Ein körperpolitischer Ansatz des Essens: Kulinarische Arenen als soziale Räume der Aushandlung von Körperkonzepten, des Selbst und Gender Identität in Vietnam
A Body-Political Approach to the Study of Food - Vietnam and the global transformations
Wissenschaftsdisziplinen
Soziologie (100%)
Keywords
-
Food Culture,
Body And Beauty Concepts,
Vietnam,
Globalization - Ethnography,
Body Politics,
Phenomenology
Aufgrund der Tatsache, dass es bis zum Jahr 2050 ca. neun Milliarden Menschen weltweit zu ernähren gilt, stellt das Thema Ernährungssicherheit einen äußerst relevanten internationalen Policy- und Forschungsbereich dar. Jedoch, anstelle der dominanten technokratisch-produktivistischen Herangehensweise an die Problemstellung wie die Welt ernährt werden kann, nimmt der Forschungsantrageine akteursorientierte und ethnographische Perspektive ein und hinterfragt, welchen Sinn Menschen dem Essen zuschreiben gerade im Kontext von Nahrungsmittelüberfluss und eines immensen Zuwachses an Fettleibigkeit weltweit. Nahrungsmittelüberfluss und die daraus resultierenden sozio-ökonomischenKonsequenzen fanden bislang wenig sozialanthropologische Aufmerksamkeit. Anhand des Beispiels Vietnam versucht das Projekt ein empirisches Verständnis des Wandels von Esskulturen vor dem Hintergrund der Globalisierung zu entwickeln. Besonderes Augenmerk wird auf das Zusammenspiel von Körperkonzepten, Schönheitsidealen und der sozio-kulturellen Kontrolle von Esspraktiken gelegt. Dabei fokussiert das Projekt u.a. die Entwicklung von Diätverhalten. Nach den eindrücklichen Erfahrungen des Krieges und Zeiten der extremen Nahrungsunsicherheit in Vietnam, sieht sich die Bevölkerung seit den rapiden wirtschaftlichen Entwicklungen Ende der 1980er Jahre einer wachsenden Vielfalt von (ausländischen) Nahrungsmittelangeboten gegenüber. Vor demHintergrunddeskommunistischenEinparteienstaatessowieder rasanten Marktintegration, eruiert das Projektvorhaben die Transformation von Esskultur anhand der sozialen Konstruktion von männlicher und weiblicher Körperlichkeit, Subjektivität und Geschlechteridentität, die sich in der Regulierung von Essverhalten manifestieren. Das Forschungsprojekt liefert einen Beitrag zur Theoriebildung bzgl. der Verbindung von Körperbildern und der Kontrolle und Regulierung von Essverhalten. Es schlägt einen körperpolitischen Ansatz für die Analyse der Veränderung von Essgewohnheiten vor. Dieser ist sozialkonstruktivistisch und verbindet Foucaults poststrukturellen Ansatz von Körper und Macht mit einem phänomenologischen Ansatz, welcher Essen als embodied und sinnhafte Erfahrung von Leiblichkeit versteht. Das Projekt sieht eine intensive ethnographische Feldforschung in Vietnam vor (Forschungsteam DoktorandIn/Projektleiterin), die eine Vielzahl qualitativer sozialwissenschaftlicher Methoden verbindet. Empirischer Zugang erfolgt über die sogenannten kulinarischen Arenen (z.B. Haushalte, Supermärkte, gastronomischer Sektor, Ernährungsberatungsstellen), definiert als soziale Räume, in denen staatliche Politiken, wissenschaftliches Wissen, globale Diskurse zu Schönheit und Ernährung interagieren und im Alltag des Akteurs ihre Aushandlung finden und gesellschaftliche Zuschreibungen bzgl. weiblicher und männlicher Ernährungsweise und Körperkonzepten sowie Geschlechter-Machtverhältnisse (re-) konstruiert werden.
Veränderung von Ernährungsweisen, Lebensmittelkonsum und sozialer Wandel in Vietnam standen im Fokus dieses Projektes qualitativer Sozialforschung. Dabei wurde der essende Körper als zentrale Forschungsperspektive für das Verständnis von Gesellschaft und die Dynamik des sozioökonomischen Forschungskontextes herangezogen. Denn Essen ist mehr als eine banale und routinierte Alltagspraxis. Was und wie wir essen ist vor allem gesellschaftlich geprägt. Wenn wir essen, schreibt sich Gesellschaft in unsere Körper ein. Dies tut sie in vielfältiger Weise. Globale Ernährungspolitiken und öffentliches Gesundheitsmanagement, Agrar- und Lebensmittelindustrien sowie alternative Lebensmittelnetzwerke geben den Rahmen vor, in dem Menschen im urbanen Raum Nahrungsmittel konsumieren und Kinder ernähren. Lebensmitteldiskurse und Expert*innenwissen vermitteln Botschaften, Informationen und Standards hinsichtlich dessen, was als angemessener Konsum in Bezug auf körperliche Ästhetik, Gesundheit und Nachhaltigkeit zu verstehen ist. Nicht zuletzt hängt das, was die Menschen essen, von ökonomischen und sozio-kulturellen Positionierungen, Zugangschancen und Ausschlussmechanismen ab. Während sich die Entwicklungsforschung klassischerweise eher einseitig mit der Produktionsseite von Ernährung befasst, nahm das Forschungsprojekt das Erstarken von Konsumgesellschaften im Globalen Süden in den Blick. Vietnam stellt hier einen interessanten Untersuchungsfall dar. Vor dem Hintergrund der geschichtlichen Erfahrung von Nahrungsmittelknappheit und Hunger steht Vietnam nun beispielhaft für das wirtschaftlich boomende Asien und seiner wachsenden konsumhungrigen Mittelschicht. Es verzeichnet einen Ernährungswandel hin zu mehr industriell verarbeiteten Lebensmitteln - ein Trend, der sich zunehmend anhand ernährungsbedingter Gesundheitsprobleme manifestiert. Die zentralen Fragegestellungen der Studie waren, wie Konsument*innen durch den Dschungel der Möglichkeiten und des Überflusses sinnstiftend manövrieren, welche (neuen) Bedeutungen sie dem Essen und konsumierenden Körpern dabei zuschreiben und sich selbst durch Nahrungskonsum und die spezifische Konstitution gesunder, schöner, dünner, dicker etc. Körper gesellschaftlich verorten. Die untersuchten Bereiche Lebensmittelsicherheit, Biokonsum, Schönheitskonzepte, Körpernormen, Diäten und Formen ambivalenten Essverhaltens zeigen die starke Verflechtung von Geschlecht, Klasse und Ernährung auf. Ebenfalls sind auch die unterschiedlichen Aushandlungsprozesse (und widerständige Praxen) sozialen und kulturellen Wandels geschlechts- und klassenspezifisch geprägt und verweisen auf soziale Distinktion und voranschreitende Ungleichheit einer (post-)sozialistischen Gesellschaft.
- Universität Wien - 100%
Research Output
- 41 Zitationen
- 13 Publikationen
-
2019
Titel Food Anxiety in Globalising Vietnam DOI 10.1007/978-981-13-0743-0 Typ Book Verlag Springer Nature Link Publikation -
2019
Titel Food Anxiety: Ambivalences around Body and Identity, Food Safety, and Security; In: Food Anxiety in Globalising Vietnam Typ Book Chapter Autor Ehlert J Verlag Palgrave Macmillan Seiten 1-40 Link Publikation -
2019
Titel Food Anxiety in Globalising Vietnam Typ Book Autor Ehlert J editors Ehlert J, Faltmann NK Verlag Palgrave Macmillan Link Publikation -
2018
Titel Food Anxiety: Ambivalences Around Body and Identity, Food Safety, and Security DOI 10.1007/978-981-13-0743-0_1 Typ Book Chapter Autor Ehlert J Verlag Springer Nature Seiten 1-40 -
2021
Titel Food Consumption, Habitus and the Embodiment of Social Change: Making Class and Doing Gender in Urban Vietnam Typ Journal Article Autor Ehlert J Journal The Sociological Review Seiten 681-701 Link Publikation -
2021
Titel Food Consumption, Habitus and the Embodiment of Social Change: Making Class and Doing Gender in Urban Vietnam Typ Journal Article Autor Ehlert J Journal The Sociological Review -
2024
Titel Eating at the Margins: Negotiating Food Safety and Food Security in Ho Chi Minh City’s Charities DOI 10.1080/14442213.2024.2370783 Typ Journal Article Autor Faltmann N Journal The Asia Pacific Journal of Anthropology Seiten 275-292 Link Publikation -
2021
Titel Food consumption, habitus and the embodiment of social change: Making class and doing gender in urban Vietnam DOI 10.1177/00380261211009793 Typ Journal Article Autor Ehlert J Journal The Sociological Review Seiten 681-701 Link Publikation -
2022
Titel Urban gardening in Ho Chi Minh City: class, food safety concerns, and the crisis of confidence in farming DOI 10.1080/15528014.2022.2142753 Typ Journal Article Autor Faltmann N Journal Food, Culture & Society Seiten 927-944 Link Publikation -
2015
Titel Food Sovereignty and Conceptualization of Agency: A Methodological Discussion Typ Journal Article Autor Ehlert J Journal Austrian Journal of South-East Asia Studies Seiten 7-25 Link Publikation -
2018
Titel Between Food Safety Concerns and Responsibilisation: Organic Food Consumption in Ho Chi Minh City DOI 10.1007/978-981-13-0743-0_6 Typ Book Chapter Autor Faltmann N Verlag Springer Nature Seiten 167-204 -
2018
Titel Obesity, Biopower, and Embodiment of Caring: Foodwork and Maternal Ambivalences in Ho Chi Minh City DOI 10.1007/978-981-13-0743-0_4 Typ Book Chapter Autor Ehlert J Verlag Springer Nature Seiten 105-136 -
2016
Titel Emerging Consumerism and Eating Out in Ho Chi Minh City, Vietnam. The Social Embeddedness of Food Sharing; In: Food Consumption in the City. Practices and Patterns in Urban Asia and the Pacific Typ Book Chapter Autor Ehlert J Verlag Routledge Seiten 71-89 Link Publikation