Zwischen Klasse und Nation: ArbeiterInnengemeinden in Serbien und Montenegro
Between class and nation: Working class communities in 1980s Serbia and Montenegro
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (80%); Politikwissenschaften (10%); Soziologie (10%)
Keywords
-
Nationalism,
Working Class,
Labour History,
Yugoslavia,
Serbia,
Montenegro
Mehr als 20 Jahre nach dem Zerfall des sozialistischen Jugoslawiens gibt es eine Vielzahl von diversen wissenschaftlichen Arbeiten, die sich mit dem jugoslawischen Staat und seinem Untergang aus verschiedenen disziplinären und thematischen Perspektiven auseinandersetzen. Jedoch existieren in diesem reichen Opus an Literatur nur wenige Studien, welche die ArbeiterInnenklasse als zentralen Bestandteil ihrer Analyse herbeiziehen. Der Mangel an Studien welche sich mit der jugoslawischen ArbeiterInnenklasse auseinandersetzen ist zudem verwunderlich wenn berücksichtigt wird, dass die ArbeiterInnenklasse eine in der Verfassung verankerte Quelle an Legitimität repräsentierte, welche durch die Eskalation von Arbeitskämpfen in den 1980ern maßgeblich an der Formation von symbolischem Kapital beteiligt war und auch zunehmend politische Macht ausübte. Des Weiteren hat bisher eine Vielzahl von Autoren argumentiert, dass vor allem IndustriearbeiterInnen in Serbien und Montenegro besonders empfänglich für Nationalismus als politische Strategie waren und zudem eine demographische Schlüsselgruppe darstellten, welche die Politiken von Slobodan Miloševic unterstützte. Die Untersuchung von ArbeiterInnengemeinden in den Jahren politischer und ökonomischer Krise, welche dem jugoslawischen Zerfall vorausgegangen waren, kann deswegen als ein bedeutendes Forschungsfeld für zeitgenössische Südosteuropa-Historiographie bezeichnet werden, da ein bisher ungenügend erforschtes Thema (organisierter ArbeiterInnenschaft und soziale Klasse) bearbeitet wird, aber auch neue, generelle, Einsichten in die Interaktion zwischen sozialer Klasse und Ethnonationalismus generiert werden. Zwei Forschungsfragen strukturieren das Projekt. Wie ging die ArbeiterInnenklasse mit der Diskrepanz zwischen offizieller jugoslawischer Selbstverwaltungsideologie und sozialer Realität in den 1980er Jahren um? Wie haben sich national(istisch)e und soziale Begehren in ArbeiterInnenklasse Milieus überschnitten? Um diese Fragen zu beantworten wird das Projekt auf vier Case Studies von ArbeiterInnengemeinden in Serbien und Montenegro in den späten 1980er Jahren beruhen. Dabei werden historiographische und sozialwissenschaftliche Perspektiven und Methoden operationalisiert, um einen produktiven Rahmen zur Erforschung von sozialen und politischen Dimensionen des spätsozialistischen Jugoslawiens und seines Staatszerfalls zu etablieren. Die unterschiedlichen Case Studies umfassen einen industriellen Vorort von Belgrad, zwei serbische Provinzstädte und ein Industriezentrum in Montenegro. Der Fokus wird auf drei untereinander verbundene Analyseniveaus gelegt: das Zuhause, den Arbeitsplatz; und Interventionen in der Öffentlichkeit, aus denen empirische Daten generiert werden. Durch einen Fokus auf die Mikroebene wird das Projekt Einsichten in die Makroprozesse sozialer und politischer Umbrüche in dem Jugoslawien der 1980er Jahre erlangen. Das Projekt ist besonders an den verschiedenen Herangehensweisen interessiert, mit denen einfache Menschen IndustriearbeiterInnen und ihre Familien breitere Politiken und Prozesse in ihrer alltäglichen Praxis besprochen, unterlaufen, geformt (und selbst durch diese geformt wurden) haben. Durch den Fokus auf Verbindungen zwischen Mikro- und Makrolevels, zwischen den partikularen ArbeiterInnengemeinden und breiteren politischen und sozio-ökonomischen Herrschaftsstrukturen, versucht das Projekt den wissenschaftlichen state-of-the-art in Hinsicht auf organisierte ArbeiterInnschaft und Alltagsleben im spätsozialistischen Jugoslawien zu verbessern.
Mehr als ein Vierteljahrhundert nach dem Zerfall von Jugoslawien gibt es eine Vielzahl von diversen wissenschaftlichen Arbeiten, die sich mit dem jugoslawischen Staat und seinem Untergang aus verschiedenen disziplinärenund thematischenPerspektiven auseinandersetzen. Aber bis vor kurzer Zeit gab es nur wenige Studien, die die der Rolle der ArbeiterInnenklasse in das Zentrum rückten. Hauptziel des Projekts war es herauszuarbeiten, wie die ArbeiterInnen die Tumulte in Serbien und Montenegro in den 1980er Jahren lenkten, v.a. die Krise der sozialistischen Moderne und den Aufstieg des Nationalismus. Zwei Forschungsfragen strukturieren das Projekt. Wie ging die ArbeiterInnenklasse mit der Diskrepanz zwischen offizieller jugoslawischer Selbstverwaltungsideologie und sozialer Realität in den 1980er Jahren um? Und zweitens: Wie haben sich national(istisch)e und soziale Begehren in den Communities der ArbeiterInnenklasse überschnitten? Zur empirischen Beantwortung dieser Fragen wurden 4 Case Studies in Communities von ArbeiterInnen in Serbien und Montenegro durchgeführt. Dazu wurden historiographische und sozialwissenschaftliche Perspektiven und Methoden operationalisiert, um die sozialen und politischen Dimensionen des spätsozialistischen Jugoslawiens vor dem Zerfall des Staates zu untersuchen. Die ausgewählten Case Studies umfassen einen industriellen Vorort von Belgrad, zwei serbische Provinzstädte und ein Industriezentrum in Montenegro. In jeder Fallstudie wurde der Fokus der Untersuchung auf drei Analyseniveaus gelegt: das Zuhause, den Arbeitsplatz; und Interventionen in der Öffentlichkeit. Durch den Fokus auf die Mikroebene wurden qualitative Einsichten in die Makroprozesse sozialer und politischer Umbrüche im Jugoslawien der 1980er Jahre erlangt. Die Case Studies demonstrieren, dass der abstrakte Begriff Einheit - ob von verschiedenen nationalen Gruppen oder der Arbeiterklasse ein konstantes Thema unter den jugoslawischen Kommunisten war. Aber in den späten 1980er Jahren begann die neue serbische Führung mit der diskursiven Austauschbarkeit der Begriffe Nationalismus und Sozialismus, indem sie Serbien in die Opferrolle von bürokratischen Machinationen rückte. Die serbische Nation als Ganzes wurde nun mit Attributen versehen, die einst für das Proletariat reserviert waren. Die serbische Arbeiterklasse wurde nicht einfach über Nacht von einem charismatischen Führer in serbische Nationalisten verwandelt vielmehr wurde das symbolische Kapital benutzt um diesen Führer zu legitimieren. Sowohl in Serbien als auch den anderen jugoslawischen Republiken wurde es zunehmend schwierig Milosevic zu kritisieren ohne gleichzeitig auch die Arbeiterklasse im Ganzen zu diskreditieren.
- Universität Graz - 100%
- Stephen Smith, All Souls Oxford - Vereinigtes Königreich
- Jasna Dragovic-Soso, Goldsmiths University of London - Vereinigtes Königreich
- Catherine Baker, University of Hull - Vereinigtes Königreich
Research Output
- 54 Zitationen
- 5 Publikationen
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2019
Titel “Antibureaucratism” as a Yugoslav Phenomenon: The View from Northwest Croatia DOI 10.1017/nps.2018.40 Typ Journal Article Autor Archer R Journal Nationalities Papers Seiten 562-580 Link Publikation -
2019
Titel Provincial, Proletarian, and Multinational: The Antibureaucratic Revolution in Late 1980s Priboj, Serbia DOI 10.1017/nps.2018.29 Typ Journal Article Autor Music G Journal Nationalities Papers Seiten 581-596 Link Publikation -
2016
Titel Approaching the socialist factory and its workforce: considerations from fieldwork in (former) Yugoslavia DOI 10.1080/0023656x.2017.1244331 Typ Journal Article Autor Archer R Journal Labor History Seiten 44-66 Link Publikation -
2017
Titel The moral economy of home construction in late socialist Yugoslavia DOI 10.1080/02757206.2017.1340279 Typ Journal Article Autor Archer R Journal History and Anthropology Seiten 141-162 Link Publikation -
2017
Titel ‘It was better when it was worse’: blue-collar narratives of the recent past in Belgrade DOI 10.1080/03071022.2018.1393997 Typ Journal Article Autor Archer R Journal Social History Seiten 30-55 Link Publikation