Schauspielerbiographien als Aushandlungsorte kultureller Identitäten
Actor Autobiographies as Sites to Negotiate Cultural Identities
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (15%); Geschichte, Archäologie (20%); Kunstwissenschaften (60%); Sprach- und Literaturwissenschaften (5%)
Keywords
-
Actor Autobiographies,
Cultural Identities,
Theatre History,
Habsburg Monarchy
Ziel des vorliegenden Projektes ist es, die Autobiographien von SchauspielerInnen als Schauplätze der Aushandlung ihrer individuellen wie auch Gruppen-Identitäten als KünstlerInnen zu analysieren. Die Hauptthese lautet, dass die Autobiographien von SchauspielerInnen durch die Konstruktion dieser kulturellen Identitäten gleichzeitig zur Konstruktion der deutschsprachigen Theaterlandschaft der Habsburger Monarchie und ihrer Nachfolgestaaten beitrugen. Ziel ist es nicht so sehr, in den Autobiographien nach neuen Fakten für die Theatergeschichtsschreibung zu suchen, als vielmehr die Texte als Interpretationen von individueller Vergangenheit und kollektiver Erfahrung zu verstehen. In den deutschsprachigen Ländern des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts stellte ein Engagement in einem Provinztheater einen unvermeidbaren, ja sogar notwendigen Schritt für SchauspielerInnen dar, um ihre Fähigkeiten zu entwickeln und später eine Anstellung in einem angesehenen Großstadttheater zu erlangen. Da SchauspielerInnen zunehmend nicht mehr aus Theaterfamilien, sondern aus bürgerlichen oder Arbeiterkreisen kamen, entwickelte sich eine teleologische Vorstellung der idealen SchauspielerInnen-Karriere: Die Provinz- und Vorstadttheater wurden als Orte interpretiert, an denen man die Schauspielkunst von der Pieke auf lernte, während einige wenige Großstadtbühnen als Höhepunkte des SchauspielerInnen-Lebens gesehen wurden. In ihren Autobiographien erzählten und interpretierten Schauspielerinnen und Schauspieler nicht nur die Geschichte ihrer künstlerischen und persönlichen Entwicklung, sondern konstruierten gleichzeitig eine Theaterlandschaft, in der jeder geographische Ort, an dem sich ein Theater befand, einen Punkt im hierarchisch strukturierten Netzwerk der Theater und somit auf der Karriereleiter darstellte. Die Region der Österreich-Ungarischen Monarchie, die bei weitem die meisten Theater beherbergte, waren die Böhmischen Länder, die in der Theaterwelt zum Synonym für Provinz schlechthin wurden. Das Forschungsprojekt nimmt daher Autobiographien von SchauspielerInnen, die hier engagiert waren, zum Ausgangspunkt und analysiert, wie die Texte den verschiedenen Regionen der deutschsprachigen Theaterlandschaft unterschiedliche Bedeutung zuschrieben. Basierend auf aktuellen theoretischen Ansätzen der Autobiographie-Forschung, die Autobiographien weniger als Beschreibung sondern vielmehr als Konstruktion von Wirklichkeit verstehen, nimmt das Forschungsprojekt eine Neubewertung des Quellenstatus von SchauspielerInnen-Autobiographien vor. Einzelne Fallstudien analysieren relevante Themen und Topoi, die in den Texten entwickelt werden, sowie deren jeweilige Funktion. Das betrifft zum einen Topoi, die von besonderer Bedeutung für SchauspielerInnen als KünstlerInnen waren, wie beispielsweise ihre Interpretation der eigenen künstlerischen Entwicklung. Weitere Fallstudien erkunden die Darstellung der Theaterpraxis oder die Charakterisierung der Theaterlandschaft, die die AutorInnen im Laufe ihrer Karrieren durchmaßen. Das vorliegende Projekt positioniert die Autobiographien im Zentrum der Forschung und versteht diese Texte als performative Praktiken, mittels derer SchauspielerInnen nicht nur ihre eigenen Identitäten als KünstlerInnen konstruierten, sondern zugleich die deutschsprachige Theaterlandschaft der Habsburger Monarchie und ihrer Nachfolgerstaaten.
Das Projekt beschäftigte sich mit Autobiographien deutschsprachiger SchauspielerInnen des 19. und 20. Jahrhunderts, die in unterschiedlichen Regionen der Österreich-Ungarischen Monarchie tätig waren, insbesondere in den Böhmischen Ländern. Autobiographien von SchauspielerInnen stellen wichtige Medien der Konstruktion ihrer persönlichen und vor allem der Gruppenidentität dar. Die Hauptthese des Projektes lautete, dass die Autobiographien von SchauspielerInnen durch die Konstruktion dieser kulturellen Identitäten gleichzeitig zur Konstruktion der deutschsprachigen Theaterlandschaft der Habsburger Monarchie und ihrer Nachfolgestaaten beitrugen. Ziel war es nicht so sehr, in den Autobiographien nach neuen Fakten für die Theatergeschichtsschreibung zu suchen, als vielmehr die Texte als Interpretationen von individueller Vergangenheit und kollektiver Erfahrung zu verstehen. Da sich SchauspielerInnen wesentlich über ihre Arbeit definieren, nimmt die Darstellung ihres Berufslebens in ihren Texten eine zentrale Rolle ein. Im Zentrum des Forschungsinteresses standen daher die Bilder, die sie von sich, ihrem Leben, ihrer Karriere und dem Theater ihrer Zeit vermitteln. Die veränderten Arbeitsbedingungen am Theater durch das Aufkommen des Regisseurs, oder die unterschiedlichen Erfahrungen im Schauspielberuf für Frauen und Männer sind Beispiele für zentrale Punkte unserer Text- Analysen. All diese Punkte sind Komponenten, die zum Entwurf einer kollektiven Berufsidentität als SchauspielerInnen beitrugen, unabhängig davon, in welcher konkreten Stadt der- oder diejenige arbeitete. Denn in den deutschsprachigen Ländern des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts stellte ein Engagement in einem Provinztheater einen unvermeidbaren, ja sogar notwendigen Schritt für SchauspielerInnen dar, um ihre Fähigkeiten zu entwickeln und später eine Anstellung in einem angesehenen Großstadttheater zu erlangen. In ihren Autobiographien erzählten und interpretierten Schauspielerinnen und Schauspieler nicht nur die Geschichte ihrer künstlerischen und persönlichen Entwicklung, sondern konstruierten gleichzeitig eine Theaterlandschaft, in der jeder geographische Ort, an dem sich ein Theater befand, einen Punkt im hierarchisch strukturierten Netzwerk der Theater und somit auf der Karriereleiter darstellte. Zum Synonym für Provinz in der Theaterwelt wurden die zahlreichen deutschsprachigen Theater in den Böhmischen Ländern. Die Darstellung dieser Provinz veränderte sich allerdings von der Mitte des 19. zur Mitte des 20. Jahrhunderts hin gravierend und wurde zunehmend von den politischen Ereignissen mitbestimmt. Die Analyse der Texte zeigt diese zunehmende Verbindung von Kunst und Politik, wie auch das Zusammenwachsen von Theaterwelt und bürgerlicher Gesellschaft.
- Alena Jakubcova, Institut umení – Divadelní ústav - Tschechien