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Psychologie in der "Ostmark". Zwischen Ideologie und Dienstbarkeit

Psychology in the "Ostmark". Between Ideology and Collaboration

Gerhard Benetka (ORCID: 0000-0002-3702-8803)
  • Grant-DOI 10.55776/P28119
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.04.2016
  • Projektende 31.03.2020
  • Bewilligungssumme 227.020 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Geschichte, Archäologie (40%); Philosophie, Ethik, Religion (50%); Psychologie (10%)

Keywords

    History of Psychology, Science and Politics, Science under National Socialism, History of Science

Abstract Endbericht

Bis heute ist eine historische Analyse der sozialen und theoretischen Umbrüche innerhalb der akademischen Psychologie während und nach dem Anschluss Österreichs im Jahr 1938 noch ausständig. Die Ereignisse an den psychologischen Instituten der Ostmark in Wien, Graz, Innsbruck sowie den Heerespsychologischen Prüfstellen in Wien und Salzburg sind bis heute weder systematisch erforscht noch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden. Dieses Projekt bietet auf Basis einer umfangreichen Recherche von Primär-, Sekundär-, und Archivquellen und Zeitzeugeninterviews eine systematische historische Rekonstruktion und Kontextualisierung der theoretischen und praktischen Wissensformen, welche in der akademischen Psychologie zwischen 1938 und 1945 entwickelt wurden und die Disziplin auch in den folgenden Jahrzehnten entscheidend prägen sollten. In Zeiten rasanter und fundamentaler politischer Umbrüche werden das dynamische Verhältnis und die wechselseitige Abhängigkeit von Wissenschaft und Politik besonders sichtbar und auch von den historischen Akteuren offen debattiert. Dieses Projekt fokussiert drei Ebenen dieser Wechselwirkung zwischenakademisch-psychologischemWissen undpolitisch-militärischen Interessen: (1) theoretischeEntwicklungen der akademischenPsychologie undderenVerhältniszur nationalsozialistischen Weltanschauung, (2) wissenschaftspolitische und karrieristische Strategien der historischen Akteure und (3) die praktische Expertise und das technische Verfahrenswissen, welche an den drei Psychologischen Instituten der Ostmark in Wien, Graz und Innsbruck entwickelt wurden. Diese drei Ebenen umreißen das historiographische Untersuchungsinteresse dieses Projekts, welches als wissenschaftshistorischer Beitrag zur Analyse des wechselseitigen Einflusses und der Abhängigkeit von wissenschaftlichem Wissen, politischen Vorgaben und Interessen und der Rolle argumentativer und wissenschaftspolitischer Strategien wissenschaftlicher Akteure, die sich zwischen diesen Sphären bewegten, konzipiert ist. Die zentralen Forschungsfragen dieses Projekts lauten wie folgt: Welche wissenschaftspolitischen Strategien charakterisieren die Entwicklung der akademischen Psychologie nach dem Anschluss Österreichs 1938? Welche Akteure konnten ihre Positionen, trotz des wachsenden politischen Drucks und der Militarisierung der Universität, erfolgreich halten? Welche rhetorischen Strategien erwiesen sich als wirkungsvoll, um politische Entscheidungsträger zu beeinflussen? Welche Rolle spielte psychologisches Wissen im Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Bevölkerungs- und Rassenpolitik, der Deportation und Vernichtung lebensunwerten Lebens und der Mobilisierung der Massen in Kriegszeiten? Welche Schlüsse können aus der Geschichte der Psychologie in der Ostmark in Zusammenhang mit der Frage nach Kontinuität und Bruch der Wissenschaftsgeschichte Österreichs gezogen werden? Diese Forschungsfragen leiten dieses Projekt, um das fachhistorische Wissen über die Interaktion und wechselseitige Abhängigkeit von Wissenschaft und Politik während des Zweiten Weltkriegs zu erweitern und den Beitrag der akademischen Psychologie zu nationalsozialistischen Kriegsverbrechen aufzuarbeiten.

Der Nationalsozialismus war eine Blütezeit der angewandten Psychologie: Psychologische Erkenntnisse wurden von Nationalsozialisten für die Deportation und Vernichtung 'lebensunwerten Lebens' sowie bei der Mobilisierung der Massen eingesetzt. Bis vor kurzem ist die Geschichte der österreichischen Psychologie nach dem Anschluss 1938 nicht systematisch aufgerollt worden. Das FWF Projekt " Psychology in der 'Ostmark'" hat diese Lücke für die psychologiegeschichtliche Forschung und für das kulturelle Gedächtnis in Österreich nun geschlossen. In bereits in den 1980er Jahren entstandenen und bis heute grundlegend gebliebenen Studien über die Geschichte der Psychologie im Nationalsozialismus (z.B. von Ulfried Geuter) wurde an einer Fülle von Archivmaterialien gezeigt, dass die Psychologie vor und im Zweiten Weltkrieg einen enormen Professionalisierungsschub erfahren hat. Als Motor dieser Entwicklung galt in der Forschung bisher vor allem die Indienststellung der Psychologie im Rahmen der Offiziersauslese in der Wehrmacht. Die in diesem Projekt vorgelegten neuen Forschungsergebnisse sprechen nun dafür, dass diese Deutung einiger Korrekturen bedarf. Insbesondere weisen die Ergebnisse des Projekts auf lokale Besonderheiten hin: Die Anwendung von psychologischem Wissen war außerhalb des Militärs jedenfalls weiter verbreitet, als bisher angenommen: an der Situation im annektierten Österreich lässt sich das z. B. an der praktisch-psychologischen Arbeit in Jugendgefängnissen, in der Kriegsindustrie und auch im Gesundheits- und Wohlfahrtssystem zeigen. In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage nach der Einbindung der Psychologie in Verbrechen gegen die Menschlichkeit neu: z. B. im Zusammenhang mit der Masseneignungsprüfungen an kriegsgefangenen Arbeitskräften in großen Rüstungsbetrieben im Süden von Wien; dann aber vor allem im Kontext der von 1939 an neu etablierten Zusammenarbeit zwischen Kinderpsychiatrie und Kinderpsychologie beim Massenmord an 'behinderten' Kindern und Jugendlichen. Die Einschätzung des Ausmaßes und der Art des Einsatzes von Psycholog*innen im Nationalsozialismus ist natürlich auch von der Quellenlage abhängig, die wiederum aufgrund großangelegter Vernichtungen von Akten nur unzureichend ist. Der Fokus bisheriger Forschungen auf die Militärpsychologie war so auch dem Umstand geschuldet, dass große und vor Zerstörung bewahrte Aktenbestände in der damaligen BRD zugänglich waren. Für andere Arbeitsbereiche bzw. Institutionen (z. B. im Zusammenhang mit dem Einsatz der Psychologie in der Deutschen Arbeitsfront) ist die Aktenlage dagegen schwierig. Hier sind infolge der systematischen Vernichtung von Akten nur Bruchstücke oder einzelne Spuren erhalten, denen es in mühsamer Kleinarbeit nachzugehen gilt. Für den österreichischen Kontext ist das bislang vor allem im Bereich der psychotechnischen Eignungsprüfungen in der Rüstungsindustrie versucht worden. Ein wesentliches Ergebnis des Forschungsprojekts ist so auch die Sammlung von Archivmaterialien, die in einer Auswahl kommentiert auf einer eigenen Archiv-Seite der Fakultät für Psychologie der Sigmund Freud PrivatUniversität der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. An der Fakultät selbst ist in entsprechenden Nachfolgeprojekten ein mittlerweile auch international viel beachteter Forschungsschwerpunkt Wissenschaftsgeschichte entstanden, indem gerade auch die Rolle von Wissenschaft und Forschung im Kontext von totalitären Herrschaftssystemen untersucht wird.

Forschungsstätte(n)
  • Sigmund Freud Priv. Univ. - 100%

Research Output

  • 19 Zitationen
  • 17 Publikationen
Publikationen
  • 2019
    Titel Von "Erziehung statt Strafe" zur "Stählung des Charakters": Psychotechnik und Erbbiologie in den österreichischen "Bundesanstalten für Erziehungsbedürftige", 1929-1945
    Typ Journal Article
    Autor Wieser M
    Journal Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften
    Seiten 192-215
  • 2019
    Titel Norbert Thumb und der Aufstieg der angewandten Psychologie in der "Ostmark"
    Typ Journal Article
    Autor Wieser M
    Journal Psychologie in Österreich
    Seiten 106-115
  • 2019
    Titel Konrad Lorenz als „Erb- und Rassenforscher“
    DOI 10.7767/9783205232278.253
    Typ Book Chapter
    Autor Mayer T
    Verlag Brill Osterreich
    Seiten 253-274
  • 2018
    Titel Krise; In: Stichwörter zur Kulturpsychologie
    Typ Book Chapter
    Autor Benetka G
    Verlag Psychosozial-Verlag
    Seiten 217-222
  • 2018
    Titel Buried Layers: On the Origins, Rise, and Fall of Stratification Theories
    DOI 10.1037/hop0000066
    Typ Journal Article
    Autor Wieser M
    Journal History of Psychology
    Seiten 1-32
  • 2021
    Titel Psychology in National-Socialism: The question of 'professionalization' and the case of the 'Ostmark'
    Typ Journal Article
    Autor Benetka G
    Journal History of Psychology
  • 2022
    Titel Psychology in National Socialism: The Question of “Professionalization” and the Case of the “Ostmark”
    DOI 10.1037/hop0000211
    Typ Journal Article
    Autor Wieser M
    Journal History of Psychology
    Seiten 322-341
  • 2019
    Titel Psychology in National Socialism [Psychologie im Nationalsozialismus] at Sigmund Freud Private University Berlin, July 27–28, 2018
    DOI 10.1037/hop0000122_b
    Typ Journal Article
    Autor Wieser M
    Journal History of Psychology
    Seiten 107-109
  • 2020
    Titel Über das ‚Messer des Chirurgen‘ und ‚unangefochtene Inseln der Auslesearbeit‘: Skizze einer Genealogie der psychologischen Moral
    DOI 10.1007/978-3-658-29486-1_7
    Typ Book Chapter
    Autor Wieser M
    Verlag Springer Nature
    Seiten 141-161
  • 2020
    Titel The Concept of Crisis in the History of Western Psychology
    DOI 10.1093/acrefore/9780190236557.013.470
    Typ Book Chapter
    Autor Wieser M
    Verlag Oxford University Press (OUP)
  • 2016
    Titel On the "Ganzheit" and stratification of the mind. The emergence of Heinz Werner's theory of development; In: Representing development. The social construction of models of change
    Typ Book Chapter
    Autor Wieser M
    Verlag Routledge
    Seiten 137-146
  • 2020
    Titel Konrad Lorenz und die vergleichende Psychologie. Der Versuch der Etablierung einer neuen Disziplin als Revolution der Psychologie in Deutschland vor 1945; In: Psychologie im Nationalsozialismus
    Typ Book Chapter
    Autor Mayer T
    Verlag Peter Lang
    Seiten 153-166
  • 2020
    Titel Zur Geschichte der angewandten Psychologie in der "Ostmark"; In: Psychologie im Nationalsozialismus
    Typ Book Chapter
    Autor Wieser M
    Verlag Peter Lang
    Seiten 167-193
  • 2020
    Titel Einleitung; In: Psychologie im Nationalsozialismus
    Typ Book Chapter
    Autor Wieser M
    Verlag Peter Lang
    Seiten 7-22
  • 2019
    Titel Psychologie im Nationalsozialismus
    DOI 10.3726/b16224
    Typ Book
    editors Wieser M
    Verlag Peter Lang, International Academic Publishers
  • 2019
    Titel Bezugnahmen auf Wissenschaft im Nationalsozialismus: Das Beispiel der Psychologie
    DOI 10.14361/9783839447338-004
    Typ Book Chapter
    Autor Benetka G
    Verlag Transcript Verlag
    Seiten 93-114
    Link Publikation
  • 2018
    Titel Flucht als Problem und Chance in der Wiener Nachkriegspsychiatrie
    DOI 10.14220/9783737009164.669
    Typ Book Chapter
    Autor Geiger K
    Verlag Brill Deutschland
    Seiten 669-692
    Link Publikation

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