Kognitive Umbewertung: Kreativität im affektiven Kontext
Ability for Reappraisal: Creativity in an affective Context
Wissenschaftsdisziplinen
Medizinisch-theoretische Wissenschaften, Pharmazie (60%); Psychologie (40%)
Keywords
-
Emotion Regulation,
Emotion-Related Skills,
Creativity,
Cognitive Reappraisal,
Electroencephalography
Kognitive Umbewertung ist eine Emotionsregulationsstrategie, die als besonders wirksam gilt. Eine Erhöhung der Häufigkeit ihrer Anwendung kann aber nur gewinnbringend sein, wenn Personen ausreichend dazu fähig sind, die Strategie der kognitiven Umbewertung zu nutzen, wenn sie also ausreichend dazu fähig sind, sich alternative Interpretationen von belastenden Ereignissen oder Umständen einfallen zu lassen. Ein vor kurzem entwickelter neuartiger Ansatz für die Erfassung der Fähigkeit zur kognitiven Umbewertung besteht darin, die "Reappraisal Inventiveness" einer Person zu messen, also die Fähigkeit, spontan mögliche Umbewertungen von persönlich relevanten emotionalen Situationen zu generieren. Während es bereits erste Belege für die Validität des Konzepts gibt, wurde es bis jetzt noch nicht neurowissenschaftlich untermauert. Einige der elementaren kognitiven Prozesse, die für das Generieren von Umbewertungen von emotionalen Situationen notwendig sind, spielen auch eine wichtige Rolle bei der kreativen Ideenbildung (definiert als das Generieren von neuartigen Ideen zu vorgegebenen Problemstellungen). Beim kognitiven Umbewerten wirken diese exekutiven Prozesse aber in einem affektiven Kontext. In der vorliegenden Studie werden Aufgaben zur kreativen Ideenbildung und zur "Reappraisal Inventiveness" vorgegeben, während das EEG (Elektroenzephalogramm) gemessen wird. Dazu wird ein in der Kreativitätsforschung bewährtes Paradigma verwendet. Es werden Gehirnprozesse im unmittelbaren Kontext der Generierung kreativer Ideen und von Umbewertungen emotionaler Situationen untersucht, das heißt, wenn einer Person eine Idee oder eine alternative Interpretation einer Situation in den Sinn kommt. Gemeinsame und unterschiedliche Prozesse der beiden Funktionen werden mit individuellen Unterschieden in der Fähigkeit zur kognitiven Umbewertung in Beziehung gesetzt. Zusätzlich wird das Konzept der "Reappraisal Inventiveness" in das Forschungsfeld der Affektiven Neurowissenschaften integriert, indem es in Beziehung zum Konzept des Affektiven Stils und dessen neurophysiologischen Grundlagen gesetzt wird. Die Antragsteller sind erfahrene Wissenschaftler mit umfangreicher Erfahrung in der EEG- basierten Forschung zur kreativen Ideenbildung, Emotionsregulation und verwandten Themen und stützen sich auf zuverlässige und bewährte Methoden. Das Forschungsprojekt ist in mehrfacher Hinsicht innovativ: Erweiterung der neurowissenschaftlichen Kreativitätsforschung durch die Verknüpfung mit einem affektiven Kontext Neurowissenschaftliche Fundierung der Fähigkeit zur kognitiven Umbewertung Integration von EEG und EKG Forschung zur Weiterentwicklung der wissenschaftlichen Methoden In Übereinstimmung mit dem Leitbild des Forschungsschwerpunktes "Gehirn und Verhalten" der Karl-Franzens Universität Graz kombiniert das Projekt modernste Methoden der Gehirnforschung mit psychologischer Sachkompetenz, um relevante Forschungsfragen zu klären, die zu einer verbesserten Diagnose und Behandlung psychischer Störungen und zur Leistungsoptimierung beitragen können.
Kognitive Umbewertung gilt als besonders wirkungsvolle Strategie zur Bewältigung von belastenden Ereignissen. Die Förderung von kognitiver Umbewertung bildet den Kern zeitgemäßer psychotherapeutischer Ansätze. Nicht jeder ist allerdings gleich gut dazu fähig, diese Bewältigungsstrategie mit Erfolg einzusetzen. Kognitive Umbewertung erfordert in gewisser Weise, in einem emotionalen Kontext kreativ zu sein. Ergebnisse des Projekts weisen allerdings darauf hin, dass zwar viele Gehirnprozesse sowohl bei kognitiver Umbewertung als auch bei herkömmlichen kreativen Leistungen aktiv sind, kognitive Umbewertung aber im Vergleich zum Generieren herkömmlicher Ideen zusätzliche Anforderungen an das Gehirn stellt. Die Ergebnisse des Projektes zeigen, dass es von der neuronalen Grundausstattung eines Menschen abhängt, ob Bemühungen, negative Ereignisse mit kognitiver Umbewertung zu bewältigen, erfolgreich sind. Genauer gesagt, geht es um die Fähigkeit, beim Versuch, Umbewertungen von negativen Ereignissen zu finden, die entsprechenden neuronalen Schaltkreise in vorderen Teilen der linken Gehirnhälfte zu aktivieren. Diese Fähigkeit bestimmt, ob man grundsätzlich gut darin ist, kognitive Umbewertungen zu finden, und schließlich auch, ob man sich im Alltag entsprechend weniger belastet und depressiv fühlt. Dieselbe neuronale Grundausstattung trägt auch zur Funktionstüchtigkeit wichtiger kognitiver Kontrollfunktionen bei, die eine Rolle bei vielen anderen Fähigkeiten spielen. Die Befunde des Projektes lassen den Schluss zu, dass bei PatientInnen, bei denen die Grundausstattung für die erfolgreiche Anwendung von kognitiver Umbewertung auf Grund einer Verschlechterung relevanter Gehirnfunktionen beeinträchtigt ist (z.B. ältere, depressive oder aus anderen Gründen neurologisch beeinträchtigte Personen), das Trainieren von anderen Strategien wie z.B. Ablenkung wirkungsvoller sein kann. Außerdem könnte die Funktionstüchtigkeit beteiligter Gehirnprozesse selbst Ziel von therapeutischen Maßnahmen sein, wodurch sich die Wirksamkeit der Maßnahmen zur Verbesserung der Verwendung von kognitiver Umbewertung erhöhen sollte. Der Reappraisal Inventiveness Test (Test zum Einfallsreichtum von Umbewertungen) ist ein geeignetes Werkzeug um die grundsätzliche Fähigkeit einer Person, kognitive Umbewertung erfolgreich einzusetzen, abzuschätzen und könnte für die Erfolgskontrolle bei solchen Maßnahmen verwendet werden.
- Universität Graz - 100%
Research Output
- 235 Zitationen
- 8 Publikationen
- 1 Weitere Förderungen
-
2022
Titel Creativity in an Affective Context DOI 10.1027/1016-9040/a000448 Typ Journal Article Autor Perchtold-Stefan C Journal European Psychologist Seiten 216-226 Link Publikation -
2017
Titel The use of bright and dark types of humour is rooted in the brain DOI 10.5167/uzh-136109 Typ Other Autor Papousek Link Publikation -
2016
Titel The capacity for generating cognitive reappraisals is reflected in asymmetric activation of frontal brain regions DOI 10.1007/s11682-016-9537-2 Typ Journal Article Autor Papousek I Journal Brain Imaging and Behavior Seiten 577-590 Link Publikation -
2016
Titel Creative ways to well-being: Reappraisal inventiveness in the context of anger-evoking situations DOI 10.3758/s13415-016-0465-9 Typ Journal Article Autor Fink A Journal Cognitive, Affective, & Behavioral Neuroscience Seiten 94-105 Link Publikation -
2018
Titel Creativity and Cognitive Control in the Cognitive and Affective Domains DOI 10.1017/9781316556238.019 Typ Book Chapter Autor Fink A Verlag Cambridge University Press (CUP) Seiten 318-332 -
2018
Titel Reappraisal inventiveness: impact of appropriate brain activation during efforts to generate alternative appraisals on the perception of chronic stress in women* DOI 10.1080/10615806.2017.1419205 Typ Journal Article Autor Perchtold C Journal Anxiety, Stress, & Coping Seiten 206-221 Link Publikation -
2017
Titel Affective creativity meets classic creativity in the scanner DOI 10.1002/hbm.23851 Typ Journal Article Autor Perchtold C Journal Human Brain Mapping Seiten 393-406 Link Publikation -
2017
Titel The Use of Bright and Dark Types of Humour is Rooted in the Brain DOI 10.1038/srep42967 Typ Journal Article Autor Papousek I Journal Scientific Reports Seiten 42967 Link Publikation
-
2018
Titel Einzelprojekt / Folgeprojekt Typ Research grant (including intramural programme) Förderbeginn 2018 Geldgeber Austrian Science Fund (FWF)