Der frühe Carnap im Kontext: Drei Fallstudien und die Tagebücher
Early Carnap in Context: Three Case Studies and the Diaries
Wissenschaftsdisziplinen
Mathematik (10%); Philosophie, Ethik, Religion (90%)
Keywords
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The Philosophy of Rudolf Carnap,
Modern Philosophy of Science,
Modern History of Science,
History of the Humanities,
Philosophy of the Humanities
Rudolf Carnap (1891-1970) gilt als Klassiker der analytischen Philosophie und Wissenschaftstheorie des zwanzigsten Jahrhunderts. Das trifft im Besonderen zu für Carnaps Werk als Mitglied des Wiener Kreises (1927-1935) und für seine Zeit in den USA (1936-1970). Das Frühwerk dieses herausragenden Philoso- phen, insbesondere sein erstes großes, 1928 publiziertes Buch Der logische Aufbau der Welt (kurz: Auf- bau) wurde hingegen lange Zeit vernachlässigt, und zwar aus zwei konvergierenden Gründen. Erstens wurde Carnaps Werk vor der Logischen Syntax der Sprache (1934) für unreif und systematisch geschei- tert gehalten. Zweitens wurde Carnaps Frühwerk missachtet, einfach weil die gesamte philosophische und wissenschaftliche Kultur, die in den 1930er Jahren zur Emigration gezwungen wurde (vgl. den Narra- tiv Vertriebene Vernunft), für Jahrzehnte missachtet worden ist. In den letzten Jahrzehnten hat sich diese Situation jedoch grundlegend geändert. Sowohl die systematischen Vorzüge von Carnaps Früh- werk, insbesondere des Aufbau, als auch die historische Bedeutung der intellektuellen Netzwerke des frühen Carnap ist hervorgehoben worden, von Autoren wie (in alphabetischer Reihenfolge) Steve A- wodey, Andre Carus, Hans Joachim Dahms, Michael Friedman, Gottfried Gabriel, Hannes Leitgeb, Thomas Mormann, Erich Reck, Alan Richardson, Thomas Ryckman, Friedrich Stadler, Thomas Uebel und Richard Zach. Die Art und Weise jedoch wie theoretische und praktische Philosophie beim frühen Carnap in Verbindung stehen ist bis heute kaum erforscht worden. Diese Zusammenhänge zu erforschen und sie anhand von Konvergenzen zwischen den oben erwähnten historischen und systematischen Aspekten der Forschung zum frühen Carnap zu erläutern ist das zentrale Ziel dieses Projekts. Die Arbeitshypothese lautet, dass die theoretischen Ziele von Carnaps philosophischem Frühwerk (beispielsweise die Angabe struktureller Kennzeichnung für alle Begriffe) in Verbindung mit den praktischen Zielen seiner Philoso- phie stehen. Dies wird auf der einen Seite anhand von drei Fallstudien untersucht, die die Perspektive der Forschung auf den breiteren historischen Hintergrund erweitern, und zwar: (1) Hermann Cohens System im Kontext, (2) Nicht-experimentelle Psychologien, (3) Das Wechselspiel politischer, ethischer und formaler Aspekte beim frühen Carnap. Diese Fallstudien (insbesondere Fallstudie 3) werden unter- stützt von dem Studium von Carnaps frühen Tagebüchern und Lektürelisten (1909-1936), die im Verlauf dieses Projektes transkribiert und kommentiert werden.
Rudolf Carnap (1891-1970) gilt als Klassiker der analytischen Philosophie und Wissenschaftstheorie des zwanzigsten Jahrhunderts. Das trifft im Besonderen zu für Carnaps Werk als Mitglied des Wiener Kreises (1927-1935) und für seine Zeit in den USA (1936-1970). Ziel dieses Projekts war die Kontextualisierung der frühen Philosophie Carnaps, mit Hilfe von drei historischen Fallstudien (a-c), die von einer Edition von Carnaps frühen Tagebüchern unterstützt wurden (d). (a)Erste Fallstudie: Cohens System im Kontext. Der deutsche Philosoph Hermann Cohen (1842-1918) wurde als paradigmatisches Beispiel für die philosophische Konzeption verstanden, die der Projektleiter in seiner Habilitationsschrift als Deutschen Empirismus bezeichnet hat. Die Strömung des Deutschen Empirismus wurde am Beispiel Cohens analysiert als mit einer spezifischen Einstellung in der praktischen Philosophie und Politik verbunden sowie einer Spielart von Wissenschaftstheorie, die in enger Beziehung zu deskriptiver Psychologie steht (siehe b). (b)Zweite Fallstudie: Nicht-experimentelle Psychologien. In Verbindung mit dem Thema von (a) wurden diese Varianten der Psychologie des späten neunzehnten Jahrhunderts in Deutschland behandelt, die sich mit höherstufigen geistigen Gegenständen im Rahmen eines psychologischen Narratives auseinandergesetzt haben. (c)Dritte Fallstudie: Das Zusammenspiel von politischen, ethischen und formalen Aspekten in Carnaps Frühwerk. Hier wurden Einflüsse untersucht, die solche intellektuellen Netzwerke wie der Bauhaus-Modernismus, der Wiener Kreis, die deutsche Jugendbewegung und die deutsche Philosophieszene des frühen 20ten Jahrhunderts auf den frühen Carnap gehabt haben. (d)Kritische Edition von Carnaps frühen Tagebüchern. In den ersten 21 Monaten dieses Projekts wurden Carnaps Tagebücher bis 1935 transkribiert und korrekturgelesen. Die Transkriptionen wurden ab Jänner 2016 in drei Lieferungen erstellt; sie wurden in LaTeX konvertiert und zwischen Jänner 2016 und Mai 2018 weiter bearbeitet. Ein textkritischer Apparat wurde erstellt, zusammen mit verschiedenen Registern (Namen, Orte, Institutionen, Werke) und ersten Entwürfen der wissenschaftlichen Erläuterungen. Die Edition profitiert stark von der Tatsache, dass der Meiner Verlag Hamburg als Verleger für das Projekt gewonnen werden konnte. Die Edition wird im Verlauf des Folgeprojekts P31716 Carnap im Kontext II: (Dis-)Kontinuitäten finalisiert, das ebenfalls vom Leiter dieses Projekts ausgerichtet wird und im August 2018 begonnen hat. Die Endfassung der Edition wird voraussichtlich bis Dezember 2019 erstellt, die Edition wird dann sowohl als Druckfassung als auch als Open-Access Web-Edition im Jahr 2021 erscheinen. Weitere Schwerpunkte des Projekts waren (1) die Organisation von fünf internationalen Workshops, einschließlich Tagungsbänden; (2) die Publikation der Habilitationsschrift des Projektleiters sowie von Aufsätzen über Carnaps Aufbau, seine antimetaphysische Philosophie und den Nonkognitivismus im frühen Logischen Empirismus.
- Universität Wien - 100%
- Gottfried Gabriel, Friedrich Schiller Universität Jena - Deutschland
- Hannes Leitgeb, Ludwig Maximilians-Universität München - Deutschland
- Margret Heitmann, Universität Duisburg-Essen - Deutschland
- Uljana Feest, Universität Hannover - Deutschland
- Hartwig Wiedebach, ETH Zürich - Schweiz
- Thomas Mormann, Universidad del Pais Vasco - Spanien
- Richard Creath, Arizona State University - Vereinigte Staaten von Amerika
- Michael Friedman, University of Stanford - Vereinigte Staaten von Amerika
- Meike Werner, Vanderbilt University - Vereinigte Staaten von Amerika