Neue Erwägungen zur Buddhanatur: Mi bskyod rdo rje und tathagatagarbha Debatten
Buddha nature Reconsidered: Mi bskyod rdo rje and tathagatagarbha debates
Wissenschaftsdisziplinen
Philosophie, Ethik, Religion (50%); Sprach- und Literaturwissenschaften (50%)
Keywords
-
Buddhanatur,
Gzhan stong,
Tathagatagarbha,
Rang stong,
Mahamudra,
Madhyamaka
Ein Anliegen der postklassischen Bka brgyud Mahamudra Exegese war es, zwei grundlegende Wahrheitsmodelle, die von indischen und tibetischen Meistern debattiert worden sind, miteinander in Einklang zu bringen: [1] Ein Unterscheidungsmodel, das auf einer Trennung zwischen konventioneller und absoluter Wahrheit und der damit verbundenen Arten der Wahrnehmung und Leerheit beruht und [2] ein Identifikationsmodel der zwei Wahrheiten und der damit verbundenen Arten der Wahrnehmung und Leerheit. Das Unterscheidungsmodel war mit der Sicht verknüpft, dass das Absolute (die Buddhanatur, die Natur des Geistes oder der Wirklichkeit) dem Geist inhärent ist, was seine erhabene Andersartigkeit von allem Konventionellen und Hinzugekommenen unterstreicht. Das Identifikationsmodel fokussiert sich auf die Sicht einer Grundlage, die alle bedingten und nichtbedingten Phänomene vereint. Um anzudeuten, wie das Absolute im Geiststrom des Einzelnen im samsarischen Dasein gegenwärtig ist, betont es, dass es dem Konventionellen immanent ist und dieses durchdringt. Ein zentrales Ziel dieses Projekts wird es sein, festzustellen wie Mi bskyod rdo rje (1507-1554) und seine Glaubensgenossen bestrebt waren, diese Modelle im Kontext der Buddhanatur in Einklang zu bringen, und wie dies ihr Verständnis der zwei Wahrheiten (satyadvaya), der dreifachen Natur (trisvabhava), der zwei Arten der Leerheit (rang stong und gzhan stong) und der Hermeneutik der drei Lehrzyklen geprägt hat. Unter Verwendung dialektischer Begründungen des Madhyamaka wurde häufig versucht, einen Mittelweg zwischen den polarisierten gzhan stong and rang stong Positionen einzuschlagen, die die meisten tibetischen Schulen seit dem 14. Jahrhundert entzweit hatte. Auf der einen Seite strebten Meister wie Mi bskyod rdo je danach, Zuschreibungen einer dauerhaften metaphysischen Wirklichkeit zu vermeiden, eine Sicht, die mit der Jo nang Schule in Verbindung gebracht wurde. Auf der anderen Seite vermieden sie es, die menschliche Realität in Abrede zu stellen; dies sahen sie als das unerwünschte Resultat davon an, das Absolute als reine Leerheit zu verstehen, als völlige Abwesenheit von allem, ein Bereich der reinen Negation und damit eine Sicht, die sie vor allem mit der Dge lugs pa Schule in Verbindung brachten. In diesem Zusammenhang wird die Forschungsarbeit Fragestellungen nachgehen, wie z. B. in welcher Weise formulierte und vermittelte Mi bskyod rdo rje zwischen rang stong und gzhan stong Sichtweisen der Leerheit? Was sind seine Sichtweisen bezüglich der Paradigmen der Zielverwirklichung durch Entwicklung und Enthüllung und wie haben sich seine Sichtweisen zur Buddhanatur als Reaktion zu konkurrierenden Theorien zur Buddhanatur entwickelt?
Neue Erwägungen zur Buddhanatur: Mi bskyod rdo rje und tathagatagarbha Debatten (P 28003-G24) war das Nachfolgeprojekt der vorangegangenen Forschung (FWF P 23826-G15), in deren Verlauf deutlich geworden war, dass der 8. Karma pa (15071554) zu den wichtigsten Autoren des tibetischen Buddhismus zählt, in akademischen Studien bislang jedoch nur wenig beachtet wurde. In einer Reihe von Artikeln und einer Monographie hatten wir seine grundsätzliche Sichtweise zu buddhistischer Philosophie bereits dargestellt. Im Projekt Neue Erwägungen zur Buddha Natur fokussierten wir uns auf seine Sichtweisen bezüglich der Buddha Natur, d. h. auf das den Lebewesen inhärente Gute, das zu den wesentlichsten Themen des Mahayana im Allgemeinen und des tibetischen Buddhismus im Besonderen zählt. Mi bskyod rdo rjes Schriften zeigen sein konsequentes Anliegen, zwei divergierende Interpretationsstränge der Buddha Natur, die buddhistische Denker in Indien und Tibet über lange Zeit getrennt haben, zusammenzuführen. Eine dieser Interpretationen beruht auf der Sichtweise, wie sie in den ältesten, uns zugänglichen tathagatagarbha Texten vertreten wird, in denen die Buddha Natur als inhärenter, unveränderlicher Grundbestandteil eines Menschen betrachtet wird, der sich durch das Leben hindurchzieht und nach dem Tod fortsetzt. Der andere Interpretationsstrang versteht unter Buddha Natur nichts als Leerheit im Sinne einer nicht-bestätigenden Negation, ein Potential, das einfach den Raum für spirituelle Entwicklung ermöglicht. Die Position des 8. Karma pa stellt einen mittleren Weg zwischen diesen beiden polarisierten Standpunkten dar, indem er versucht, die Vorzüge beider zu vereinen und dabei die Fehler, sie gegeneinander auszuspielen, zu vermeiden. Seine Methode ist dahin gehend dialektisch, dass er darauf abzielt, die zentralen affirmativen und negativen Stränge buddhistischer Sichtweise und Praxis einzubeziehen und gleichzeitig jene extremen Standtpunkte zu vermeiden, die allzu oft dadurch entstehen, dass man einen davon als Selbstzweck betrachtet. Das Projekt wurde im Institut für Südasien-, Tibet- und Buddhismuskunde der Universität Wien durchgeführt. Einige Forschungsreisen, die meine Assistenten und mich nach Indien, China und Nepal geführt haben, gaben uns die Möglichkeit, uns intensiv mit tibetischen Gelehrten auszutauschen. Der Hauptteil der Forschung fand jedoch in Wien statt, wo wir eng mit Indologen, Buddhismuskundlern und dem Gelehrten Khenpo Konchok Tamphel zusammengearbeitet haben. Im Verlauf des Projekts konnten wir unsere Ergebnisse auf drei Konferenzen präsentieren: Beim 14. Seminar of the International Association of Tibetan Studies (IATS) in Bergen im Juni 2016, beim 18. Congress of the International Association of Buddhist Studies (IABS) in Toronto im August 2017 and beim 6. Beijing International Seminar on Tibetan Studies, ebenfalls im August 2017. Unsere Forschungsergebnisse stellen wertvolle Ergänzungen zu früheren Publikationen zur Buddhanatur im Bereich der tibetisch buddhistischen Bka brgyud Tradition (z. B. Mathes 2008) dar und sind daher für buddhologische und tibetologische Studien von großem Interesse. Darüber hinaus hat das kontinuierliche Wachstum des Buddhismus im Westen zu einem großen Interesse an grundlegenden Werken buddhistischer Sichtweise geführt. Aus diesem Grund nutzen auch viele zeitgenössische Buddhisten und Buddhistinnen akademische Übersetzungen und Studien. Die Artikel meiner Assistenten und von mir selbst, die im Verlauf des Projekts erschienen sind, sowie die geplante 2-bändige Monographie (WSTB 95.1-2) machen die Forschungsergebnisse dieses Projekts leicht zugänglich.
- Universität Wien - 100%
Research Output
- 25 Zitationen
- 5 Publikationen
-
2016
Titel Presenting a Controversial Doctrine in a Conciliatory Way: Mkhan chen Gang shar dbang po's (1925–1958/59?) Inclusion of Gzhan stong ("Emptiness of Other") within Prasa?gika DOI 10.1353/jbp.2016.0006 Typ Journal Article Autor Mathes K Journal Journal of Buddhist Philosophy Seiten 114-131 -
2016
Titel Introduction: The History of the Rang stong/Gzhan stong Distinction from Its Beginning through the Ris-med Movement DOI 10.1353/jbp.2016.0001 Typ Journal Article Autor Mathes K Journal Journal of Buddhist Philosophy Seiten 4-8 -
2016
Titel How is Consciousness (rnam shes) Related to Wisdom (ye shes)? The Eighth Karma pa on Buddhist Differentiation and Unity Models of Reality (part II) DOI 10.4467/20844077sr.16.021.6514 Typ Journal Article Autor Higgins D Journal Studia Religiologica Seiten 305-323 Link Publikation -
2017
Titel The Eighth Karmapa Mi bskyod rdo rje (1507-1554) on the Relation between Buddha Nature and its Adventitious Stains DOI 10.29213/crbs..22.201712.63 Typ Journal Article Autor Klaus-Dieter Mathes Journal ????? Seiten 63-104 Link Publikation -
2020
Titel Mahamudra in India and Tibet DOI 10.1163/9789004410893 Typ Book Autor Jackson R Verlag Brill Academic Publishers