Musikalische Transferprozesse zwischen Byzanz und dem Westen
Cultural transfer of music between Byzantium and the West
Wissenschaftsdisziplinen
Kunstwissenschaften (50%); Sprach- und Literaturwissenschaften (50%)
Keywords
-
Byzantine Music,
Bilingual Greek-Latin chants,
Gregorian Chant,
Missa graeca
Mit dem Terminus Missa graeca werden Gesänge (Gloria/a [Doxa], Credo/ste [Pisteuo], Sanctus/ [Hagios] und Agnus Dei/ t e [Amnos tu theu]) des römischen Ordinarium missae mit griechischem Text in lateinischer Transliterierung bzw. Übersetzung bezeichnet, die sich in westlichen Choralhandschriften des 9. bis 11. Jhds. finden. Neben der Missa graeca gibt es noch eine große Zahl an wei- teren bilingualen griechisch-lateinischen Gesängen, die in westlichen Handschriften enthalten sind und bislang noch nicht in Bezug zu dieser gesetzt wurden. Dazu zählen u.a. die Gesänge der Kreuzverehrung am Karfreitag, die Hodie-Antiphone von Weihnachten, Ostern und Pfingsten, die zweisprachigen Alleluia-Verse für Weihnachten, die Antiphone des sog. Veterem hominem-Zyklus` für die Epiphanie-Oktave und der Cherubimhymnus (Cherubikon). Ziel des Projektes ist es, einer Lösung der zahlreichen Fragen und widersprüchlichen Theorien zu Her- kunft, Entstehung und Ausformung der sog. Missa graeca und jener bilingualen griechisch-lateinischen Ge- sänge, die sich neumiert ebenfalls in westlichen Handschriften finden, einen signifikanten Schritt näher zu kommen: Dabei zielt das Projekt konkret darauf ab, den seit langem ausstehenden direkten Vergleich von li- turgischen Gesängen des Ostens und Westens zu erbringen, um derart neue Erkenntnisse zu gemeinsamen Wurzeln und Ausformungen der liturgischen Musik Byzanz` und des Westens zu gewinnen und neue Per- spektiven des Transfers zwischen zwei unterschiedlichen Kulturen im Mittelalter aufzuzeigen. Auf der Basis eigener Transkriptionen und Analysen wird das Projekt erstmalig da es bislang lediglich Studien zu einzelnen Aspekten dieses Themenkomplexes gibt eine Gesamtschau zur Missa graeca und den bilingualen Gesängen in einer eigenen Monographie bringen, die weiteren Forschungen als Ausgangspunkt und fundiertes Nachschlagwerk dienen soll. Ziel des Projekts ist es weiters, die relevanten Fragestellungen zu griechischen Gesängen in lateinischen Handschriften erstmals aus byzantinistischer Sicht und unter Heranziehung byzantinischer Quellen zu hinter- fragen und neu zu bewerten bislang wurden diese Forschungen nämlich fast ausschließlich von westlicher Seite aus betrieben. Mithilfe dieses neuen Zugangs will das Projekt weiters belegen, daß die Erforschung by- zantinischer Musik bedeutende Aufschlüsse für die westliche liturgische Musik bringen kann. Das Projekt ist daher insofern von großer Bedeutung, als es einen wichtigen Beitrag leisten wird, um die byzantinische Mu- sikologie, die noch immer eine Randstellung innehat, verstärkt in den Kanon der europäischen, historischen Musikwissenschaft einzugliedern.
Mit dem Terminus "Missa graeca" werden Gesänge (Gloria/Doxa, Credo/Pisteuo, Sanctus/Hagios und Agnus Dei/Amnos tu theu) des römischen Ordinarium missae mit griechischem Text in lateinischer Transliterierung bzw. Übersetzung bezeichnet, die sich in westlichen Choralhandschriften des 9. bis 11. Jhds. finden. Neben der Missa graeca gibt es noch eine große Zahl an weiteren byzantinischen Gesängen, die in westlichen Handschriften enthalten sind und bislang noch nicht in Bezug zu dieser gesetzt wurden. Die Teile der Missa graeca sind seit über hundert Jahren Gegenstand wissenschaftlicher Forschungen. Allerdings wurden diese fast ausschließlich aus westlichem Blickwinkel unternommen, ohne Kenntnis der byzantinischen Quellen. Das Projekt hatte daher zum Ziel, diese Gesänge und ihr historisches, linguistisches und theologisch-liturgisches Umfeld erstmals von byzantinistischer Seite aus zu erforschen. Die Ergebnisse des Projekts erscheinen im laufe des Jahres 2020 im Verlag BRILL Publishers unter dem Titel "Cultural Transfer of Music between Byzantium and the West?: The Case of the Chants of the so-called Missa Graeca " als eigenständige Monographie. Das Projekt konnte die zahlreichen und großteils widersprüchlichen Theorien zu Herkunft und Entstehung der Missa graeca widerlegen und neue Antworten auf alte Fragen geben: Anhand meiner eigenen Analysen und Transkriptionen der Gesänge konnte ich aufzeigen, dass die Missa graeca in den Jahren zwischen ca 870 und 883 entstand und der benediktinische Orden ab dem späten 10. Jhd. maßgeblich an ihrer Verbreitung beteiligt war. Weiters fand ich den Beweis dafür, dass die griechischen Texte nicht extra für diese Gesänge diktiert wurden, sondern bereits davor in Psaltern, Glossaren, Grammatiken oder philosophischen Abhandlungen zu finden sind. Darüber hinaus hat der direkte Vergleich der westlichen mit den byzantinischen Melodien der Missa graeca Gesänge ergeben, dass erstere keinen Import aus Byzanz, sondern eigene Kompositionen darstellen: Weder Formeln, noch Kadenzen, noch die Textbehandlung stimmen überein. Das Projekt hat aufgrund seiner Interdisziplinarität nicht nur den Grundstein für weitere, vertiefende Forschungen und Vergleiche westlicher und östlicher mittelalterlicher Kirchenmusik gelegt, sondern rückte dadurch auch die byzantinische Musikologie erstmals mehr in den Kanon der historischen Musikwissenschaft.
- Universität Wien - 100%
- Charles Atkinson, Julius-Maximilians-Universität Würzburg - Deutschland
- Christian Troelsgard, University of Copenhagen - Dänemark
- Emmanouil Giannopoulos, Aristotle University of Thessaloniki - Griechenland
- Maria Alexandru, Aristotle University of Thessaloniki - Griechenland
- Eustathios Makris, Ionian University Corfu - Griechenland
- Achilleas Chaldaiakes, University of Athens - Griechenland
- Gunilla Iversen, Stockholm University - Schweden
Research Output
- 1 Zitationen
- 7 Publikationen
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2018
Titel Falko Daim (Hrsg.), Byzanz. Historisch-kulturwissenschaftliches Handbuch. (Der Neue Pauly, Supplemente, Bd. 11.) Stuttgart, Metzler 2016 DOI 10.1515/hzhz-2018-1321 Typ Journal Article Autor Schreiner P Journal Historische Zeitschrift Seiten 187-188 -
2020
Titel Tropus Grece: The Use of Greek-Texted Ordinary Chants in 10th/11th-Centuries Manuscripts from St Gall and Limoges Typ Journal Article Autor Wanek Nm Journal Journal of the International Society for Orthodox Church Music Seiten 30-44 Link Publikation -
2017
Titel The Greek and Latin Cherubikon DOI 10.1017/s0961137117000043 Typ Journal Article Autor Wanek N Journal Plainsong and Medieval Music Seiten 95-114 -
2018
Titel Missa graeca: Mythen und Fakten um griechische Gesänge in westlichen Handschriften; In: Menschen, Bilder, Sprache, Dinge. Wege der Kommunikation zwischen Byzanz und dem Westen 2: Menschen und Worte Typ Book Chapter Autor Wanek Nm Verlag Propylaeum Seiten 112-128 Link Publikation -
2018
Titel The Phenomenon of the so-called Missa graeca Chants: Assessing new Hypotheses regarding their Emergence and Dating Typ Journal Article Autor Wanek Nm Journal Clavibus unitis Seiten 3-12 Link Publikation -
2018
Titel Menschen, Bilder, Sprache, Dinge: Wege Der Kommunikation Zwischen Byzanz Und Dem Westen 2: Menschen Und Worte Typ Book Autor Daim Falko Verlag Romisch-Germanisches Zentralmuseum -
2019
Titel Egon Welleszs Cantata Mirabile Mysterium between East and West Typ Conference Proceeding Abstract Autor Wanek Nm Konferenz Liturgy and Music: Proceedings of the Seventh International Conference on Orthodox Church Music University of Joensuu, Finland, 6-11 Juni 2017 Seiten 124-139