Zur diskursiven Konstruktion österreichischer Identität/en 2015: Eine Longitudinalstudie
The discursive construction of Austrian identity/ies 2015: a longitudinal study
Wissenschaftsdisziplinen
Sprach- und Literaturwissenschaften (100%)
Keywords
-
National Identity,
Discourse,
Commemoration,
Citizenship,
Language And Identity,
Nationalism
Die diskursive Konstruktion nationaler Identitäten wurde in den letzten Jahrzehnten zu einem zentralen Forschungsgebiet der Geistes- und Kulturwissenschaften. Arbeiten, die sich auf die konstitutive Rolle von Diskursen konzentrieren, fußen dabei auf historischer, soziologischer und politikwissenschaftlicher For- schung zur nationalen Identität. Die Jahre 2014-2015 bieten in mehrfacher Hinsicht Gelegenheit, die bishe- rige Forschung zur diskursiven Konstruktion österreichischer Identität/en im Sinne einer Longitudinalstudie fortzusetzen, zu aktualisieren, und auch den zugrundliegenden Forschungsansatz weiterzuentwickeln. Zum einen stellt 2015 abermals ein wichtiges Jubiläumsjahr für Österreich dar (u.a. 20 Jahre EU-Beitritt, 70 Jahre Unabhängigkeitserklärung, 60 Jahre Staatsvertrag). Zum anderen bietet sich erstmalig die Gelegen- heit, Veränderungen der diskursiven Konstruktion österreichischer Identität/en über 30 Jahre hinweg quali- tativ und quantitativ aufzuzeigen. Eine solche Studie wäre durch die Kontinuität des theoretischen Zugangs, der Methoden und der Datengrundlage auch im internationalen Forschungsfeld einzigartig und innovativ. Wir greifen dabei auf umfangreiche Vorstudien zurück, die um 1995 und 2005 durchgeführt wurden. Der dabei entwickelte Diskurs-historische Ansatz (DHA) wurde international stark rezipiert und im Rahmen von Studien zur diskursiven Konstruktion nationaler Identität/en in zahlreichen Ländern angewendet. Der DHA zeichnet sich durch die starke Berücksichtigung des historischen Kontexts, das Prinzip der methodi- schen Triangulation und die kritische Grundhaltung aus. Er hat sich damit als robust und flexibel erwiesen. Dennoch gilt es, neue Schwerpunkte zu setzen und damit auf die internationale Weiterentwicklung des For- schungsansatzes und gesellschaftliche Entwicklungen zu reagieren. Hierzu zählen die kontroversen Debat- ten um die Rolle der Staatsbürgerschaft bzw. Citizenship, die wachsende Bedeutung von kulturnationalen Aspekten wie Sprache/n, der Umgang mit der Krise; die vielfach ambivalent verstandene Rolle der EU gegenüber den Nationalstaaten; und neue Möglichkeiten von Teilhabe durch Social Media und Web 2.0. Übergeordnetes Ziel ist es, im Sinne einer Longitudinal-Studie die Entwicklung der diskursiven Konstruk- tion österreichischer Identität/en nachzuzeichnen. Es ist zu fragen, ob und wie die bisher festgestellten Dis- kurse fortbestehen. Daher sollen einerseits der diskurshistorische Ansatz weiterverfolgt und Vergleichskorpora zu den früher erhobenen Daten erstellt werden (Politikerreden, Zeitungen, Gruppendiskussionen, Interviews), andererseits aber gesellschaftliche Veränderungen der letzten Jahre aufgegriffen und neuartige Korpora hinzugefügt werden (Legistik, multimodale Texte, online Postings). Zu den 5 Bereichen der bisherigen Projekte (Homo Austriacus, gemeinsame Vergangenheit, Kultur, politische Gegenwart und Zukunft sowie nationaler Kör- per), die in diesem Projekt weitergeführt werden sollen, kommen 4 neue Schwerpunkte hinzu: (1) der Zu- sammenhang zwischen der Konstruktion nationaler Identität, Migration und diskursiven und legistischen Aspekten von Staatsbürgerschaft und Einbürgerung; (2) kultur- und sprachnationale Elemente in der Kon- struktion nationaler Identität, insbesondere die Re/Entnationalisierung der Sprache; (3) die mediale Insze- nierung menschlicher Körper am Beispiel Sport; (4) die Rolle von Web 2.0 und Social Media in der Kon- struktion nationaler Identität. Wie schon in den Vorgängerstudien sollen auch 2015 die Jubiläen als Fokus für die Analysen dienen.
Österreichische (und andere nationale) Identität/en werden vornehmlich über Diskurse in politischen, medialen, juristischen, bildungsbezogenen und wissenschaftlichen Feldern konstruiert. Nationale Identität/en werden so stets neu verhandelt und verändern sich laufend. Das Projekt er- wies deutlich, wie sich österreichische Identitätsentwürfe in den 20 Jahren (1995-2015/16) in durch- aus widersprüchliche Richtungen wandelten: Einerseits wurden re/nationalisierende Tendenzen offensichtlicher; andrerseits wurden gleichzeitig transnationale Einflüsse immer stärker. Die Konstruktion österreichischer Identität/en verläuft wesentlich über fünf Dimensionen: die Herstellung eines typischen Österreichers/ einer typischen Österreicherin, einer gemeinsamen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sowie einer gemeinsamen Kultur und eines nationalen Körpers. Diese Kategorien untersuchten wir in verschiedenen Zusammenhängen: Gruppendiskussionen (in Wien, Oberösterreich, Burgenland, Vorarlberg und Kärnten), Einzelinterviews (mit Privatpersonen sowie Personen des öffentlichen Lebens), Medienberichterstattung, Parlamentsdebatten, Rechtsprechung, Wahlkampfplakaten und - reden, Gedenkreden, Social Media, Werbung, Populärkultur etc. Im Vergleich zu 1995 und 2005 zeigten sich in den Gedenkreden und Feiern des offiziellen Österreichs 2015 die Internationalisierung des Gedenkens an den Zweiten Weltkrieg und Holocaust, die Betonung von authentischem Zeugnis (etwa durch Zeitzeugen), sowie ein Bemühen um Lehren aus der Geschichte, die sich auf Gegenwart und Zukunft übertragen lassen. Da Medienberichterstattung und Politik 2015 stark durch das Ankommen flüchtender Menschen überlagert wurde, schlug sich dies signifikant in Identitätskonstruktionen und Ausgrenzungsprozessen nieder. So wurde Zuwanderung auch im Rahmen von Wahlkämpfen 2015 und 2016 stark instrumentalisiert. Dabei rückten nationale Symbole und Stereotype in den Vordergrund: Trachten, Almen, Seen, Fahnen und lächelnde weiße Menschen dienten der rechtspopulistischen Konstruktion eines Wir gegenüber eines als Bedrohung konstruierten Anderen. Schon Anfang 2015 machte sich bemerkbar, dass sich die hegemoniale politische Auffassung von Integration bereits wandelte, als unmittelbar nach den Anschlägen in Paris (Jänner 2015) österreichische Politiker einen Zusammenhang zwischen Terrorismus und Integrationsunwilligkeit herstellten. Integrationsunwille, so die Forderung, sollte bestraft werden, um österreichische Werte zu bewahren und die Integration bspw. von Schüler_innen und Eltern vorantreiben. Weiter wurde einerseits eine Verstärkung der Bedeutung von nachzuweisenden Deutschkenntnissen bspw. im Bildungswesen und für Aufenthaltsgenehmigungen festgestellt. Andererseits dient die österreichische Varietät der deutschen Sprache heute weniger zur Abgrenzung von Deutschland als rund um den EU- Beitritt 1995 und im Jahrzehnt danach; allerdings nutzen Werbung und Wirtschaft verstärkt Austriazismen und Dialekte, um Regionalität und Authentizität zu vermitteln. Diese Beispiele verdeutlichen einige der im Projekt festgestellten Kontinuitäten und Veränderungen österreichischer Identitätskonstruktionen.
- Universität Wien - 100%
- Martin Reisigl, Universität Wien , nationale:r Kooperationspartner:in
- Rainer Bauböck, Österreichische Akademie der Wissenschaften , nationale:r Kooperationspartner:in
- Dominique Maingueneau, Université de Paris XII - Val de Marne - Frankreich
- Andras Kovacs, Central European University Private University - Ungarn
- David Barton, Lancaster University - Vereinigtes Königreich
- Allyson Fiddler, University of Lancaster - Vereinigtes Königreich
Research Output
- 1072 Zitationen
- 14 Publikationen
-
2015
Titel "Normalisierung nach rechts": Politischer Diskurs im Spannungsfeld von Neoliberalismus, Populismus und kritischer Öffentlichkeit DOI 10.13092/lo.73.2191 Typ Journal Article Autor Wodak R Journal Linguistik Online Link Publikation -
2015
Titel Dimensionen des Deutschen in Österreich DOI 10.3726/978-3-653-04599-4 Typ Book Verlag Peter Lang, International Academic Publishers -
2017
Titel Right-wing populism in Europe & USA DOI 10.1075/jlp.17042.krz Typ Journal Article Autor Wodak R Journal Journal of Language and Politics Seiten 471-484 -
2017
Titel Diskursanalyse in der Linguistik: Der Diskurshistorische Ansatz DOI 10.13109/9783788732660.17 Typ Book Chapter Autor Rheindorf M Verlag Brill Deutschland Seiten 17-62 -
2017
Titel Advancing Multimodal and Critical Discourse Studies, Interdisciplinary Research Inspired by Theo van Leeuwen’s Social Semiotics DOI 10.4324/9781315521015 Typ Book Verlag Taylor & Francis -
2019
Titel ‘Austria First’ revisited: a diachronic cross-sectional analysis of the gender and body politics of the extreme right DOI 10.1080/0031322x.2019.1595392 Typ Journal Article Autor Rheindorf M Journal Patterns of Prejudice Seiten 302-320 Link Publikation -
2018
Titel Vom Rand in die Mitte – „Schamlose Normalisierung“ DOI 10.1007/s11615-018-0079-7 Typ Journal Article Autor Wodak R Journal Politische Vierteljahresschrift Seiten 323-335 Link Publikation -
2018
Titel The Mediatization and the Politicization of the “Refugee Crisis” in Europe DOI 10.1080/15562948.2017.1353189 Typ Journal Article Autor Krzyzanowski M Journal Journal of Immigrant & Refugee Studies Seiten 1-14 Link Publikation -
2017
Titel Saying the unsayable DOI 10.1075/bct.93.01wod Typ Book Chapter Autor Wodak R Verlag John Benjamins Publishing Company Seiten 13-39 -
2017
Titel Discourses of cultural heritage in times of crisis: The case of the Parthenon Marbles DOI 10.1111/josl.12232 Typ Journal Article Autor Angouri J Journal Journal of Sociolinguistics Seiten 208-237 Link Publikation -
2017
Titel Borders, Fences, and Limits—Protecting Austria From Refugees: Metadiscursive Negotiation of Meaning in the Current Refugee Crisis DOI 10.1080/15562948.2017.1302032 Typ Journal Article Autor Rheindorf M Journal Journal of Immigrant & Refugee Studies Seiten 15-38 Link Publikation -
2017
Titel The “Establishment”, the “Élites”, and the “People” DOI 10.1075/jlp.17030.wod Typ Journal Article Autor Wodak R Journal Journal of Language and Politics Seiten 551-565 -
2017
Titel The Routledge Handbook of Critical Discourse Studies DOI 10.4324/9781315739342 Typ Book Verlag Taylor & Francis -
2016
Titel Dialogue matters: transcending dichotomies DOI 10.1080/17447143.2016.1248970 Typ Journal Article Autor Wodak R Journal Journal of Multicultural Discourses Seiten 367-374 Link Publikation