Zwischen Aphrodite-Tempel und spätarchaischem Haus II
Between the Aphrodite-Temple and the Late Archaic House II
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (10%); Andere Naturwissenschaften (40%); Geschichte, Archäologie (50%)
Keywords
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Coloniality,
Religion,
Empowerment,
Feasts,
Consumptionscapes,
Cultural Encounters
Ausgangslage: Seit der frühen Eisenzeit ist die Kultstätte beim Aphrodite-Tempel auf dem Monte Iato zentraler Schauplatz der Allianzen-Bildung und Umverteilung von Ressourcen und prestiziösen Gütern. Im Laufe der Jahrhunderte hat dieses indigene, zeremonielle Zentrum nachhaltige Veränderungen durchlaufen, die auf wechselnde Figurationen der kolonialen Situation in Westsizilien zurückzuführen sind. In einer ersten Etappe haben Kontakte mit Phöniziern zur Begründung der Kultstätte im 7. Jh. v. Chr. als einem zentralen Knotenpunkt eines rituellen Austauschsystems unter indigenen Oberhäuptern geführt. In einer zweiten Phase wird dieses zeremonielle Zentrum der Einheimischen infolge enger Kontakte zu den Griechen um 550 v. Chr. mit einem megaron-artigen Gebäude überbaut, das der Aphrodite geweiht ist Es folgen weitere kleinere Sakralbauten, begleitet von einem stetig ansteigenden Strom kolonialer Importe. Dieser koloniale Prozess kulminiert letztlich im spätarchaischen Haus, dessen Banketträume im Obergeschoss um 500 v. Chr. die klassischen andrones mit ihren Randsockeln für Klinen und verputzten Wänden vorwegnehmen. Angesichts dieses hohen Hellenisierungsgrades überrascht das gleichzeitig zunehmende Festhalten an einer (imaginierten) vorkolonialen Ära der Vorväter umso mehr. Um 460 v. Chr. ist es wohl infolge einschneidender Machtverschiebungen in den Apoikien der kolonialen Partner zu einem Kollaps und zu einer Rückwendung in ein Leben nach der Alten Ordnung gekommen, das bis ins frühe 3. Jh. v. Chr. nur wenige archäologische Spuren hinterlassen hat. Innovativer Aspekt: Unter Anwendung des Konzepts der Kolonialität sollen die Phasen der Dominanz kolonialer Machtmatrices als Empowerment lokaler Machtstrukturen begriffen werden, das von indigenen Machtaspiranten über koloniale Partner umgesetzt wird. Kolonialität funktioniert damit zweigleisig. Ihr wird zudem die Lokalität gegenübergestellt. Das meint nicht nur alltäglich gelebte Lokalität, sondern vielmehr ein Zugehörigkeitsgefühl, das über das ritualisierte Re-enactment einer alten Welt aus vorkolonialer Zeit nacherlebt wird. Vorgehen/Methoden: Im Vorgängerprojekt (2010-2013) wurde die Phase des kolonialen Peaks um 500 v. Chr. und der lokalen Reaktionen darauf sehr dicht beschreibbar gemacht. Im beantragten Nachfolgeprojekt (2014- 2017) geht es um die Erforschung der Zeit davor. Dazu gilt es in den anstehenden älterarchaischen Schichten unter dem feinabgestimmten Einsatz von Archäometrie den unterschiedlichen Konsumlandschaften (consumptionscapes) von Kolonialität und Lokalität nachzuspüren. In einem abschließenden Einzelprojekt (2018- 2022) soll dasselbe für die nacharchaischen Befunde klassischer bis römischer Zeit unternommen werden. Ziel/Hypothese: Mit dem beantragten Einzelprojekt und geplanten Langzeitvorhaben soll eine neue Perspektive entwickelt und getestet werden, um Kolonisation vom Standpunkt indigen-lokaler Machtgewinnung her zu bertachten, die so im Widerstreit mit der machtzerschlagenden Rückbesinnung auf lokale Authentizität als ein dialektischer Prozess zwischen Aphrodite-Tempel und spätarchaischem Haus archäologisch fassbar wird.
In den letzten 30 Jahren ist das Paradigma von den Griechen als Zivilisatoren und Meister der Kolonisation in seiner historischen Glaubwürdigkeit immer stärker unterminiert worden. Heute werden deshalb postkoloniale und globalisierungstheoretische Konzepte bevorzugt. Mit deren Hilfe soll die sog. Griechische Kolonisation nicht mehr als ein eingleisiges Phänomen, sondern als ein komplexer historischer Prozess untersucht werden. Hierzu bietet der Monte Iato im gebirgigen Binnenland Westsiziliens, insbesondere der Bereich zwischen Aphrodite-Tempel und spätarchaischem Haus, mit seiner durchgehenden Stratigraphie vom späten 8. bis zum mittleren 5. Jh. eine optimale Ausgangslage. Dank dieser lassen sich nämlich aussagekräftige Befunde zur kolonialen Situation auf dem Berg als Materialisierungen einzelner Episoden innerhalb eines Langzeitprozesses verstehen und auf einer vertikalen Zeitachse anordnen. Auf diese Weise werden die Auswirkungen dieses kolonialen Prozesses auf die Lokalen auf dem Monte Iato in ihrer historischen Abfolge und Stringenz analysierbar und zwar durchgehend aus dem Blickwinkel des Binnenlandes. Dieser Hypothese und Fragestellung wurde im Projekt in gezielten archäologischen Feldforschungen auf dem Monte Iato, ca. 30km südöstlich von Palermo, unter Anwendung naturwissenschaftlicher Methoden nachgegangen. Zutage getreten ist eine vorglobale Mikrowelt, die in ihrer Dynamik und Komplexität den Vergleich mit heute keineswegs zu scheuen braucht: Nach mehr als 100 Jahren nur loser Kontakte zur transmediterran vernetzten Küstenwelt haben ab 550 v. Chr. einzelne Familien auf dem Monte Iato begonnen, eine ganz gezielte Gastfreundschafts- und Vernetzungspolitik mit Tyrannen und Aristokraten in den griechischen Küstenstädten zu betreiben. Entlang dieser gastfreundschaftlichen Verbindungslinien gelangten auch griechische Güter, Technologien und Handwerker auf den Berg. Durch die Verfügungsgewalt, wer von den einheimischen Mitbewohnern daran teilhaben durfte und wer nicht, bauten sich diese Familien ihren Führungsanspruch immer weiter aus. Bereits um 500 v. Chr. kulminierte dieser Aneignungs- und Machtbildungs-Prozess in einer monumentalen High-Tech-Architektur und einer größtenteils griechisch anmutenden Konsumkultur, die sich äußerlich kaum mehr vom Leben der Griechen in ihren mondänen Küstenstädten unterschied. Um jedoch eine Entwurzelung aus dem eigenen einheimischen Umfeld zu vermeiden, wurde zugleich die Rückbesinnung auf scheinbar uralte Kulte und Riten immer stärker forciert. Offenbar war ein derartiger religiöser Rückbezug auf eine lokale Authentizität und Identität notwendig, um die neue globalisierte Lebenswelt als Manifest einer neuen Ordnung und Herrschaft im einheimischen Gesellschaftsgefüge überhaupt erst sozial und politisch verträglich zu machen.
- Gerhard Forstenpointner, Veterinärmedizinische Universität Wien , assoziierte:r Forschungspartner:in
- Holger Baitinger, Römisch-Germanisches Zentralmuseum - Deutschland
- Hedvig Landenius Enegren, University of Copenhagen - Dänemark
- Stefano Vasallo, Soprintendenza di Palermo - Italien
- Christoph Reusser, University of Zurich - Schweiz
Research Output
- 88 Zitationen
- 22 Publikationen
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2016
Titel The MEDiterranean Sea. Mediterranean Object Histories and Their Counter-Histories. Typ Book Chapter Autor Kistler E -
2016
Titel Microbiology Meets Archaeology: Soil Microbial Communities Reveal Different Human Activities at Archaic Monte Iato (Sixth Century BC) DOI 10.1007/s00248-016-0904-8 Typ Journal Article Autor Margesin R Journal Microbial Ecology Seiten 925-938 Link Publikation -
2016
Titel The Archaic Monte Iato: Between Coloniality and Locality. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Kistler E Konferenz H. Baitinger (Hrsg.), Materielle Kultur und Identität im Spannungsfeld zwischen mediterraner Welt und Mitteleuropa/Material Culture and Identity between the Mediterranean world and Central Europe, Akten der Internationalen Tagung am Römisch-Germanischen Zentralmuseum Mainz, RGZM - Tagungen -
2016
Titel Ritueller Konsum am Monte Iato. Ein überregionaler Kultplatz im Binnenland des archaischen Siziliens. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Öhlinger B Konferenz Grabherr, Gerald; Kainrath, Barbara (eds.): Akten des 15. Österreichischen Archäologentages in Innsbruck. 27. Februar-1. März 2014. (Ikarus - Innsbrucker Klassisch-Archäologische Universitätsschriften) -
2016
Titel Ritual and Religion in Archaic Sicily. Indigenous Material Cultures between Tradition and Innovation. Typ Book Chapter Autor Materielle Kultur Und Identität Im Spannungsfeld Zwischen Mediterraner Welt Und Mitteleuropa / Material Culture And Identity Between The Mediterranean World And Central Europe / Baitinger -
2017
Titel Archaika as a Resource: The Production of Locality and Colonial Empowerment on Monte Iato (Western Sicily) around 500. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Kistler E Konferenz In: A. K. Scholz/M. Bartelheim/R. Hardenberg/J. Staecker (eds.), RESOURCECULTURES: Sociocultural Dynamics and the Use of Resources - Theories, Methods -
2017
Titel Lokal divergierende Antworten auf die Krater-isierung West- und Mittelsiziliens (6./5. Jh. v. Chr.) - Perspektiven des Binnenlandes. Typ Book Chapter Autor Kistler E -
2015
Titel Loom weights in Archaic South Italy and Sicily: Five case studies DOI 10.30549/opathrom-08-06 Typ Journal Article Autor Enegren H Journal Opuscula. Annual of the Swedish Institutes at Athens and Rome Seiten 123-155 Link Publikation -
2015
Titel Debating 'Sanctuaries and the Power of Consumption' - or: Eight Points to an Alternative Archaeology of Proto-Globalisation. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Kistler E Konferenz Kistler, Erich - Öhlinger, Birgit - Hoernes, Matthias - Mohr, Martin (eds.): Sanctuaries and the Power of Consumption. Networking and the Formation of Elites in the Archaic Western Mediterranean World. Proceedings of the International Conference in Innsbruck, 20th-23rd March 2012 -
2015
Titel Ritual und Religion im archaischen Sizilien. Formations- und Transformationsprozesse binnenländischer Kultorte im Kontext kultureller Kontakte. (Italik, 4). Typ Book Autor Öhlinger B -
2015
Titel Sizilien. Typ Book Chapter Autor A.-M. Wittke (Eds.) -
2015
Titel Monte Iato: Two Late Archaic Feasting Places between the Local and the Global. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Kistler E Konferenz Kistler, Erich - Öhlinger, Birgit - Hoernes, Matthias - Mohr, Martin (eds.): Sanctuaries and the Power of Consumption. Networking and the Formation of Elites in the Archaic Western Mediterranean World. Proceedings of the International Conference in Innsbruck, 20th-23rd March 2012 -
2015
Titel Zwischen Aphrodite-Tempel und spätarchaischem Haus II. Die Innsbrucker Kampagne 2014 auf dem Monte Iato (Sizilien). Typ Journal Article Autor Kistler E -
2015
Titel Materielle Quellen und Archäologie. Typ Book Chapter Autor A.-M. Wittke (Eds.) -
2018
Titel Characterization of soil bacterial, archaeal and fungal communities inhabiting archaeological human-impacted layers at Monte Iato settlement (Sicily, Italy) DOI 10.1038/s41598-018-20347-8 Typ Journal Article Autor Siles J Journal Scientific Reports Seiten 1903 Link Publikation -
2014
Titel Zwischen Aphrodite-Tempel und spätarchaischem Haus'. Die Innsbrucker Kampagnen 2012 und 2013 auf dem Monte Iato (Sizilien). Typ Journal Article Autor Ksitler E -
2015
Titel Zwischen Lokalität und Kolonialität. Alternative Konzepte und Thesen zur Archäologie eines indigenen Kultplatzes auf dem Monte Iato (Westsizilien: 7 Jh. v. Chr. - 1. Jh. n. Chr.). Typ Book Chapter Autor Kistler E -
2015
Titel Indigenous Cult Places of Local and Interregional Scale in Archaic Sicily: a Sociological Approach to Religion. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Öhlinger B Konferenz Kistler, Erich - Öhlinger, Birgit - Hoernes, Matthias - Mohr, Martin (eds.): Sanctuaries and the Power of Consumption. Networking and the Formation of Elites in the Archaic Western Mediterranean World. Proceedings of the International Conference in Innsbruck, 20th-23rd March 2012 -
2015
Titel Griechen auf Sizilien. Typ Book Chapter Autor A.-M. Wittke (Eds.) -
2014
Titel Die Mediterranée im 6. und frühen 5. Jh. v. Chr. - eine Welt in Bewegung. Typ Journal Article Autor Kistler E Journal Archaeologischer Anzeiger -
2014
Titel Die Phönizier sind Händler, die Griechen aber Kolonisatoren - Zwei alte Klischees. Ulfs Kulturkontaktmodell und das archaische Westsizilien. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Kistler E Konferenz Rollinger, Robert; Schnegg, Kordula: Kulturkontakte in antiken Welten: Vom Denkmodell zum Fallbeispiel. Proceedings des internationalen Kolloquiums aus Anlass des 60. Geburtstages von Christoph Ulf, 26.-30. Jänner 2009, Innsbruck(Colloquia Antiqua) -
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Titel Sanctuaries and the Power of Consumption. Networking and the Formation of Elites in the Archaic Western Mediterranean World. Proceedings of the International Conference in Innsbruck, 20th-23rd March 2012. Typ Other Autor Hoernes M Et Al