Verkörperte Kreativität in der Interaktion zu zweit
Embodied creativity in dyadic interaction
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Sozialwissenschaften (15%); Kunstwissenschaften (15%); Psychologie (50%); Soziologie (20%)
Keywords
-
Joint improvisation,
Soft-Assembly,
Generative Constraints,
Control Laws,
Collaborative Creativity,
Micro-Genetic Analysis
Improvisationsexpertise ist aus kognitiver Sicht kaum erforscht, speziell nicht jenseits von Solos und am allerwenigsten in Bewegungsdisziplinen. Das vorliegende Projekt vergleicht Tango argentino, Aikido und Kontaktimprovisation bezüglich ihrer jeweiligen kognitiven Improvisations-Ressourcen und bezüglich des Einwirkens der Interaktionssituation auf kreative Entscheidungsmöglichkeiten. Unsre Methoden fokussieren weniger auf längere Improvisationssequenzen, denn auf Mikrosituationen der Handlungswahl und der gemeinsamen Aushandlung der Dynamik. Zum Einsatz gelangen mikrogenetisches Laut-Denken, quasi-experimentelle Variation sowie Video-Feedback. Hochkarätige Improvisationsexperten erforschen hierbei in Workshops spielerisch jedoch dialogisch geleitet ihre natürliche Kreativität, erkunden alternative Interaktionspfade, mischen Bewegungsrepertoires, und erkunden deren Beeinflussung durch Paar-Konfiguration, Mikrotiming, verfügbaren Raum, oder Rahmenfaktoren wie Stil, leading/pacing, Paarkopplung, Stabilität, Dynamik, etc. Generative Fähigkeiten werden so in vivo erforscht: 1. Grundanliegen ist es, eine Rahmentheorie zu verkörperter Improvisationsexpertise im Paar auszuarbeiten. Demnach ermöglicht kreative Ausdruckswahl das Wechselspiel sensomotorischer und interaktionsbezogener Fähigkeiten (Kopplung, dynamisches Aushandeln, Reparatur, etc.), die gemeinsam das Finden eines Pfads durch die improvisatorische Wissensbasis vermitteln. Während zudem musikwissenschaftliche Modelle einen guten ersten Ansatz bieten, stellt doch verkörperte Improvisation besondere Anforderungen von räumlicher Kontinuität und dynamischer Stabilität und empfiehlt eine signaltheoretische Interaktions- Semiotik durch mutual incorporation, extended bodies und kontinuierlicher Resonanzschleifen zu ersetzen. 2. Generativität basiert üblicherweise auf der variablen Verkettung von vorgefertigten Mikroeinheiten. Dennoch gehen erfahrene Improvisierende teils über diese modulare Wissensbasis hinaus, indem sie die grundlegenden Handlungseinheiten abwandeln (vgl. situated concepts nach Barsalou) und variable motorische Pulse beherrschen lernen. Etwas radikaler zugespitzt behaupten manche Improvisiationsexperten fixes Bewegungsvokabular überhaupt über Bord werfen zu können. Können vorgefertigten Mikroeinheiten tatsächlich durch dynamische soft-assembly von Interaktionslösungen ersetzt werden, die volle formale Kreativität und Flexibilität ermöglichen? Unsrer Hypothese zufolge können Experten zumindest fallweise in einem Kraftfeld allgemeiner Prinzipien operieren. Kreative Lösungen müssen dabei lediglich mehrfachen perzeptuell geleiteten Steuerregeln genügen (vgl. Bill Warren), welche kontextspezifisch aktiviert und dann abgestimmt werden. Um dieses abzubilden, werden Experten angeleitet spielerisch ihr Repertoire auszuweiten, indem sie halbunabhängige Kontrollsysteme für Teilaufgaben Bewegungstrajektorien, relativer Abstand, relative Körperfrontausrichtung, etc. frei variieren, somit auch synergetische Wechselwirkungen sowie Grenzen derselben explorieren. Die Experten simulieren beispielsweise in mannigfachen Kontexten, ab wo und wie minimale Veränderungen einer Steuerregel-Dimension andere derartige Dimensionen mit implizieren oder blockieren, was es erlaubt, Erfahrungswissen über gute Synergien und deren dynamische soft-assembly im Abgleich multipler Steuerregeln zu modellieren. 3. Was unterscheidet Improvisation im Duett von Solos? Wie gehen kreative und koordinative Anforderungen zusammen? Dyadische constraints auf die kreative Handlungswahl manifestieren sich in Expertise dafür, grundlegend Kopplung bzw. beständigen Informationsfluss herzustellen, zweitens Standard-Interaktionstechniken synchron und funktional abgestimmt auszuführen, sowie drittens mit den unvermeidlichen Augenblicken echter Emergenz umzugehen: Letztere entspringen möglicher Fehlkommunikation, beabsichtigten kreativen Verstörungen, sowie seltenen magischen Augenblicken ungeplanter Selbstorganisation in neuartige Paar-Muster. Die hierfür charakteristischen Dynamiken beleuchten wir über Techniken des Emergenz-Management, insbesondere wie Improvisierende mittels Mikroaushandlungen chaotische Fluktuationen rasch und somit den Improvisationsfluss wahrend in einen metastabilen Zustand zurückführen.
Wir untersuchten vergleichend gemeinsames Improvisieren in den Paartänzen Tango und Kontaktimprovisation bzw. dem Kampfsport Aikido, somit kooperative und antagonistische Interaktionsformen. Gemeinsames Improvisation entspringt nicht nur individuellen Absichten und Interessen, sondern ist eingebettet in ein "Kraftfeld" aus äußeren und interpersonellen Faktoren, dem Anspruch funktionierende Bewegungssynergien zu erzeugen, und den Regeln der Körperkommunikation. Diese Faktoren stecken den Raum ab für individuelle Ideen, Suchbewegungen, sowie spielerisches Probieren. Wir entwickelten ein mikrogenetisches Format der Datenerhebung, in dem wir Expertenpaare in einem Workshop-Setting interviewen, unterstützt durch Videofeedback und die Möglichkeit des Echtzeitexperimentierens. Die Methode bzweckt eine "in vivo" Rekonstruktion von improvisatorischen Ereignissen von wenigen Sekunden Länge, z.B. eine Tango-Schrittkombination, ein Aikidoangriff, oder eine Hebefigur von Kontaktimprovisateuren. Den drei Forschungsbereichen ist gemein, daß der Pfad gewissermaßen im Gehen entsteht - sogenannte "emergente Koordination". Um dieses Phänomen zu beleuchten, rekonstruierten wir individuelle Mikrohandlungen, wodurch Personen A und B einander kontinuierlich komplementieren, ermächtigen, anstossen, einladen, umlenken, herausfodern oder auch zwingen. Dieses feine Wechselspiel auf Ebene der Körperkommunikation projizierten wir auf eine Zeitachse, die nachvollziehbar macht, wie ausgedehntere Trajektorien der Improvisation entstehen, während A und B einander "triggern" - einschließlich komplexer, aber spontaner Synergiemuster. Zu Projektbeginn sammelten wir diverse Interaktionen aus jedem Feld, um dessen Ziele, Handlungsprinzipien und Modalitäten zu überblicken. Dies zeigte auf, wie Rahmenbedingungen des Feldes die Interaktionsformen beeinflussen. Tango hat eine strikte äußere Form, Rollen (Führende/Folgende), Musik und andere anwesende Tanzpaare, was deutlich andere Anfoderungen an spontane Interaktion stellt und andere Dynamiken produziert als Kontaktimprovisation, wo formale Freiheit und Aushandlung dominieren. Aikido hat eine spezifische Aufbaulogik, um eine Verteidigung umzusetzen (Ausweichen, Umlenken des Angriffs, etc.); Improvisation ist dadurch klar eingegrenzt und Effizienz zählt oft mehr als Kreativität. In weitere Folge modellierten wir verschiedene Improvisationtrajektorien, inklusive möglicher, aber ungenutzer Alternativpfaden. Wir analysierten aus Expertensicht die "kollektive Physik" von Formen wie Hebefiguren oder gemeinsamen Achsenverlagerung und rekonstruierten wie die Partner zusammen spontan die Komplexität erhöhen, in dem "Sprungbretter" für einander angeboten werden. Ebenfalls untersuchten wir produktive Verstörungen, Rettungsmanöver und sogar gezielte "feindliche Übernahmen" der Partnerhandlungen. Ein zentrales Projektthema stellte interaktive Kreativität dar, die einerseits individuelle Mikroinspiration innerhalb einer Kollektivsitution erlaubt, aber auch Prozesse beinhaltet, der nicht nur "im Kopf" oder in der Einzelperson ablaufen. Das aktive körperliche Interagieren produziert rekursive Dynamiken von Exploration und Manipulation zwischen den Beteiligten, welche eigenständige Kreativmechanismen bereitstellen. Demgemäß beinhalten Kreativität aktive Fertigkeiten wie das gekonnte Modulieren, Eingrenzen, Kanalisieren und Resonanzbilden relativ zum Kolletivprozess, wodurch Neues autokatalytisch "eingeladen" wird. Abschließend nutzen wir unsere Datenbasis von annotierten Mikrointeraktionen für eine systematische Typologiebildung von Formen gemeinsamer improvisatorischer Kreativität, von parallelen und relativ autonomen Handlungsformen, über Führen/Folgen (wo v.a. eine Person kreativ ist), hin zu autokatalytischen Effekten, die entstehen, wenn zwei Personen einander wechselseitig modulieren und in die Handlungen des anderen in Echtzeit eingreifen.
- Universität Wien - 100%
- Sabine Koch, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg - Deutschland
- Ezequiel Di Paolo, The University of the Basque Country - Spanien
- Alan Fogel, University of Utah - Vereinigte Staaten von Amerika
Research Output
- 216 Zitationen
- 19 Publikationen
- 1 Disseminationen
- 9 Wissenschaftliche Auszeichnungen
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2025
Titel The spectrum of distributed creativity: Tango dancing and its generative modalities. DOI 10.1037/aca0000515 Typ Journal Article Autor Kimmel M Journal Psychology of Aesthetics, Creativity, and the Arts -
2018
Titel Sources of Embodied Creativity: Interactivity and Ideation in Contact Improvisation DOI 10.3390/bs8060052 Typ Journal Article Autor Kimmel M Journal Behavioral Sciences Seiten 52 Link Publikation -
2018
Titel Introduction DOI 10.1515/cogsem-2018-0006 Typ Journal Article Autor Zlatev J Journal Cognitive Semiotics Seiten 20180006 Link Publikation -
2018
Titel Modeling the Immune System with Gestures: A Choreographic View of Embodiment in Science DOI 10.1162/leon_a_01464 Typ Journal Article Autor Spiess K Journal Leonardo Seiten 509-516 -
2021
Titel The Micro-genesis of Improvisational Co-creation DOI 10.1080/10400419.2021.1922197 Typ Journal Article Autor Kimmel M Journal Creativity Research Journal Seiten 347-375 Link Publikation -
2021
Titel The Ecological Dynamics of Musical Creativity and Skill Acquisition DOI 10.5771/9783896659934-121 Typ Book Chapter Autor Schiavio A Verlag Nomos Verlag Seiten 121-158 -
2021
Titel Decision-making in Shiatsu bodywork: complementariness of embodied coupling and conceptual inference DOI 10.1007/s11097-020-09718-7 Typ Journal Article Autor Kimmel M Journal Phenomenology and the Cognitive Sciences Seiten 245-275 Link Publikation -
2021
Titel The Micro-Genesis of Interpersonal Synergy. Insights from Improvised Dance Duets DOI 10.1080/10407413.2021.1908142 Typ Journal Article Autor Kimmel M Journal Ecological Psychology Seiten 106-145 Link Publikation -
2024
Titel "Introjecting" imagery: A process model of how minds and bodies are co-enacted DOI 10.1016/j.langsci.2023.101602 Typ Journal Article Autor Kimmel M Journal Language Sciences -
2023
Titel What affords being creative? Opportunities for novelty in light of perception, embodied activity, and imaginative skill DOI 10.1177/10597123231179488 Typ Journal Article Autor Kimmel M Journal Adaptive Behavior Seiten 225-242 Link Publikation -
2023
Titel An “in vivo” analysis of crafts practices and creativity—Why affordances provide a productive lens DOI 10.3389/fpsyg.2023.1127684 Typ Journal Article Autor Kimmel M Journal Frontiers in Psychology Seiten 1127684 Link Publikation -
2022
Titel Complexity Regulation Competencies: A Naturalistic Framework. Typ Journal Article Autor Kimmel M Journal Nonlinear dynamics, psychology, and life sciences Seiten 45-79 -
2019
Titel Diversity in cultural discourses, diversity in scholarly metaphor? Typ Journal Article Autor Comment On Rob Wiseman: "Getting Beyond Rites Of Passage In Archaeology: Conceptual Metaphors Of Journeys And Growth" Journal Current Anthropology Seiten 463-465 -
2019
Titel A Cognitive Theory of Joint Improvisation DOI 10.1093/oxfordhb/9780199396986.013.32 Typ Book Chapter Autor Kimmel M Verlag Oxford University Press (OUP) Seiten 562-592 -
2019
Titel The anatomy of antagonistic coregulation: Emergent coordination, path dependency, and the interplay of biomechanic parameters in Aikido DOI 10.1016/j.humov.2018.08.008 Typ Journal Article Autor Kimmel M Journal Human Movement Science Seiten 231-253 -
2023
Titel Concepts, material anchors and interactivity - a dialectic perspective; commentary on "Coordination Dynamics of Semiotic Mediation: A Functional Dynamic Systems Perspective on Mathematics Teaching/Learning Typ Journal Article Autor Kimmel Journal Constructivist Foundations Seiten 247-250 -
2017
Titel The complexity of skillscapes: Skill sets, synergies, and meta-regulation in joint embodied improvisation; In: Proceedings of the 13th International Conference on Naturalistic Decision Making, 20-23 June 2017, Bath, UK Typ Book Chapter Autor Kimmel M Verlag The University of Bath, School of Management Research Office Seiten 102-109 -
2016
Titel Embodied "micro-"skills in tango improvisation - How a collaborative behavioral arc comes about; In: Out for a walk. Das Entgegenkommende Denken, Actus et Imago Typ Book Chapter Autor Michael Kimmel Seiten 57-74 -
2018
Titel Affordances in Interaction: The Case of Aikido DOI 10.1080/10407413.2017.1409589 Typ Journal Article Autor Kimmel M Journal Ecological Psychology Seiten 195-223 Link Publikation
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2017
Titel Careers Counseling Typ Participation in an activity, workshop or similar
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2019
Titel Invited lecture at mini-conference "Embodiment and representation" (Vienna): "Embodied and cognitive bases of improvising together" Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Regional (any country) -
2018
Titel Invited lecture at Workshop "Implicit Attitudes, Explicit Attitudes, and (Joint) Action" (Bochum): Resources for joint improvisation - An ecological account (with some cognitive add-ons) Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2018
Titel Invited lecture at Annual Meeting of Jean Piaget Society (Amsterdam): "Exploiting self-organization: Skills for emergence management in complex interaction dynamics" Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2017
Titel Invited lecture at Senate House workshop (London): "Skills and their dynamic integration in joint improvisation - dance, martial arts, and bodywork" Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2017
Titel Invited lecture at International Cognitive Linguistics Conference (Tartu): "Embodied intersubjectivity as intermodular integration of mode-specific skill sets" Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2017
Titel Invited workshop organized for Career counseling Vienna: "What is improvisation? Flexible knowledge, process resources, and induced self-organization" Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Regional (any country) -
2016
Titel Invited lecture at Cognitive Science summer school: "The micro-phenomenology of embodied interaction expertise" Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2016
Titel Invited lecture: Introduction to empirical phenomenology" Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Regional (any country) -
2015
Titel Invited lecture at Symposium on Self-observation (Mürzzuschlag): "The micro-genesis of embodied interaction: Intercorporeal knowledge, improvisation and dynamic order" Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International