlichen Diskurs eingebrachte Konzept des Paratexts als Instrument zur Beschreibung moderner Autorschaft verwendet und dabei vor allem auf den Bereich des buchfernen Epitexts Bezug genommen, der für die Untersuchungszeiträume insbesondere in der periodischen Publizistik virulent ist. Dazu zählen für die Zeit um 1800 etwa anonym erschienene Selbstrezensionen, in der Klassischen Moderne wiederum Beiträge zu Rundfragen von Schriftsteller*innen. Diese und andere Varianten des auktorialen Paratexts, so konnte das Projekt an einer Fülle von Beispielen zeigen, antworten zum einen auf die Kommentarbedürftigkeit einer nicht mehr an Regeln, sondern an ästhetischer Innovation orientierten modernen Kunst und tragen zum anderen zur Engführung von Autorschaft und Werk bei. In konsequenter Erweiterung von Genettes Konzept wurde dabei die Bezugsgröße des Paratextes über das Einzelwerk hinaus auf das Gesamtwerk eines Autors sowie die Autorschaft selbst ausgedehnt, da der Autor als Verfasser eines Gesamtwerks entweder metonymisch für das Gesamtwerk einsteht (Goethe lesen) oder sich selbst paratextuell als Urheber eines Gesamtwerks inszeniert. Für die Zeit der Klassischen Moderne konnte gezeigt werden, dass die inszenatorische Verknüpfung von literarischem Werk und schriftstellerischer Biographie keineswegs fakultativ, sondern integraler Bestandteil spezifisch modern apostrophierter Autorschaft ist. Das Forschungsprojekt leistet somit zweierlei: Erstens wird die literaturwissenschaftliche Diskussion um Autorschaft um einen wesentlichen Punkt ergänzt und zweitens wird der Fokus auf jene Texte gelegt, die für literarische Texte und ihre Autor*innen unentbehrlicher Teil der Kommunikation sind.
- Universität Innsbruck - 100%
Research Output
- 12 Publikationen
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2017
Titel Dichtungs- Kunst- und Künstlertheorie in Ferdinand von Saars lyrischem und erzählerischem Werk. Typ Journal Article Autor Voß T -
0
Titel Paratextuelle Politik und Praxis. Interdependenzen von Werk und Autorschaft. Typ Other Autor Gerstenbräun-Krug M -
2018
Titel Zur Refunktionalisierung epistolarer Paratexte - Weibisch-verweichlichter Gellert und männlichaggressiver Rabener? Epistolare Autorinszenierungen und Strategien der politischen Instrumentalisierung, Modifizierung und Popularisierung von Autorenbildern. Typ Book Chapter Autor Reinhard N -
2018
Titel Zwischen Fakt und Fiktion - zu einigen Aspekten der frankophonen Paratextforschung; In: Paratextuelle Politik und Praxis - Interdependenzen von Werk und Autorschaft DOI 10.7767/9783205208396.91 Typ Book Chapter Verlag Böhlau Verlag -
2018
Titel Paradigma Paratextualität. Einsichten und Aussichten. Zum Potential eines paratextuellen Forschungsansatzes für die Beschreibung moderner Autorschaft; In: Paratextuelle Politik und Praxis - Interdependenzen von Werk und Autorschaft DOI 10.7767/9783205208396.53 Typ Book Chapter Verlag Böhlau Verlag -
2017
Titel Dichtungs-, Kunst- und Künstlertheorie in Ferdinand von Saars lyrischem und erzählerischem Werk [The Theory of Poetry, Art, and the Artist in Ferdinand von Saar’s Lyrical and Narrative Work] DOI 10.13130/1593-2478/9207 Typ Journal Article Autor Voß T Journal Studia theodisca Seiten 93-122 Link Publikation -
2017
Titel Klassiker werden? DOI 10.1515/9783110549102-002 Typ Book Chapter Autor Wegmann T Verlag De Gruyter Seiten 19-30 -
2017
Titel Die Masken des Authentischen. Christian Krachts Interviews als Szenen auktorialer Epitexte. Typ Journal Article Autor Wegmann T Journal TEXT + KRITIK -
2018
Titel Einleitung. Typ Book Chapter Autor Gerstenbräun-Krug -
2018
Titel "Ich bin ein schlechter Journalist, der schlechteste von allen, zum Glück." Die Subversion des Reiseberichts durch den "Besuchsschriftsteller" Christian Kracht. Typ Book Chapter Autor Diekmannshenke -
2017
Titel Polemik und Grobianismen wider den Ungeist? Theodor Haeckers aphoristische Performanzen gegen den Totalitarismus. Typ Journal Article Autor Voß T Journal Mitteilungen aus dem Brenner-Archiv -
2016
Titel Der fließende Gellert und der spitzige Rabener. Thematisierung von Anonymität und Autorschaft als Strategie der Selbst- und Werkpolitik in faktischen, fingierten und modifizierten Briefen. Typ Book Chapter Autor Françoise Knopper