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Dem Geld folgen - Remittances als soziale Praxis

Follow the money - Remittances as social practice

Silke Meyer (ORCID: 0000-0002-9463-4770)
  • Grant-DOI 10.55776/P28929
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.09.2016
  • Projektende 29.02.2020
  • Bewilligungssumme 249.704 €
  • Projekt-Website

Matching Funds - Tirol

Wissenschaftsdisziplinen

Andere Geisteswissenschaften (5%); Soziologie (95%)

Keywords

    Remittances, Migration, Ökonomische Anthropologie

Abstract Endbericht

Remittances, also der Teil eines Einkommens, den Migrant/innen in ihre Herkunftsorte schicken, beeindrucken zunächst durch Zahlen, denn sie sind fast doppelt so hoch wie das Volumen der weltweiten Entwicklungsförderung. Es überrascht daher kaum, dass die Entwicklungsforschung den internationalen Geldsendungen viel Aufmerksamkeit schenkt. Makro-ökonomisch ausgerichtete Studien übersehen jedoch vielfach einen Schlüsselfaktor im Remittance-Geschäft, nämlich die Menschen, die das Geld verdienen, sparen, senden, erhalten und ausgeben und ihm dabei unterschiedliche Bedeutungen einschreiben: Neben ihrer entwicklungspolitischen Deutung als humanitäre Hilfestellung und Finanzinvestment lassen sich Remittances als Beziehungsgeneratoren oder als Kontrollinstrumente über ein Netzwerk betrachten, das man geografisch lange verlassen hat. In dieser Perspektive sind Remittances eine soziale Praxis und damit ein Mittel der Positionierung, d.h. Ausdruck von Mitgliedschaft und Handlungsmacht in transnationalen Netzwerken. Damit stellen Remittance-Praktiken Akte der sozialen Teilhabe dar, sie sind Ausdruck von Partizipation und Loyalität oder auch individueller Handlungsmacht. An dieses ethnologisches Verständnis von Remittances knüpfen sich u.a. die folgenden Forschungsfragen: Welchen Wandel hat es seit den ersten Migrationserfahrungen in den 1960-er Jahren gegeben? Was geschieht in der bevorstehenden Phase der Verrentung, in der viele Männer und Frauen in ihre Herkunftsorte zurückkehren wollen und dort bestimmte Erwartungen, z.B. die Versorgung im Alter durch Familienmitglieder, an getätigte Geldsendungen richten? Wie wirken sich Remittances auf Geschlechterrollen aus, z.B. wenn Frauen in der Abwesenheit von Männern verantwortlich für Finanzen sind? Um die soziale Seite der ökonomischen Transaktionen zu erfassen, nimmt der methodologische Fokus die Akteur/innen, ihren Umgang mit Geldsendungen und die Bedeutungszuschreibungen in den Blick. Wir gehen ins transnationale Feld und fragen danach, wer warum und mit welcher Bestimmung Geld an wen schickt und wie das Geld schließlich ausgegeben wird. Das Forschungsfeld umfasst zwei Orte: die Kleinstadt Fulpmes im Tiroler Stubaital und die Provinz und Stadt Usak in der nordwestlichen Türkei. Von ca. 4000 Einwohner/innen in Fulpmes stammen mehr als 500 aus dieser Provinz und stellen gemeinsam mit ihren in der Türkei lebenden Familien und Gemeinden einen erfassbaren Migrations-Nexus dar. Beide Orte pflegen einen lebendigen Austausch auf politischer und ökonomischer Ebene mit regelmäßigen Besuchen von lokalen Politikern und Unternehmern. Der soziale und kulturelle Austausch umfasst aber weit mehr: In Fragen der Altersvorsorge (z.B. Hausbau), in der Bildung, im Gesundheitswesen und bei Konsumbedürfnissen bedingen Remittance- Sendungen Prozesse des Kulturtransfers und des sozialen Wandels. Folgt man dem Geld innerhalb dieses Feldes, kann es gelingen, die transnationalen Strukturen der Gegenwartsgesellschaft zu begreifen, für deren Verständnis Migration einen wichtigen Schlüssel darstellt.

Remittances, d.h. Geldsendungen von Migrant*innen in ihre Herkunftsorte, sind ein zentraler Bestandteil von transnationalen Migrationszyklen sowie der globalen Ökonomie. 2019 wurden weltweit 700 Milliarden Dollar versendet, dreimal so viel wie das Budget der offiziellen Entwicklungszusammenarbeit. Aber: Wer sendet, wer empfängt Remittances? Welche Ideen, Hoffnungen und Anliegen werden mit den Geldern auf den Weg gebracht? Und welche transformativen Effekte haben die Transfers auf Sende- und Empfängerregionen? Das Forschungsprojekt untersucht die Rolle von Remittances in der Geschichte der österreichisch-türkischen Arbeitsmigration von den 1960er Jahren bis heute und analysiert deren transformative Effekte auf den Alltag der Migrant*innen und ihre transnationalen Identitätspolitiken. Wir verstehen Remittances als soziale Praktiken, die grenzüberschreitende Beziehungen erhalten und verstärken und somit transnationale Gesellschaft konstituieren. Die Sendungen sind damit Ausdruck von Nostalgie, sozialem Kitt oder machtvolle Instrumente der Kontrolle über ein Netzwerk, welches schon lange zurückgelassen wurde. Remittances können damit als Akt der Partizipation, Manifestation von Loyalität und Ausdruck von Agency, Einflussnahme und Macht verstanden werden. Zumeist konzentrieren sich Migrationsstudien auf urbane Zentren. Über die transnationalen Lebensvollzüge in Kleinstädten oder Dörfern ist in der Migrationsforschung bislang wenig bekannt. Deshalb nimmt das Projekt den Nexus zwischen der Marktgemeinde Fulpmes in Tirol und der ländlichen Region Uak in der Türkei in den Blick. Ungefähr ein Fünftel der Fulpmer Bevölkerung hat Familienbeziehungen nach Uak, initiiert durch Kettenmigrationsbewegungen seit den späten 1960ern. Unsere Ergebnisse zeigen eine Transformation der Praktiken und Verwendungsarten der Geldsendungen. Die Transfers der Pioniermigrant*innen in den 1960er Jahren wurden dazu benutzt, die Migrationskosten zurückzuzahlen und die Haushalte der Eltern, Ehepartner*innen und Kinder zu unterstützen. Seit den 1980er Jahren flossen Remittances mehrheitlich als individuelle Investitionen in Grundstücke, Häuser, Unternehmen und Konsum. Während der letzten Dekade fand eine Transformation hin zu kollektiven Sendepraktiken statt wie die Gründung eines Vereins zur Revitalisierung der Herkunftsdörfer. Damit einhergehend lässt sich auch ein sozialer Aufstieg innerhalb der migrantischen Community feststellen. Darüber hinaus wird durch die kollektiven Investments auch die Rückkehr in die Herkunftsorte vorbereitet. Die Mehrheit unserer Forschungspartner*innen der ersten Generation sind nun pensioniert und pendeln zwischen Fulpmes und Uak. Die Analyse von Remittances und deren transformativen Effekten gibt also Aufschluss über die Geschichte, Gegenwart und Zukunft der transnationalen Gesellschaft.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Innsbruck - 100%
Internationale Projektbeteiligte
  • Sabine Hess, Georg-August-Universität Göttingen - Deutschland
  • Hande Birkalan-Gedik, Goethe-Universität Frankfurt am Main - Deutschland
  • Wolfgang Kaschuba, Humboldt-Universität zu Berlin - Deutschland

Research Output

  • 32 Zitationen
  • 8 Publikationen
  • 10 Disseminationen
  • 8 Wissenschaftliche Auszeichnungen
  • 3 Weitere Förderungen
Publikationen
  • 2023
    Titel Remittances as Social Practices and Agents of Change, The Future of Transnational Society
    DOI 10.1007/978-3-030-81504-2
    Typ Book
    editors Meyer S, Ströhle C
    Verlag Springer Nature
    Link Publikation
  • 2023
    Titel Introduction: Theorizing Remittances — Social Positioning and the Making of Migrant Subjectivity
    DOI 10.1007/978-3-030-81504-2_1
    Typ Book Chapter
    Autor Meyer S
    Verlag Springer Nature
    Seiten 1-25
    Link Publikation
  • 2023
    Titel Conclusion: A Transformative Perspective on Remittances—Towards the Future of Transnational Society
    DOI 10.1007/978-3-030-81504-2_19
    Typ Book Chapter
    Autor Ströhle C
    Verlag Springer Nature
    Seiten 435-452
    Link Publikation
  • 2023
    Titel Migrant Narratives, Storytelling as Agency, Belonging and Community
    DOI 10.4324/9781003120520
    Typ Book
    Verlag Taylor & Francis
  • 2023
    Titel The migrant storyteller
    DOI 10.4324/9781003120520-17
    Typ Book Chapter
    Autor Bönisch-Brednich B
    Verlag Taylor & Francis
    Seiten 185-204
  • 2023
    Titel Female agency, resourceful victimhood and heroines in migrant narrative
    DOI 10.4324/9781003120520-7
    Typ Book Chapter
    Autor Meyer S
    Verlag Taylor & Francis
    Seiten 59-71
    Link Publikation
  • 2019
    Titel Remittances und transnationales Kapital. Wirtschaften als Partizipations- und Differenzierungspraxis; In: Wirtschaften. Kulturwissenschaftliche Perspektiven.
    Typ Book Chapter
    Autor Silke Meyer
    Verlag MakuFEE e.V.
    Seiten 65-80
    Link Publikation
  • 2020
    Titel “Home Is Where I Spend My Money”: Testing the Remittance Decay Hypothesis with Ethnographic Data from an Austrian-Turkish Community
    DOI 10.17645/si.v8i1.2435
    Typ Journal Article
    Autor Meyer S
    Journal Social Inclusion
    Seiten 275-284
    Link Publikation
Disseminationen
  • 2020 Link
    Titel Migrationsgeschichte in einem Bergdorf, Radio Show Ö1, 17.03.2020
    Typ A broadcast e.g. TV/radio/film/podcast (other than news/press)
    Link Link
  • 2017 Link
    Titel Leading the Research Group "Migration and Mobility" of the SIEF (International Society for Ethnology and Folklore)
    Typ A formal working group, expert panel or dialogue
    Link Link
  • 2019 Link
    Titel "Hier und Dort dazugehören", Interview with Silke Meyer and Claudius Ströhle, Zukunft Forschung Magazine
    Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview
    Link Link
  • 2019 Link
    Titel Migrationsgeschichten: "Wieviel Welt steckt in Tirol?" Press release, Innsbruck informiert
    Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview
    Link Link
  • 2018 Link
    Titel Zwischen den Stühlen
    Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview
    Link Link
  • 2020 Link
    Titel Da und dort zuhause
    Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview
    Link Link
  • 2019
    Titel Researching Migration and Ethnicity at the Department of History and European Ethnology, visit of students of the Bundes-Oberstufenrealgymnasium Innsbruck Fallmerayerstraße, Innsbruck
    Typ Participation in an open day or visit at my research institution
  • 2019 Link
    Titel Science Festival University of Innsbruck, Research Container "Cultural Encounters"
    Typ Participation in an open day or visit at my research institution
    Link Link
  • 2018 Link
    Titel Heimat im Plural
    Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview
    Link Link
  • 2019 Link
    Titel Radio Interview "Fortgehen und Heimatfinden. Innsbrucker Migrationsgeschichten", Radio Freirad
    Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview
    Link Link
Wissenschaftliche Auszeichnungen
  • 2020
    Titel Gummy bear nationalism and New Turkey in the living rooms of rural Tyrol
    Typ Personally asked as a key note speaker to a conference
    Bekanntheitsgrad National (any country)
  • 2019
    Titel Transnationales Leben: Remittances als Praktiken der Zugehörigkeit
    Typ Personally asked as a key note speaker to a conference
    Bekanntheitsgrad National (any country)
  • 2019
    Titel Dissertationspreis für Migrationsforschung, ÖAW
    Typ Research prize
    Bekanntheitsgrad National (any country)
  • 2019
    Titel Transnational Europe: Money and Identities in Flux
    Typ Personally asked as a key note speaker to a conference
    Bekanntheitsgrad Continental/International
  • 2019
    Titel Senior Research Fellow at the Labor für Populäre Kulturen, University of Zürich
    Typ Prestigious/honorary/advisory position to an external body
    Bekanntheitsgrad National (any country)
  • 2019
    Titel Claudius Ströhle: Follow the Money? Potenzial, Herausforderungen und Grenzen einer Ethnografie transnationaler Lebenswelten
    Typ Personally asked as a key note speaker to a conference
    Bekanntheitsgrad Continental/International
  • 2017
    Titel Transnationales Kapital. Wirtschaften als Partizipationspraxis am Beispiel von Remittances
    Typ Personally asked as a key note speaker to a conference
    Bekanntheitsgrad Continental/International
  • 2017
    Titel Ökonomie der Zugehörigkeit. Remittance-Forschung in der Europäischen Ethnologie
    Typ Personally asked as a key note speaker to a conference
    Bekanntheitsgrad National (any country)
Weitere Förderungen
  • 2019
    Titel Fellowship at the Laboratory of Popular Cultures, Department of Social Anthropology and Cultural Studies, University of Zurich
    Typ Fellowship
    Förderbeginn 2019
  • 2020
    Titel "Exzellenzstipendium" Scholarship for Doctoral Programs, Vice Rectorate of Research, University of Innsbruck
    Typ Research grant (including intramural programme)
    Förderbeginn 2020
  • 2019
    Titel 1669 Reise- und Forschungsstipendium
    Typ Travel/small personal
    Förderbeginn 2019

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