Der soziale Status von Mutterschaft im bronzezeitlichen Europa
The social status of motherhood in Bronze Age Europe
Wissenschaftsdisziplinen
Biologie (30%); Geschichte, Archäologie (70%)
Keywords
- Motherhood,
- Bronze Age,
- Childrearing,
- Biological Anthropology,
- Social Status,
- Central Europe
In diesem Projekt werden gesellschaftliche Reaktionen auf Schwangerschaft, Geburt und frühe Kinderbetreuung sowie der Zusammenhang zwischen reproduktivem und sozialem Status von Frauen in der Bronzezeit untersucht. Mutterschaft und Kinderbetreuung gelten oft als natürliche, normale und unvermeidliche Teile weiblicher Lebenswege, obwohl diese als Grundlage menschlicher Gesellschaften tatsächlich kulturelle Praktiken darstellen. Im Laufe der Bronzezeit (ca. 2200 800 v. Chr.) fanden langfristige gesellschaftliche Entwicklungen statt, wie etwa der Beginn sozialer Differenzierung und das Zusammenleben auf engerem Raum. In diesem Projekt wird untersucht, ob und wie sich die soziale Stellung von Frauen ändert, wenn sie Mütter werden. Der soziale Wert der Reproduktion sowie die kulturelle Konzeption von Mutterschaft werden als lokale und kulturell spezifische Erscheinung, aber auch als weitreichendes (prä-)historisches Phänomen bewertet werden. Dieses Projekt ist das erste, das systematisch zwischen Frauen, die Mütter werden, und solchen, die keine Kinder haben, unterscheidet, und gezielt versucht, diesen wichtigen Identitätsmarker in Bezug zu Bestattungssitten und Grabausstattungen zu setzen. So wird untersucht, ob von allen Frauen erwartet wurde, Mutter zu werden und die Möglichkeit alternativer Lebenswege hervorgehoben. Risiken und sozialen Folgen des Übergangs zur Mutterschaft werden evaluiert. Die Studie erstreckt sich auf die Untersuchung von Kinderversorgungspraktiken (Ernährung, Pflege, Spiel, aber auch Missbrauch, Vernachlässigung und Tötung) sowie die Auswertung von Kinderbestattungen. Innovative archäologische und anthropologische Methoden werden an vor kurzem publizierten Gräberfeldern aus Österreich angewendet. Die frühbronzezeitlichen Gräberfelder gehören drei verschiedenen Kulturgruppen mit unterschiedlichen Körperbestattungssitten an, der Aunjetitzer, Unterwölbinger und Wieselburger Gruppe. Mittel- und spätbronzezeitliche Gräberfelder beinhalten brandbestattete Individuen. Archäologische Methoden umfassen die Analyse der räumlichen Verteilung der Gräber von Säuglingen, Schwangeren, Doppelbestattungen von Frauen und Kindern, sowie Bestattungen von kinderlosen Frauen und Müttern, die Interpretation der symbolischen Dimension von Grabbeigaben und die Auswertung von Statusunterschieden, die durch Grabbrauch sowie Qualität und Quantität der Grabbeigaben ausgedrückt werden. Zu den anthropologischen Methoden zählen die paläo-pathologische Neubewertung von Frauen- und Kleinkinderskeletten, Isotopenanalysen zur Bewertung der Säuglingsernährung sowie DNA-Untersuchungen zur Klärung verwandtschaftlicher Verhältnisse und zur Geschlechtsbestimmung von Kleinkindern. Die Anwendung neuester naturwissenschaftlicher Methoden kombiniert mit innovativen archäologischen Interpretationen macht es möglich, zu aktuellen gesellschaftlichen Fragen Stellung zu nehmen. In einer Zeit, in der politische Diskurse über Mütter in Gesellschaft und Arbeitswelt von Aussagen angeheizt werden, die auf angeblich Natürliches und Uraltes Bezug nehmen, ist es besonders wichtig, Mutterschaft in prähistorischen Gesellschaften neu zu analysieren.
Mutterschaft und Kinderbetreuung gelten oft als natürliche, normale und unvermeidliche Teile weiblicher Lebenswege, obwohl diese als Grundlage menschlicher Gesellschaften tatsächlich kulturelle Praktiken darstellen. In diesem Projekt wurden gesellschaftliche Reaktionen auf Schwangerschaft, Geburt und frühe Kinderbetreuung in der Bronzezeit Mitteleuropas untersucht. Um den Zusammenhang zwischen reproduktivem und sozialem Status von Frauen zu erfassen, wurde ein innovatives Methodenpaket mit einem kombinierten theoretischen und bio-archäologischen Ansatz entwickelt. Er schließt die Analyse der räumlichen Verteilung der Gräber von Säuglingen, Schwangeren, Doppelbestattungen von Frauen und Kindern, sowie Bestattungen von kinderlosen Frauen und Müttern mit ein. Zudem umfasst er eine Interpretation alters- und geschlechtstypischer materieller Kultur und die Auswertung von Statusunterschieden, die durch Grabbrauch sowie Qualität und Quantität der Grabbeigaben ausgedrückt werden. Osteologische Analysen (Alter, Geschlecht, Körpergröße, Pathologien, mit Schwerpunkt auf Beckenveränderungen), 14C-Datierungen, Zahnzement-, ?13C / ?15N- Isotopen- und aDNA-Analysen sowie demographische Modellierungen werden ebenfalls integriert. Die Untersuchung bezog sich auf Gräber der Frühbronzezeit mit verschiedenen Bestattungspraktiken aus Niederösterreich (Aunjetitz und Unterwölbing); Gräberfelder der mittleren und späten Bronzezeit umfassten auch brandbestattete Personen. Noch ist unklar, wie repräsentativ die Fallstudien für die Europäische Urgeschichte sind weitere Forschungen sind notwendig. In bronzezeitlichen Fallstudien fanden wir ein junges Alter für erstmalige Mütter in ihren späten Teenagerjahren und keine besondere Unterscheidung zwischen verschiedenen weiblichen Lebenswegen, die durch reproduktiven Erfolg erklärt werden könnten. Alter und Geschlecht waren eindeutig die wichtigsten Komponenten der Identität, die im Bestattungsritual zum Ausdruck kamen. Das typische Alter der ersten Mutterschaft korrespondiert mit hohen Statuswerten, was auf einen Zusammenhang mit reproduktivem Alter und Potenzial hindeutet, aber nicht unbedingt mit reproduktivem Erfolg. Das Müttersterblichkeitsrisiko kann auf etwa 10-15% pro Frau geschätzt werden, wobei Frauen durchschnittlich 7 bis 8 Kinder zur Welt brachten, sofern sie das Alter der Menopause erreicht haben. Wir stellten einen Wandel der sozialen Organisation in Richtung Eisenzeit fest, die ein höheres Alter für Ehe und Mutterschaft sowie eine größere Variabilität möglicher Lebenswege von Frauen einschließt, die mit Fortpflanzung verbunden sein könnten. Wir setzen uns dafür ein, Mutterschaft als unabhängige Kategorie von Identität aufzufassen und zu untersuchen. Mithilfe der Finanzierung durch einen ERC Starting Grant [676828] können systematische Forschungen zu Mutterschaft in der Urgeschichte fortgeführt und diachron auf die letzten drei vorchristlichen Jahrtausende ausgeweitet werden. In einer Zeit, in der politische Diskurse über Mütter in Gesellschaft und Arbeitswelt von Aussagen angeheizt werden, die auf angeblich Natürliches und Uraltes Bezug nehmen, ist es besonders wichtig, Mutterschaft in prähistorischen Gesellschaften neu zu analysieren und wissenschaftliche Fakten von Fiktion zu trennen.
- Walther Parson, Medizinische Universität Innsbruck , assoziierte:r Forschungspartner:in
- Marie Louise Stig Sørensen, University of Cambridge - Vereinigtes Königreich
- Tamsin O Connell, University of Cambridge - Vereinigtes Königreich
Research Output
- 42 Zitationen
- 4 Publikationen
-
2018
Titel Motherhood at Early Bronze Age Unterhautzenthal, Lower Austria DOI 10.1553/archaeologia102s71 Typ Journal Article Autor Rebay-Salisbury K Journal Archaeologia Austriaca Seiten 71-134 Link Publikation -
2022
Titel Predicting inflation component drivers in Nigeria: a stacked ensemble approach DOI 10.1007/s43546-022-00384-2 Typ Journal Article Autor Akande E Journal SN Business & Economics Seiten 9 Link Publikation -
2024
Titel The Routledge Handbook of Gender Archaeology DOI 10.4324/9781003257530 Typ Book Verlag Taylor & Francis -
2017
Titel Bronze Age Beginnings: The Conceptualization of Motherhood in Prehistoric Europe DOI 10.1007/978-3-319-48902-5_9 Typ Book Chapter Autor Rebay-Salisbury K Verlag Springer Nature Seiten 169-196