Militärische Prunkgegenstände der islamischen Welt in Wiener Museen
Islamic military objects in Museums of Vienna
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (60%); Kunstwissenschaften (30%); Sprach- und Literaturwissenschaften (10%)
Keywords
-
Islamic Art History,
Turkish Spoils Of War,
Gift-Giving,
Ideological Concept Of War,
Cultural Diplomacy,
Court Ceremonies
In diesem hier vorliegendem Projekt werden erstmals ausgewählte islamische Prunkwaffen und militärische Ausrüstungsgegenstände (ca. 150 Museumsstücke des 15.-18. Jahrhunderts) in verschiedenen Museen Wiens (u.a. Heeresgeschichtliches Museum, Kunsthistorisches Museum und Wienmuseum), deren Provenienz oder zeitliche Einordnung großteils noch nicht erforscht wurde, einer eingehenden Untersuchung nach kunstwissenschaftlichen und historischen Aspekten unterzogen. Islamische Prunkwaffen sind im Vergleich zu anderen Gattungen der islamischen Kleinkunst auch in der internationalen wissenschaftlichen Forschung unterrepräsentiert und daher besteht das vordergründige Ziel des Projekts in der Erstellung einer zusammenhängenden Monographie einerseits durch die Auswertung von bislang unbearbeiteten Archiv- und Quellenmaterial über die kulturelle Verwendung und gesellschaftlichen Stellenwert (Chroniken, Reise- und Romanliteratur) der islamischen Waffen- und Rüstungsgegenständen sowie andererseits auch durch die kunsthistorische Analyse ihrer Ornamentik und kalligraphischer Inschriften: Neben der Aufarbeitung wissenschaftlicher relevanter Literatur kommt für dieses Projekt daher eine Bestandsaufnahme von islamischen Militärgegenständen in verschiedenen Museen Europas, Westasien oder Westafrika ebenso in Betracht, um eine möglichst große chronologische und geographische Bandbreite an Vergleichsmaterial für eine genaue kunsthistorische Bewertung der Wiener Museumsstücke zu erhalten. Zur Untermauerung der aus der ikonographischen und stilistischen Untersuchung stammenden Erkenntnisse ist eine Sichtung des Archivmaterials und verschiedener Quellenliteratur (z.B. Geschenklisten und Berichte europäischer Gesandte in Konstantinopel) aus Archiven in Venedig und Istanbul als Ergänzung zu den Akten im Haus- Hof- und Staatsarchiv in Wien für die Rekonstruktion des historischen Kontext der ausgewählten islamischen Prunkwaffen und -rüstung in Wien unerlässlich. Die wissenschaftliche Erforschung dieses Themas der islamischen Prunkwaffen und -rüstung stützt sich deshalb auf eine komparative Methodik: Zunächst sind ikonologische Methoden zur Datierung sowie zur Beurteilung der Ornamentik und Inschriften zu nennen und des weiteren ist auch eine genaue Quellenanalyse erforderlich, die sich einerseits auf hermeneutische Verfahren bei Chroniken und Reiseberichten, andererseits auf eine literaturgeschichtliche Deutung von Waffenbeschreibungen in muslimischer Romanliteratur stützt. Die aus diesem Projekt hervorgehenden Erkenntnisse über die symbolische Aussagekraft der militärischen Prunkgegenstände in der islamischen Gesellschaft und ihrer Bewertung im christlich- islamischen Kulturaustausch sollen somit einen essentiellen Forschungsbeitrag für historische und kunstwissenschaftliche Disziplinen leisten.
Der Schwerpunkt des hier vorliegenden Projekts konzentrierte sich hauptsächlich auf die Untersuchung und Bestandsaufnahme von militärischen Prunkobjekten des osmanischen Reiches und der diplomatischen Beziehungen mit dem Habsburgerreich des 16.-18. Jahrhunderts. Bereits unter dem mamlukischen Reich und dem frühen osmanischen Reich konnten ab dem Ende des 15. Jahrhunderts islamische Waffen und militärische Rüstungsgegenstände als diplomatische Geschenke für die italienischen Fürstentümer wie Mantua and Florenz oder für die Republik Venedig nachgewiesen werden. Jedoch zeigte sich ab dem 16. Jahrhundert eine Abnahme von wertvollen Waffen- und Rüstungsgeschenken für europäische Verhandlungspartner als das osmanische Reich zur Großmacht aufstieg. Im folgendem Jahrhundert zeichnete sich wieder eine Aufwertung im diplomatischen Verkehr mit den Habsburgern ab, indem man sowohl die Menge als auch den künstlerischen Wert der aus dem 16. Jahrhundert üblichen Prunkgegenständenvor allem Pferdeausrüstungen und Zelte erhöhte. Jedoch erst Anfang des 18. Jahrhunderts zeigte sich eine deutliche Änderung in der üblichen Zusammenstellung der Geschenke: Das osmanische Reich sah sich aufgrund seiner zunehmenden politischen Schwäche gezwungen mehr oder weniger bestehende Friedensverträge zu verlängern, was sich vor allem in der Hinzufügung von hochwertigen Säbeln in den Geschenksendungen offenbarte. Die hohe Bedeutung von Waffen und militärischen Prunkgegenständen in der islamischen Kultur kann bis in die frühmittelalterliche Zeit zurückverfolgt werden: Im Laufe des 9.-11. Jahrhundert wurden islamische Militärgegenstände zunehmend Teil eines differenziertes Rangsystem, die Eingang in den Geschenkaustausch zwischen dem Kalifen und der muslimischen Elite fanden. Jene waren aber nicht nur ein Zeugnis für die unabdingbare Loyalität zum jeweiligen Kalifen oder für die religiöse Ergebenheit im heiligen Krieg, sondern wiesen deutlich auch auf die politische Unabhängigkeit der militärischen Kriegsführer hin. Dieses hierarchische Rangsystem im diplomatischen Verkehr wurde auch bei christlichen Verhandlungspartnern angewendet und war mindestens bis ins 18. Jahrhundert in den bedeutendsten islamischen Großreichen verbreitet. Die politische Bedeutung von islamischen Militärgegenständen zeigte sich in ihrer aufwendigen Inszenierung anlässlich von Gesandtschaftsempfängen, wodurch die Machthaber ihre militärische und politische Überlegenheit anderen muslimischen oder christlichen Verhandlungspartnern vor Augen führen konnten. Die militärischen Prunkgegenständen wurden daher entweder als Instrumente der Macht oder der Freundschaft abhängig von der Ebenbürtigkeit oder Unterlegenheit des politischen Verhandlungspartners eingesetzt. Die Ergebnisse des Projekts werden in nächster Zeit in einem Buch sowie auf einer eigenen web-site zu diesem Thema erscheinen und sollten anschließend nach Möglichkeit auch in öffentlichen Ausstellungen präsentiert werden.
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