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Heinrich Schenker, Tagebücher 1912-1914 und 1931-1935: kommentierte Edition

Heinrich Schenker´s Diaries 1912-1914 and 1931-1935: An Annotated Edition

Martin Eybl (ORCID: 0000-0002-2605-933X)
  • Grant-DOI 10.55776/P26809
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.07.2014
  • Projektende 28.02.2018
  • Bewilligungssumme 307.041 €

Wissenschaftsdisziplinen

Andere Geisteswissenschaften (30%); Kunstwissenschaften (70%)

Keywords

    Music Theory, Jewish Identity, Viennese Artistic Network, Pre-war and Interwar Years, Vienna's Musical Life

Abstract Endbericht

Heinrich Schenker (18681935) gilt als einer der einflussreichsten Musiktheoretiker des 20. Jahrhunderts. Etliche seiner jüdischen Schüler emigrierten in die Vereinigten Staaten und verpflanzten Schenkers Ideen über die Struktur tonaler Musik sehr erfolgreich in die akademische Welt, während Schenker selbst in Wien als Autor und Privatlehrer ohne akademische Position gewirkt hatte. Seine zwischen 1896 und seinem Tod entstandenen Tagebücher geben nicht nur in seine persönlichen Lebensumstände Einblick, sondern auch in die Entwicklung seiner Theorie, in das Netzwerk seiner verzweigten beruflichen Kontakte und in das kulturelle Leben Wiens, an dem Schenker intensiv partizipierte. Nachdem die Tagebücherder Jahre 19181930in zwei vorausgehenden Forschungsprojekten aufbereitet und auf der Website Schenker Documents Online kostenlos zugänglich gemacht wurden, soll nun darauf aufbauend eine kommentierte Edition der Tagebücher 19121914 und 19311935 von einem wissenschaftlichen Mitarbeiter erarbeitet werden. Zusammen mit einer englischen Übersetzung werden die Texte kontinuierlich online publiziert. Die Vor- und die Zwischenkriegszeit erscheinen in verschiedenen Zusammenhängen aufschlussreich. Schenker publizierte in den vom Projekt abgedeckten Zeiträumen wegweisende Werke, darunter die ersten Erläuterungsausgaben von Beethovens letzten Klaviersonaten (1913, 1914), die Fünf Urlinie-Tafeln (1932) und Der Freie Satz (1935). Die Tagebücher versprechen wesentliche Einsichten in die Entstehungsgeschichte dieser Schriften. Zudem beinhalten sie Schenkers Kommentare zu künstlerischen, politischen und institutionellen Ereignissen dieser Jahre und lassen so die Entwicklung von Schenkers ästhetischen und ideologischen Standpunkten nachzeichnen. Zu denken ist hier an die Kunstskandale des Jahres 1913, den Ausbruch des Ersten Weltkriegs (1914), die Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland (1933), die Errichtung des Ständestaats in Österreich (1934), ebenso aber an die ersten institutionellen Ansätze zur Verbreitung von Schenkers Lehre nach Deutschland und in die USA. Das Projekt verspricht neben der Musikwissenschaft auch anderen historischen Disziplinen verwertbares Material und Anknüpfungspunkte. Schenkers Tagebücher bieten sozial- und zeitgeschichtliche Einblicke in die Lebensverhältnisse der letzten Vorkriegsjahre sowie der frühen 1930er Jahre und erlauben eine kultursoziologische Analyse jener Netzwerke des kulturellen Lebens, an denen Schenker teilhatte. Sie eröffnen eine interessante Facette jüdischen Selbstverständnisses in der Zwischenkriegszeit und bieten derart reichlich Material für Studien im Bereich der Judaistik, der Kulturwissenschaften, der Mentalitätsgeschichte und der Identitätsforschung. Das Gesamtprojekt der digitalen Schenker-Dokumentation, zu der Tagebücher, Korrespondenz, Zeitungsausschnitte und Unterrichtsbücher gehören, kann als solches beispielhaft wirken. Durch eine dichte Verknüpfung erhellen sich die Quellen gewissermaßen gegenseitig.

Heinrich Schenkers zwischen 1896 und seinem Tod 1935 entstandene Tagebücher bieten nicht nur wertvolle Einblicke in seine privaten Lebensumstände, sondern auch in die Chronologie seiner Arbeiten, das Netz seiner professionellen Kontakte und in das kulturelle Leben Wiens. Das Projekt ist Teil einer groß angelegten Online-Dokumentation (SDO Schenker Documents Online, http://www.schenkerdocumentsonline.org/), die neben den Tagebüchern auch die Korrespondenz und seine umfangreichen Aufzeichnungen zum Unterricht umfasst. Das zentrale Ziel des Projekts bestand in einer kommentierten Edition der Tagebücher der Vorkriegsjahre 1912 bis 1914 und der letzten Lebensjahre Schenkers von 1931 bis 1935, zusammen mit einer Übersetzung ins Englische. Mit der Durchführung dieser Aufgabe ist nun der größte Teil von Schenkers Tagebüchern auf SDO veröffentlicht. Der handschriftliche Text von über 1000 Seiten Manuskript wurde transkribiert und kontextualisiert. Weitere über 1000 Profile von Personen, Orten, Institutionen, Schriften Schenkers, Zeitschriften und Zeitungen, die in den Tagebüchern angeführt werden, wurden erstellt. Diese Daten ergeben zusammen eine Art Schenker-Lexikon, das im Internet frei zugänglich ist. Die Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs und die 1930er Jahre sind in mehrerlei Hinsicht interessant. Schenker veröffentlichte einige seiner Hauptwerke, darunter die ersten beiden seiner Erläuterungsausgaben von Beethovens späten Klaviersonaten (1913, 1914), die Fünf Urlinie-Tafeln (1932) und Der freie Satz (1935). Die Tagebücher dokumentieren die Entstehung dieser Schriften. Weiter enthalten sie Schenkers Kommentare zu künstlerischen und politischen Ereignissen und lassen so die Entwicklung seiner ästhetischen und politischen Ansichten erkennen. Außerdem fällt in die 1930er Jahre die institutionelle Verankerung von Schenkers Theorie außerhalb Österreichs, besonders in Deutschland und den USA. Viele biografische Details in den Tagebüchern bieten neue und nähere Informationen zu seinen Schülern und seiner Familie. Schenkers Korrespondenz spielt in den Tagebüchern eine große Rolle. Sorgfältig vermerkte er alle Briefe und Karten, die er schrieb und erhielt, oft mit kurzen Zusammenfassungen und Kommentaren. Da die Korrespondenz nicht vollständig erhalten ist, haben diese Berichte besonderen Wert. Schließlich lassen die Tagebücher das kulturelle Beziehungsnetz überblicken, dessen integraler Teil Schenker war, und geben Aufschluss darüber, inwieweit dieses Netzwerk jüdisch geprägt war. Es ist auffällig, dass Schenker und seine Frau ihre jüdische Identität vor vielen Menschen verbargen, vor Fremden wie auch vor Freunden, die zum Teil selbst Juden waren. Nur vor einem sehr kleinen Kreis bekannte sich Schenker zu seinem jüdischen Glauben.

Forschungsstätte(n)
  • Universität für Musik und darstellende Kunst Wien - 100%
Internationale Projektbeteiligte
  • Ian Bent, University of Cambridge - Vereinigtes Königreich
  • Andrea Reiter, University of Southampton - Vereinigtes Königreich
  • David Bretherton, University of Southampton - Vereinigtes Königreich
  • William Drabkin, University of Southampton - Vereinigtes Königreich

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