Gen 39 und seine innerbiblischen Bezüge zur Genesis und zum Sprüchebuch
Gen 39 and its Innerbiblical Relations to Genesis and Proverbs
Wissenschaftsdisziplinen
Philosophie, Ethik, Religion (85%); Soziologie (10%); Sprach- und Literaturwissenschaften (5%)
Keywords
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Joseph Story in Genesis,
Innerbiblical Exegesis,
Genesis 39,
Sexuality and Slavery in Old Testament,
Gender Studies,
Ancient Near Eastern Legal Traditions
Während die Rezeptionsgeschichte der Erzählung von Josef und der Frau des Potifar in den vergangenen Jahrzehnten ausführlich aufgearbeitet wurde, steht eine Monographie zu einer eingehenden Exegese dieses Kapitels der Genesis bis dato aus. Das vorliegende Projekt will diese Forschungslücke schließen. Es untersucht methodisch multiperspektivisch die Erzählung, die wie Gen 38 häufig als erratischer Block in einer (wenn auch historisch gewachsenen) geschlossenen Josefserzählung gesehen wurde. Dabei werden neben den Schritten der historisch-kritischen Methode auch narratologische und rhetorisch-diskursive Zugängezu einer Analyseherangezogen.Hermeneutisch ist die Genderperspektive von großer Relevanz, da die Erzählung mit deutlich zu erhebenden Geschlechterstereotypen operiert und auch ihren Auslegungen im Lauf der Forschungsgeschichte häufig ein massiver Gender-Bias zugrunde lag. Der erste Teil widmet sich der Analyse von Gen 39 mit diachronen und synchronen Zugängen. Zwei Exkurse zum altorientalischen Ehe- und Sklavenrecht sollen die dem Text zugrundeliegenden rechtlichen Gegebenheiten erhellen, vor deren Hintergrund der Plot der Erzählung verstanden werden kann. Dabei muss vor allem dem Problemfeld von Sexualität und Sklaverei nachgegangen werden. Im zweiten Teil werden die innerbiblischen Bezüge von Gen 39 zu drei Texten bzw. Textkomplexen untersucht: die Stellen über die fremde Frau des Sprüchebuches (Spr 2,16-19; 5,1-23; 6,23-35; 7,4- 27), die Erzählung um Tamar und Juda (Gen 38), sowie die sogenannten Preisgabeerzählungen (Gen 12,10-20; 20,1-18; 26,1-11). Die Untersuchung der innerbiblischen Bezüge geschieht in zwei Schritten. An erster Stelle steht die methodisch reflektierte Findung, Beschreibung und Eingrenzung des thematischen tertium comparationis. Dieser Vergleichspunkt wird im Wesentlichen der Forschungsgeschichte entnommen, d.h. es handelt sich um eine thematische Parallele, die zwar häufig bemerkt, bis dato allerdings nicht tiefgreifender reflektiert wurde. Im zweiten Schritt werden die drei Textkomplexe mit Gen 39 sowohl auf formaler als auch auf inhaltlicher Ebene verglichen. Der dritte Teil beschäftigt sich mit den außerbiblischen Bezügen von Gen 39. Behandelt werden muss hier das ägyptische Zwei-Brüder-Märchen, auf das in der Forschungsgeschichte immer wieder Bezug genommen wurde. Weitere außerbiblische Bezüge eventuell auch die zum hellenistischen Roman ausfindig zu machen ist u.a. Ziel der vorangehenden und begleitenden Literaturrecherche. Erst die Zusammenschau aller Ergebnisse der einzelnen Arbeitsschritte wird eine Gesamtdeutung der Erzählung und eventuell eine Datierung derselben ermöglichen.
Die Erzählung von Josef und der Frau Potifars (Genesis 39) hebt sich von ihrem unmittelbaren literarischen Kontext sowohl in stilistischer als auch in thematischer Hinsicht 1 stark ab. Die im Zuge des Projekts entstandene Dissertation konnte nicht nur die oft vertretene These bestätigen, dass es sich bei dem Kapitel aller Wahrscheinlichkeit nach um einen sekundären Zusatz zu Genesis 37.40f. handelt, der in Stil und Inhalt von weisheitlicher Literatur beeinflusst ist, sondern hat als völlig neues Forschungsergebnis auch die Nähe zu Werken der griechischen Komödie aus der hellenistischen Epoche aufgezeigt. Das bedeutet eine Datierung von Genesis 39 in die Ptolemäerzeit und eine Entstehung im Kontext der ägyptischen Diaspora. Diese für einen Text der hebräischen Bibel sehr späte zeitliche Einordnung und die ihr zugrundeliegende sprachliche und literaturvergleichende Untersuchung des Textes stellen das zentrale Ergebnis des Projekts dar. Teil I widmet sich der Analyse von Gen 39 und seiner literarischen Einbindung in die Joseferzählung. Deutlich werden dabei die stilistischen Eigenheiten des Kapitels, z.B. die formelhafte Wiederholungen, der streng symmetrische Aufbau und die wiederholte Verwendung sexueller Anspielungen in Form von doppeldeutigen Begriffen. Zwei Exkurse zum altorientalischen Ehe- und Sklavenrecht erhellen den in der Erzählung vorausgesetzten Normenhintergrund, der zudem in einer im Kontext des Projekts 2 veranstalteten Tagung zu Sexualität und Sklaverei mit entsprechender Publikation erforscht wurde. In Teil II werden die innerbiblischen Bezüge von Gen 39 zu drei Texten bzw. Textkomplexen untersucht: Dabei zeigt sich, dass es sich bei dem Kapitel um eine Preisgabe-Erzählung (vgl. Gen 12,10-20; 20,1-18; 26,1-11) mit umgekehrten Geschlechterrollen handelt, dass sowohl Tamar (vgl. Gen 38) als auch Josef in sexuellen Belangen durch Autoritäten Unrecht getan wird, sowie dass Potifars Frau zwar eine fremde Frau (vgl. Spr 2,16-19; 5,1-23; 6,23-35; 7,4-27) ist, anders als ihr Pendant im Sprüchebuch jedoch keine Verführerin ist, sondern als sexuell übergriffig dargestellt wird. Teil III beschäftigt sich mit den außerbiblischen Bezügen von Gen 39. Nach einem kurzen Blick auf die Forschungsgeschichte zum ägyptischen Zweibrüdermärchen folgt ein Vergleich mit den aramäischen Sprüchen Achikars, der den weisheitlichen Charakter der Potifar-Erzählung unterstreicht, sowie eine ausführliche Untersuchung der Bezüge zur alten und neuen griechischen Komödie (Aristophanes, Menander) sowie zu einem ebenso komischen Text von Herondas. Der Vergleich erweist Gen 39 als eine Komödie en miniature. 1 Feichtinger, Daniela: Josef und die Frau des Potifar. Eine exegetische und literaturvergleichende Untersuchung von Gen 39, Wien: LIT (= exuz), voraussichtlich Herbst 2018. 2 Fischer, Irmtraud; Feichtinger, Daniela (Hg.): Sexualität und Sklaverei, Münster: Ugarit-Verlag 2018 (= AOAT 456), im Druck, erscheint noch im Sommer 2018.
- Universität Graz - 100%
- Jürgen Van Oorschot, Friedrich Alexander Universität Erlangen-Nürnberg - Deutschland
- Martti Nissinen, University of Helsinki - Finnland