Klassische Bildung und Gesellschaft im Konstantinopel der frühen Paläologenzeit
Classical Education and Society in Early Palaeologan Constantinople
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (30%); Sprach- und Literaturwissenschaften (70%)
Keywords
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Byzantine Studies,
Greek Language (Ancient,
Medieval),
Greek Paleography,
Source Studies,
Source Edition,
Lexicography
Manuel Moschopoulos ist all jenen klassischen Philologen, die sich für die Überlieferung der antiken griechischen Autoren interessieren, ein geläufiger Name. Die große Anzahl an Handschriften, welche Kommentare des Moschopoulos zu Homer, Hesiod, Pindar, zu der byzantinischen Trias des Sophokles und Euripides enthalten, zeugt von der Wichtigkeit der exegetischen Arbeit des Moschopoulos und erweist, dass ihm nicht nur in der Überlieferung der griechischen Klassikern, sondern auch als Lehrer große Bedeutung zukommt. Es genügt, die Moschopouleischen Handschriften des Sophokles zu be- trachten: Seit den 1290er Jahren bis in die italienische Renaissance lernten Generationen von Schülern mithilfe jener Schulbücher Altgriechisch. Zudem hat die aktuelle paläographische Forschung andere Handschriften des Moschopoulos (welche seine Schedographia und seine Grammatike enthalten) untersucht und gezeigt, dass diese durch die Jahrhunderte als Schulbücher dienten: Gebildete Kopisten wie Georgios Baiophoros (Anfang XV. Jh.) zögerten nicht, Codices mit patristischer Literatur zu op- fern, um neues Schreibmaterial für das Kopieren der Moschopouleischen Schulbücher zu gewinnen. Rezente Studien haben sich mit der Frage beschäftigt, welchen Beitrag Manuel Moschopoulos zur Textkritik leistete. Seine Kommentare zu den griechischen Klassikern haben bisher hingegen kaum die Aufmerksamkeit moderner Wissenschaftler auf sich gezogen. Dieses Forschungsprojekt befasst sich mit einem Desiderat in der byzantinistischen Forschung und verfolgt einen zweifachen Zweck: Es zielt erstens darauf ab, die erste vollständige kritische Editi- on des Kommentars Manuel Moschopoulos zu Sophokles Ajax herauszugeben (kritische Editionen der anderen zwei Kommentare des Moschopoulos zu Electra und Oedipus Rex sind bereits vor- handen) und zweitens, in Form einer Monographie eine soziolinguistische Studie zu Moschopoulos Aktivität als Lehrer und Interpret der byzantinischen Trias des Sophokles zu verfassen. Diese Studie soll folgende Aspekte untersuchen: die didaktische Effizienz der Kommentare des Moschopoulos zu Sophokles (Welchem Zweck dienten sie? Wer ist das Zielpublikum?); den soziokulturellen Kontext, in welchem der Autor die Kommentare erstellte (War es die Absicht des Moschopouleischen Kommen- tars, auf das wachsende Bedürfnis nach Instrumenten für das Schreiben in einer reinen Attischen Form zu antworten?); den Einfluss auf die byzantinischen Gesellschaft und das mittelalterliche Grie- chisch (Zeitigten Moschopoulos Lehren zum Attischen Dialekt Auswirkungen auf die byzantinischen Autoren? Kann uns dies helfen, das byzantinische Konzept von code/style switching zu verstehen?). Das Projekt wird darüber hinaus die gesamte Handschriftenüberlieferung von Moschopoulos Kommentar zu Sophokles untersuchen (Analyse der extra-Moschopouleischen Scholia; zufällige Noti- zen von Schreibern, Besitzern, Lesern etc.); auf diesem Weg kann nicht nur die Geschichte der einzel- nen Handschriften, sondern auch die fortuna des Moschopoulos im Laufe der Jahrhunderte nachver- folgt werden. Um den Austausch zwischen Wissenschaftlern anzuregen, welche in ähnlichen und komplementären Projekten arbeiten (byzantinische Kommentare zu Homer, Aristoteles etc.), ist eine Reihe von Workshops und Konferenzen geplant. Das Wiener Forum für Soziolinguistik bietet mit seinen vierteljährlichen Sitzungen eine Plattform für den Austausch zwischen Philologen, Linguisten und Sprachphilosophen.
Der sogenannte "sprachliche Archaismus" ist einer der typischsten Aspekte der byzantinischen Kultur. Dieses Phänomen beruht auf dem Einfluss, den die attische griechische Sprache des V.-IV. Jahrhunderts v. Chr. auf die hellenistischen und kaiserlichen literarischen Zivilisationen hatte. Im Laufe der Geschichte der griechischen Sprache sind diese attischen Literaturmodelle, gefiltert durch die Spekulation von Grammatikern, zum Parameter der sprachlichen Korrektheit geworden. Parallel zur archaisierenden Variante des Griechischen wurde eine andere Variante des geschriebenen Griechisch mit niedrigerem Register, bekannt als Koine (d. h. Gemeinsame Sprache), durch die Verwendung in heiligen Texten legitimiert, genoss jedoch immer ein vergleichsweise geringes Ansehen. Die beiden Arten des geschriebenen Griechisch, nämlich das archaisierende Griechisch und die Koine, haben in einem Verhältnis gegenseitiger Beeinflussung nebeneinander bestanden. Infolgedessen benötigten diejenigen, die sich Griechisch aneignen wollten, immer Lehrbücher, um zu lernen, wie man sich in korrekt archaisierendem Griechisch ausdrückt. Dieses Projekt konzentrierte sich auf ein bestimmtes Lehrbuch für das Studium des Griechischen, nämlich auf die Kommentare von Manuel Moschopulos zu Sophokles, insbesondere auf Sophokles' Elektra. Das Projekt umfasste drei große Themenkomplexe: (1) Die handschriftliche Tradition von Moschopulos' Kommentaren zu Sophokles und die Vorbereitung deren kritischen Ausgabe. Diese Kommentare sind in den sogenannten "Moschopuleischen Manuskripten des Sophokles" erhalten. Von den mehr als 80 Manuskripten, die Aleksander Turyn in den 1940er Jahren identifiziert hatte, konnten 36 ermittelt werden, die für eine kritische Ausgabe dieser Kommentare berücksichtigt werden sollten. Zwei Artikel und ein Workshop, dessen Beiträge in einem Sammelband vorgelegt werden, konzentrierten sich auf diese Themen, insbesondere auf die Methodik zur Bearbeitung dieser bestimmten Textart (d. h. der Lehrbücher). (2) Die Urheberschaft dieser Kommentare. Dieses Projekt konnte definieren, dass die Kommentare zu Sophokles Anmerkungen von Planudes, Moschopulos, Magistros und manchmal auch von Triklinios übermitteln. Die Heterogenität dieser Kommentare beruht auf der Tatsache, dass jedes einzelne Manuskript eine Welt für sich darstellt und dass die Kopisten nicht nur darauf abzielten, einen Text zu kopieren, sondern auch und vor allem auf bestimmte didaktische Bedürfnisse reagieren wollten. Zwei Artikel, die dem in einigen Manuskripten enthaltenen Material außerhalb von Moschopulos gewidmet sind, demonstrieren die Art und den Zweck dieser Ergänzungen. (3) Das Verhältnis zwischen Lehrbüchern und Linguistik. Dieses Projekt ist offen für die Zukunft. Besonders wichtig war es, Philologie und Paläographie in einen Dialog mit der historischen Linguistik zu bringen. Das Studium byzantinischer Lehrbücher zur Erforschung der archaisierenden griechischen Sprache ermöglicht es uns, tatsächlich zu rekonstruieren, wie die damaligen Benutzer ihre Sprache wahrnahmen und welche Bedeutungen sie den verschiedenen Wörtern und syntaktischen Konstruktionen zuwiesen. Insgesamt trägt das Projekt bereits erste Früchte: Die theoretischen Ergebnisse des Projekts sowie die in seinem Rahmen begonnenen Kooperationsnetzwerke von Wissenschaftlern werden bald zur kritischen Ausgabe dieses Materials mit großem Gewinn für die historische Linguistik, zu neuen Forschungsprojekten und zu internationalen Workshops führen.
Research Output
- 6 Zitationen
- 6 Publikationen
- 1 Weitere Förderungen
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2020
Titel Griechisch-byzantinische Handschriftenforschung, Traditionen, Entwicklungen, neue Wege DOI 10.1515/9783110366358 Typ Book editors Brockmann C, Deckers D, Harlfinger D, Valente S Verlag De Gruyter -
2017
Titel Medieval Textbooks as a Major Source for Historical Sociolinguistic Studies of (highregister) Medieval Greek DOI 10.1515/opli-2017-0022 Typ Journal Article Autor Cuomo A Journal Open Linguistics Seiten 442-455 Link Publikation -
2017
Titel Toward a Historical Sociolinguistic Poetics of Medieval Greek DOI 10.1484/m.sbhc-eb.5.113947 Typ Book editors Cuomo A, Trapp E Verlag Brepols Publishers NV Link Publikation -
2017
Titel Historical Sociolinguistics – Pragmatics and Semiotics, and the Study of Medieval Greek Literature DOI 10.1484/m.sbhc-eb.5.114438 Typ Book Chapter Autor Cuomo A Verlag Brepols Publishers NV Seiten 1-33 -
2017
Titel Greek as the receiving language in the Middle Ages and Early Modern Period DOI 10.1515/lexi-2017-0006 Typ Journal Article Autor Trapp E Journal Lexicographica Seiten 33-68 -
2018
Titel Die Lehnwörter im Wortschatz der spätbyzantinischen historiographischen Literatur DOI 10.1515/9783110587678 Typ Book Verlag De Gruyter Link Publikation
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2018
Titel Greek Scholia and Medieval Greek Typ Other Förderbeginn 2018 Geldgeber Austrian Science Fund (FWF)