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Soziales Engagement in den Wiener griechischen Gemeinden (18.-20. Jh.)

Social commitment in the Greek Communities of Vienna (18th-20th century)

Maria A. Stassinopoulou (ORCID: 0000-0002-6379-953X)
  • Grant-DOI 10.55776/P27140
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.11.2014
  • Projektende 28.02.2018
  • Bewilligungssumme 409.500 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Geschichte, Archäologie (60%); Sprach- und Literaturwissenschaften (40%)

Keywords

    Endowment History, Southeast Europe, Migration History, Ottoman Empire, Habsburg Empire

Abstract Endbericht

In den beiden letzten Jahrzehnten wurde das Stiftungswesen als soziales und religiöses Phänomen in den Mittelpunkt historischer Forschung gerückt. Als Förderer der Kunst, Kultur und Bildung, aber auch der sozialen Fürsorge sind Stifter(innen) Teil von Wohltätigkeitssystemen. Hinzu kommt die Integration des Stiftungswesens in einem religiösen Kontext, der mit Erinnerungsritualen und Traditionen des Memorialwesens verbunden ist. Die Archive der beiden Griechisch-Orthodoxen Gemeinden in Wien, der Bruderschaft/Gemeinde der osmanischen Untertanen zum Hl. Georg (gegr. 1723/26) und der Gemeinde der österreichischen Untertanen zur Hl. Dreifaltigkeit (gegr. 1787) wurden erst durch die Restrukturierung und Katalogisierung zugänglich gemacht, die in den Jahren 2005 bis 2010 erfolgte. Ein umfangreiches, bisher nicht erforschtes Material (von etwa 1780 bis 1918) wurde in ersten surveys bereits gesichtet. Neben individuellen Stiftungen und deren Dokumentation finden sich auch drei von den Gemeinden konzipierte Dokumentengruppen, der Armenfonds, der Kirchenfonds und der Schulfonds. In diesem Projektantrag werden Stiftungen als Indikatoren für die Konstruktion der Stifteridentität, aber auch als leitende Strategie der sozialen Integration in die Gastgesellschaft für Mitglieder von Diasporagemeinden betrachtet. Der lange Untersuchungszeitraum ermöglicht sowohl Kontinuitäten als auch Änderungen und Brüche in den Stiftungspraktiken zu beobachten und deren Verhältnis zur sozioökonomischen Modernisierung Wiens zu erforschen. Für die Analyse der Wirkung der Stiftungspraktiken der griechisch-orthodoxen Kaufleute auf das Wiener Fürsorgesystem einerseits und auf Empfänger im Osmanischen Reich und in den jungen Nationalstaaten Südosteuropas andererseits schlagen wir eine mikrohistorische Annäherung durch Fallstudien vor. Zugleich nähern wir uns durch die quantifizierende undstatistische Auswertungvongrößeren Materialmengenden Investitionsbedingungen an, die den Stiftungen von der habsburgischen Administration auferlegt wurden und somit auch das Verhältnis der Stifter(inne)n zu den Organisationsstrukturen der Gemeinden, die die Stiftungen verwalteten, sowie zur Stadt prägten. Der Fokus des Projektes liegt auf der interkonfessionellen Erforschung der Gedächtnisfunktion von Stiftungspraktiken und schlägt eine innovative dreidimensionale (katholisch, protestantisch, orthodox) Perspektive der europäischen Stiftungsgeschichte der Neuzeit vor. Die Berührung mit der jüdischen und islamischen Tradition wird ebenfalls berücksichtigt. Der Vergleich mit anderen ethnischen oder religiösen Gruppen im Habsburgerreich und deren Stiftungsinstitutionen steht ebenso im Mittelpunkt des Projektes wie die Bewertung der Rolle der postbyzantinischen und osmanischen Traditionen in der Gestaltung des Wiener griechischen Stiftungswesens. Hauptziele des Projektes sind, einerseits eine Interpretation europäischer Stiftungsgeschichte zu erarbeiten, die interkulturelle Transfers stärker integriert, und andererseits zu einer Betrachtung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen Wiens vom späten 18. zum frühen 20. Jahrhundert unter besonderer Berücksichtigung der Migrationsgeschichte beizutragen.

Zum Projektantrag "Soziales Engagement in den Wiener griechischen Gemeinden (18.-20. Jahrhundert)" führte die Auseinandersetzung mit der historischen Migrationsforschung. Das beantragte Projekt suchte die Innovation in dem derzeit expandierenden Feld der historischen Stiftungsforschung. Wohlfahrt sollte in Relation zu Griechisch-Orthodoxen MigrantInnen in Wien untersucht werden. Im Laufe des bewilligten dreijährigen Projektes gelangen innovative Forschungsimpulse auf der Basis eines äußerst reichhaltigen Archivmaterials (z.B. Testamente, Stiftungsurkunden, Stiftungskorrespondenzen, gestiftete Objekte, memoriale Texte und Artefakte). Das unveröffentlichte Material wurde digital gesichert und verarbeitet und steht nun (teilweise auch als online Datenbank) zur weiteren Erforschung in den Bereichen Philanthropie und Erinnerung im Migrationskontext zur Verfügung. Als zentrale Erneuerungsschritte und wesentliche Ergebnisse heben wir hervor: a. Wir konnten im Detail sowohl den Stifterwillen als auch die Stiftungswirklichkeit (in ihrem Verhältnis zu staatlichen Institutionen und zu den verwaltenden Körperschaften) sowie die Entwicklung von einerseits vermögens- und andererseits immobilienbasierten Stiftungen in langen Zeiträumen verfolgen (vom späten 18. bis zum frühen 20. Jh., z.T. auch später). b. Es war möglich durch empirisch präzise Erforschung der Wiener griechisch-orthodoxen StifterInnengruppe (etwa 150 Stiftungen konnten mit Sicherheit festgestellt und genau beschrieben werden) breitere Fragen der historischen Stiftungsforschung zu stellen, wie z. B. über neue Instrumente der Wohlfahrt in einer rasant wachsenden imperialen Hauptstadt des 19. Jahrhunderts, über geschlechtsspezifische Ausformungen von Philanthropie und Erinnerungspraktiken, über das Verhältnis von Stiftung als Investitionslösung und Stiftung als Erinnerungswunsch. c. Wir untersuchten die Rolle konfessioneller Prägungen auf die Entscheidungen der StifterInnen insbesondere bei Minderheiten im religiösen Kontext. Der Vergleich von orthodoxenund protestantischen Stiftungsaktivitäten(sowieder jeweiligen Minderheitengruppen) in Wien entwickelte sich zu einem spannenden Forschungsobjekt und ermöglichte neue Sichtweisen, die das Projekt auch mit den Themen der Konfessionalisierung und Interkonfessionalität bereichern konnten. d. Wir erforschten die stetige gegenseitige Beeinflussung von Verwaltungspraktiken einer kleinen Bevölkerungsgruppe und von zentralen Administrationsstellen eines Imperiums, wie sie z.B. in der Entscheidungsfindung der Behörden anhand der Korrespondenzen zu den individuellen Stiftungen sichtbar werden. Es konnte bestätigt werden, dass Entscheidungsmotivationen auf zentraler Ebene manchmal erst durch die Beobachtung im mikrohistorischen Kontext erkennbar werden (so z.B. zum Thema von Geldflüssen außerhalb der Staatsgrenzen). e. Durch Tiefenbohrungen in exemplarische Stiftungen arbeiteten wir die langjährige Auswirkung auf unterschiedliche soziale Umfelder heraus: auf familiäre Beziehungen z.B. durch interkonfessionelle Witwennetzwerke; auf transnationaleransimperiale finanzielle Strukturen z.B. durch die Wohlfahrtseinrichtungen im osmanischen Epirus; auf den Gedanken der Philanthropie durch zunehmende Personalisierung aller Formen der Wohlfahrt, z.B. durch die namentliche Kennzeichnung von Spitalsbetten. Als besonderen Erfolg heben wir neben der Konferenz- und Publikationstätigkeit und der Öffentlichkeitsarbeit insbesondere die Anerkennung der beiden post-doc MitarbeiterInnen durch Gastprofessuren (Dr. Saracino/Universität Hamburg) und Forschungsförderungen (Dr. Saracino/ Frankesche Stiftungen in Halle und Dr. Soursos Athen-Stipendium der Österreichischen Akademie der Wissenschaften). Ferner wurde durch die Anbindung von NachwuchswissenschaftlerInnen über Erasmus+ Praktika und kurzfristige Verträge der Kreis der engen MitarbeiterInnen erweitert und neue Impulse ins Projekt gebracht. Wie im Antrag bereits definiert suchte das Projekt insbesondere die StifterInnenseite zu durchleuchten. Es konnten aber durch die Materialsicherung neue Fragestellungen zur EmpfängerInnenseite erarbeitet werden, die in ein demnächst einzureichendes Projekt zu konfessionellen Prägungen von Armut und Armutsbekämpfung in Wien vom ausgehenden 18. bis zum beginnenden 20. Jahrhundert erforscht werden sollten.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Wien - 100%

Research Output

  • 2 Zitationen
  • 4 Publikationen
Publikationen
  • 2016
    Titel Witwen als Stifterinnen in den Wiener griechischen Gemeinden während des 19. Jahrhunderts
    DOI 10.7788/akg-2016-0205
    Typ Journal Article
    Autor Saracino S
    Journal Archiv für Kulturgeschichte
    Seiten 315-358
  • 2017
    Titel Akteure im Dazwischen
    DOI 10.2478/adhi-2018-0017
    Typ Journal Article
    Autor Soursos N
    Journal Administory
    Seiten 88-111
    Link Publikation
  • 2017
    Titel Imperial Subjects and Beneficence
    DOI 10.1163/24685968-00102001
    Typ Journal Article
    Autor Soursos N
    Journal Endowment Studies
    Seiten 127-133
  • 2017
    Titel “Acatholic” Foundations: The Emergence of Charitable Endowments in the Greek Orthodox and Protestant Communities of Vienna (18th Century)
    DOI 10.1163/24685968-00102006
    Typ Journal Article
    Autor Saracino S
    Journal Endowment Studies
    Seiten 223-256

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