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Die Produktion sozialer Mitgliedschaft für nicht-abgeschobene MigrantInnen

Inside the Deportation Gap: Social Membership for Non-Removed Migrants

Sieglinde Rosenberger (ORCID: 0000-0003-4711-1798)
  • Grant-DOI 10.55776/P27128
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.01.2015
  • Projektende 30.09.2019
  • Bewilligungssumme 257.460 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Politikwissenschaften (40%); Soziologie (60%)

Keywords

    Social Membership, Deportation Gap, Policy Implementation, Human Rights, Discretion, Non-Citizens

Abstract Endbericht

Liberale Demokratien erlassen eine wachsende Zahl an Ausweisungsentscheiden, diese werden jedoch in einer Vielzahl von Fällen nicht implementiert. Diese Diskrepanz führt zu entscheidenden sozialen und rechtlichen Fragen bezüglich der Situation einer großen Personengruppe, die nicht abgeschoben wurde, sondern auf dem Territorium verbleibt. Aus einer politischen Perspektive ist die Präsenz der nicht-abgeschobenen Personen unbeabsichtigt und ungewollt. Dennoch erlaubt ihre Anwesenheit - basierend auf menschenrechtlichen Verpflichtungen - Zugang zu gewissen Grundrechten und Leistungen. Daraus entwickelt sich eine Beziehung zwischen formellen nicht-Mitgliedern, den nicht- abgeschobenen MigrantInnen, und dem Staat, die wir als soziale Mitgliedschaft theoretisieren. Ausgehend von diesem Verständnis von Mitgliedschaft ist es das zentrale Ziel des Projektes, soziale Mitgliedschaft für nicht-abgeschobene Personen zu beschreiben, zu analysieren, sowie ein vertieftes Verständnis zu erarbeiten. Empirisch untersucht das Projekt die Politikfelder Bildung, Notfallversorgung, soziale Leistungen und Unterkunft in vier Staaten: Österreich, Frankreich, den Niederlanden und Großbritannien. Analytisch unternimmt das Projekt eine Differenzierung zwischen Elementen sozialer Mitgliedschaft, welche auf gesetzlichen Vorgaben basieren und solcher Elemente, die im Ermessensspielraum oder nicht-konformen Handeln der Entscheidenden liegen. Der rechtliche Rahmen für den Umgang mit nicht-abgeschobenen Personen wird durch die Analyse von rechtlichen Daten und Verordnungen erhoben. Ermessensspielräume in der Anspruchsberechtigung werdenüberExpertInneninterviews mit RepräsentantInnen öffentlicher Verwaltungen untersucht. Diese Daten bilden die Basis für eine Befragung von BeamtInnen mit direktem Kontakt zu den nicht-abgeschobenen Personen in den genannten Politikfeldern, um den Umfang ihres Ermessensspielraumes im Zugang zu sozialen Leistungen darzulegen. Nicht-konformes Handeln mit dem Gesetz wird durch Fokus- Gruppen mit nicht-abgeschobenen MigrantInnen erhoben. Auf Basis der Kriterien zur Anspruchsberechtigung, welche gesetzlich festgeschrieben bzw. im Implementierungsprozess definiert werden, entwickelt das Projekt eine Typologie, welche die Qualität sozialer Mitgliedschaft für nicht-abgeschobene Personen identifiziert und kontrastiert. Diese Typologie erlaubt die Berücksichtigung und die Diskussion von Typen sozialer Mitgliedschaft in unterschiedlichen Politikfeldern und zwischen Staaten und legt damit eine wichtige Basis für weitere Forschung in diesem Feld. Die zentralen Ziele des Projektes sind: Wissen über Entstehung und Ergebnis sozialer Mitgliedschaft zu erlangen; Unterschiede im Umgang mit nicht-abgeschobenen MigrantInnen zwischen Staaten und Politikfeldern zu erklären; SozialwissenschaftlerInnen mit adäquaten Daten über die Gruppe der nicht-abgeschobenen Personen zu versorgen sowie theoretisch über das Konzept von Mitgliedschaft im Zusammenhang mit prekären sozialen Rechten zu reflektieren. Zudem wird im Verlauf des Projektes ein Netzwerk aus nationalen und internationalen WissenschaftlerInnen gegründet werden, welches in gemeinsamen Analysen resultiert. Durch den empirischen Fokus auf die Entstehung von sozialer Mitgliedschaft für nicht- abgeschobene Personen und die theoretische Reflektion der unterschiedlichen Typen, trägt das Projekt zur Beantwortung zentraler Fragen im Bereich StaatsbürgerInnenschaft, vergleichende Migrationspolitiken, Verwaltungswissenschaft und des liberal-demokratischen Paradoxons bei.

1. Zusammenfassung für die Öffentlichkeitsarbeit Nach offiziellen Schätzungen lebten 2018 mehr als eine Million abgelehnter AsylwerberInnen mit Ausreiseaufforderung in der EU. Eine Reihe von rechtlichen/menschenrechtlichen und sogenannten praktischen Gründen (z.B. fehlende Dokumente) führen zu Nicht-Abschiebbarkeit. Wie regeln und praktizieren Staaten den Zugang zu sozialen Rechten wie Gesundheitsversorgung, Bildung, materielle Grundleistungen? Welche Rolle spielen internationale Bestimmungen und welche die nationalen Sozialstaats- und Bildungssysteme bei der Gewährung von sozialen Leistungen für im Land "nicht-gewollte" Migranten und Migrantinnen? Das Projekt behandelt drei Fallstudien - Niederlande, Österreich und Schweden. Die Ergebnisse verweisen auf wenige ähnliche aber zahlreiche unterschiedliche Regelungen und Implementierungspraxen: Unterschiede zwischen einzelnen Regionen und Städten innerhalb eines Landes und zwischen den Politikbereichen Unterkunft, medizinische Versorgung, Bildungseinrichtungen. Bedingt durch internationale/supranationale Bestimmungen liegen lediglich im Zugang zu medizinischer Notfallversorgung und zur Schulbildung ähnliche Regelungen vor. Regelungen zu Unterbringung, über Notfallversorgung hinausgehende medizinische Leistungen und andere Versorgungsleistungen variieren stark. Der Zugang zu sozialen Rechten ist durch gesetzliche Regelungen gestaltet; daneben spielen unterschiedlich genutzte Entscheidungsspielräume von Verwaltung und NGO-Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen eine Rolle. Dabei zeigt sich, dass, je universeller soziale Leistungen geregelt sind, desto weniger sind die sozialen Leistungen für nicht-abschiebbare Personen in Frage gestellt, desto umfassender und weniger fragmentiert ist deren Leistungsberechtigung. Eine wachsende Gruppe lebt jedenfalls in einer Grauzone, in Ungewissheit und Prekarität und ist von individuellen Entscheidungen der Behörden entlang von kulturellen und sozialen Deutungsmustern abhängig. Das Thema der sozialen Rechte führt zu Spannungen zwischen der lokalen/regionalen und nationalen politischen Handlungsebene. Da im Lokalen, Kommunalen oder Regionalen die sozialen Folgekosten der Nicht-Versorgung in Form von Verarmung, Obdachlosigkeit oder Kriminalität direkt spürbar sind, engagiert sich diese Ebene für eine Basisversorgung stärker als die nationale Ebene. Im politischen Diskurs werden abgelehnte AsylwerberInnen verstärkt debattiert, das Bleiben und die sozialen Kosten kritisiert. Die Antwort ist meist eine Effizensteigerung der Rückkehrmaßnahmen. Regularisierung des Aufenthalts wäre aber ein effizientes Instrument um die Grauzonen, die sowohl die Betroffenen als auch die Aufnahmegesellschaft überschatten, aufzulösen.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Wien - 100%
Internationale Projektbeteiligte
  • Marcel Maussen, The University of Amsterdam - Niederlande
  • Nicholas De Genova, University of Houston - Vereinigte Staaten von Amerika
  • Liza Schuster, City University London - Vereinigtes Königreich

Research Output

  • 148 Zitationen
  • 6 Publikationen
  • 1 Weitere Förderungen
Publikationen
  • 2020
    Titel Crackdown or Symbolism? An Analysis of Post-2015 Policy Responses Towards Rejected Asylum Seekers in Austria; In: Migrants with Irregular Status in Europe - Evolving Conceptual and Policy Challenges
    DOI 10.1007/978-3-030-34324-8_7
    Typ Book Chapter
    Verlag Springer International Publishing
  • 2020
    Titel Local responses in restrictive national policy contexts: welfare provisions for non-removed rejected asylum seekers in Amsterdam, Stockholm and Vienna
    DOI 10.1080/01419870.2020.1723671
    Typ Journal Article
    Autor Ataç I
    Journal Ethnic and Racial Studies
    Seiten 115-134
    Link Publikation
  • 2019
    Titel Deserving Shelter: Conditional Access to Accommodation for Rejected Asylum Seekers in Austria, the Netherlands, and Sweden
    DOI 10.1080/15562948.2018.1530401
    Typ Journal Article
    Autor Ataç I
    Journal Journal of Immigrant & Refugee Studies
    Seiten 44-60
    Link Publikation
  • 2018
    Titel Claiming control: cooperation with return as a condition for social benefits in Austria and the Netherlands
    DOI 10.1186/s40878-018-0085-3
    Typ Journal Article
    Autor Rosenberger S
    Journal Comparative Migration Studies
    Seiten 26
    Link Publikation
  • 2018
    Titel Navigating the Representative-Politics–Liberal-Rights Dilemma: Social Policy Designs for Nonremoved Migrants
    DOI 10.1080/15562948.2018.1489089
    Typ Journal Article
    Autor Rosenberger S
    Journal Journal of Immigrant & Refugee Studies
    Seiten 11-26
    Link Publikation
  • 2018
    Titel Social Policies as a Tool of Migration Control
    DOI 10.1080/15562948.2018.1539802
    Typ Journal Article
    Autor Ataç I
    Journal Journal of Immigrant & Refugee Studies
    Seiten 1-10
Weitere Förderungen
  • 2019
    Titel Violence against women migrants and refugees (GBV-MIG GNP 42)
    Typ Other
    Förderbeginn 2019

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