Dem Geld folgen - Remittances als soziale Praxis
Follow the money - Remittances as social practice
Matching Funds - Tirol
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (5%); Soziologie (95%)
Keywords
-
Remittances,
Migration,
Ökonomische Anthropologie
Remittances, also der Teil eines Einkommens, den Migrant/innen in ihre Herkunftsorte schicken, beeindrucken zunächst durch Zahlen, denn sie sind fast doppelt so hoch wie das Volumen der weltweiten Entwicklungsförderung. Es überrascht daher kaum, dass die Entwicklungsforschung den internationalen Geldsendungen viel Aufmerksamkeit schenkt. Makro-ökonomisch ausgerichtete Studien übersehen jedoch vielfach einen Schlüsselfaktor im Remittance-Geschäft, nämlich die Menschen, die das Geld verdienen, sparen, senden, erhalten und ausgeben und ihm dabei unterschiedliche Bedeutungen einschreiben: Neben ihrer entwicklungspolitischen Deutung als humanitäre Hilfestellung und Finanzinvestment lassen sich Remittances als Beziehungsgeneratoren oder als Kontrollinstrumente über ein Netzwerk betrachten, das man geografisch lange verlassen hat. In dieser Perspektive sind Remittances eine soziale Praxis und damit ein Mittel der Positionierung, d.h. Ausdruck von Mitgliedschaft und Handlungsmacht in transnationalen Netzwerken. Damit stellen Remittance-Praktiken Akte der sozialen Teilhabe dar, sie sind Ausdruck von Partizipation und Loyalität oder auch individueller Handlungsmacht. An dieses ethnologisches Verständnis von Remittances knüpfen sich u.a. die folgenden Forschungsfragen: Welchen Wandel hat es seit den ersten Migrationserfahrungen in den 1960-er Jahren gegeben? Was geschieht in der bevorstehenden Phase der Verrentung, in der viele Männer und Frauen in ihre Herkunftsorte zurückkehren wollen und dort bestimmte Erwartungen, z.B. die Versorgung im Alter durch Familienmitglieder, an getätigte Geldsendungen richten? Wie wirken sich Remittances auf Geschlechterrollen aus, z.B. wenn Frauen in der Abwesenheit von Männern verantwortlich für Finanzen sind? Um die soziale Seite der ökonomischen Transaktionen zu erfassen, nimmt der methodologische Fokus die Akteur/innen, ihren Umgang mit Geldsendungen und die Bedeutungszuschreibungen in den Blick. Wir gehen ins transnationale Feld und fragen danach, wer warum und mit welcher Bestimmung Geld an wen schickt und wie das Geld schließlich ausgegeben wird. Das Forschungsfeld umfasst zwei Orte: die Kleinstadt Fulpmes im Tiroler Stubaital und die Provinz und Stadt Usak in der nordwestlichen Türkei. Von ca. 4000 Einwohner/innen in Fulpmes stammen mehr als 500 aus dieser Provinz und stellen gemeinsam mit ihren in der Türkei lebenden Familien und Gemeinden einen erfassbaren Migrations-Nexus dar. Beide Orte pflegen einen lebendigen Austausch auf politischer und ökonomischer Ebene mit regelmäßigen Besuchen von lokalen Politikern und Unternehmern. Der soziale und kulturelle Austausch umfasst aber weit mehr: In Fragen der Altersvorsorge (z.B. Hausbau), in der Bildung, im Gesundheitswesen und bei Konsumbedürfnissen bedingen Remittance- Sendungen Prozesse des Kulturtransfers und des sozialen Wandels. Folgt man dem Geld innerhalb dieses Feldes, kann es gelingen, die transnationalen Strukturen der Gegenwartsgesellschaft zu begreifen, für deren Verständnis Migration einen wichtigen Schlüssel darstellt.
Remittances, d.h. Geldsendungen von Migrant*innen in ihre Herkunftsorte, sind ein zentraler Bestandteil von transnationalen Migrationszyklen sowie der globalen Ökonomie. 2019 wurden weltweit 700 Milliarden Dollar versendet, dreimal so viel wie das Budget der offiziellen Entwicklungszusammenarbeit. Aber: Wer sendet, wer empfängt Remittances? Welche Ideen, Hoffnungen und Anliegen werden mit den Geldern auf den Weg gebracht? Und welche transformativen Effekte haben die Transfers auf Sende- und Empfängerregionen? Das Forschungsprojekt untersucht die Rolle von Remittances in der Geschichte der österreichisch-türkischen Arbeitsmigration von den 1960er Jahren bis heute und analysiert deren transformative Effekte auf den Alltag der Migrant*innen und ihre transnationalen Identitätspolitiken. Wir verstehen Remittances als soziale Praktiken, die grenzüberschreitende Beziehungen erhalten und verstärken und somit transnationale Gesellschaft konstituieren. Die Sendungen sind damit Ausdruck von Nostalgie, sozialem Kitt oder machtvolle Instrumente der Kontrolle über ein Netzwerk, welches schon lange zurückgelassen wurde. Remittances können damit als Akt der Partizipation, Manifestation von Loyalität und Ausdruck von Agency, Einflussnahme und Macht verstanden werden. Zumeist konzentrieren sich Migrationsstudien auf urbane Zentren. Über die transnationalen Lebensvollzüge in Kleinstädten oder Dörfern ist in der Migrationsforschung bislang wenig bekannt. Deshalb nimmt das Projekt den Nexus zwischen der Marktgemeinde Fulpmes in Tirol und der ländlichen Region Uak in der Türkei in den Blick. Ungefähr ein Fünftel der Fulpmer Bevölkerung hat Familienbeziehungen nach Uak, initiiert durch Kettenmigrationsbewegungen seit den späten 1960ern. Unsere Ergebnisse zeigen eine Transformation der Praktiken und Verwendungsarten der Geldsendungen. Die Transfers der Pioniermigrant*innen in den 1960er Jahren wurden dazu benutzt, die Migrationskosten zurückzuzahlen und die Haushalte der Eltern, Ehepartner*innen und Kinder zu unterstützen. Seit den 1980er Jahren flossen Remittances mehrheitlich als individuelle Investitionen in Grundstücke, Häuser, Unternehmen und Konsum. Während der letzten Dekade fand eine Transformation hin zu kollektiven Sendepraktiken statt wie die Gründung eines Vereins zur Revitalisierung der Herkunftsdörfer. Damit einhergehend lässt sich auch ein sozialer Aufstieg innerhalb der migrantischen Community feststellen. Darüber hinaus wird durch die kollektiven Investments auch die Rückkehr in die Herkunftsorte vorbereitet. Die Mehrheit unserer Forschungspartner*innen der ersten Generation sind nun pensioniert und pendeln zwischen Fulpmes und Uak. Die Analyse von Remittances und deren transformativen Effekten gibt also Aufschluss über die Geschichte, Gegenwart und Zukunft der transnationalen Gesellschaft.
- Universität Innsbruck - 100%
- Sabine Hess, Georg-August-Universität Göttingen - Deutschland
- Hande Birkalan-Gedik, Goethe-Universität Frankfurt am Main - Deutschland
- Wolfgang Kaschuba, Humboldt-Universität zu Berlin - Deutschland
Research Output
- 32 Zitationen
- 8 Publikationen
- 10 Disseminationen
- 8 Wissenschaftliche Auszeichnungen
- 3 Weitere Förderungen
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2023
Titel Remittances as Social Practices and Agents of Change, The Future of Transnational Society DOI 10.1007/978-3-030-81504-2 Typ Book editors Meyer S, Ströhle C Verlag Springer Nature Link Publikation -
2023
Titel Introduction: Theorizing Remittances — Social Positioning and the Making of Migrant Subjectivity DOI 10.1007/978-3-030-81504-2_1 Typ Book Chapter Autor Meyer S Verlag Springer Nature Seiten 1-25 Link Publikation -
2023
Titel Conclusion: A Transformative Perspective on Remittances—Towards the Future of Transnational Society DOI 10.1007/978-3-030-81504-2_19 Typ Book Chapter Autor Ströhle C Verlag Springer Nature Seiten 435-452 Link Publikation -
2023
Titel Migrant Narratives, Storytelling as Agency, Belonging and Community DOI 10.4324/9781003120520 Typ Book Verlag Taylor & Francis -
2023
Titel The migrant storyteller DOI 10.4324/9781003120520-17 Typ Book Chapter Autor Bönisch-Brednich B Verlag Taylor & Francis Seiten 185-204 -
2023
Titel Female agency, resourceful victimhood and heroines in migrant narrative DOI 10.4324/9781003120520-7 Typ Book Chapter Autor Meyer S Verlag Taylor & Francis Seiten 59-71 Link Publikation -
2019
Titel Remittances und transnationales Kapital. Wirtschaften als Partizipations- und Differenzierungspraxis; In: Wirtschaften. Kulturwissenschaftliche Perspektiven. Typ Book Chapter Autor Silke Meyer Verlag MakuFEE e.V. Seiten 65-80 Link Publikation -
2020
Titel “Home Is Where I Spend My Money”: Testing the Remittance Decay Hypothesis with Ethnographic Data from an Austrian-Turkish Community DOI 10.17645/si.v8i1.2435 Typ Journal Article Autor Meyer S Journal Social Inclusion Seiten 275-284 Link Publikation
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2020
Link
Titel Migrationsgeschichte in einem Bergdorf, Radio Show Ö1, 17.03.2020 Typ A broadcast e.g. TV/radio/film/podcast (other than news/press) Link Link -
2017
Link
Titel Leading the Research Group "Migration and Mobility" of the SIEF (International Society for Ethnology and Folklore) Typ A formal working group, expert panel or dialogue Link Link -
2019
Link
Titel "Hier und Dort dazugehören", Interview with Silke Meyer and Claudius Ströhle, Zukunft Forschung Magazine Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview Link Link -
2019
Link
Titel Migrationsgeschichten: "Wieviel Welt steckt in Tirol?" Press release, Innsbruck informiert Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview Link Link -
2018
Link
Titel Zwischen den Stühlen Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview Link Link -
2020
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Titel Da und dort zuhause Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview Link Link -
2019
Titel Researching Migration and Ethnicity at the Department of History and European Ethnology, visit of students of the Bundes-Oberstufenrealgymnasium Innsbruck Fallmerayerstraße, Innsbruck Typ Participation in an open day or visit at my research institution -
2019
Link
Titel Science Festival University of Innsbruck, Research Container "Cultural Encounters" Typ Participation in an open day or visit at my research institution Link Link -
2018
Link
Titel Heimat im Plural Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview Link Link -
2019
Link
Titel Radio Interview "Fortgehen und Heimatfinden. Innsbrucker Migrationsgeschichten", Radio Freirad Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview Link Link
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2020
Titel Gummy bear nationalism and New Turkey in the living rooms of rural Tyrol Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad National (any country) -
2019
Titel Transnationales Leben: Remittances als Praktiken der Zugehörigkeit Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad National (any country) -
2019
Titel Dissertationspreis für Migrationsforschung, ÖAW Typ Research prize Bekanntheitsgrad National (any country) -
2019
Titel Transnational Europe: Money and Identities in Flux Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2019
Titel Senior Research Fellow at the Labor für Populäre Kulturen, University of Zürich Typ Prestigious/honorary/advisory position to an external body Bekanntheitsgrad National (any country) -
2019
Titel Claudius Ströhle: Follow the Money? Potenzial, Herausforderungen und Grenzen einer Ethnografie transnationaler Lebenswelten Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2017
Titel Transnationales Kapital. Wirtschaften als Partizipationspraxis am Beispiel von Remittances Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2017
Titel Ökonomie der Zugehörigkeit. Remittance-Forschung in der Europäischen Ethnologie Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad National (any country)
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2019
Titel Fellowship at the Laboratory of Popular Cultures, Department of Social Anthropology and Cultural Studies, University of Zurich Typ Fellowship Förderbeginn 2019 -
2020
Titel "Exzellenzstipendium" Scholarship for Doctoral Programs, Vice Rectorate of Research, University of Innsbruck Typ Research grant (including intramural programme) Förderbeginn 2020 -
2019
Titel 1669 Reise- und Forschungsstipendium Typ Travel/small personal Förderbeginn 2019