Dokumentarische faijumische Papyri aus Wien - Neuedition von Texten aus CPR II und IV
Documentary Fayumic Papyri in Vienna - Reedition of Texts from CPR II and IV
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (50%); Philosophie, Ethik, Religion (40%); Rechtswissenschaften (10%)
Keywords
-
Coptic,
Antiquity,
Fayumic,
Documentary,
Papyri,
Byzantine time
Dokumentarische Texte, d.h. Texte des täglichen Gebrauchs, in einem der Dialekte (Faijumisch) der ägpyptischen Sprache (Koptisch) in byzantinischer Zeit sind Gegenstand des Forschungsprojekts. Grundsätzlich gibt es aufgrund der klimatischen Bedingungen eine überwältigende Menge dokumentarischer Texte aus Ägypten. In der Wiener Papyrussammlung werden mehr als 20.000 Texte in koptischer Sprache aufbewahrt. Ein Großteil von ihnen ist in einem der beiden wichtigen Dialekte auf Sahidisch verfasst. Über viele Jahrhunderte ist somit das tägliche Leben kleiner Ortschaften und selbst einzelner Personen dokumentiert. Deswegen muss jedem Versuch, die Fülle des Materials zu erschließen, ein vergleichsweise kleines und möglichst klar abgegrenztes Forschungsgebiet zugrunde gelegt werden. Die Wahl faijumischer Texte entspricht genau dieser Voraussetzung. Der Faijum, eine Oase rund 100 Kilometer südwestlich von Kairo, stellt ein klar umschriebenes Gebiet dar. Und das Faijumische wurde in diesem Gebiet gesprochen und ist für den Zeitraum von ca. 400 bis 800 n.Chr. auf Schriftzeugnissen festgehalten, wobei die dokumentarischen Texte vor allem aus dem 8. Jahrhundert stammen. Somit stammen die Texte, die untersucht werden sollen, aus einem zeitlich und örtlich sehr klar umrissenen Kontext. Es hat sich bereits gezeigt, dass zwischen zahlreichen Texten Verbindungen bestehen, Orte oder Personen begegnen in mehreren Texten. Und so kann die soziale Stellung einer Person nachverfolgt werden, sich ändernde Besitzverhältnisse lassen sich dokumentieren. Das zu bearbeitende Material besteht aus knapp 100 (meist nur fragmentarisch) erhaltenen Texten. Die Unterschiede zwischen den einzelnen koptischen Dialekten sind so groß, dass Forscher sich meist für eine intensivere Beschäftigung nur auf einen oder zwei Dialekte spezialisieren. Und da das Faijumische zu den kleineren Dialekten gehört, wurden Texte in diesem Dialekt verglichen mit den größeren Dialekten vergleichsweise schlecht erschlossen. Ein Großteil der dokumentarischen Texte im faijumischen Dialekt wurden als Abschriften in einer Edition aus dem Jahr 1895 (CPR II) publiziert und teilweise in einem weiteren Band aus dem Jahr 1958 (CPR IV) nochmals abgedruckt. Da es sich jedoch nicht um Editionen im modernen Sinn handelt, sind die Texte nicht erschlossen. Um diese für die Wissenschaft fruchtbar zu machen, ist eine moderne Edition mit Übersetzung und ausführlichem Kommentar zu linguistischen und historischen Fragen nötig. Es wurde bereits bei der Vorbereitung des Antrags deutlich, dass auch Fragen der Rechtsgeschichte durch diese Texte weiter geklärt werden können.
Ägypten ist die am besten dokumentierte Region der antiken Welt. Dank der klimatischen Bedingungen haben sich im Land am Nil große Mengen an Schriftzeugnissen auf Papyrus erhalten. Diese Dokumentation beginnt im Zeitalter der Pharaonen und setzt sich bis zum Ende der Verwendung von Papyrus als Schriftträger in der arabischen Zeit fort (dann wurde Papyrus von Papier und Pergament abgelöst). Zu dieser Dokumentation zählen auch zahlreiche Texte in koptischer Sprache. Koptisch ist die letzte Stufe der antiken ägyptischen Sprache. Für das Schreiben des Koptischen wurde zwar das griechische Alphabet verwendet (wobei dieses um einige Buchstaben erweitert wurde, um besondere ägyptische Laute darzustellen); dennoch zeigt die Sprache die grammatikalischen Strukturen und das Vokabular des Zeitalters der Pharaonen. Koptisch tritt erstmals unter der römisch-byzantinischen Herrschaft (genauer ab dem 2./3. Jh. n. Chr.) auf; nach der Eroberung Ägyptens durch die Araber in den Jahren 639-643 n. Chr. blieb es noch für Jahrhunderte in Verwendung. Als Schriftsprache wurde es zunächst parallel zum Griechischen und später zum Arabischen gebraucht. Die frühesten uns überlieferten Zeugnisse für Koptisch sind literarische Texte, was damit zusammenhängt, dass im Zuge der Christianisierung Ägyptens religiöse Texte aus dem Griechischen ins Koptische übersetzt wurden. Als Liturgiesprache der koptisch-orthodoxen Kirche hat es sich bis heute erhalten. Koptisch ist keine einheitliche Sprache, sondern eine Gruppe von Dialekten, die bedeutsame Unterschiede aufweisen. Die beiden wichtigsten Dialekte sind Sahidisch, das vor allem im Süden Ägyptens verwendet wurde und in der Antike den Hauptdialekt darstellte, und Bohairisch, das im Norden gesprochen wurde und sich in späterer Zeit als Hauptdialekt durchsetzte. Daneben existieren Dialekte, die nur von regionaler Bedeutung waren. Zu diesen zählt der Fayyumische Dialekt, der, wie der moderne Name besagt, im Fayyum-Becken verwendet wurde, das sich etwa 100 km südwestlich des heutigen Kairo befindet. Ziel des vorliegenden FWF-Projekts war es, diesen Dialekt in umfassender und systematischer Weise zu untersuchen. Das Fayyumische Koptisch ist aus etwa 400 Papyrusdokumenten des 8.-9. Jh. n. Chr. bekannt, von denen sich die größte Gruppe mit etwa 100 Texten in der Papyrussammlung der Österreichischen Nationalbibliothek befindet. Der Fayyumische Dialekt ist bislang niemals Thema eines Forschungsprojektes gewesen. Mehrere Faktoren -die geringe Zahl an überlieferten Textzeugnissen; die Tatsache, dass die bisher vorgelegten Ausgaben solcher Texte veraltet sind und nicht den modernen Standards entsprechen; die besonderen sprachlichen Schwierigkeiten, die der Dialekt bietet - haben seine Erforschung bislang verhindert. Durch das vorliegende FWF-Projekt wurde es erstmals möglich, die im Fayyumischen Dialekt verfassten Urkunden unter der sprachwissenschaftlichen (linguistischen) Perspektive auszuwerten und die Unterschiede dieses Dialekts in Grammatik und Wortschatz zu den anderen koptischen Dialekten aufzuzeigen. Zugleich wurden neben den koptisch-fayyumischen Urkunden auch die zeitgenössischen griechischen Texte aus dem Fayyum herangezogen, um auf diese Weise die Geschichte dieser Region in der früharabischen Zeit weiter zu erhellen.
- Fritz Mitthof, Universität Wien , assoziierte:r Forschungspartner:in
- Tonio Sebastian Richter, Freie Universität Berlin - Deutschland
- Jean-Luc Fournet, École Pratique des Hautes Études - Frankreich
Research Output
- 1 Zitationen
- 7 Publikationen
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2019
Titel Relire une lettre fayoumique: l'exemple de SBKopt. I 280 Typ Journal Article Autor Garel Journal Journal of Coptic Studies Seiten 63-71 Link Publikation -
2017
Titel Le titre piakou dans les documents coptes fayoumiques Typ Journal Article Autor Garel E Journal U schyłku starozytnosci. Studia zródłoznawcze Seiten 57-71 Link Publikation -
2016
Titel Lettre concernant l'envoi d'un papyrus iatro-magique et une réquisition de laine de mouton (P.Vindob. inv. K 55) Typ Journal Article Autor Garel E Journal Journal of Coptic Studies Seiten 45-55 Link Publikation -
2020
Titel À propos du volume 34 du Corpus Papyrorum Raineri Typ Journal Article Autor Garel Journal Journal of Coptic Studies Seiten 229-240 Link Publikation -
2020
Titel Titres et fonctions dans les documents coptes fayoumiques. Methodologie et premiers resultats Typ Conference Proceeding Abstract Autor Garel E Konferenz Études coptes XVI. Dix-huitième journée d'études (Bruxelles, 22-24 juin 2017) Seiten 205-215 -
2018
Titel Une demande de recensement du pagarque Rašid b. ?alid ; CPR IV 1 revisité DOI 10.1484/j.cde.5.116104 Typ Journal Article Autor Garel E Journal Chronique d'Egypte Seiten 187-199 -
2018
Titel Éditer et rééditer les documents coptes fayoumiques du début de l'époque arabe, progrès et perspectives; In: Le Fayoum. Archéologie - Histoire - Religion - Actes du sixième colloque international, Montpellier, 26-28 octobre 2016 DOI 10.2307/j.ctvcm4f67.15 Typ Book Chapter Verlag Harrassowitz, O